
Am Rand des Waldes standen zwei hohe Tannen dicht nebeneinander.
Für Menschen waren es einfach zwei alte Bäume.
Für Tannlinge waren sie ausgezeichnete Beobachtungsposten.
„Sie kommen“, sagte der eine.
„Drei Kleine und eine Große“, sagte der andere.
„Die Große sieht besorgt aus.“
„Dann wird es interessant.“
Die junge Mutter kam mit ihren drei Kindern den schmalen Weg entlang, der zu einem kleinen Bächlein führte. Sie war Ende zwanzig, zierlich und gepflegt, mit einer leicht städtischen Eleganz, die selbst beim Ausflug ins Grüne nicht ganz verschwand. Es wirkte, als hätte sie auch für einen Waldspaziergang ein wenig Ordnung mitgebracht.
Neben ihr liefen zwei kurzhaarige braunhaarige Buben, acht und sechs Jahre alt, und ein vierjähriges blondes Mädchen. Die Kinder waren sommerlich, leicht und unkompliziert gekleidet – ganz so, als wäre dieser Tag eigentlich wie geschaffen für Wasser, Erde, Gras und kleine Entdeckungen.
Kaum hatten die Kinder das Bächlein entdeckt, waren sie auch schon unterwegs.
„Nicht ins Wasser!“
Drei Kinder hielten inne.
„Und nicht in der Erde wühlen! Die ist schmutzig.“
Sie hielten noch einen Augenblick länger inne.
„Die Steine bitte liegen lassen.“
Jetzt sahen sie einander an.
„Und rupft keine Gräser aus!“
Der ältere Tannling schwieg.
Der jüngere fragte schließlich:
„Was genau dürfen sie?“
„Offenbar den Weg anschauen.“
„Von der Mitte aus?“
„Vermutlich.“
Am Bach erschien Professor Wurzelbart. Er hatte sich zwischen zwei Wurzeln niedergelassen und betrachtete die Szene mit großem Interesse.
„Ach“, sagte er. „Das alte Missverständnis.“
„Welches?“, fragte der jüngere Tannling.
„Dass Natur grundsätzlich gefährlich und Sauberkeit grundsätzlich gesund sei.“
Professor Wurzelbart kramte in seiner Tasche.
„Ich habe dazu sogar eine Studie.“
Der ältere Tannling seufzte.
„Du hast zu allem eine Studie.“
„Selbstverständlich. Sonst müsste ich ja bloß nachdenken.“
Die Mutter hatte inzwischen ihr Handy hervorgeholt.
„Eugenia? Du, ich bin hier mit den Kindern am Waldrand. Die wollen dauernd ins Wasser, greifen Erde an und sitzen zwischen den Gräsern.“
Eine kurze Pause.
„Genau! Das sage ich auch.“
Die drei Kinder sahen sich an.
Dann geschah etwas, das Erwachsene gelegentlich unterschätzen:
Sie trafen eine gemeinsame Entscheidung.
Das vierjährige Mädchen zog als Erste die Schuhe aus und stellte vorsichtig einen Fuß ins Wasser.
„Kalt!“, sagte sie und lachte.
Der sechsjährige Bub begann sofort, aus Steinen einen kleinen Damm zu bauen.
Der Achtjährige hob ein Blatt hoch, unter dem ein Käfer saß, und rief seine Geschwister herbei.
„Mama telefoniert“, flüsterte er.
Das genügte.
Binnen Minuten war aus drei ordentlich gekleideten Kindern eine kleine Forschungsgruppe geworden.
Das Mädchen ließ lange Gräser zwischen den Fingern hindurchgleiten.
„Das kitzelt.“
Der Sechsjährige war inzwischen knietief in sein Bauprojekt vertieft.
Der Achtjährige hob einen glatten Stein auf und legte ihn ans Ohr.
„Der sagt nichts.“
„Vielleicht musst du länger zuhören“, sagte der Sechsjährige.
„Oder höflicher fragen“, bemerkte der jüngere Tannling.
Das kleine Mädchen drehte plötzlich den Kopf.
„Habt ihr das gehört?“
Die beiden Buben sahen sie an.
„Was?“
„Da hat jemand gesprochen.“
Alle drei blickten zu den beiden Tannen.
Die Tannlinge wurden sehr still.
„Vielleicht war es ein Vogel“, sagte der Achtjährige.
„Oder der Baum“, sagte das Mädchen.
Der Sechsjährige verzog das Gesicht.
„Bäume reden nicht.“
„Vielleicht reden sie bloß nicht mit allen“, sagte das Mädchen.
Professor Wurzelbart nickte zufrieden.
„Das ist wissenschaftlich zwar etwas großzügig formuliert, aber pädagogisch hervorragend.“
Während die Mutter weiterhin Tante Eugenia versicherte, dass sie selbstverständlich auf Hygiene achte, schlossen die Kinder ihre ersten Bekanntschaften.
Mit einer Ameise.
Mit einem Käfer.
Mit einer Pflanze, deren Namen keiner kannte.
Mit einem glatten Stein, der künftig unbedingt mit nach Hause musste.
Und mit dem Bach, der jedes Blatt weitertrug, das sie hineinlegten.
„Sie lernen schnell“, sagte der jüngere Tannling.
„Kinder tun das oft, wenn niemand sie unterrichtet.“
„Das war ironisch.“
„Nur leicht.“
Dann rutschte der Sechsjährige auf einem feuchten Stein aus.
Es war kein schlimmer Sturz, aber am Knie erschien eine deutliche Schramme.
Einen Moment lang herrschte Stille.
Dann sagte er:
„Aua.“
Die Mutter drehte sich um.
„Um Himmels willen!“
Tante Eugenia war noch am Telefon.
„Was ist passiert?“
„Eine Verletzung!“
„Wie schlimm?“
„Es blutet!“
Professor Wurzelbart beugte sich vor.
„Zwei Tropfen.“
„Drei“, sagte der ältere Tannling.
„Danke.“
Die Mutter eilte herbei, untersuchte das Knie, die Hände, die Kleidung und anschließend offenbar auch die gesamte Umgebung.
„Ich hab doch gesagt, ihr sollt nicht—“
Der Sechsjährige strahlte.
„Mama! Da war ein Käfer und ein Stein und der Bach hat mein Blatt bis unter die Brücke getragen!“
„Und ich hab einen Frosch gesehen!“, rief der Achtjährige.
Das kleine Mädchen zeigte zu den Tannen.
„Und die Bäume haben geredet!“
Die Mutter hielt inne.
„Welche Bäume?“
Alle drei zeigten zu den beiden Tannen.
Die Tannlinge verhielten sich vorbildlich unauffällig.
„Wir gehen jetzt nach Hause.“
Die Kinder protestierten.
„Aber—“
„Sofort.“
Schuhe wurden gesucht, Steine aus Hosentaschen entfernt, einer heimlich wieder eingesteckt und die kleine Gruppe zurück auf den Weg getrieben.
Als sie verschwunden waren, wurde es am Bach wieder still.
Der jüngere Tannling sah ihnen nach.
„Das war kurz.“
„Für heute.“
„Denkst du, sie kommen wieder?“
„Natürlich.“
„Woher weißt du das?“
Der ältere Tannling ließ seine Wahrnehmung noch einen Augenblick bei den drei Kindern verweilen.
„Weil sie jetzt wissen, wie kaltes Bachwasser an den Füßen fühlt.“
Professor Wurzelbart nickte.
„Und wie Erde riecht.“
„Und dass Käfer nicht sofort gefährlich sind.“
„Und dass Schrammen heilen.“
Der jüngere Tannling sah in die Richtung, in der die Mutter verschwunden war.
„Und sie?“
Der ältere schwieg einen Moment.
„Sie braucht vielleicht ein wenig länger als die Kinder.“
„Wofür?“
„Um dem Wald zu vertrauen.“
Professor Wurzelbart strich sich über den Bart.
„Und vielleicht auch, um sich an etwas zu erinnern, das sie selbst einmal gewusst hat.“
„Was denn?“
„Wie man entdeckt. Wie man sich schmutzig macht. Wie man staunt.“
Er sah den Kindern nach.
„Manchmal zeigen Kinder ihren Eltern Dinge, die bei ihnen nur verschüttet waren.“
Denn auch die junge Mutter meinte es gut.
Sie war selbst zwischen Häuserzeilen, Straßen und Asphalt groß geworden. Als Kind hatte sie kaum Gelegenheit gehabt, unbeaufsichtigt an einem Bach zu sitzen, barfuß durch feuchte Erde zu laufen oder einfach nachzusehen, was unter einem Stein lebte.
Sie kannte vor allem die Sorge der Erwachsenen.
Pass auf.
Mach dich nicht schmutzig.
Tu dir nicht weh.
Und so gab sie weiter, was sie selbst gelernt hatte.
Am Abend, als die Kinder längst schliefen, räumte sie noch in der Küche auf. Im Fernsehen lief nebenbei eine Sendung, der sie zunächst kaum Beachtung schenkte.
Dann fiel ein Satz, bei dem sie innehielt.
Ein Kinderarzt sprach darüber, wie wichtig Naturkontakt für Kinder sei. Erde, Pflanzen, Tiere, wechselnde Temperaturen und Bewegung auf unebenem Boden würden Körper, Sinne und auch das Immunsystem auf natürliche Weise fordern. Kinder müssten nicht vor jedem Schmutz und jeder kleinen Schramme bewahrt werden.
Die Mutter stellte das Geschirrtuch hin.
Ausgerechnet heute.
Sie dachte an das aufgeschlagene Knie.
An die nassen Füße.
An die drei leuchtenden Gesichter.
Und dann an ihre eigene Kindheit zwischen Häusern und Asphalt.
Eine Weile stand sie still.
Vielleicht, dachte sie, hatte sie heute nicht nur ihre Kinder vor etwas schützen wollen.
Vielleicht hatte sie auch etwas weitergegeben, das längst nicht mehr zu ihrem Leben passen musste.
Sie nahm sich vor, beim nächsten Ausflug nicht sofort „Nein“ zu sagen.
Erst einmal zuzusehen.
Ein Handtuch mitzunehmen.
Ein Pflaster einzustecken.
Und den Kindern ein wenig mehr Freiheit zu lassen.
Und vielleicht, dachte sie, würde sie beim nächsten Mal selbst die Schuhe ausziehen und wenigstens einmal mit den Füßen ins kalte Bachwasser steigen.
Am nächsten Morgen fragte das blonde Mädchen beim Frühstück:
„Gehen wir wieder zu den zwei Tannen?“
Die Mutter wollte schon Nein sagen.
Dann lächelte sie ein wenig.
„Vielleicht. Aber diesmal nehmen wir ein Handtuch mit.“
Weit draußen am Waldrand raschelte es in zwei Tannen.
„Fortschritt“, sagte der jüngere Tannling.
Professor Wurzelbart nickte.
„Empirisch eindeutig.“
Und der ältere Tannling sagte nichts.
Er freute sich nur.

Die Tannlinge
Tannlinge sind Beseeler, Seelenreisende und eigenständige Bewusstseinsformen mit besonderen Fähigkeiten.
Ist es dir schon einmal vorgekommen, als würde ein Baum dich beobachten, dir nachschauen oder dir sogar etwas zurufen? Dann könnte ein Tannling die Präsenz dieses Baumes verstärkt haben.
Die Lebensform der Tannlinge entwickelte sich auf waldreichen Planeten der LiHoFaBo-Galaxie. Besonders gern verbinden sie sich mit den Wesenheiten von Tannen und Fichten – daher ihr Name. Dabei gehen sie eine symbiotische Verbindung mit dem jeweiligen Baumgeist ein.
Auch für das gastgebende Baumwesen ist diese Verbindung von Vorteil: Die Anwesenheit des Tannlings kann seine Wahrnehmung, Ausdruckskraft und Entwicklung fördern.
Tannlinge lieben ihre Freiheit. Sie können mühelos durch den Kosmos wandern, neue Welten erkunden und dort auf unaufdringliche Weise wirken. Dabei bleiben sie meist unbemerkt.
Und sie besitzen Humor – mitunter einen leicht ironischen. Wer so viele Welten, Wesen und ihre Eigenheiten beobachtet, hat schließlich einiges zu bestaunen.
Was wundert es, wenn es manchmal so zugeht …?