😄 🟠 Die Hurliwads (2 Geschichten)

Die Hurliwads

1. Fröhlichkeit ist wichtiger

Ein sonniger Vormittag im Frühsommer.

Hoch oben an einem Berghang steht eine alte Wetterlärche. Ihre kräftigen Wurzeln umarmen einen großen, hellen Stein, der seit vielen Jahrhunderten dort liegt. Rundherum wachsen feine Gräser, kleine Alpenblumen und weiches Moos. Alles wirkt friedlich.

Plötzlich huscht etwas durch das Gras.

Nicht nur eines.

Viele!

Es sind wolkenweiche Wesen, kaum größer als ein Maiskolben. Sie bewegen sich aufrecht wie kleine Menschen. Ihre dünnen Ärmchen und Beinchen sind immer in Bewegung. Ihre großen Kulleraugen schauen neugierig nach allen Seiten, und wenn sie lachen, scheint selbst die Bergluft heller zu werden.

Das sind die Hurliwads.

Sie gehören zu den seltensten LICHTIs überhaupt.

Niemand weiß genau, woher sie kommen. Manche behaupten, sie seien aus Nebel und Sonnenstrahlen entstanden. Andere glauben, sie seien einst aus den fröhlichen Träumen alter Berge hervorgegangen.

Eines ist sicher:

Hurliwads haben keine besondere Aufgabe.

Sie pflegen keine Blumen wie manche Wichtel. Sie bewachen keine Schätze. Sie sammeln keine Kräuter, schreiben keine Bücher und erzählen keine großen Heldengeschichten.

Zumindest glauben das viele.

Denn wer genau hinsieht, entdeckt ihr Geheimnis.

Wo Hurliwads spielen, werden Tiere ruhiger. Blumen richten ihre Blüten ein wenig höher zur Sonne. Selbst alte Steine scheinen wärmer zu werden. Der Wind pfeift sanfter durch die Gräser, und die Vögel singen ein wenig länger.

Die Hurliwads schenken gute Laune.

Nicht laut.

Nicht aufdringlich.

Einfach dadurch, dass sie da sind.

Eines Tages fragte ein junger Murmel: „Ist das nicht viel zu wenig? Sollte jeder nicht etwas Wichtiges leisten?“

Da lächelte der älteste Hurliwad.

„Fröhlichkeit ist wichtiger, als viele glauben. Wer Freude schenkt, macht Mut. Wer Mut macht, schenkt Hoffnung. Und Hoffnung lässt die Welt weiterblühen.“

Der Murmel dachte lange darüber nach.

Seit diesem Tag grüßt er jeden Morgen die Hurliwads, wenn sie zwischen den Gräsern herumtollen. Manchmal hüpft er sogar ein kleines Stück mit ihnen mit.

Dann lachen alle zusammen.

Und wer an einem sonnigen Frühsommertag durch die Berge wandert und plötzlich ohne jeden Grund lächeln muss, obwohl niemand da zu sein scheint …

… der war vielleicht gerade einem kleinen Trupp Hurliwads begegnet.

2. Die Hurliwads und das Lächeln, das nicht kommen wollte

Ein paar Wochen waren vergangen, seit der junge Murmel die Hurliwads entdeckt hatte.

Seitdem schaute er jeden Morgen bei der alten Wetterlärche vorbei.

Und fast immer waren sie da.

Sie kugelten durch das Gras, purzelten übereinander, versteckten sich hinter Steinen und veranstalteten Wettläufe, bei denen niemand wusste, wo eigentlich das Ziel war.

Besonders gern mochte der Murmel den kleinen Hurliwad Pip.

Pip war der Kleinste der Gruppe und hatte eine widerspenstige grüne Haarspitze, die grundsätzlich in die falsche Richtung zeigte.

„Die steht absichtlich so“, behauptete Pip.

Niemand glaubte ihm.

An diesem Morgen aber war etwas anders.

Die Hurliwads waren ungewöhnlich still.

Pip saß auf einem Stein und schaute den Hang hinunter.

„Was ist denn mit euch los?“, fragte der Murmel.

Pip zeigte mit einem dünnen Ärmchen auf eine kleine Gestalt, die weiter unten im Gras saß.

Es war ein junges Murmeltier.

Es saß ganz allein.

Der Kopf war gesenkt.

Die Pfoten lagen schlaff im Gras.

Und obwohl die Sonne warm auf seinen Rücken schien, sah es aus, als wäre um das kleine Murmeltier herum ein unsichtbarer Schatten.

„Das ist Mira“, flüsterte Pip.

„Sie kommt schon seit Tagen hierher.“

„Warum?“

Pip zuckte mit den Schultern.

„Sie ist traurig.“

Das war für die Hurliwads eine schwierige Nachricht.

Denn Hurliwads kannten sich mit Fröhlichkeit aus.

Sehr gut sogar.

Also beschlossen sie, etwas zu unternehmen.

Der erste Hurliwad machte einen Purzelbaum.

Der zweite machte gleich drei.

Der dritte versuchte, rückwärts zu hüpfen und landete kopfüber im Moos.

Pip setzte sich einen Grashalm auf den Kopf und behauptete, er sei ein König.

Normalerweise hätte spätestens jetzt jeder gelacht.

Mira nicht.

Sie schaute nicht einmal auf.

Die Hurliwads wurden nervös.

Sie versuchten es noch einmal.

Sie tanzten.

Sie sangen.

Sie veranstalteten einen Wettlauf um den großen Stein.

Sie kitzelten sich gegenseitig mit Grashalmen.

Nichts.

Mira blieb traurig.

Schließlich setzte sich Pip neben sie.

Ganz dicht, aber nicht zu dicht.

Er sagte nichts.

Auch die anderen Hurliwads hörten auf zu tanzen.

Eine Weile saßen sie einfach da.

Die Sonne wanderte langsam über den Hang.

Ein Käfer krabbelte über einen Grashalm.

Irgendwo klopfte ein Specht.

Mira seufzte.

„Ihr müsst nicht hierbleiben“, sagte sie leise.

Pip sah sie an.

„Warum nicht?“

„Weil ich heute nicht fröhlich sein kann.“

Pip dachte darüber nach.

Dann sagte er:

„Das macht nichts.“

Mira hob zum ersten Mal den Kopf.

„Aber ihr seid doch Hurliwads.“

„Ja.“

„Und Hurliwads machen doch alle fröhlich.“

Pip schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Er zeigte auf die anderen.

„Wir sind Hurliwads. Wir machen manchmal fröhlich.“

Dann dachte er noch einmal nach.

„Aber heute können wir auch einfach bei dir sitzen.“

Mira sagte nichts.

Doch nach einer Weile rückte sie ein kleines Stück näher.

Pip blieb sitzen.

Die anderen Hurliwads auch.

Niemand tanzte.

Niemand sang.

Niemand machte einen Purzelbaum.

Und genau deshalb fühlte sich Mira plötzlich ein winziges bisschen weniger allein.

Am nächsten Morgen kam sie wieder.

Und am nächsten auch.

Manchmal redete sie.

Manchmal nicht.

Manchmal saß sie nur da und schaute in die Berge.

Die Hurliwads machten daraus kein Problem.

Sie waren einfach da.

Sie fragten nicht:

„Was ist passiert?“

Sie sagten nicht:

„Du musst wieder fröhlich werden.“

Und sie sagten schon gar nicht:

„Erzähl uns doch endlich, was los ist.“

Sie warteten.

Nicht ungeduldig.

Nicht neugierig.

Einfach geduldig.

Denn allmählich hatte Mira etwas gewonnen, das viel wichtiger war als ein Lächeln:

Vertrauen.

Sie wusste inzwischen, dass sie bei den Hurliwads sein durfte, ohne etwas erklären zu müssen.

Und sie wusste auch:

Wenn sie eines Tages erzählen wollte, würden sie zuhören.

Wenn nicht, würden sie trotzdem bleiben.

Eines Nachmittags – es war schon fast Herbst geworden – saß Mira wieder unter der alten Wetterlärche.

Die Hurliwads lagen verstreut im Gras.

Pip versuchte gerade, einen Tannenzapfen auf seiner Nase zu balancieren.

Da sagte Mira plötzlich:

„Ich möchte euch etwas erzählen.“

Pip ließ den Tannenzapfen fallen.

Keiner der Hurliwads bewegte sich.

„Nur wenn du möchtest“, sagte Pip.

Mira nickte.

Dann erzählte sie.

Nicht alles auf einmal.

Manches leise.

Manches mit Pausen.

Und zwischendurch kamen ihr die Tränen.

Die Hurliwads hörten einfach zu.

Sie unterbrachen sie nicht.

Sie sagten nicht, dass alles wieder gut werden würde.

Denn manchmal weiß niemand, wann etwas wieder gut wird.

Als Mira fertig war, blieb es lange still.

Dann wischte sie sich mit der kleinen Pfote über die Augen.

„Ich glaube“, sagte sie leise, „ich konnte euch das nur erzählen, weil ich wusste, dass ich es nicht erzählen musste.“

Pip nickte.

„Das verstehe ich.“

Mira sah ihn an.

„Wirklich?“

Pip dachte kurz nach.

„Na ja … eigentlich habe ich es erst heute verstanden.“

Mira musste ein ganz kleines bisschen lachen.

„Das ist typisch Pip“, sagte einer der anderen Hurliwads.

Und da kam es.

Nicht laut.

Nicht plötzlich.

Nur ein kleines, echtes Lächeln.

Aber diesmal war es kein Lächeln, das die Hurliwads gemacht hatten.

Es war Miras eigenes.

Pip sah es und freute sich.

Doch er hüpfte nicht.

Er machte keinen Purzelbaum.

Er wollte diesen Augenblick nicht erschrecken.

Ein wenig später fragte Mira:

„Seid ihr eigentlich immer so geduldig?“

Da lachten die Hurliwads.

„Nein!“, riefen gleich mehrere.

„Pip schon gar nicht!“

Pip protestierte.

„Ich bin sehr geduldig!“

„Du bist fünf Minuten lang geduldig!“

„Das ist sehr lange!“

Nun lachte auch Mira.

Diesmal richtig.

Die Hurliwads sprangen auf und tanzten um sie herum.

Aber erst jetzt.

Denn jetzt kam die Freude von selbst.

Und Pip verstand etwas, das er vorher nicht gewusst hatte:

Vielleicht bestand die besondere Gabe der Hurliwads gar nicht darin, Menschen zum Lachen zu bringen und Tiere fröhlich zu stimmen.

Vielleicht bestand sie darin, einen Ort zu schaffen, an dem ein Lächeln wieder wachsen konnte.

Wie eine kleine Blume.

Man kann sie nicht zwingen.

Man kann nicht an ihr ziehen.

Man kann nur dafür sorgen, dass sie Licht bekommt, dass sie geschützt ist und dass sie Zeit hat.

Seit diesem Tag wussten die Hurliwads:

Manchmal braucht die Freude ein bisschen Hilfe.

Aber manchmal braucht sie vor allem eines:

jemanden, der bleibt.

Und wenn heute irgendwo in den Bergen ein kleines Wesen traurig unter einem Baum sitzt und niemand weiß, was es braucht, dann kann es sein, dass plötzlich ein kleiner Hurliwad neben ihm sitzt.

Vielleicht sagt er gar nichts.

Vielleicht setzt er sich einfach dazu.

Und vielleicht zeigt er ihm irgendwann einen Grashalm, der ganz absichtlich in die falsche Richtung wächst.

Denn auch das gehört zum Leben.

Manches darf einfach sein.

Und manchmal beginnt genau dort wieder das Lächeln.

Musikstück

A Tale of the Hurliwads

https://youtu.be/K4dl8GqLf1o?is=tgqgS5PD9_PtRUmx

Wissenswertes über Lärchen 🌲✨

Die Europäische Lärche (Larix decidua) ist ein Nadelbaum, aber mit einer Besonderheit: Sie wirft im Herbst ihre Nadeln ab. Damit ist sie unter den heimischen Nadelbäumen ziemlich außergewöhnlich.

Im Frühling treibt sie mit weichen, hellgrünen Nadeln aus.

Im Herbst färben sich diese goldgelb, bevor sie zu Boden fallen.

Sie kann mehrere hundert Jahre alt werden; einzelne Exemplare erreichen ein sehr hohes Alter.

Lärchen wachsen besonders gut in Gebirgsregionen und kommen auch in großen Höhen vor.

Sie lieben viel Licht und gelten als ausgesprochene Lichtbäume.

Ihre tiefen und kräftigen Wurzeln geben ihnen in windigen Berglagen guten Halt.

Das Holz ist sehr hart, dauerhaft und wetterbeständig. Deshalb wurde und wird Lärchenholz gern für Häuser, Schindeln, Zäune, Brücken und Außenbauten verwendet.

Die kleinen Zapfen bleiben oft noch jahrelang an den Zweigen hängen.

Junge Lärchenzapfen können rötlich bis purpurfarben wirken und sehen fast wie kleine Blüten aus.

Lärchenwälder sind häufig licht und lassen deshalb am Boden viele Gräser, Kräuter und Alpenblumen wachsen.

Die „Wetterlärche“

Der Ausdruck Wetterlärche ist besonders schön: Damit meint man häufig alte, frei stehende Lärchen, die über Jahrzehnte oder Jahrhunderte Wind, Schnee, Gewitter und Kälte ausgesetzt waren. Sie wachsen oft knorrig und unregelmäßig und wirken dadurch fast wie Persönlichkeiten.

Gerade so eine Wetterlärche eignet sich hervorragend als fester Ort in einer Geschichte: alt, standfest, vom Leben gezeichnet und dennoch jedes Frühjahr wieder frisch grün.

Und da steckt beinahe schon eine LiHoFaBo-Weisheit drin:

Die Lärche hält nicht krampfhaft an allem fest.
Im Herbst lässt sie los – und im Frühling beginnt sie neu.

Teile der Lärche wurden traditionell auch kulinarisch genutzt, aber man muss unterscheiden, was sinnvoll und was eher Volksbrauch ist.

Essbar bzw. verwendbar sind vor allem:

Junge, ganz weiche Lärchentriebe im Frühjahr. Sie schmecken frisch, leicht harzig und etwas zitronig. In kleinen Mengen kann man sie zum Aromatisieren verwenden, etwa für Sirup, Gelee oder Kräutersalz.

Junge Nadeln können ähnlich verwendet werden, solange sie weich und hellgrün sind.

Aus Trieben und Nadeln lässt sich Lärchensirup oder ein aromatischer Auszug herstellen.

Das Harz, der sogenannte Lärchenterpentin, wurde traditionell medizinisch verwendet, ist aber kein normales Lebensmittel und sollte nicht einfach eingenommen werden.

Weniger geeignet sind alte Nadeln, Rinde und größere Mengen Harz. Sie enthalten viele ätherische und harzige Stoffe und können den Magen reizen.

Hurliwads sammeln im Frühling die jungen, hellgrünen Lärchenspitzen und machen daraus einen goldgrünen „Frühlingssirup“.

Murmeltiere

Murmeltiere sind große Verwandte der Eichhörnchen. Bei uns lebt vor allem das Alpenmurmeltier hoch oben in den Bergen.

Murmeltiere wohnen in unterirdischen Bauen mit langen Gängen und mehreren Kammern.

Sie leben gern in Familiengruppen zusammen.

Wenn Gefahr droht, warnen sie sich mit einem lauten Pfiff. Der klingt fast so, als würde jemand mit den Fingern pfeifen.

Murmeltiere fressen hauptsächlich Gräser, Kräuter, Blätter und Blüten.

Im Sommer müssen sie besonders viel fressen, denn sie brauchen Fettreserven für den Winter.

Den Winter verbringen sie in einem langen Winterschlaf, der viele Monate dauern kann.

Während des Winterschlafs werden Herzschlag, Atmung und Körpertemperatur stark heruntergefahren.

Murmeltiere können erstaunlich gut graben. Ihre kräftigen Vorderpfoten helfen ihnen dabei.

Sie sitzen oft aufrecht vor ihrem Bau und beobachten aufmerksam die Umgebung.

Junge Murmeltiere kommen im Frühling oder Frühsommer aus dem Bau und beginnen bald, miteinander zu spielen.

Ein Murmeltier kann in freier Natur ungefähr 10 bis 15 Jahre alt werden.

Zu seinen natürlichen Feinden gehören zum Beispiel Steinadler und Füchse.

Warum pfeift ein Murmeltier?

Der berühmte Murmeltierpfiff bedeutet meistens nicht: „Hallo!“ 😄
Er ist ein Warnruf. Entdeckt ein Murmeltier einen Feind, warnt es damit die anderen. Dann verschwinden alle möglichst schnell im Bau.

Murmeltier-Weisheit

Murmeltiere sind gesellig und aufmerksam, aber wenn etwas nicht stimmt, ziehen sie sich auch in ihren sicheren Bau zurück.

Ein Murmeltier verbringt einen erstaunlich großen Teil seines Lebens schlafend. Im Winter ist Nichtstun bei ihm keine Faulheit, sondern eine ziemlich geniale Überlebensstrategie. 🐾🌿

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Archiv

Ur-Version (2015)

Ein Hang im Hochgebirge. Ein sonniger Vormittag im Frühsommer.

Unter der Wetterlärche träumt ein großer heller Stein vor sich hin. Gräser und zarte Blumen und ein klein wenig Moos breiten sich darunter aus.

Hei! Da huscht etwas!

Wolkenhafte Wesen, nicht viel größer als Maiskolben, wuseln übers Gras. Sie bewegen sich aufrecht wie Menschen. Ihre dünnen Ärmchen und Beinchen scheinen ständig in Bewegung zu sein. Auch ihre großen Kulleraugen bewegen sich ständig. Sie wirken sorglos und scheinen guter Laune zu sein.

Es sind Hurliwads, eine seltene Lebensform, die im Kreislauf der Natur keine regelrechte Aufgabe hat. Weder pflegen sie Pflanzen noch heilen sie Tiere wie die Wichtel noch erzählen sie Geschichten noch hüten sie Schätze. Aber etwas tun sie doch: Mit ihrer Fröhlichkeit tun sie den Tiere, Pflanzen und Steinen in ihrem Umfeld gut.

Ende der Leseprobe aus dem Jahr 2015