🪨💎 Biskai und Rilja in der magischen Unterwelt (Episodengeschichte)

Einführung

Es gibt Wälder, die auf jeder Landkarte eingezeichnet sind.

Und es gibt Wälder, die nur jene finden, die mit offenen Augen, einem fröhlichen Herzen und wacher Fantasie unterwegs sind.

Der Sternenwald gehört zu diesen besonderen Orten.

Zwischen seinen uralten Bäumen scheint das Licht auf geheimnisvolle Weise zu tanzen. Moose leuchten in sanften Grüntönen, Bäche murmeln alte Melodien, und manchmal glaubt man, leises Singen aus der Tiefe der Erde zu hören.

Seit unvorstellbar langer Zeit treffen sich dort die verschiedensten Völker der LiHoFaBos. Sie kommen nicht zusammen, um zu streiten oder zu entscheiden, wer wichtiger ist. Sie begegnen einander, erzählen Geschichten, musizieren, lernen voneinander und feiern die Freude am Leben.

Jedes Volk besitzt seine eigenen Begabungen.

Die einen verstehen die Sprache der Tiere, andere kennen die Geheimnisse der Pflanzen oder der Sterne. Wieder andere sind geschickte Handwerker, Künstler oder Musiker.

Zu ihnen gehören auch die blauen Riddlinge. Sie sind weit über ihre Heimat hinaus für ihre Baukunst bekannt. Mit einer besonderen Melodie – dem Tidal-Walm – können sie selbst schwere Steine bewegen. Nicht mit Gewalt, sondern im Einklang mit der Natur.

Unter den vielen jungen LiHoFaBos, die in diesem Jahr zum ersten Mal an der großen Jahresversammlung teilnehmen dürfen, befinden sich auch Biskai und Rilja.

Sie sind neugierig, freundlich und voller Entdeckerfreude.

Noch ahnen sie nicht, dass ein scheinbar gewöhnlicher Spaziergang ihr Leben verändern wird.

Denn tief unter dem Sternenwald verbirgt sich seit uralten Zeiten ein Geheimnis.

Ein Geheimnis aus Licht, Klang und Harmonie.

Und manchmal geschieht etwas Seltsames.

Manche Geheimnisse suchen sich ihre Entdecker selbst.

Vielleicht spüren sie, wer bereit ist, nicht nur mit den Augen zu sehen, sondern auch mit dem Herzen.

Genau so beginnt die Geschichte von Biskai und Rilja.

Biskai und Rilja in der magischen Unterwelt

Eine LiHoFaBo-Geschichte

Motto

„Die größten Wunder entdeckt nicht, wer am weitesten reist.
Sondern wer mit offenen Augen und einem staunenden Herzen unterwegs ist.“

Für alle kleinen und großen Entdecker

…die wissen, dass die schönsten Geheimnisse oft ganz in unserer Nähe verborgen liegen.

Einführung

Es gibt Wälder, die auf jeder Landkarte eingezeichnet sind.

Und es gibt Wälder, die nur jene finden, die mit offenen Augen, einem fröhlichen Herzen und wacher Fantasie unterwegs sind.

Der Sternenwald gehört zu diesen besonderen Orten.

Zwischen seinen uralten Bäumen tanzt das Licht auf geheimnisvolle Weise. Moose leuchten in sanften Grüntönen, Bäche murmeln uralte Melodien, und manchmal glaubt man, ein leises Singen aus der Tiefe der Erde zu hören.

Seit unvorstellbar langer Zeit treffen sich dort die verschiedensten Völker der LiHoFaBos. Sie kommen nicht zusammen, um zu streiten oder zu entscheiden, wer wichtiger ist. Sie begegnen einander, erzählen Geschichten, musizieren, lernen voneinander und feiern die Freude am Leben.

Jedes Volk besitzt seine eigenen Begabungen.

Die einen verstehen die Sprache der Tiere. Andere kennen die Geheimnisse der Pflanzen oder der Sterne. Wieder andere sind geschickte Handwerker, Künstler oder Musiker.

Zu ihnen gehören auch die blauen Riddlinge. Ihre Bauwerke sind weit über ihre Heimat hinaus bekannt. Mit einer besonderen Melodie – dem Tidal-Walm – können sie selbst schwere Steine bewegen. Nicht mit Gewalt, sondern im Einklang mit den Schwingungen der Natur.

Unter den vielen jungen LiHoFaBos, die in diesem Jahr zum ersten Mal an der großen Jahresversammlung teilnehmen dürfen, befinden sich auch Biskai und Rilja.

Sie sind neugierig, freundlich und voller Entdeckerfreude.

Noch ahnen sie nicht, dass ein scheinbar gewöhnlicher Spaziergang ihr Leben verändern wird.

Denn tief unter dem Sternenwald verbirgt sich seit uralten Zeiten ein Geheimnis.

Ein Geheimnis aus Licht, Klang und Harmonie.

Und manchmal geschieht etwas Seltsames.

Manche Geheimnisse suchen sich ihre Entdecker selbst.

Vielleicht spüren sie, wer bereit ist, nicht nur mit den Augen zu sehen, sondern auch mit dem Herzen.

Genau so beginnt die Geschichte von Biskai und Rilja.

Teil 1

Die erste große Reise

Der Sternenwald machte seinem Namen alle Ehre.

Obwohl die Sonne noch hoch am Himmel stand, glitzerten zwischen den mächtigen Baumkronen unzählige kleine Lichtfunken. Manche tanzten wie winzige Sterne durch die Luft, andere ruhten auf Farnen, Moosen oder den Blättern alter Bäume. Wer den Wald zum ersten Mal betrat, blieb unwillkürlich stehen und staunte.

Genau so erging es auch Biskai und Rilja.

Die beiden jungen LiHoFaBos waren mit ihren Familien aus dem Dorf der blauen Riddlinge angereist. Zum ersten Mal durften sie an der großen Jahresversammlung teilnehmen, einem fröhlichen Treffen vieler LiHoFaBo-Völker aus nah und fern.

Überall herrschte geschäftiges Treiben.

Zwischen den Bäumen entstanden kleine Lagerplätze. Manche Familien bauten kunstvolle Unterstände aus Ästen und Blättern. Andere bereiteten das gemeinsame Abendessen vor oder schmückten den Versammlungsplatz mit Blumen, Farnen und bunten Waldbeeren.

Aus allen Richtungen erklangen Lachen, Gespräche und fröhliche Melodien.

„Ist das schön!“, flüsterte Rilja.

Biskai nickte begeistert.

„Und schau nur, wie viele verschiedene LiHoFaBos gekommen sind!“

Die beiden beobachteten neugierig das bunte Leben um sich herum. Jeder brachte etwas Besonderes mit – eine Gabe, eine Idee, ein Lied oder einfach gute Laune.

Die blauen Riddlinge galten seit Generationen als hervorragende Baumeister. Schon als Kinder lernten sie den Tidal-Walm, ihre besondere Bewegungsmelodie.

Wenn mehrere Riddlinge dieselbe Melodie summten, schienen selbst schwere Steine ihr Gewicht zu vergessen. So entstanden Brücken über Bäche, schützende Mauern und kunstvolle Häuser aus mächtigen Felsblöcken.

„Bis zur Abendversammlung bleibt noch Zeit“, sagte Rilja. „Komm! Lass uns den Sternenwald erkunden!“

Biskai lächelte.

„Aber nicht zu weit.“

„Versprochen!“

Hand in Hand liefen die beiden zwischen den hohen Bäumen hindurch.

Noch ahnten sie nicht, dass dieser Spaziergang sie zu einem Geheimnis führen würde, das seit unzähligen Generationen verborgen lag.

Teil 2

Der singende Stein

Je weiter sich Biskai und Rilja vom Lager entfernten, desto stiller wurde der Sternenwald.

Das fröhliche Stimmengewirr der Jahresversammlung verklang langsam zwischen den Bäumen. Stattdessen hörten sie das leise Rauschen der Baumkronen, das Plätschern eines kleinen Baches und das gelegentliche Klopfen eines Buntspechts.

„Der Wald klingt heute anders“, sagte Rilja nachdenklich.

Biskai blieb stehen.

Er schloss einen Augenblick die Augen und lauschte.

„Ja“, antwortete er leise. „Es ist fast so, als würde der Wald selbst singen.“

Sie gingen weiter.

Zwischen weichen Moospolstern wuchsen farbenfrohe Pilze. Libellen schimmerten wie kleine Edelsteine über dem Wasser, und überall tanzten winzige Lichtfunken zwischen den Farnen.

Plötzlich blieb Rilja stehen.

„Biskai … schau!“

Vor ihnen lag ein gewaltiger Felsen.

Er war beinahe vollkommen kugelförmig und unterschied sich von allen anderen Steinen in der Umgebung. Seine Oberfläche war glatt, grauweiß und schimmerte sanft im Licht, als würde tief in seinem Inneren ein leises Glühen verborgen sein.

Langsam trat Rilja näher.

Vorsichtig legte sie ihre Hand auf den Stein.

Sie erschrak nicht.

Im Gegenteil.

„Er fühlt sich … freundlich an.“

Biskai strich ebenfalls über die glatte Oberfläche.

„Fast so, als würde er schlafen.“

Rilja musste lachen.

„Weißt du, was ich gerade denke?“

„Nein.“

„Der würde wunderbar in unseren Garten passen.“

Jetzt lachte auch Biskai.

„Du möchtest wirklich diesen Riesenstein mit nach Hause nehmen?“

„Warum nicht? Wir sind doch Riddlinge.“

Sie grinsten sich an.

Natürlich war das nur ein Scherz.

Oder vielleicht doch nicht ganz.

Wie von selbst begannen beide leise den Tidal-Walm zu summen.

Ein tiefer Ton von Biskai.

Eine helle, schwingende Melodie von Rilja.

Langsam verbanden sich ihre Stimmen zu einer einzigen, ruhigen Klangwelle.

Da geschah etwas Merkwürdiges.

Der große Stein begann leicht zu zittern.

Nicht bedrohlich.

Eher so, als würde er nach langer Zeit aus einem tiefen Schlaf erwachen.

Ein feiner Windhauch strich über das Moos.

Einige Blätter lösten sich vom Boden und tanzten lautlos durch die Luft.

„Biskai …“

„Ich sehe es.“

Ganz langsam setzte sich der gewaltige Stein in Bewegung.

Lautlos.

Sanft.

Fast mühelos rollte er ein kleines Stück zur Seite.

Die beiden hielten den Atem an.

Dort, wo eben noch der Stein gelegen hatte, öffnete sich ein kreisrunder Schacht.

Aus der Tiefe strömte angenehm kühle Luft empor.

Sie roch nach feuchtem Gestein, frischem Moos und etwas, das keiner von beiden je zuvor wahrgenommen hatte.

Es war der Duft eines uralten Geheimnisses.

Rilja kniete sich vorsichtig an den Rand.

„Da unten ist eine Leiter!“

Biskai beugte sich ebenfalls hinunter.

Die Sprossen schienen genau für LiHoFaBos gebaut worden zu sein.

Im gleichen Augenblick hörten beide etwas.

Ganz leise.

Fast wie aus weiter Ferne.

Ein feines, silbriges Klingen.

Es war kein Wind.

Keine Stimmen.

Kein Bach.

Es klang wie ein Lied.

Ein Lied, das tief aus dem Inneren der Erde zu ihnen heraufstieg.

Biskai und Rilja sahen sich an.

Keiner musste etwas sagen.

Beide wussten:

Dieses Lied war eine Einladung. 🌿

Teil 3

Der Weg in die Tiefe

Eine Weile standen Biskai und Rilja schweigend vor der geheimnisvollen Öffnung.

Das feine Klingen stieg noch immer aus der Tiefe empor. Es war kaum hörbar und doch so klar, dass es ihre Herzen berührte.

„Glaubst du, wir dürfen hinunter?“, fragte Rilja leise.

Biskai überlegte.

„Ich weiß es nicht.“

Er schaute sich aufmerksam um.

Nirgends waren Warnzeichen zu sehen. Keine Absperrung. Kein Hinweis darauf, dass jemand den Zugang verborgen halten wollte.

Im Gegenteil.

Die Leiter wirkte gepflegt. Als hätte sie erst vor kurzer Zeit jemand benutzt.

„Vielleicht wartet dort unten jemand auf Besuch“, meinte Rilja.

Biskai lächelte.

„Oder auf neugierige LiHoFaBos.“

Die beiden mussten lachen.

Dann wurden sie wieder ernst.

„Wir gehen nur ein kleines Stück“, sagte Biskai.

„Und wenn uns etwas seltsam vorkommt, kehren wir sofort um.“

„Abgemacht.“

Rilja stieg als Erste auf die Leiter.

Sie war erstaunlich bequem zu benutzen. Die Sprossen bestanden nicht aus Holz, sondern aus einem hellen, warmen Material, das sich beinahe wie glatter Stein anfühlte und dennoch angenehm weich war.

Langsam stiegen die beiden hinunter.

Mit jedem Schritt wurde das Tageslicht schwächer.

Doch dunkel wurde es nicht.

Die Wände begannen sanft zu schimmern. Kein Feuer, keine Lampen und keine Fackeln waren zu sehen. Das Gestein selbst schien ein ruhiges, silbrig-blaues Licht auszustrahlen.

„Ist das nicht wunderschön?“, flüsterte Rilja.

Biskai nickte nur.

Er wollte diesen stillen Zauber nicht durch laute Worte stören.

Unten angekommen standen sie in einem schmalen Gang.

Die Luft war angenehm kühl und frisch. Sie roch nach reinem Wasser, feuchtem Gestein und einem Hauch von Wald. Obwohl sie sich tief unter der Erde befanden, fühlte sich alles erstaunlich lebendig an.

Sie gingen langsam weiter.

Der Gang war vollkommen sauber.

Nicht ein Blatt lag auf dem Boden.

Keine Spinnweben hingen an den Wänden.

Alles wirkte, als würde dieser Weg liebevoll gepflegt.

„Sieh einmal!“, sagte Rilja.

Im schimmernden Gestein glitzerten unzählige winzige Kristalle. Manche waren kaum größer als ein Sandkorn, andere funkelten wie kleine Sterne.

Als Rilja vorsichtig einen davon berührte, leuchtete er einen Augenblick etwas heller auf.

„Er hat auf dich geantwortet“, staunte Biskai.

„Vielleicht freut er sich einfach über Besuch.“

Die beiden lächelten.

Nach wenigen Schritten weitete sich der Gang.

Vor ihnen lag eine breite steinerne Rutsche.

Sie war vollkommen glatt und glänzte seidig im sanften Licht.

Biskai setzte sich vorsichtig darauf.

„Ob das wirklich eine Rutsche ist?“

Rilja setzte sich neben ihn.

„Das finden wir wohl nur auf eine Weise heraus.“

Sie gaben sich die Hände.

Ganz langsam begannen sie zu gleiten.

Nicht schnell.

Nicht ruckartig.

Fast lautlos trug die Rutsche sie tiefer und tiefer in das Innere der Erde.

Es fühlte sich an, als würden sie auf einem ruhigen Wasserstrom dahingleiten.

Dabei wurde das geheimnisvolle Klingen immer deutlicher.

Nun hörten sie nicht mehr nur einzelne Töne.

Sie glaubten, eine Melodie zu erkennen.

Sie war fremd.

Und doch fühlte sie sich seltsam vertraut an.

Als hätte ihr Herz sie schon immer gekannt.

Schließlich wurde die Rutsche flacher.

Sie glitten sanft aus und kamen ohne den kleinsten Stoß wieder auf festem Boden zum Stehen.

Vor ihnen führte der Gang in eine weite, sanft leuchtende Halle.

Biskai und Rilja blieben wie angewurzelt stehen.

Aus der Halle strömte ein silbriger Lichtschein.

Und mit ihm jenes wundervolle Klingen, das sie schon seit dem geheimnisvollen Stein begleitet hatte.

Sie ahnten, dass sie nun an der Schwelle zu einem Ort standen, den bisher kaum ein LiHoFaBo je betreten hatte.

Sie atmeten tief ein.

Dann machten sie gemeinsam den ersten Schritt.

Teil 4

Die Halle der silbernen Kugeln

Langsam traten Biskai und Rilja durch den breiten Torbogen.

Unwillkürlich hielten sie den Atem an.

Vor ihnen öffnete sich eine gewaltige Halle.

Sie war oval geformt und so groß, dass ihr Ende kaum zu erkennen war. Wände und Decke bestanden aus einem hellen Gestein, das in sanftem Silber und zartem Blau schimmerte. Es gab weder Fenster noch Lampen, und doch war alles in ein warmes, ruhiges Licht getaucht.

Es war ein Licht, das die Augen nicht blendete.

Es schien direkt das Herz zu berühren.

Mitten in der Halle standen mehrere große silberne Kugeln.

Sie waren beinahe so hoch wie ein erwachsener LiHoFaBo.

Um jede der großen Kugeln waren viele kleinere Kugeln angeordnet – manche faustgroß, andere kaum größer als eine Walnuss. Jede schien ihren ganz eigenen Platz zu haben.

Alles wirkte vollkommen geordnet.

Und doch lebendig.

Kein Muster glich dem anderen.

„Sieh nur …“, flüsterte Rilja.

„Sie sehen aus wie kleine Sternensysteme.“

Biskai nickte.

„Oder wie Planeten, die umeinander tanzen.“

Gerade als er das sagte, erklang ein tiefer, warmer Ton.

Dooooo…

Er schwebte durch die Halle wie eine sanfte Welle.

Kurz darauf antworteten mehrere kleinere Kugeln.

Ling … ling … liiing …

Die Klänge berührten sich, verbanden sich und lösten sich wieder voneinander.

Es war keine Melodie, wie Biskai und Rilja sie kannten.

Und doch war es Musik.

Eine Musik ohne Anfang und ohne Ende.

Sie floss wie ein ruhiger Bach.

Mal hell und verspielt.

Mal tief und feierlich.

Mal so leise, dass man sie kaum hörte.

Dann wieder füllte sie die ganze Halle, ohne jemals laut zu werden.

Die beiden jungen LiHoFaBos schlossen unwillkürlich die Augen.

Es war, als würde jede Sorge von ihnen abfallen.

Sie fühlten sich leicht.

Ganz leicht.

So leicht, als könnte ihr Herz fliegen.

„Ich glaube …“, sagte Rilja leise, „… die Kugeln singen miteinander.“

„Nein“, antwortete Biskai nach einer Weile.

„Ich glaube, sie hören einander zu.“

Rilja öffnete erstaunt die Augen.

„Ja …

… genau so fühlt es sich an.“

Sie gingen langsam zwischen den Kugeln hindurch.

Keine war kalt.

Keine wirkte wie ein lebloser Gegenstand.

Fast schien es, als würden sie atmen.

Als Biskai vorsichtig seine Hand einer der kleineren Kugeln näherte, begann sie sanft aufzuleuchten.

Nicht grell.

Sondern wie der erste Stern am Abendhimmel.

Gleichzeitig erklang ein heller Ton.

Ling …

Rilja erschrak.

Doch sofort musste sie lächeln.

„Sie hat dich begrüßt!“

„Vielleicht …“, sagte Biskai.

„Oder sie freut sich einfach darüber, dass wir da sind.“

In diesem Augenblick entstand hinter ihnen ein weiteres, ganz feines Klingen.

Es war anders.

Sanfter.

Fast wie das Lachen eines kleinen Baches.

Die beiden drehten sich langsam um.

In einer halbkreisförmigen Nische saß eine Gestalt über einer schimmernden Platte gebeugt.

Sie schien ganz in ihre Arbeit vertieft zu sein.

Ihr buntes Gewand leuchtete in ruhigen Farben – Grün, Gold, Blau und warmes Rot gingen fließend ineinander über, wie das Licht eines Regenbogens nach einem Sommerregen.

Unter ihrer Kapuze schimmerte silberweißes Haar hervor.

Noch hatte sie die beiden Besucher nicht bemerkt.

Oder vielleicht …

… hatte sie sie längst erwartet.

Teil 5

NANJANALI – die Kugelhirtin

Die Gestalt hob langsam den Kopf.

Sie musste die beiden längst bemerkt haben.

Dennoch wirkte es, als freue sie sich ehrlich über den Besuch.

Ein warmes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

„Seid willkommen.“

Die Worte erklangen nicht laut.

Eigentlich hörten Biskai und Rilja gar keine Stimme.

Und doch verstanden sie jedes einzelne Wort.

Es war die Herz-Gedanken-Sprache, die alle LiHoFaBos kannten – jene Sprache, die ohne Lippen und ohne Ohren auskam und dennoch niemals missverstanden wurde.

Die beiden verneigten sich höflich.

„Wir grüßen dich“, sagte Biskai.

„Wir wollten niemanden stören.“

Die Gestalt erhob sich.

Nun konnten sie ihre ganze Erscheinung erkennen.

Sie war deutlich größer als die beiden jungen Riddlinge, aber kleiner als ein Mensch. Ihr Gewand schimmerte in sanften Farben, die sich unmerklich veränderten – einmal erinnerte es an den Morgenhimmel, dann wieder an buntes Herbstlaub oder an das tiefe Blau eines klaren Bergsees.

Unter der Kapuze blickte ihnen zunächst das freundliche Gesicht eines jungen Mädchens entgegen.

Doch während sie noch staunten, begann sich dieses Gesicht langsam zu verändern.

Die weichen Züge wurden reifer.

Ein paar feine Lachfältchen erschienen.

Das silberne Haar wurde länger.

Schließlich blickten sie in das Gesicht einer alten Frau.

Ihre Augen aber blieben dieselben.

Klar.

Gütig.

Und voller Lebensfreude.

Rilja konnte ihr Erstaunen kaum verbergen.

„Wie … wie machst du das?“

Die alte Frau lachte herzlich.

Es war ein helles, freundliches Lachen, das sich sofort mit dem leisen Singen der Kugeln vermischte.

„Mit ein wenig Übung.“

Kaum hatte sie das gesagt, war das alte Gesicht verschwunden.

Nun stand wieder ein junges Mädchen vor ihnen.

Sie zwinkerte verschmitzt.

„Manchmal macht es einfach Spaß.“

Jetzt mussten auch Biskai und Rilja lachen.

„Ich heiße NANJANALI“, sagte sie und neigte leicht den Kopf.

„Viele nennen mich die Kugelhirtin.“

„Kugelhirtin?“, fragte Biskai neugierig.

„Ja.“

Sie legte liebevoll ihre Hand auf eine der großen silbernen Kugeln.

Sofort erklang ein tiefer, warmer Ton.

Nicht laut.

Eher wie eine freundliche Begrüßung.

„Ich passe auf sie auf.“

„Sind sie lebendig?“, fragte Rilja.

NANJANALI überlegte einen Augenblick.

„Das kommt darauf an, was ihr unter lebendig versteht.“

Sie strich sanft über die schimmernde Oberfläche.

„Sie atmen nicht wie wir.“

„Sie wachsen nicht wie Bäume.“

„Und doch besitzen sie etwas, das viele Lebewesen erst lernen müssen.“

Biskai schaute sie fragend an.

„Sie können zuhören.“

Für einen Augenblick wurde es still.

Sogar die Kugeln schienen nun noch leiser zu singen.

„Jede Kugel lauscht den anderen“, erklärte NANJANALI.

„Keine möchte die lauteste sein.“

„Keine will wichtiger erscheinen.“

„Jede trägt ihren eigenen Ton bei.“

Sie lächelte.

„Erst gemeinsam entsteht daraus Harmonie.“

Rilja nickte langsam.

„So wie bei unserem Tidal-Walm.“

NANJANALIs Augen begannen zu leuchten.

„Ganz genau.“

„Deshalb hat euch der Weg hierher gefunden.“

Die beiden sahen sich erstaunt an.

„Der Weg … hat uns gefunden?“

Die Kugelhirtin nickte.

„Viele glauben, sie würden Geheimnisse entdecken.“

Sie schüttelte sanft den Kopf.

„Doch oft ist es genau umgekehrt.“

Sie blickte zu den silbernen Kugeln.

„Manche Geheimnisse öffnen sich erst für jene, deren Herz bereit ist, ihnen zuzuhören.“

Biskai spürte ein angenehmes Kribbeln.

Er wusste nicht warum.

Aber plötzlich hatte er das Gefühl, dass der geheimnisvolle Stein im Sternenwald nicht zufällig auf ihr Lied geantwortet hatte.

Vielleicht …

… hatte er sie längst erwartet.

Teil 6

Das Lied der silbernen Kugeln

NANJANALI führte Biskai und Rilja langsam durch die Halle.

Sie ging nicht voraus wie eine Lehrerin.

Sie schritt auch nicht feierlich wie eine Königin.

Sie bewegte sich so selbstverständlich zwischen den silbernen Kugeln, als würde sie seit unzähligen Jahren mit ihnen befreundet sein.

Immer wieder blieb sie stehen.

Berührte eine Kugel.

Oder lächelte ihr einfach zu.

Und jedes Mal antwortete ihr ein anderer Klang.

Einmal tief und warm.

Dann hell und glitzernd.

Manchmal erklangen mehrere Töne gleichzeitig.

Sie waren wie Stimmen eines Chores, der sich vollkommen verstand.

Schließlich blieben sie vor der größten Kugel stehen.

Sie war größer als alle anderen.

Ihre Oberfläche spiegelte nicht nur die Halle.

Sie schien das Licht in ihrem Inneren zu tragen.

NANJANALI legte beide Hände behutsam darauf.

Augenblicklich breitete sich ein sanfter Klang aus.

Nicht nur durch die Halle.

Biskai hatte das Gefühl, als würde die Melodie direkt durch sein Herz fließen.

Er schloss unwillkürlich die Augen.

Vor seinem inneren Blick erschienen Bilder.

Grüne Wälder.

Hohe Berge.

Klar schimmernde Seen.

Bäche, die fröhlich über Steine tanzten.

LiHoFaBos, die miteinander lachten.

Kinder, die spielten.

Vögel, die ihre Nester bauten.

Alles war miteinander verbunden.

Nichts stand allein.

Als der Klang langsam verklang, öffnete Biskai erstaunt die Augen.

„Ich … habe Bilder gesehen.“

NANJANALI nickte.

„Das geschieht manchmal.“

„Sind das Träume?“, fragte Rilja.

„Nein.“

Die Kugelhirtin lächelte.

„Es sind Erinnerungen.“

„Erinnerungen von wem?“

„Von der Erde.“

Die beiden jungen LiHoFaBos blickten sie überrascht an.

„Die Erde erinnert sich an alles, was auf ihr geschieht“, erklärte NANJANALI ruhig.

„An jeden Regentropfen.

An jedes Samenkorn.

An jedes freundliche Wort.

Und auch an jeden Gedanken voller Liebe.“

Sie schwieg einen Augenblick.

„Die IBUQUIRIS helfen uns, diesen Erinnerungen zuzuhören.“

Rilja betrachtete nachdenklich die vielen Kugeln.

„Also machen sie gar keine Musik?“

NANJANALI schüttelte sanft den Kopf.

„Doch.

Aber sie machen sie nicht selbst.“

„Wer dann?“

Die Kugelhirtin lächelte geheimnisvoll.

„Das Leben.“

Wieder erklangen einige helle Töne.

„Die Kugeln hören den Schwingungen der Welt zu.

Dem Wind.

Dem Wasser.

Den Sternen.

Den Bergen.

Den Pflanzen.

Und den Herzen der Lebewesen.

Aus all diesen feinen Klängen entsteht ihre Musik.“

Biskai dachte lange nach.

„Dann hört jede Kugel etwas anderes?“

„Ja.“

„Und trotzdem passt alles zusammen?“

„Ja.“

„Warum?“

NANJANALI sah ihn liebevoll an.

„Weil jede Kugel nur ihren eigenen Ton singt.“

Sie machte eine kleine Pause.

„Keine versucht, eine andere Kugel zu übertönen.“

Wieder wurde es still.

Die Worte waren so einfach.

Und doch fühlten sie sich groß an.

Rilja lächelte.

„Das sollten sich manche LiHoFaBos merken.“

Nun lachten alle drei.

Sogar die Kugeln schienen für einen Augenblick heller zu leuchten.

Da blieb NANJANALI stehen.

Sie deutete auf den kristallinen Boden.

Erst jetzt bemerkten Biskai und Rilja, dass zwischen den Steinplatten Millionen winziger Kristalle glitzerten.

Sie waren so klein, dass man sie leicht übersehen konnte.

„Sie sind wunderschön“, flüsterte Rilja.

„Ja“, sagte NANJANALI.

„Doch das Schönste kann man nicht sehen.“

„Was denn?“

Die Kugelhirtin kniete sich nieder.

Ganz behutsam legte sie ihre Hand auf den Boden.

Dann schloss sie für einen Augenblick die Augen.

„Danke.“

Mehr sagte sie nicht.

Im selben Moment begannen die kleinen Kristalle sanft aufzuleuchten.

Nicht grell.

Nicht plötzlich.

Es war, als würde sich ein Sonnenaufgang unter ihren Füßen ausbreiten.

Biskai staunte.

„Was ist das?“

NANJANALI öffnete lächelnd die Augen.

„Jeden Tag bedanken wir uns.“

„Bei wem?“

„Bei der Erde.

Beim Wasser.

Bei den Pflanzen.

Bei den Tieren.

Beim Licht.

Und füreinander.“

Sie blickte die beiden jungen LiHoFaBos freundlich an.

„Dankbarkeit ist die stärkste Kraft, die wir kennen.“

„Die Kristalle nehmen sie auf und schenken sie weiter.

Nicht nur den Kugeln.

Sondern allem Leben ringsum.“

Rilja spürte plötzlich eine angenehme Wärme.

Es war kein Feuer.

Kein Sonnenstrahl.

Es war eher das Gefühl, angekommen zu sein.

Sie wusste nicht, warum.

Aber tief in ihrem Herzen war sie sich sicher:

Genau so sollte die Welt sein.

Teil 6

Das Lied der silbernen Kugeln

NANJANALI führte Biskai und Rilja langsam durch die Halle.

Sie ging nicht voraus wie eine Lehrerin.

Sie schritt auch nicht feierlich wie eine Königin.

Sie bewegte sich so selbstverständlich zwischen den silbernen Kugeln, als würde sie seit unzähligen Jahren mit ihnen befreundet sein.

Immer wieder blieb sie stehen.

Berührte eine Kugel.

Oder lächelte ihr einfach zu.

Und jedes Mal antwortete ihr ein anderer Klang.

Einmal tief und warm.

Dann hell und glitzernd.

Manchmal erklangen mehrere Töne gleichzeitig.

Sie waren wie Stimmen eines Chores, der sich vollkommen verstand.

Schließlich blieben sie vor der größten Kugel stehen.

Sie war größer als alle anderen.

Ihre Oberfläche spiegelte nicht nur die Halle.

Sie schien das Licht in ihrem Inneren zu tragen.

NANJANALI legte beide Hände behutsam darauf.

Augenblicklich breitete sich ein sanfter Klang aus.

Nicht nur durch die Halle.

Biskai hatte das Gefühl, als würde die Melodie direkt durch sein Herz fließen.

Er schloss unwillkürlich die Augen.

Vor seinem inneren Blick erschienen Bilder.

Grüne Wälder.

Hohe Berge.

Klar schimmernde Seen.

Bäche, die fröhlich über Steine tanzten.

LiHoFaBos, die miteinander lachten.

Kinder, die spielten.

Vögel, die ihre Nester bauten.

Alles war miteinander verbunden.

Nichts stand allein.

Als der Klang langsam verklang, öffnete Biskai erstaunt die Augen.

„Ich … habe Bilder gesehen.“

NANJANALI nickte.

„Das geschieht manchmal.“

„Sind das Träume?“, fragte Rilja.

„Nein.“

Die Kugelhirtin lächelte.

„Es sind Erinnerungen.“

„Erinnerungen von wem?“

„Von der Erde.“

Die beiden jungen LiHoFaBos blickten sie überrascht an.

„Die Erde erinnert sich an alles, was auf ihr geschieht“, erklärte NANJANALI ruhig.

„An jeden Regentropfen.

An jedes Samenkorn.

An jedes freundliche Wort.

Und auch an jeden Gedanken voller Liebe.“

Sie schwieg einen Augenblick.

„Die IBUQUIRIS helfen uns, diesen Erinnerungen zuzuhören.“

Rilja betrachtete nachdenklich die vielen Kugeln.

„Also machen sie gar keine Musik?“

NANJANALI schüttelte sanft den Kopf.

„Doch.

Aber sie machen sie nicht selbst.“

„Wer dann?“

Die Kugelhirtin lächelte geheimnisvoll.

„Das Leben.“

Wieder erklangen einige helle Töne.

„Die Kugeln hören den Schwingungen der Welt zu.

Dem Wind.

Dem Wasser.

Den Sternen.

Den Bergen.

Den Pflanzen.

Und den Herzen der Lebewesen.

Aus all diesen feinen Klängen entsteht ihre Musik.“

Biskai dachte lange nach.

„Dann hört jede Kugel etwas anderes?“

„Ja.“

„Und trotzdem passt alles zusammen?“

„Ja.“

„Warum?“

NANJANALI sah ihn liebevoll an.

„Weil jede Kugel nur ihren eigenen Ton singt.“

Sie machte eine kleine Pause.

„Keine versucht, eine andere Kugel zu übertönen.“

Wieder wurde es still.

Die Worte waren so einfach.

Und doch fühlten sie sich groß an.

Rilja lächelte.

„Das sollten sich manche LiHoFaBos merken.“

Nun lachten alle drei.

Sogar die Kugeln schienen für einen Augenblick heller zu leuchten.

Da blieb NANJANALI stehen.

Sie deutete auf den kristallinen Boden.

Erst jetzt bemerkten Biskai und Rilja, dass zwischen den Steinplatten Millionen winziger Kristalle glitzerten.

Sie waren so klein, dass man sie leicht übersehen konnte.

„Sie sind wunderschön“, flüsterte Rilja.

„Ja“, sagte NANJANALI.

„Doch das Schönste kann man nicht sehen.“

„Was denn?“

Die Kugelhirtin kniete sich nieder.

Ganz behutsam legte sie ihre Hand auf den Boden.

Dann schloss sie für einen Augenblick die Augen.

„Danke.“

Mehr sagte sie nicht.

Im selben Moment begannen die kleinen Kristalle sanft aufzuleuchten.

Nicht grell.

Nicht plötzlich.

Es war, als würde sich ein Sonnenaufgang unter ihren Füßen ausbreiten.

Biskai staunte.

„Was ist das?“

NANJANALI öffnete lächelnd die Augen.

„Jeden Tag bedanken wir uns.“

„Bei wem?“

„Bei der Erde.

Beim Wasser.

Bei den Pflanzen.

Bei den Tieren.

Beim Licht.

Und füreinander.“

Sie blickte die beiden jungen LiHoFaBos freundlich an.

„Dankbarkeit ist die stärkste Kraft, die wir kennen.“

„Die Kristalle nehmen sie auf und schenken sie weiter.

Nicht nur den Kugeln.

Sondern allem Leben ringsum.“

Rilja spürte plötzlich eine angenehme Wärme.

Es war kein Feuer.

Kein Sonnenstrahl.

Es war eher das Gefühl, angekommen zu sein.

Sie wusste nicht, warum.

Aber tief in ihrem Herzen war sie sich sicher:

Genau so sollte die Welt sein.

Teil 7

Das Geheimnis der IBUQUIRIS

Eine Zeit lang sagte niemand ein Wort.

Nur das leise Singen der silbernen Kugeln erfüllte die Halle.

Es war ein Klang, der nicht müde wurde.

Mal glaubte man, das Flüstern eines Waldes zu hören.

Dann wieder das Rauschen des Meeres oder das ferne Läuten kleiner Glöckchen.

Schließlich blieb NANJANALI vor einer besonders alten Kugel stehen.

Sie unterschied sich von den anderen.

Ihre Oberfläche war nicht vollkommen glatt. Zarte Linien verliefen darüber wie feine Adern in einem Blatt. Im silbrigen Schimmer leuchteten sie in sanften Goldtönen.

„Diese Kugel ist die älteste von allen“, sagte sie.

Biskai betrachtete sie aufmerksam.

„Wer hat sie gebaut?“

NANJANALI lächelte.

„Viele glauben, sie wäre gebaut worden.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Das stimmt nur zum Teil.“

Die beiden jungen LiHoFaBos schauten sie gespannt an.

„Vor sehr langer Zeit“, begann sie, „lebte unter der Erde ein NER-GO-WAD, der ein außergewöhnlicher Musiker war. Eines Nachts hatte er einen Traum. Darin hörte er eine Melodie, die so vollkommen war, dass er beim Erwachen wusste: Diese Musik gehört nicht einem einzelnen Wesen. Sie gehört dem Leben selbst.“

Sie legte ihre Hand auf die alte Kugel.

„Im Traum sah er auch diese Form – eine große Kugel, umgeben von vielen kleineren. Er verstand weder ihren Sinn noch ihre Wirkung. Aber er vertraute seiner Vision.“

„Hat er sie allein gebaut?“, fragte Rilja.

„Nein“, antwortete NANJANALI.

„Ein Wunder entsteht selten durch einen Einzelnen.“

„Das ganze Volk half mit. Manche formten die Kugeln. Andere suchten das richtige Metall. Wieder andere erforschten die Kristalle tief unter der Erde.“

Sie machte eine kleine Pause.

„Erst viele Herzen gemeinsam machten die Vision Wirklichkeit.“

Biskai nickte nachdenklich.

Das gefiel ihm.

Als Baumeister wusste er, dass große Bauwerke niemals von einem einzigen geschaffen werden.

„Und warum heißen sie IBUQUIRIS?“

NANJANALI lächelte.

„In unserer alten Sprache bedeutet dieses Wort ungefähr: Die, die Harmonie bewahren.“

„Also beschützen sie euch?“

„Nein.“

Sie schüttelte sanft den Kopf.

„Sie erinnern uns.“

„Woran?“

„Daran, wer wir wirklich sind.“

Wieder wurde es still.

„Vergisst man so etwas?“, fragte Rilja leise.

Die Kugelhirtin sah sie liebevoll an.

„Manchmal.“

„Wenn Angst größer wird als Vertrauen.“

„Wenn jemand nur noch an sich selbst denkt.“

„Wenn Hektik das Zuhören verdrängt.“

Sie blickte zu den vielen Kugeln.

„Dann helfen uns die IBUQUIRIS, wieder den eigenen Ton zu finden.“

Biskai dachte lange über diese Worte nach.

Schließlich fragte er:

„Kann so etwas auch den LiHoFaBos helfen?“

NANJANALI schwieg einen Augenblick.

Dann lächelte sie.

„Vielleicht.“

„Vielleicht?“

„Jedes Volk besitzt seine eigene Melodie.“

„Die IBUQUIRIS wurden für die NER-GO-WADs erschaffen.“

Sie legte Biskai eine Hand auf die Schulter.

„Aber wer weiß …“

„Vielleicht werden eines Tages junge LiHoFaBos etwas ganz Neues erschaffen.“

Rilja musste lachen.

„Vielleicht sogar zwei neugierige Riddlinge?“

Nun lachte auch NANJANALI.

„Man sollte niemals unterschätzen, was aus einer guten Idee entstehen kann.“

In diesem Augenblick begannen mehrere Kugeln gleichzeitig zu erklingen.

Die Töne stiegen langsam auf, verbanden sich zu einer einzigen, wundervollen Melodie und erfüllten die ganze Halle.

Biskai und Rilja schlossen die Augen.

Ohne darüber nachzudenken, summten sie leise den Tidal-Walm.

Zuerst ganz vorsichtig.

Dann etwas sicherer.

Zu ihrem Erstaunen antworteten die silbernen Kugeln.

Nicht indem sie dieselbe Melodie spielten.

Sie nahmen den Tidal-Walm auf.

Sie schmückten ihn mit neuen Tönen.

Sie ließen ihn größer werden.

Für einen kurzen Augenblick entstand etwas Einzigartiges.

Das Lied der Riddlinge und das Lied der IBUQUIRIS verschmolzen zu einer einzigen Harmonie.

NANJANALI lächelte still.

Sie hatte gehofft, dass genau das geschehen würde.

Denn nun wusste sie:

Der Sternenwald hatte sich seine beiden Entdecker nicht zufällig ausgesucht.

Teil 8

Die Rückkehr ans Licht

Nachdem die letzten Töne verklungen waren, herrschte eine Stille, wie Biskai und Rilja sie noch nie erlebt hatten.

Es war keine leere Stille.

Sie fühlte sich an wie eine liebevolle Umarmung.

NANJANALI betrachtete die beiden jungen LiHoFaBos.

In ihren Augen lag ein warmes Leuchten.

„Nun ist es Zeit.“

Rilja blickte überrascht auf.

„Schon?“

Die Kugelhirtin nickte.

„Jede Begegnung hat ihre Zeit.“

„Und jedes Wiedersehen auch.“

Biskai schaute noch einmal zu den silbernen Kugeln.

„Werden wir euch wiedersehen?“

NANJANALI lächelte.

„Wenn euer Herz euch wieder hierherführt.“

Sie ging zu einer kleinen Nische in der Wand und nahm zwei schlichte, silbrig schimmernde Steinchen heraus.

Jedes war kaum größer als eine Haselnuss.

Sie legte eines in Biskais Hand und eines in Riljas.

„Das sind keine Zaubersteine“, sagte sie schmunzelnd.

„Sie erinnern nur.“

„Woran?“, fragte Rilja.

„Daran, dass Harmonie immer im Herzen beginnt.“

Die beiden betrachteten ihre kleinen Steine.

Sie fühlten sich angenehm warm an.

Fast lebendig.

„Bewahrt sie gut auf“, sagte NANJANALI.

„Nicht weil sie wertvoll sind.“

Sie machte eine kleine Pause.

„Sondern weil sie euch an das erinnern, was ihr heute erfahren habt.“

Gemeinsam gingen sie zurück zum Ausgang der Halle.

Die Kugeln begleiteten sie mit einem leisen, freundlichen Klingen.

Es klang fast wie ein Abschiedsgruß.

Am Ende des Ganges blieben Biskai und Rilja überrascht stehen.

„Die Rutsche …“

Sie war verschwunden.

An ihrer Stelle führte nun eine breite Treppe nach oben.

Rilja musste lachen.

„Sie verändern hier wirklich alles, wenn sie möchten.“

NANJANALI zwinkerte.

„Nicht alles.“

„Was denn nicht?“

„Ein gutes Herz.“

Sie verabschiedeten sich mit einer herzlichen Umarmung.

„Lebt wohl.“

„Auf Wiedersehen“, antworteten die beiden.

„Oder besser …“

NANJANALI lächelte.

„… bis zu einem anderen Lied.“

Langsam stiegen Biskai und Rilja die vielen Stufen hinauf.

Mit jedem Schritt wurde das Tageslicht heller.

Der Duft von Moos und frischer Waldluft kam ihnen entgegen.

Schließlich erreichten sie wieder die Leiter.

Sie kletterten hinauf.

Als ihre Köpfe aus der geheimnisvollen Öffnung ragten, sang gerade eine Amsel ihr fröhliches Lied.

Der Sternenwald lag still und friedlich vor ihnen.

Gemeinsam schoben sie den großen kugelförmigen Stein wieder an seinen Platz.

Kaum hatte er die Öffnung verschlossen, schimmerte seine Oberfläche wieder so ruhig wie zuvor.

Es war, als wäre niemals etwas geschehen.

Biskai und Rilja liefen zurück zum Lagerplatz.

Dort herrschte dieselbe fröhliche Stimmung wie zuvor.

Über den Feuerstellen duftete bereits das Abendessen.

Kinder spielten zwischen den Zelten.

Musik erklang.

Niemand schien sie vermisst zu haben.

Biskai schaute erstaunt zur Sonne.

„Wie lange waren wir eigentlich fort?“

Ein älterer LiHoFaBo lächelte ihnen entgegen.

„Ihr seid ja nur kurz spazieren gewesen.“

Die beiden blickten sich schweigend an.

Für sie hatte sich eine ganze Welt geöffnet.

Und doch waren an der Oberfläche nur wenige Minuten vergangen.

Sie erzählten niemandem von ihrem Erlebnis.

Nicht aus Angst.

Sondern aus Achtung.

Manche Geheimnisse möchten nicht verborgen bleiben.

Sie möchten nur so lange warten, bis die richtigen Herzen bereit sind.

Als am Abend die große Jahresversammlung begann und viele LiHoFaBo-Völker gemeinsam sangen, summten Biskai und Rilja leise den Tidal-Walm.

Für einen winzigen Augenblick glaubten sie, tief unter ihren Füßen eine ferne Antwort zu hören.

Ein silbriges Klingen.

Ganz leise.

Fast wie ein Lächeln der Erde.

Und irgendwo, tief unter dem Sternenwald, lächelte auch NANJANALI.

Sie wusste:

Das Lied der IBUQUIRIS würde weiterklingen.

Nicht nur in den silbernen Kugeln.

Sondern von nun an auch in zwei jungen Herzen.

Epilog

Das Lied, das weiterklingt

Viele Jahre sind vergangen.

Der Sternenwald ist derselbe geblieben.

Noch immer tanzt das Sonnenlicht zwischen den alten Bäumen. Noch immer flüstern die Bäche ihre uralten Geschichten, und manchmal trägt der Wind eine Melodie mit sich, die niemand so recht zu erklären vermag.

Biskai und Rilja sind längst erwachsen geworden.

Sie haben Brücken gebaut, Häuser errichtet und vielen jungen LiHoFaBos den Tidal-Walm beigebracht.

Doch eines haben sie nie vergessen.

Wenn sie gemeinsam arbeiteten, begannen sie nie sofort.

Zuerst wurde es still.

Dann lächelten sie einander zu.

Und schließlich summten sie ihre alte Bewegungsmelodie.

Nicht, weil es notwendig gewesen wäre.

Sondern weil sie wussten:

Ein Bauwerk entsteht nicht zuerst aus Steinen.

Es entsteht aus Harmonie.

Manchmal fragte eines der jungen LiHoFaBos:

„Warum beginnt ihr immer mit einem Lied?“

Dann lächelten Biskai und Rilja.

„Weil jedes gute Werk einen guten Anfang braucht.“

Mehr erklärten sie nicht.

Sie erzählten niemandem von der Halle der silbernen Kugeln.

Nicht von NANJANALI.

Nicht von den IBUQUIRIS.

Nicht von den leuchtenden Kristallen.

Denn manche Geheimnisse verlieren ihren Zauber, wenn man sie nur mit Worten beschreibt.

Sie möchten erlebt werden.

Und tief unter dem Sternenwald sangen die silbernen Kugeln weiter.

Sie lauschten dem Wind.

Dem Wasser.

Den Sternen.

Den Bergen.

Und den Herzen aller Lebewesen.

Manchmal glaubte NANJANALI, eine vertraute Melodie zu hören.

Dann legte sie lächelnd ihre Hand auf die größte Kugel.

Ein warmer Ton erfüllte die Halle.

„Sie haben es verstanden“, sagte sie leise.

„Nicht das Geheimnis.“

Sie schloss für einen Augenblick die Augen.

„Sondern das Lied.“

Vielleicht wanderst auch du eines Tages durch einen stillen Wald.

Vielleicht bleibst du plötzlich stehen.

Vielleicht glaubst du, tief unter deinen Füßen ein feines silbernes Klingen zu hören.

Dann lausche einen Augenblick.

Ganz ruhig.

Vielleicht ist es nur der Wind.

Vielleicht singt ein kleiner Bach.

Oder …

… vielleicht erklingt irgendwo tief in der Erde noch immer das Lied der IBUQUIRIS.

Und vielleicht lächelt in diesem Augenblick eine weise Kugelhirtin.

Nachwort der Autorin

Diese Geschichte erzählt von einem Geheimnis. Doch ihr eigentliches Geheimnis sind nicht die silbernen Kugeln und auch nicht die verborgene Halle.

Es ist die Harmonie.

So wie in einem Chor jede Stimme wichtig ist, hat auch jeder Mensch und jedes Wesen seinen ganz eigenen Ton. Erst wenn wir einander zuhören, entsteht daraus etwas Größeres – ein Lied, das keiner allein singen könnte.

Vielleicht beginnt Frieden genau dort.

Mit einem freundlichen Gedanken.

Mit einem dankbaren Herzen.

Und mit der Bereitschaft, den eigenen Ton in das große Lied des Lebens einzubringen.

Gia Simetzberger

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Mittlere Version – alt

Biskai und Rilja in der magischen Unterwelt

Teil 1 – Die erste große Reise

Der Sternenwald machte seinem Namen alle Ehre.

Obwohl die Sonne noch hoch am Himmel stand, glitzerten zwischen den mächtigen Baumkronen unzählige kleine Lichtfunken. Manche tanzten wie winzige Sterne durch die Luft, andere schienen sich auf Blättern und Moosen auszuruhen. Wer den Wald zum ersten Mal betrat, blieb unwillkürlich stehen und staunte.

Genau so erging es auch Biskai und Rilja.

Die beiden jungen LiHoFaBos waren mit ihren Familien aus dem Dorf der blauen Riddlinge angereist. Zum ersten Mal durften sie an der großen HOBO-Jahresversammlung teilnehmen – einem fröhlichen Treffen vieler LiHoFaBo-Völker aus nah und fern.

Überall herrschte geschäftiges Treiben.

Zwischen den Bäumen entstanden kleine Lagerplätze. Manche Familien bauten kunstvolle Unterstände aus Ästen und Blättern. Andere bereiteten das gemeinsame Abendessen vor oder schmückten den Versammlungsplatz mit Blumen, Farnen und bunten Waldbeeren.

Aus allen Richtungen erklangen Lachen, Gespräche und fröhliche Melodien.

„Ist das schön!“, flüsterte Rilja und drehte sich einmal im Kreis.

Biskai nickte. „Und schau nur, wie viele verschiedene LiHoFaBos gekommen sind!“

Neugierig beobachteten sie die anderen. Da waren flinke Waldläufer, geschickte Handwerker, Sängerinnen, Geschichtenerzähler und Musiker. Jeder brachte etwas Besonderes mit – eine Gabe, eine Idee oder einfach gute Laune.

Die blauen Riddlinge galten seit Generationen als hervorragende Baumeister. Ihre Häuser, Brücken und kleinen Staumauern waren weit über ihre Heimat hinaus bekannt. Schon als Kinder lernten sie, mit ihrer besonderen Gabe umzugehen.

Nicht mit Kraft.

Nicht mit Maschinen.

Sondern mit ihrem gemeinsamen Tidal-Walm – einer sanften Bewegungsmelodie.

Wenn mehrere Riddlinge dieselbe Melodie summten, schienen selbst schwere Steine ihr Gewicht zu vergessen. So entstanden Brücken über Bäche, Mauern zum Schutz der Gärten und ganze Häuser aus gewaltigen Felsblöcken.

„Komm!“, sagte Rilja. „Bis zur Abendversammlung bleibt noch Zeit. Lass uns den Sternenwald erkunden!“

Biskai musste nicht lange überlegen.

„Aber nicht zu weit“, meinte er vorsichtshalber.

„Versprochen!“, lachte Rilja.

Hand in Hand liefen die beiden zwischen den hohen Bäumen hindurch.

Noch ahnten sie nicht, dass dieser Spaziergang ihr Leben verändern würde.

Denn tief unter ihren Füßen wartete seit unzähligen Jahren ein Geheimnis darauf, wiederentdeckt zu werden …

Ich finde, dieser neue Einstieg schafft mehr Atmosphäre und zieht Kinder sofort in die Geschichte hinein. Er führt außerdem ganz natürlich in den Sternenwald, die HOBO-Jahresversammlung und die besondere Fähigkeit der Riddlinge ein, ohne lange Erklärungen. Danach kann im zweiten Teil die Entdeckung des geheimnisvollen kugelförmigen Steins folgen – und das Abenteuer beginnt erst richtig.

Biskai und Rilja in der magischen Unterwelt

Teil 2 – Der geheimnisvolle Stein

Je tiefer Biskai und Rilja in den Sternenwald hineingingen, desto ruhiger wurde es.

Das fröhliche Treiben des Versammlungsplatzes war bald nur noch ein fernes Murmeln. Hier draußen hörten sie das Rascheln der Blätter, das leise Plätschern eines kleinen Baches und manchmal das geheimnisvolle Knacken eines alten Baumes.

„Der Wald klingt heute anders“, sagte Rilja.

Biskai blieb stehen und lauschte.

Tatsächlich.

Es war nicht nur der Wind. Es war, als würde der Wald selbst etwas erzählen wollen.

„Vielleicht begrüßt er uns“, meinte Biskai.

Rilja lächelte. „Oder er zeigt uns etwas.“

Die beiden gingen weiter. Zwischen Farnen und moosbedeckten Steinen entdeckten sie immer wieder kleine Wunder: ungewöhnliche Blumen, die ihre Blüten im Rhythmus des Windes bewegten, Käfer mit leuchtenden Punkten auf dem Rücken und winzige Wasserläufe, die sich ihren Weg durch das weiche Moos suchten.

Plötzlich blieb Rilja stehen.

„Biskai! Schau!“

Sie zeigte nach Norden, wo zwischen den Bäumen ein seltsam geformter Felsen lag.

Die beiden gingen näher.

Es war ein gewaltiger Stein – fast kugelförmig, glatt und vollkommen anders als die Felsen in der Umgebung. Seine Oberfläche war grauweiß und schimmerte ganz leicht, als würde er ein eigenes, sanftes Licht besitzen.

Rilja legte vorsichtig ihre Hand darauf.

„Er fühlt sich freundlich an.“

Biskai betrachtete den Stein aufmerksam.

Das war eine seiner besonderen Eigenschaften: Er schaute gern zuerst genau hin, bevor er etwas tat.

„So einen Stein habe ich noch nie gesehen“, sagte er.

Rilja grinste.

„Er würde sich wunderbar in unserem Garten machen.“

Biskai musste lachen.

„Du willst wirklich einen riesigen Felsen mit nach Hause nehmen?“

„Warum nicht? Für einen Riddling-Garten wäre er perfekt.“

Natürlich wusste Rilja, dass ein solcher Stein viel zu schwer war, um ihn einfach mitzunehmen. Aber bei den Riddlingen begann vieles mit einer Idee.

Und manchmal auch mit einem Lied.

Die beiden sahen sich an.

Sie mussten nicht einmal fragen.

Gemeinsam begannen sie leise das Tidal-Walm zu summen.

Zuerst nur ganz vorsichtig.

Ein tiefer, ruhiger Ton von Biskai.

Eine helle, schwingende Melodie von Rilja.

Die beiden Stimmen verbanden sich.

Der Stein begann zu zittern.

Nicht bedrohlich.

Eher so, als würde er erwachen.

Das Moos rundherum bewegte sich leicht, kleine Blätter hoben sich vom Boden und schwebten für einen Augenblick in der Luft.

„Er hört uns!“, flüsterte Rilja erstaunt.

Langsam begann der große Stein sich zu bewegen.

Lautlos.

Ganz ohne Mühe rollte er ein kleines Stück zur Seite.

Die beiden jubelten – denn eigentlich hatten sie ihn nur aus Spaß bewegen wollen.

Doch dann verstummten sie.

Dort, wo der Stein gelegen hatte, war nun etwas zu sehen.

Eine Öffnung.

Eine richtige Öffnung im Boden.

Rund vierzig Zentimeter breit.

Biskai und Rilja blickten hinunter.

Aus der Tiefe kam ein kühler Luftzug.

Und ein Geräusch.

Ganz leise.

Fast wie ein fernes Lied.

Rilja kniete sich hin und lauschte.

„Hörst du das?“

Biskai sagte nichts.

Denn auch er hatte es gehört.

Tief unter ihnen schien etwas zu singen.

Die beiden sahen sich an.

Sie wussten beide:

Das war kein gewöhnlicher Hohlraum unter einem Stein.

Hier unten wartete ein Geheimnis.

ALTE VERSION

Die Riddlinge Biskai und Rilja in der magischen Unterwelt

Eine LICHTI-Geschichte – Für Kinder! – Gia 06122015

Biskai und Rilja nehmen heuer das erste Mal an  der HOBO-Jahresversammlung teil. Sie sind mit ihrer Familie aus dem Dorf der blauen Riddlinge angereist.

Die beiden Halbwûchsigen entstammen für ihre Baukunst bekannten Familien. Sie genießen das stimmungsvolle Lagerleben und erforschen zwischendurch die waldreiche Umgebung, den Sternenwald.

Schau mal, Biskai! ruft Rilja. Sie hat soeben nördlich vom Lager einen mächtigen, nahezu kugelfôrmigen Felsen entdeckt. Grauweiß, nahezu leuchtend. Er fühlt sich freundlich an.

Hei, das wäre ein dekorativer Stein in unserem Garten, meint Biskai. Die beiden summen einfach zum Spass das Tidal-Walm, die Bewegungsmelodie der Riddlinge.

Bei Riddlingen ist die Methode des Transport-Summens selbstverständlich. Sie wird zum Errichten von Häusern, Brücken und Staumauern verwendet und für jede Art von Transport von schweren Gegenständen.

Als wäre die Schwerkraft aufgehoben, rollt der Stein lautlos ein Stückchen zur Seite. Eigentlich wollten die beiden den Stein ja nur zum Spass bewegen. Doch zu ihrer großen Überraschung befindet sich da, wo der Stein gelegen hatte, eine zirka 40 Zentimeter breite Öffnung. Sie nähern sich und entdecken eine Leiter, die wie für Wesen in ihrer Größe geschaffen war. Kurz entschlossen klettern Biskai und Rilja nach unten. Ihre Augen gewõhnen sich rasch an das Dämmerlicht im Gang.

Einen Meter unter der Erdoberfläche erblicken sie eine steinerne Rutsche. Sie wagen es und gelangen in einen relativ breiten unterirdischen Gang. Boden und Wände fühlen sich glatt an und schimmern seidig. Die Wände sind selbstleuchtend: Es sind keinerlei Markierungen oder Schriftzeichen zu sehen.

„Hõrst du dieses leise Klingen?“ Riljas feine Ohren vernehmen zuerst das eigenartige Geräusch. Sie folgen dem Klang.

Der Gang führt zu einer geräumigen ovalen Halle. Sie wirkt äußerst schlicht, aber sofort entdecken die beiden jungen Riddlinge Sonderbares. Im Raum liegen mehrere silberne Kugeln von etwa einem Meter Durchmesser. Jede ist von kleineren Kugeln in unterschiedichen Größen umgeben.

Von diesen Objekten geht das zarte Klingen aus! Sie tönen unterschiedlich. Die großen Kugeln haben den tiefsten Klang, die kleinsten klingen heller.

Staunend nähern sich die jungen Leute den Kugeln. Noch nie hatten sie auch nur annähernd etwas in dieser Art gesehen und vernommen. Sie sind verblüfft und lauschen, bis sie wiederkehrende Rhythmen und Melodien heraushören können.

Biskai bemerkt, dass sich in einer Nische etwas bewegt. Die nächste Überraschung! Über eine schimmernde Platte gebeugt sitzt eine kleine Gestalt, die auf den ersten Blick wie ein kleines Mädchen mit einer Kapuze wirkt. Das Wesen erinnert irgendwie an eine Flamme, doch seine Tracht ist zwar bunt, aber in ruhigen Farben gehalten. In der Herz-Gedanken-Sprache grüßen die beiden das Wesen respektvoll und vernehmen augenblicklich einen freundlichen Gegengruß.

Als das Wesen sein Haupt erhebt, schauen die beiden verblüfft in das Gesicht einer alten Frau mit menschlichen Zügen, deutlich größer als HOBOs, etwa 50 Zentmeter groß. Sie stellt sich als NANJANALI, die KUGELHIRTIN, vor und fragt sie nach ihrer Herkiunft. Während die beiden in wechselnder Rede erzählen, verwandelt sich das Gesicht der alten Frau in das eines jungen Mädchens. Wenig später ist wieder das Gesicht der alten Frau zu sehen.

Die beiden Riddlinge bemühen sich, nicht zu verwirrt zu wirken. „Natürlich möchtet ihr wissen, was da geschieht!“ meinte NANJANALI freundlich.

Wir sind Erdwesen. Unser Volk, die NER-GO-WADs, lebt seit Tausenden von Jahren unter der Erde und hat sich geistig und technisch recht weit entwickelt. Da wir keiner Arbeit nachgehen müssen, widmen wir uns der  Kunst und ganz besonders der Musik.

Das Wandeln der Erscheinungsform haben wir uns als Spiel ausgedacht, um nicht zu eitel zu werden. Wir haben die Möglichkeit, jung zu bleiben. Manchmal nehmen wir eine ältere Erscheinungsform an, um uns dessen bewusst zu sein, dass das Jungbleiben nicht selbstverständlich ist. Ja, wir sind dankbar dafür.

Es gibt noch einen weiteren Grund. Wenn wir uns mit Wesen treffen, die die Gabe des Jungbleibens nicht haben, geben wir uns älter.

„Und was es mit den klingenden Kugeln an sich hat?“ Das wäre eine sehr lange Geschichte. Einer von uns NER-GO-WADs hatte eine Vision in einem Traum. Er sah diese Kugeln und Anordnungen vor sich und verstand augenblicklich ihren Sinn und ihre Funktionsweise. Er nannte sie IBUQUIRIS und auch die Methode wird IBUQUIRI genannt.

Sie stabilisieren unser Gesellschaftsleben, unseren Frieden, unsere Harmonie, sie sorgen dafür, dass wir gesund und vital bleiben. Wir haben diese schönen Gebilde mit viel Liebe geschaffen. Sie nehmen die feinsten Schwingungen des Kosmos auf und neutralisieren Störungen in einem großen Umfeld.“

Rilka wurde etwas klar: „Dann dürfte diese Halle der silbernen Kugeln auf den gesamten Sternenwald ausstrahlen? Das wird auch der Grund sein, warum wir HOBOs ausgerechnet diesen Ort als Versammlungsplatz gewählt haben!“

Biskai denkt praktisch und fragt NANJANALI, ob ein solches Kugelfeld nicht auch etwas für die HOBOs wäre. NANJANALI, gerade wieder jung und strahlend hübsch, lächelt. „Die silbernen Kugeln sind speziell auf die NER-GO-WADs eingestimmt. Doch es kann durchaus sein, dass ihr einmal etwas Ähnliches für die HOBOs ersinnt!“

„Und woher bekommen die Kugeln ihre Kraft? Sie singen und klingen ja unaufhörlich!“ Rilja stellt fest, dass sich die Lautstärke ändert, aber ein leichtes Klingen und Schwingen ist immer zu vernehmen. NANJANALI erklärt es bereitwillig. „Der Boden, auf dem sich die Kugel befinden, ist kristallin. Wir laden diese vielen winzigen Kristalle täglich mit einem Dankeschön auf. Sie verstärken diese Energie und übertragen sie auf die Kugeln. So einfach geht das.“

Den beiden jungen Riddlingen wird jetzt erst bewusst, dass sie komplett die Zeit übersehen haben und niemand da droben Bescheid über ihr Verbleiben weiß.

„Keine Bange“, sagt NANANALI. „Wenn ihr oben ankommt, ist für euch keine Zeit vergangen.“

So verhielt es sich tatsächlich! Sie marschieren den Weg zurück, den sie gekommen waren. Am Ende des Ganges befand sich nun allerdings keine Rutsche mehr, sondern eine Treppe. „Sogar so etwas können sie wandeln, wenn sie möchten!“ Rilja ist fasziniert.

Nun ist nur noch der Stein wieder auf seinen angestammten Platz zurück zu rollen. Als die beiden zu ihren Leuten zurückkommen, hat sie tatsächlich niemand vermisst. Es waren nur wenige Minuten vergangen – die wenigen Minuten an der Oberfläche.

Am liebsten hätten die zwei ihr Erlebnis sofort weiter erzählt. Sie versetzen sich in die Situation, sehen die möglichen Reaktionen und lassen davon ab. Zu viele Neugierige hätten sie bedrängt, ihnen den Weg zur Halle der silbernen Kugeln zu weisen.

Sie entschließen sich daher, niemanden in dieses Geheimnis einzuweihen, bis vielleicht einmal die Zeit dafür reif ist.