Von Eichenbäumen und ihren Naturwesen
Sicher kennst du Eichen – diese mächtigen Bäume mit ihren markanten Blättern. Sie können viele hundert Jahre alt werden. Ihre Rinde ist knorrig und voller Geschichten, ihre Früchte sind die Eicheln.
Die Blätter schmecken bitter. Trotzdem wurden die jungen, zarten Blätter früher manchmal als Tierfutter gesammelt. Und was die Eicheln betrifft – es gibt Tiere, die sie besonders lieben: Wildschweine, Eichelhäher und Eichhörnchen. Auch wir Menschen haben gelernt, Eicheln zu entbittern. Danach lassen sie sich zu Mehl vermahlen und mit Getreidemehl zu einem schmackhaften und nahrhaften Brot verarbeiten.
Eichhörnchen sammeln fleißig Vorräte für den Winter. Sie verstecken Nüsse und Eicheln an vielen verschiedenen Orten. Doch Eichhörnchen besitzen weder Notizhefte noch Tablets. Deshalb vergessen sie manchmal eines ihrer Verstecke oder benötigen nicht alle Vorräte.
Dann beginnt eine vergessene Eichel zu keimen. Langsam wächst daraus ein kleines Eichenbäumchen.
Wo neues Leben entsteht, gibt es auch eine unsichtbare Welt, die dieses Leben liebevoll begleitet. Naturwesen leben in der Nähe ihrer Pflanzen, manchmal an ihnen oder – auf geheimnisvolle Weise – sogar in ihrem Inneren. Sie achten auf ihre Schützlinge und freuen sich über jedes Blatt, jede Blüte und jede Frucht.
Ein junger Faun betreut meist mehrere junge Bäumchen. Hat ein Baum jedoch viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte erlebt, so besitzt er seinen eigenen erfahrenen Baumfaun.
Naturwesen verändern im Laufe der Zeit ihr Aussehen, so wie sich auch ihre Pflanzen verändern. Endet das Leben eines Baumes, endet ihre Aufgabe an diesem Ort. Doch sie bleiben Naturwesen und finden eines Tages eine neue Bestimmung.
QUERCODOR liebt seine Aufgabe
QUERCODOR ist der Faun einer uralten Eiche. Manche behaupten, sie sei beinahe tausend Jahre alt. Ihre mächtigen Äste sind so dick wie die Stämme vieler anderer Bäume.
Mit großer Liebe behütet QUERCODOR seinen Baum – bei Sonnenschein ebenso wie bei Regen, im Sommer wie im Winter, bei Tag und in der Nacht.
Wenn seine Eiche schläft und alles ruhig geworden ist, besucht er manchmal andere Naturwesen des Waldes.
Menschen können ihn normalerweise nicht sehen. Doch manche weisen Frauen und Männer haben gelernt, die Sprache der Bäume zu verstehen. Rufen sie einen Baum voller Achtung und Liebe, so folgt der Baumgeist diesem Ruf für kurze Zeit. Natürlich begleitet QUERCODOR seine alte Eiche dabei aufmerksam. Er möchte hören, worüber gesprochen wird.
Seine Eiche hat in ihrem langen Leben unzählige Geschichten erlebt und viel Weisheit gesammelt. Deshalb wird sie immer wieder von Menschen aufgesucht, die Rat suchen oder einfach nur still unter ihren Ästen sitzen möchten.
Der Eichenfaun ist außerdem mit zwei LICHTIs befreundet, die ihn regelmäßig besuchen. Gemeinsam sitzen sie gern unter der gewaltigen Baumkrone am Waldrand und erzählen einander von ihren Erlebnissen.
Eines Tages bat einer der beiden LICHTIs:
„Lieber QUERCODOR, erzähle uns doch wieder eine Geschichte aus deinem langen Leben!“
Der alte Faun lächelte.
„Nun gut. Diese Begebenheit liegt schon sehr lange zurück …”
QUERCODOR und die spielenden Kinder
„Damals war ich noch wesentlich jünger“, begann QUERCODOR.
„Ihr müsst wissen, dass wir Faune uns im Laufe der Zeit ein wenig an unsere Bäume anpassen. Je älter und kräftiger ein Baum wird, desto mehr verändert sich auch sein Hüter.
Meine Eiche war damals noch keine hundert Jahre alt und somit noch recht jung.
In der Nähe unseres kleinen Waldes lebten Bauernfamilien. Im Sommer weideten dort Schafe und Kühe. Oft kamen Kinder auf die Lichtung, spielten Fangen, bauten Hütten oder versteckten sich zwischen den Bäumen.
Eines Tages entdeckten sie meine Eiche als Kletterbaum.
Es war eigentlich nicht meine Aufgabe, auf Menschenkinder aufzupassen. Dennoch lagen sie mir am Herzen. Sie lachten so fröhlich, spielten friedlich miteinander und hatten so viel Freude.
Als sie immer höher kletterten, erschrak ich plötzlich.
Ich wusste nämlich, dass zwei kräftige Äste in mittlerer Höhe bereits morsch geworden waren. Von außen konnte man ihnen die Gefahr kaum ansehen.
Wie sollte ich die Kinder warnen? Sie konnten mich ja gar nicht sehen.
Da erinnerte ich mich an zwei gute Freunde.
Telor und Rador.
Die beiden klugen Raben verstanden sogar unsere Herz-Gedanken-Rufe.
Kaum hatte ich nach ihnen gerufen, kamen sie angeflogen.
Gemeinsam überlegten wir nicht lange. Wir schmiedeten einen einfachen Plan.
Telor und Rador taten plötzlich so, als hätten sie einen heftigen Streit. Laut krächzend jagten sie einander um die Eiche. Sie flatterten wild zwischen den Ästen hindurch, stürzten auf den Baum zu, zupften an den Blättern und flogen mit lautem Flügelschlagen wieder davon.
Die Kinder hielten inne.
Das laute Geschrei und das wilde Durcheinander machten ihnen die Eiche plötzlich unheimlich. Einer nach dem anderen kletterte wieder hinunter.
Kurz darauf rannten sie lachend zur Wiese hinüber und erfanden ein neues Spiel.
Ich atmete erleichtert auf.
Telor und Rador landeten neben mir, und ich dankte ihnen von Herzen.
Gemeinsam beobachteten wir noch eine Weile die fröhlichen Kinder.
Sie würden wohl niemals erfahren, wie knapp sie an einem schweren Unfall vorbeigekommen waren.
Und das war auch gut so.
Man muss nicht immer wissen, wer einem geholfen hat.
Es genügt, wenn jemand da ist, der achtgibt.”
Schlussgedanke
QUERCODOR schaute seine beiden LICHTI-Freunde lächelnd an.
„Seit jenem Tag weiß ich wieder, dass niemand groß oder stark sein muss, um Gutes zu tun. Oft genügen ein wachsames Herz, kluge Freunde und der Wunsch, Leben zu bewahren.
Darum achtet gut auf die Natur. Vielleicht begegnet ihr eines Tages einer uralten Eiche. Dann lehnt euch einen Augenblick an ihren Stamm, schließt die Augen und hört ganz still zu.
Wer weiß … vielleicht erzählt euch QUERCODOR gerade eine neue Geschichte.“
Alte Version
Von Eichenbäumen und ihren Naturwesen
Sicher kennst du diese Bäume mit ihrem auffälligen Blattwerk. Sie werden sehr alt und mächtig. Ihre Rinde wirkt knorrig. Ihre Früchte die Eicheln, und ihre Blätter schmecken bitter. Die jungen grünen Bläter wurden früher jedoch als Tierfutter geschützt. Und was die Eicheln anbelangt – es gibt Tiere, die ganz wild auf sie sind – Wildschweine und Eichhörnchen. Der Mensch hat gelernt, die Eicheln zu entbittern, um sie genießbar zu machen. Man kann Eicheln zu Mehl vermahlen und ein gesundes Mischbrot aus Getreidemehl und Eichelmehl erzeugen.
Eichhörnchen sammeln bekanntlich Vorräte für den Winter. Sie graben Nüsse und Eicheln ein und holen sich ihre Vorräte, wenn sie sie brauchen. Doch Eichhörnchen haben keine Notizhefte oder Tablets…. So vergessen sie manche Versteckplätze oder benötigen nicht alle Vorräte.
Was also geschieht? Die Eichel beginnt zu keimen. Ein Eichenbäumchen entsteht. Und wo Leben entsteht, gibt es auch eine unsichtbare Welt, die dieses Leben begleitet. Naturwesen, die für das Wachstum der Pflanzen sorgen, leben in der Nähe ihrer Pflanzen oder befinden sich an oder sogar in der Pflanze. Ein junger Faun ist für ein Grüppchen junger Bäume verantwortlich. Alte, große Bäume haben ihren eigenen erfahrenen Faun.
Naturwesen wechseln ihre Form, wenn ihre Pflanze aufhört zu bestehen. Aber sie bleiben immer Naturwesen. QUERCODOR ist der Faun einer uralten Eiche. Man sagt, dass sie an die tausend Jahre alt ist. Ihre Äste sind so stark wie große Baumstämme.
QUERCODOR liebt seine Aufgabe
QUERCODOR behütet seinen Baum Tag und Nacht, doch wenn sein Baum schläft, so zieht er mitunter durch die Gegend und besucht andere Naturwesen. Ein Mensch, der die Sprache der Baumwesen versteht, kann ein Baumwesen für kurze Zeit zu sich rufen. Der Faun des Baumes huscht dann auch mit, denn er möchte beobachten, was vor sich geht.
Seine alte Eiche hat schon viel erlebt und viel Wissen angesammelt. Sie wird oft von weisen Menschen gerufen. Es ergeben sich oft schöne Gespräche.
Der Eichenfaun ist mit zwei LICHTIs befreundet, die ihn ab und zu besuchen. Sie sitzen gern mit ihm unter der uralten Eiche am Waldrand. Sie tauschen miteinander ihre Erlebnisse aus.
Hier eine Erzählung von QUERCODOR, die seinen LICHTI-Freunden besonders gefallen hat.
Quercodor und die spielenden Kinder
Vor langer Zeit, als ich noch von jüngerer Gestalt war… Oh, ich sollte euch wohl erklären, dass wir Faune uns immer ein wenig an unsere Pflanzen anpassen… Also gut. Damals war meine Eiche noch recht jung. Keine hundert Jahre alt.
Schon damals lebten Bauern in der Nähe des Wäldchens, in dem ich meiner Aufgabe nachging. Oft spielten Kinder auf der Lichtung. Die Wiese diente im Sommer als Weide. Manchmal zogen Schafhirten vorbei.
Eines Tages entdeckten Dorfkinder meine Eiche als Kletterbaum.
Es ist nicht meine Aufgabe, auf Menschenkinder aufzupassen, und doch… Das waren so liebe, fröhliche Kinder. Sie waren bunt gekleidet und voller Lebensfreude. Als die Buben und Mädchen auf die Eiche zu klettern begannen, erinnerte ich mit Schrecken daran, dass zwei Äste auf mittlerer Baumhöhe brüchig waren.
Ich wollte die Kinder warnen – aber was sollte ich tun? Wie sollte ich mich verständlich machen? Sie konnten mich offenkundig nicht sehen.
Da hatte ich eine Idee. Ich erinnerte mich an meine Freunde, die Raben.
Telor und Rador, so hießen sie, reagierten auf meinen Herz-Gedanken-Ruf blitzschnell.
Im Nu waren sie zur Stelle. Wir heckten einen einfachen Plan aus.
Die beiden klugen Vögel taten so, als würden sie sich streiten. Sie umkreisten den Baum mit lautem Geschrei, lieferten sich wilde Verfolgungsjagden. Dann wieder stürzten sie sich auf die Eiche, zupften an den Blättern, flogen mit eindrucksvollem Flattern wieder hoch. Ihr wildes Kreischen und ihre hektischen Bewegungen irritierten die Kinder. Diese Szene hatte für sie etwas Gruseliges, Unheimliches. Sie ließen von meinem Baum ab und begannen ein anderes Spiel.
Telor und Rador freuten sich und ich dankte ihnen für ihren Einsatz. Wie schön, dass wir die lieben Kinder vor einer Gefahr bewahren konnten, von der sie gar nichts ahnten! Ich setzte mich in die Baumkrone und schaute ihnen noch ein Weilchen zu, wie sie heiter auf der Wiese umhertollten.
