🥀 Der Hut, der noch nicht blühen wollte

Am Rand einer großen Wiese lag das Dorf der Blumenwesen.

Ihre Häuser standen zwischen hohen Gräsern und duftenden Kräutern. Manche waren unter Blättern verborgen, andere lehnten sich an die Stängel großer Glockenblumen. Wenn am Morgen die Sonne über die Wiese wanderte, öffneten sich überall bunte Blütenhauben.

Jedes junge Blumenwesen trug zunächst eine Knospe auf dem Kopf. Niemand wusste im Voraus, wann sie sich öffnen und welche Farbe sie haben würde. Bei manchen geschah es schon sehr früh. Andere mussten ein wenig länger warten.

Das Blumenmädchen mit dem roten Kleid wartete nun schon sehr lange.

Ihre Knospe war groß und kräftig. Sie saß wie ein weicher, dunkelroter Hut auf ihrem Kopf und bog sich an den Rändern ein wenig nach unten. Doch so oft das Blumenmädchen Florilia morgens in den Tautropfenspiegel sah: Die Knospe blieb geschlossen.

Ringsum blühte es.

Auf dem Kopf eines Freundes leuchtete eine gelbe Sonnenblume. Ein anderes Blumenwesen trug drei blaue Glocken. Sogar die kleine Nachbarin, deren Knospe viel später gewachsen war, hüpfte bereits mit einer weißen Blüte durch die Wiese.

„Wann bist du endlich so weit?“, fragten einige neugierig.

Sie meinten es nicht böse. Trotzdem zog das Blumenmädchen Florilia ihren roten Knospenhut dann immer ein wenig tiefer ins Gesicht.

Sie stellte sich morgens besonders lange in die Sonne. Sie drehte den Kopf nach links und nach rechts. Sie reckte sich, beugte sich und versuchte sogar, die Blütenblätter mit den Fingerspitzen auseinanderzuschieben.

Doch die Knospe hielt fest zusammen.

„Vielleicht stimmt etwas mit mir nicht“, dachte Florilia.

Eines Tages verließ sie das Dorf und ging in den Wald. Dort würde niemand auf ihren Kopf schauen und fragen, wann sie endlich blühen werde.

Sie setzte sich an einen kleinen Bach, zog die Knie an sich und betrachtete das Wasser.

Da wölbte sich die Oberfläche plötzlich nach oben.

Erst erschien eine kleine Welle. Dann wurden daraus zwei durchsichtige Arme, ein freundliches Gesicht und schließlich ein ganzes Wasserwesen. Es schimmerte blau und silbern. In seinem Körper glitzerten helle Sandkörner, winzige Steinchen und runde Luftblasen.

„Ich bin Aqualio“, sagte es. Seine Stimme klang wie Wasser, das über Kiesel rinnt. „Warum sitzt du hier so allein?“

Das Blumenmädchen deutete auf ihre Knospe.

„Sie will nicht blühen.“

Aqualio betrachtete den roten Hut von allen Seiten.

„Blumen brauchen Wasser“, sagte er schließlich. „Mit Wasser kenne ich mich aus.“

Er schöpfte ein wenig Bachwasser in seine Hände und ließ einige Tropfen über die Knospe perlen.

Die Tropfen funkelten im Sonnenlicht und liefen über den roten Hut. Das Blumenmädchen wartete gespannt.

Nichts geschah.

„Vielleicht war es zu wenig“, meinte Aqualio.

Er stellte sich auf die Zehenspitzen und sprühte einen feinen Wassernebel über den Knospenhut. Tausend winzige Tröpfchen schwebten durch die Luft. Das Blumenmädchen glitzerte bald von oben bis unten.

Die Knospe blieb geschlossen.

Aqualio stemmte die Hände in die Seiten.

„Dann brauchen wir eben richtigen Regen.“

Er drehte sich einmal um sich selbst. Wasser stieg aus dem Bach empor, sammelte sich über den beiden und fiel als kleiner, warmer Blütenregen wieder herab.

Es plätscherte und rauschte. Der Boden wurde weich. Das rote Kleid klebte dem Blumenmädchen an den Beinen, und an ihren Schuhen hingen schwere Erdklumpen.

Doch die Knospe öffnete sich nicht.

Aqualio ließ die Arme sinken. Der Regen hörte auf.

„Ich verstehe das nicht“, sagte er. „Wasser hilft doch Blumen.“

Das Blumenmädchen Florilia strich sich einen Tropfen von der Nasenspitze.

„Vielleicht bin ich keine richtige Blume.“

Aqualio schaute sie erschrocken an.

„Natürlich bist du eine richtige Blume.“

„Aber alle anderen blühen schon.“

Aqualio wollte widersprechen. Doch dann blickte er auf den aufgeweichten Boden und auf das Blumenmädchen, das nun fror.

Er hatte helfen wollen. Aber er hatte immer nur noch mehr von dem gegeben, was er am besten geben konnte.

„Vielleicht brauchst du gerade gar kein Wasser“, sagte er leise.

Das Blumenmädchen musste niesen.

Aqualio musste ebenfalls niesen, obwohl niemand wusste, ob Wasserwesen überhaupt niesen konnten. Bei ihm klang es wie ein winziger Springbrunnen.

Florilia kicherte.

Aqualio nieste noch einmal, diesmal ein wenig lauter. Ein silberner Tropfen sprang aus seiner Stirn und landete auf einem Blatt.

Nun lachten beide.

Aqualio setzte sich neben das Blumenmädchen an den Bach.

„Ich werde dich nicht mehr begießen“, versprach er.

„Gut“, sagte Florilia. „Zumindest heute nicht.“

Eine Weile saßen sie schweigend da. Die Sonne wärmte ihre Rücken, und zwischen den Wurzeln roch die Erde dunkel und frisch.

Dann zeigte Aqualio dem Blumenmädchen, wie man flache Blätter auf dem Wasser schwimmen ließ. Florilia flocht ihm dafür einen kleinen Kranz aus Gräsern. Er rutschte Aqualio zwar immer wieder durch den Kopf, aber gerade das fanden beide lustig.

Am nächsten Tag trafen sie sich wieder.

Und am übernächsten auch.

Aqualio stellte keine Fragen mehr über die Knospe. Er versuchte nicht, sie zu öffnen, und er zählte auch nicht die Tage.

Stattdessen bauten sie aus Steinen einen winzigen Hafen. Sie beobachteten Wasserläufer, folgten einer Libelle und erfanden einen Tanz, bei dem Aqualio wie eine Welle hin und her schwankte und das Blumenmädchen ihre Arme wie Blätter im Wind bewegte.

Manchmal erzählte das Blumenmädchen von den anderen Blumenwesen.

„Wenn sie mich ansehen, denke ich immer, sie sehen nur, was mir noch fehlt.“

Aqualio blickte zu dem roten Knospenhut.

„Ich sehe etwas, das noch gut verborgen ist.“

„Was denn?“

„Das weiß ich nicht“, antwortete Aqualio. „Es ist ja verborgen.“

Florilia lachte.

Mit der Zeit lernte sie, wieder gern nach Hause zu gehen. Die Knospe war noch immer geschlossen, doch sie fühlte sich nicht mehr wie ein Fehler an. Sie schützte etwas, das noch wachsen wollte.

An einem besonders warmen Nachmittag trafen sich die beiden auf einer Lichtung. Aqualio hatte eine Melodie aus der Sprache der Bäche mitgebracht. Sie begann mit einem leisen Plätschern, wurde schneller und sprang schließlich wie Wasser über Steine.

Das Blumenmädchen tanzte dazu.

Sie wiegte sich, drehte sich und vergaß bald alles um sich herum. Sie dachte nicht an die anderen Blumenhauben. Sie dachte nicht daran, was ihr fehlte. Sie dachte nicht einmal an die Knospe auf ihrem Kopf.

Aqualio tanzte neben ihr. Seine Arme wurden zu glitzernden Bögen, und bei jeder Drehung sprühten einige Tropfen durch die warme Luft.

Plötzlich blieb Aqualio stehen.

Seine Augen wurden groß.

„Was ist?“, fragte Florilia.

Aqualio zeigte nach oben.

Der rote Knospenhut bewegte sich.

Ganz langsam löste sich das erste Blütenblatt. Dann folgte ein zweites. Ein drittes reckte sich ins Licht. Die Knospe wurde weiter und weiter, bis auf dem Kopf des Blumenmädchens eine große, leuchtend rote Blüte saß.

In ihrer Mitte schimmerten goldene Staubfäden. Die Blütenblätter waren weder glatt noch vollkommen gleichmäßig. Manche bogen sich nach außen, andere ein wenig zur Seite. Gerade deshalb sah die Blüte aus, als könne es auf der ganzen Wiese keine zweite wie sie geben.

Aqualio staunte.

„Jetzt ist sie offen!“, rief er. „Was habe ich richtig gemacht?“

Das Blumenmädchen berührte vorsichtig eines ihrer roten Blütenblätter.

Dann sah sie Aqualio an.

Von da an schaute sie anders auf die jungen Blumenwesen, deren Knospen noch geschlossen waren. Sie fragte nicht: „Wann blühst du endlich?“

„Du hast aufgehört, mich zum Blühen bringen zu wollen“, sagte sie. „Du bist einfach bei mir geblieben.“

Aqualio dachte darüber nach.

„Dann habe ich gar nichts gemacht?“

„Doch“, antwortete das Blumenmädchen. „Wir haben gespielt. Du hast mir zugehört. Wir haben gelacht. Und du hast mir Zeit gelassen.“

Aqualio nickte langsam.

„Das war schwieriger als Regnen.“

„Aber viel weniger nass“, sagte das Blumenmädchen.

Beide mussten lachen.

Als das Blumenmädchen Florilia in ihr Dorf zurückkehrte, liefen die anderen Blumenwesen herbei. Sie bestaunten die große rote Blüte und wollten wissen, wodurch sie sich endlich geöffnet hatte.

„Sie hat sich nicht endlich geöffnet“, sagte das Blumenmädchen. „Sie hat sich geöffnet, als ihre Zeit gekommen war.“

Manchmal setzte sie sich einfach zu ihnen.

Und wenn eines von ihnen ungeduldig wurde, erzählte sie von Aqualio, vom kleinen Hafen am Bach und von einem Freund, der zuerst sehr viel Wasser gegeben hatte – und später etwas noch Wichtigeres:

Zeit, Wärme und seine Nähe.

Aqualio aber besuchte das Blumenmädchen Florilia weiterhin. Nicht, weil ihre Blüte nun offen war, sondern weil sie seine Freundin war.

Manchmal tanzten sie auf der Lichtung ihre alte Wellenmelodie. Dann wiegte sich die rote Blüte über dem Kopf des Blumenmädchens sanft hin und her.

Und wenn Aqualio dabei einen kleinen Regenbogen in die Luft sprühte, durfte er das.

Denn nun war es kein Versuch mehr, etwas zu erzwingen.

Es war einfach Freude.


Gedanke für Erwachsene

Kinder entwickeln sich nicht nach einem einheitlichen Zeitplan. Was einem Kind hilft, kann ein anderes überfordern – selbst wenn es liebevoll gemeint ist.

Aqualio gibt zunächst das, was ihm selbst zur Verfügung steht: immer mehr Wasser. Erst später erkennt er, dass gute Begleitung nicht bedeutet, ein Kind möglichst rasch zum „Aufblühen“ zu bringen. Sie nimmt individuelle Bedürfnisse wahr, schafft einen sicheren Raum und vertraut darauf, dass Entwicklung im eigenen Rhythmus geschieht.

Eine Knospe ist keine misslungene Blüte. Sie ist eine Blüte, deren Zeit noch kommen wird.

Nicht jede Knospe öffnet sich unter den Blicken derer, die auf sie warten.

Manche schließen sich gerade dann noch fester, wenn täglich geprüft wird, ob sie endlich so weit sind. Sie brauchen keinen stärkeren Regen, keine geschickteren Hände und keinen weiteren guten Rat.

Sie brauchen jemanden, der sich neben sie setzt, ohne an ihren Blättern zu ziehen.

Jemanden, der mit ihnen spielt, solange sie Knospen sind.

Und wenn sie eines Tages aufblühen, wird dieser Jemand nicht sagen können, er habe es bewirkt.

Er wird nur wissen, dass er dabei sein durfte.

— Elian Lichtfeder

Abschließend wieder einmal ein Nachweis, dass diese Figuren ursprünglich eigenhändige Skizzen bzw. Zeichnungen waren (Gia, 2006).