🌱 Dorothea und das Kräutersalz

Es war Mitte August, und die Sonne stand warm über den Wiesen.

Rund um Dorotheas kleines Haus duftete es nach Heu, Harz, Kräutern und Lavendel. Unter dem Vordach hingen bereits viele Büschel zum Trocknen: Thymian, Dost, Salbei, Minze und dazwischen violette Lavendelzweige.

Dorothea stand auf einer niedrigen Holzbank und befestigte gerade einen neuen Kräuterbund an einer Schnur.

Ihr geflochtenes Silberhaar fiel über die Schulter. Auf dem Kopf trug sie ihren weichen, etwas wettergegerbten Stoffhut mit kleiner Krempe, der sie vor Sonne und leichtem Regen schützte. Ihre große Schürze war wie immer halb Arbeitskleidung, halb Sammeltasche. Darin steckten Blätter, Blüten, ein paar kleine Zapfen und sogar ein besonders schöner Stein.

Nach und nach kamen mehrere junge LICHTIs den Weg herauf.

Sie kamen nicht mit leeren Händen.

Eines trug einen kleinen Korb mit Äpfeln. Ein anderes hatte ein Bündel Brennholz gesammelt. Zwei weitere brachten ein Stück frisches Brot und ein kleines Glas Honig mit.

Dorothea sah die Gaben und lächelte.

„Das wäre doch nicht nötig gewesen.“

„Wir wissen“, sagte eines der LICHTIs, „dass du uns heute etwas zeigen willst. Und wir wollten nicht einfach nur kommen und etwas mitnehmen.“

Dorothea schwieg einen Augenblick.

Dann nickte sie.

„Das gefällt mir.“

Sie nahm die Geschenke entgegen, als wären sie etwas sehr Kostbares.

„Wissen wird größer, wenn man es teilt. Aber Wertschätzung zeigt, dass man verstanden hat, dass Zeit und Mühe ebenfalls etwas wert sind.“

Die Kinder rückten näher.

„Was machst du mit all den Kräutern?“, fragte eines.

Dorothea zeigte auf die Büschel unter dem Dach.

„Einen Teil trockne ich für Kräutersalz. Und aus manchen Kräutern und dem Lavendel machen wir später kleine Duftsäckchen.“

„Kann man Kräutersalz selber machen?“

Dorothea lächelte.

„Natürlich. Aber dabei gibt es ein paar wichtige Dinge zu beachten.“

Sie nahm einen frisch gepflückten Kräuterzweig in die Hand.

„Frische Kräuter enthalten Wasser. Wenn man sie einfach feucht ins Glas füllt, können sie verderben oder sogar schimmeln. Deshalb werden Kräuter für haltbares Kräutersalz zuerst vollständig getrocknet.“

Sie zeigte nach oben.

„Diese Büschel hier sind frisch. Die dürfen jetzt mehrere Tage in Ruhe trocknen.“

Dann holte sie aus einem Korb ein bereits trockenes Bündel Thymian.

Es raschelte leise.

„Hört ihr das? So sollen die Kräuter sein. Trocken, raschelnd und leicht zwischen den Fingern zu zerreiben.“

Die LICHTIs nickten sehr ernst.

Eines blickte zu den vielen Kräuterbündeln.

„Warum hängen gerade jetzt so viele Kräuter bei dir?“

Dorothea strich sich eine silberne Haarsträhne unter den Stoffhut.

„Weil wir Mitte August haben. Nach einer alten Kräutersammler-Regel versucht man, viele Blatt- und Würzkräuter bis ungefähr um diese Zeit zu ernten.“

„Warum gerade jetzt?“

Dorothea nahm einen Thymianzweig zwischen die Finger.

„Im Frühsommer und Hochsommer haben viele Kräuter besonders viele Duft- und Inhaltsstoffe in ihren Blättern gesammelt. Sonne und Wärme haben sie kräftig werden lassen. Später beginnen manche Pflanzen, ihre Kraft stärker in Blüten, Samen oder Wurzeln zu geben. Außerdem werden die Nächte länger und feuchter, und nach Tau oder Regen trocknen die Blätter nicht mehr immer so schnell.“

Ein LICHTI sah erschrocken auf die Wiese.

„Dann darf man nach Mitte August gar nichts mehr sammeln?“

Dorothea lachte.

„Oh doch! Die Natur kennt keinen Kalender an der Gartenmauer.“

Die Kinder kicherten.

„Man muss jede Pflanze beobachten. Manche Kräuter kann man noch später ernten. Im Spätsommer kommen Samen und Früchte dazu, und manche Wurzeln sammelt man überhaupt erst im Herbst. Die Regel mit Mitte August ist eine gute Erinnerung daran, rechtzeitig an die Wintervorräte zu denken – aber sie ersetzt niemals das Hinschauen.“

Sie deutete auf die Kräuterbüschel.

„Und gesammelt wird nur an einem trockenen Tag, wenn der Morgentau verschwunden ist. Nasse Kräuter gehören nicht in den Vorrat.“

„Also sagt uns die Pflanze selbst, wann sie bereit ist?“, fragte ein LICHTI.

Dorothea nickte zufrieden.

„Genau. Wer Kräuter kennt, schaut nicht nur auf den Kalender. Er schaut auf die Pflanze, auf das Wetter und auf die Jahreszeit.“

Dann hob sie den nächsten Kräuterbund zur Schnur.

„Naturwissen beginnt mit Beobachten.“

Sie legte das Bündel wieder auf den Tisch.

„Und noch etwas: Gesammelt und gegessen wird nur, was ihr wirklich sicher kennt.“

Ein LICHTI, das gerade schon nach einem Blatt greifen wollte, zog seine Hand wieder zurück.

Dorothea stellte eine Schüssel auf den Tisch.

„Für ein einfaches Kräutersalz könnt ihr zum Beispiel Thymian, Dost oder Salbei nehmen. Auch andere essbare Küchenkräuter eignen sich. Wichtig ist: Sie müssen sauber und ganz trocken sein.“

Die Kinder durften an den getrockneten Kräutern riechen.

Einige waren würzig.

Andere frisch.

Manche fast süß.

Dann zupften sie vorsichtig die trockenen Blätter von den Stielen und zerrieben sie zwischen den Fingern.

Bald duftete der ganze Tisch.

„Jetzt kommt das Salz dazu“, sagte Dorothea.

Sie mischte ungefähr einen Teil Kräuter mit vier bis fünf Teilen Salz.

„Aber Kräutersalz ist keine Mathematikprüfung“, erklärte sie. „Ihr dürft vorsichtig probieren und euren eigenen Geschmack finden.“

Das gefiel den LICHTIs.

Einer rührte vorsichtig.

Einer sehr gründlich.

Und einer so begeistert, dass eine kleine Salz-Kräuter-Wolke über den Tisch zog.

Dorothea lachte.

„Auch das gehört zum Lernen.“

Dann stellte sie eine kleine Schale mit Butterbrot, gekochten Kartoffelstückchen und Gurkenscheiben auf den Tisch.

„Jetzt wird verkostet.“

Das ließen sich die LICHTIs nicht zweimal sagen.

Jedes durfte eine winzige Prise Kräutersalz auf ein Stück Kartoffel oder Brot streuen.

„Nur wenig“, mahnte Dorothea. „Nachwürzen kann man immer.“

Die Kinder probierten.

„Meines schmeckt nach Thymian!“

„Ich schmecke den Salbei!“

„Darf ich noch ein bisschen?“

Dorothea nickte.

„Genau deshalb kostet man. So merkt ihr, ob die Mischung ausgewogen ist oder ob noch etwas fehlt.“

Ein LICHTI hatte es mit dem Salz etwas zu gut gemeint und verzog das Gesicht.

Die anderen kicherten.

Dorothea reichte ihm ein neues Stück Kartoffel.

„Auch das gehört zum Lernen. Salz soll den Geschmack der Kräuter hervorheben und ihn nicht überdecken.“

Nun probierten sie noch einmal – diesmal vorsichtiger.

Und plötzlich schmeckte der ganze August nach Kräutern, Sonne und Wiese.

Erst danach füllten sie das fertige, ganz trockene Kräutersalz in kleine, saubere und trockene Gläser.

Dorothea zeigte ihnen noch einmal auf die Deckel.

„Erst wenn alles wirklich trocken ist, darf es ins Glas. Dann gut verschließen und trocken aufbewahren.“

Danach holte sie kleine Kräutersäckchen hervor.

Sie waren aus einfachem Leinen und Baumwolle genäht, etwa handtellergroß, oben mit einer schmalen Kordel zum Zubinden. Manche waren mit einem kleinen gestickten Blatt verziert, andere mit einem Lavendelzweig oder einem einfachen Kräutersymbol.

„Und jetzt machen wir noch etwas, das nicht gegessen wird.“

Sie legte getrocknete Lavendelblüten auf den Tisch, dazu etwas getrocknete Minze und ein paar andere duftende Kräuter.

„Auch hier gilt: nur trockene Pflanzen verwenden. Sonst kann die Feuchtigkeit im Säckchen bleiben.“

Die LICHTIs füllten vorsichtig die Lavendelblüten und Kräuter hinein.

„Nicht zu voll“, erklärte Dorothea. „Ein bisschen Luft darf bleiben. Dann kann sich der Duft besser entfalten.“

Ein LICHTI drückte sein Säckchen begeistert zusammen.

„Es riecht schon!“

„Natürlich“, sagte Dorothea. „Lavendel ist ein kleiner Duftkünstler.“

Die Kinder banden ihre Säckchen mit den Kordeln zu.

Bald roch es überall nach Sommer.

Ein LICHTI hielt sein Säckchen an die Nase.

„Das riecht nach Ferien.“

Ein anderes meinte:

„Meines riecht nach Sonne.“

Dorothea lächelte.

„Dann habt ihr gut gearbeitet.“

„Und wo legt man die Säckchen hin?“, fragte jemand.

„Zum Beispiel in einen Schrank, zu Wäschestücken oder neben das Bett, wenn man den Duft gern mag. Aber Kräutersäckchen sind vor allem zum Riechen da, nicht zum Essen.“

Ein LICHTI sah zu den Kräuterbüscheln unter dem Dach.

„Sind Kräuter eigentlich nur zum Essen und Riechen da?“

Dorothea schüttelte den Kopf.

„Nein. Pflanzen können Nahrung sein, Gewürz, Duft, Lebensraum und manchmal auch Heilpflanzen. Aber man muss sie kennen und respektieren.“

Sie nahm ein einzelnes Blatt zwischen die Finger.

„Wer Pflanzen sammelt, nimmt nie alles. Man lässt genug für die Pflanze selbst, für Tiere und für andere Wesen.“

Die jungen LICHTIs wurden still.

Dorothea fügte hinzu:

„Naturwissen bedeutet nicht nur zu wissen, was man verwenden kann.“

Sie sah in die Runde.

„Es bedeutet auch zu wissen, was man stehen lässt.“

Als die Sonne schon tiefer stand, blickten die LICHTIs auf den Tisch, auf die leeren Schüsseln und auf Dorotheas noch immer volle Arbeitsbank.

„Jetzt haben wir so viel gelernt“, sagte eines. „Und du hast noch immer Arbeit.“

Dorothea wollte gerade antworten, da hatten die Kinder bereits beschlossen, was zu tun war.

Einige fegten die verstreuten Kräuterstängel zusammen.

Andere wuschen Schüsseln und Löffel.

Zwei LICHTIs sortierten die leeren Körbe.

Die Größeren halfen Dorothea, die letzten Kräuterbündel unter dem Dach aufzuhängen.

Und eines trug sehr vorsichtig das Brennholz zur Hauswand.

Dorothea stand mitten im geschäftigen Durcheinander und sah ihnen zu.

„Jetzt verstehe ich“, sagte sie schließlich, „warum ihr heute so viele kleine Hände mitgebracht habt.“

Die LICHTIs grinsten.

„Das ist unser Dank.“

Dorothea lächelte.

„Dann habt ihr heute noch etwas gelernt, das in keinem Kräuterbuch steht.“

„Was denn?“

„Dass Wertschätzung nicht nur bedeutet, Danke zu sagen.“

Sie deutete auf die aufgeräumte Arbeitsbank.

„Manchmal bedeutet sie auch, etwas zurückzugeben.“

Am Abend gingen die jungen LICHTIs mit kleinen Gläsern Kräutersalz und duftenden Kräutersäckchen nach Hause.

Und noch viele Wochen später, wenn sie damit Kartoffeln oder Gemüse würzten oder ein Lavendelsäckchen in die Hand nahmen, roch es für einen Augenblick wieder nach diesem warmen Augusttag.

Nach Kräutern.

Nach Lavendel.

Nach Sonne.

Nach gemeinsamem Tun.

Und nach Dorotheas Garten.