
Einige Tage später sitzt FIDARA allein auf ihrer Lieblingswiese.
Es ist eine ruhige Stunde. Die anderen Kinder sind heute nicht dabei. FIDARA liegt im Gras, schaut den Wolken nach und denkt an all das, was seit ihrer ersten Begegnung mit den LICHTIs geschehen ist.
Plötzlich fällt ihr jemand ein.
„Eigentlich habe ich XILLI schon ewig nicht mehr gesehen“, murmelt sie.
Kaum hat sie seinen Namen ausgesprochen, funkelt es zwischen den Gräsern.
LI-VRUMM erscheint – und hinter ihm lugt ein kleiner grüner Kopf hervor.
„XILLI!“, ruft FIDARA erfreut.
Der kleine LICHTI strahlt.
„Du kennst meinen Namen noch!“
„Natürlich! Du warst doch damals dabei, als ich DENDRIVA kennengelernt habe. Aber danach habe ich dich nie mehr gesehen.“
XILLI setzt sich ins Gras und zupft verlegen an einem Halm.
„Ich bin noch nicht so oft bei den Menschen.“
FIDARA schaut zu LI-VRUMM.
„Warum eigentlich nicht?“
LI-VRUMM lässt sich neben den beiden nieder.
„Weil XILLI noch ziemlich jung ist.“
XILLI richtet sich sofort auf.
„Aber nicht sehr jung!“
FIDARA muss lachen.
„Natürlich nicht.“
„Bei uns LICHTIs ist das ein bisschen anders als bei euch Menschen“, erklärt LI-VRUMM. „Wir lernen sehr viel voneinander. LICHTIs, die ungefähr gleich weit in ihrer Entwicklung sind, entdecken gemeinsam neue Dinge, probieren etwas aus und geben einander weiter, was sie schon verstanden haben.“
„So ähnlich wie wir fünf?“, fragt FIDARA.
„Ziemlich ähnlich.“
XILLI nickt eifrig.
„Manchmal weiß einer von uns etwas, was die anderen noch nicht wissen. Dann zeigt er es ihnen. Und ein anderes Mal kann jemand anderer etwas besser.“
„Dann habt ihr gar nicht ständig Erwachsene, die euch alles erklären?“
LI-VRUMM lacht.
„Nein. Das wäre uns viel zu langweilig.“
„He!“, protestiert XILLI. „Du erklärst mir aber ziemlich viel!“
„Manchmal.“
LI-VRUMM zwinkert FIDARA zu.
„Denn natürlich nehmen wir auch jüngere LICHTIs mit, wenn wir glauben, dass sie bei einer Begegnung etwas Besonderes erfahren können.“
„Ins Schlepptau“, sagt XILLI.
„Wer hat dir denn diesen Ausdruck beigebracht?“, fragt FIDARA lachend.
XILLI zeigt auf LI-VRUMM.
„Er.“
„Das bestreite ich.“
„Stimmt aber!“
FIDARA gefällt es, die beiden so miteinander zu erleben. Bisher hatte sie LI-VRUMM vor allem als einen ihrer Begleiter gekannt. Jetzt sieht sie plötzlich eine ganz andere Seite von ihm.
„Und was hast du damals gelernt, als du bei uns warst?“, fragt sie XILLI.
Der kleine Grüne wird nachdenklich.
„Dass Menschen ganz schön viel denken.“
FIDARA lacht.
„Das ist deine große Erkenntnis?“
„Nein, warte! Ihr denkt nicht nur viel. Ihr könnt gleichzeitig etwas denken und etwas ganz anderes fühlen.“
FIDARA wird still.
„Stimmt.“
„Das kann ziemlich verwirrend sein“, fährt XILLI fort. „Du hast damals gesagt, dass du dich verändern möchtest. Aber gleichzeitig hattest du Angst vor der Veränderung.“
FIDARA schaut ihn erstaunt an.
„Das hast du bemerkt?“
XILLI nickt.
„Ich war doch zum Zuhören dabei.“
„Offenbar hast du wirklich zugehört.“
XILLI strahlt über das ganze Gesicht.
„Und noch etwas habe ich gelernt.“
„Was denn?“
„Dass Helfen nicht bedeutet, jemandem zu sagen, was er tun soll.“
LI-VRUMM sieht ihn anerkennend an.
„Das hast du dir gut gemerkt.“
„DENDRIVA hat nämlich fast immer Fragen gestellt. Zuerst fand ich das komisch. Ich wusste doch manchmal die Antwort!“
„Und warum hat sie sie FIDARA nicht einfach gesagt?“, fragt LI-VRUMM.
XILLI denkt kurz nach.
„Weil FIDARA ihre eigene Antwort finden musste.“
FIDARA lächelt.
„Jetzt verstehe ich langsam, warum du damals dabei warst.“
In diesem Moment raschelt es im hohen Gras.
Dann blitzt etwas Blaues auf.
Kurz darauf ein kleines orangefarbenes Licht.
Und schließlich hüpft ein winziger LICHTI mit einem beinahe kugelrunden, hell schimmernden Kopf zwischen zwei Margeriten hervor.
XILLI springt auf.
„Da seid ihr ja!“
FIDARA schaut überrascht von einem zum anderen.
„Wer ist denn das?“
„Meine Freunde!“
Die drei jungen LICHTIs kommen neugierig näher. Sie sind ungefähr so groß wie XILLI, aber keiner sieht aus wie der andere.
Der blaue LICHTI wirkt ruhig und beobachtet erst einmal alles ganz genau. Der orangefarbene kann offenbar keine drei Sekunden stillstehen. Und der kleine Helle betrachtet FIDARAs Schuhe, ihre Haare, die Blumen und schließlich eine Ameise, die über einen Grashalm krabbelt.
„Sind Menschen immer so groß?“, fragt er schließlich.
FIDARA prustet los.
„Ich bin sogar die Kleinste in meiner Klasse!“
Die drei jungen LICHTIs schauen sie verblüfft an.
Dann reden plötzlich alle durcheinander.
„Wie groß sind dann die anderen?“
„Wie groß werden Menschen überhaupt?“
„Wachsen sie immer?“
„Warum hören sie irgendwann auf?“
„Merken Menschen, dass sie wachsen?“
LI-VRUMM hebt beide Hände.
„Einer nach dem anderen!“
„Das sagst ausgerechnet du“, murmelt XILLI.
FIDARA lacht so sehr, dass ihr die Tränen kommen.
Und so verbringen sie eine wunderbare Stunde.
Diesmal gibt es kein Problem zu lösen.
Keine Angst zu überwinden.
Kein Ziel zu erreichen.
Sie erzählen einfach.
FIDARA berichtet von der Schule, von Konrad, Jeff, Lisa und Tim. XILLI erzählt von den jungen LICHTIs und davon, wie sie gemeinsam lernen. Seine Freunde wollen alles über Menschen wissen – über Geburtstage, Haustiere, Bücher, Fahrräder, Geschwister und darüber, warum Menschen Schuhe tragen.
Als die Sonne tiefer steht, wird es Zeit, sich zu verabschieden.
„Kommen die drei wieder?“, fragt FIDARA.
„Wenn du möchtest“, sagt XILLI.
„Unbedingt! Und meine Freunde müssen euch kennenlernen.“
Die jungen LICHTIs jubeln.
LI-VRUMM lächelt.
„Dann könnte es sein, dass eure kleine Freundesgruppe demnächst eine etwas größere wird.“
FIDARA schaut zu XILLI und seinen Freunden.
Bisher hatte sie geglaubt, die Welt der LICHTIs schon ziemlich gut zu kennen.
Nun begreift sie, dass sie erst einen winzigen Teil davon gesehen hat.
Es gibt junge LICHTIs und ältere.
LICHTIs, die voneinander lernen.
LICHTIs, die andere ein Stück ihres Weges begleiten.
Und wahrscheinlich noch sehr viele, von denen sie überhaupt nichts weiß.
„LI-VRUMM?“
„Ja?“
„Wie viele LICHTIs gibt es eigentlich?“
LI-VRUMM grinst.
„Das, liebe FIDARA, ist eine Geschichte für ein anderes Mal.“
Dann verschwinden die LICHTIs einer nach dem anderen im goldenen Abendlicht.
XILLI zuletzt.
Er winkt noch einmal.
„Bis bald, FIDARA! Nächstes Mal bringe ich vielleicht noch jemanden mit!“
FIDARA bleibt auf der Wiese zurück und lächelt.
Sie hatte in den vergangenen Wochen viel über sich selbst gelernt.
Jetzt aber öffnete sich eine neue Tür.
Die Tür zur Welt der LICHTIs.
Und dahinter warteten noch sehr viele Begegnungen.