
Konrad möchte seine (Rede-)Scheu überwinden
Konrad bleibt noch einen Moment still auf der Bank sitzen. Er hat alles aufmerksam beobachtet und gelauscht. Die Worte der LICHTIs hallen in ihm nach. Besonders der Satz von Riu-Lan lässt ihn nicht los: „Was deine Schwester kann, kannst du auch lernen.“
Dendriva bemerkt seinen nachdenklichen Blick und setzt sich neben ihn.
„Du hast heute viel gehört, nicht wahr?“
Konrad nickt vorsichtig.
„Ich… ich rede nicht so gern vor anderen“, murmelt er schließlich.
Li-Vrumm kommt fröhlich herbeigehüpft.
„Das ist völlig in Ordnung! Dann fangen wir eben ganz klein an.“
„Ganz klein?“, fragt Konrad unsicher.
„Ja“, sagt LI-VRUMM. „Zum Beispiel mit einem einzigen Satz. Nur für dich. Und vielleicht für uns.“
Konrad zögert.
„Und wenn ich mich verspreche?“
Dendriva lächelt warm.
„Dann ist das kein Fehler. Dann ist das ein Anfang.“
Konrad atmet tief ein. Die LICHTIs warten geduldig. Auch FIDARA schaut ihn ermutigend an.
Schließlich sagt er leise:
„Ich… ich möchte auch so mutig sein wie meine Schwester.“
Die LICHTIs beginnen zu strahlen.
„Das ist ein wunderbarer Satz!“, ruft RIU-LAN.
„Und er ist schon jetzt wahr“, ergänzt DENDRIVA.
Konrad blinzelt überrascht.
„Wirklich?“
„Ja“, sagt LI-VRUMM. „Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, es trotzdem zu versuchen.“
Konrad denkt nach.
„Dann… könnte ich vielleicht auch lernen, mehr zu sprechen?“
„Natürlich“, sagt DENDRIVA. „Alles, was du lernen möchtest, darf wachsen.“
FIDARA rutscht ein Stück näher zu ihrem Bruder.
„Ich finde dich gar nicht so still, wie du immer sagst“, meint sie leise. „Du sagst nur weniger – aber du denkst viel.“
Konrad lächelt ein kleines bisschen.
„Vielleicht… könnte ich das Denken auch ein bisschen nach außen bringen.“
„Genau das ist der Weg!“, ruft LI-VRUMM begeistert.
RIU-LAN holt wieder den kleinen Spiegel hervor, diesmal jedoch ohne ihn auf Konrad zu richten.
„Wir machen heute etwas anderes“, sagt er. „Du musst nicht in den Spiegel schauen. Du darfst in dich hineinschauen.“
„Und was sehe ich da?“, fragt Konrad vorsichtig.
„Einen Jungen, der lernen darf, sich zu zeigen“, sagt DENDRIVA.
Konrad überlegt lange. Dann sagt er:
„Ich möchte… irgendwann einmal vor anderen sprechen können. Vielleicht sogar Geschichten erzählen.“
Die LICHTIs jubeln leise.
„Das ist ein großartiges Ziel!“, sagt LI-VRUMM.
„Und wie fängt man damit an?“, fragt Konrad.
„Mit einem einzigen Satz pro Tag“, erklärt RIU-LAN. „Und mit dem Vertrauen, dass jeder Satz dich stärker macht.“
FIDARA nickt begeistert.
„Dann üben wir zusammen!“, sagt sie.
Konrad schaut sie überrascht an.
„Zusammen?“
„Natürlich“, sagt sie. „Du hast mir auch geholfen.“
Die LICHTIs lächeln zufrieden.
„So entsteht Veränderung“, sagt DENDRIVA leise. „Nicht allein – sondern miteinander.“
Der Wald wird für einen Moment ganz still. Nur das Licht auf der Lichtung flackert sanft zwischen den Blättern.
Und irgendwo in Konrad beginnt etwas Neues zu wachsen: ein kleiner, mutiger Gedanke, der sagt, dass seine Stimme vielleicht doch gehört werden darf.
Am nächsten Tag kehrt Konrad zurück zur Lichtung. Diesmal wirkt er nicht mehr ganz so unsicher wie zuvor. Seine Hände sind zwar noch ein wenig nervös, aber er bleibt stehen, statt sich sofort wieder zurückzuziehen.
Die LICHTIs begrüßen ihn freundlich.
„Du bist wieder da!“, ruft LI-VRUMM.
Konrad nickt.
„Ich habe geübt“, sagt er leise.
„Das ist wunderbar“, sagt DENDRIVA. „Und was hast du geübt?“
Konrad holt tief Luft. Dann sagt er langsam, aber klar:
„Ich kann einen Satz sagen. Auch wenn ich nervös bin.“
Einen Moment ist es still.
Dann lächelt RIU-LAN.
„Und wie fühlt sich das an?“
Konrad überlegt.
„Ein bisschen komisch… aber auch gut.“
FIDARA klatscht leise in die Hände.
„Das ist genau richtig!“, sagt sie stolz.
LI-VRUMM nickt begeistert.
„Dann machen wir jetzt den nächsten Schritt.“
„Den nächsten?“, fragt Konrad.
„Ja“, sagt DENDRIVA sanft. „Einen Satz vor jemand anderem.“
Konrad schluckt.
„Vor… euch?“
„Genau“, sagt RIU-LAN ruhig. „Wir sind ein guter Anfang.“
Konrad schaut in die Runde. Die LICHTIs wirken nicht streng. Nicht fordernd. Nur da. Wartend. Freundlich.
Er atmet ein.
„Okay“, sagt er.
Dann beginnt er:
„Ich… heiße Konrad. Und ich lerne gerade, mutiger zu sprechen.“
Seine Stimme zittert ein wenig. Aber er spricht weiter. Bis zum Ende.
Als er fertig ist, passiert etwas, womit er nicht gerechnet hat.
Die LICHTIs jubeln nicht laut. Sie lachen ihn nicht aus. Sie korrigieren ihn nicht.
Sie lächeln einfach nur.
„Das war sehr gut“, sagt DENDRIVA.
„Und es war echt“, ergänzt LI-VRUMM.
Konrad spürt, wie sich etwas in ihm verändert. Ganz leise. Ganz tief.
„Ich habe es wirklich gesagt“, flüstert er.
FIDARA strahlt ihn an.
„Und ich habe es gehört.“
Konrad lächelt.
Zum ersten Mal fühlt sich seine Stimme nicht mehr klein an.
Sondern möglich.