
Die Flammis lebten dort, wo die Berge von innen warm waren.
Zwischen dunklen Felsen dampften Quellen, aus schmalen Spalten stieg warme Luft, und wenn es Abend wurde, begannen in manchen Steinwänden winzige Mineralien zu glimmen. Die Häuser der Flammis waren halb in den Fels gebaut. Sie hatten runde Türen, kleine Terrassen und Böden, die selbst im Winter angenehm warm blieben.
Fianna mochte ihr Zuhause.
Vor allem mochte sie es am Morgen.
Dann schlüpfte sie aus ihrem Bett, nahm ihre Puppe unter den Arm und lief barfuß durch das Haus, noch bevor die übrige Familie richtig wach war.
Fianna war sechs.
Ihre Puppe war ungefähr vier.
Jedenfalls behauptete Fianna das.
„Sie wächst nur sehr langsam“, erklärte sie, wenn jemand nachfragte.
An diesem Morgen saß die Puppe bereits auf einem kleinen Kissen in der Küche. Fianna hatte ihr ein Tuch um den Kopf gebunden und hielt ihr einen Holzstab an die Brust.
„Tief einatmen“, sagte sie.
Die Puppe sagte nichts.
„Sehr gut.“
Fianna nickte zufrieden.
Ihre Mutter kam herein und blieb stehen.
„Was fehlt ihr heute?“
„Ein bisschen Hals. Und vielleicht Knie.“
„Beides gleichzeitig?“
„Das kommt vor.“
Fiannas Mutter arbeitete mit Heilpflanzen und den warmen Quellen. Sie wusste, welche Kräuter auf kleine Wunden kamen, welche Bäder müde Flammis wieder munter machten und wann man besser gar nichts tat außer schlafen.
Fianna beobachtete sie genau.
Noch genauer beobachtete sie ihre ältere Schwester, die bereits Verbände anlegen konnte.
Und ihren großen Bruder bewunderte sie sowieso.
Er durfte schon allein mit einem Wärmesegler über die Felsschluchten gleiten.
Fianna durfte das nicht.
„Noch nicht“, sagte der Vater jedes Mal.
Er kannte die Feuerkanäle unter den Häusern, reparierte Wärmerohre und achtete darauf, dass aus nützlicher Hitze keine gefährliche wurde.
Fianna fand, dass ihre ganze Familie wichtige Dinge konnte.
Sie selbst konnte hauptsächlich eine Puppe untersuchen.
Aber das sollte sich ändern.
„Wenn ich groß bin“, erklärte sie beim Frühstück, „werde ich Kinderärztin.“
Ihr Bruder nahm einen Bissen Brot.
„Gut.“
Fianna war überrascht.
„Mehr sagst du nicht?“
„Was soll ich sagen?“
„Du könntest beeindruckt sein.“
Er dachte kurz nach.
„Ich bin beeindruckt.“
Das genügte Fianna.

An diesem Tag wollte die Familie zur Funkenwiese.
Die Funkenwiese lag oberhalb des Flammidorfes auf einer breiten, warmen Hochfläche. Zwischen Grasbüscheln und niedrigen Blumen gab es dort Stellen, an denen nachts winzige Lichtfunken aus dem Boden stiegen.
Keiner wusste genau, warum.
Die Erwachsenen hatten Erklärungen.
Die Kinder hatten bessere.
Fianna glaubte, tief unter der Wiese schlafe ein riesiges Feuerwesen und träume.
Wenn es sich im Schlaf bewegte, stiegen Funken auf.
Bis zur Wiese war es weit.
Die Erwachsenen und die größeren Kinder nahmen Wärmesegler.
Fianna nicht.
Sie durfte mit ihrer Schwester gemeinsam auf einem breiten Glutgleiter fahren.
„Festhalten!“, rief die Schwester.
Schon hob sie die warme Luft über einer Felsspalte an.
Der Gleiter glitt über den Boden, hob sich ein kleines Stück, senkte sich wieder und schoss zwischen zwei Felsblöcken hindurch.
Fianna kreischte vor Vergnügen.
Ihre Puppe flog beinahe davon.
„Meine Patientin!“
Fianna packte sie im letzten Augenblick am Fuß.
Hinter ihnen lachte ihr Bruder und zog auf seinem Segler einen weiten Bogen durch die Luft.
„Angeber!“, rief Fianna.
Er winkte.
Auf der Funkenwiese war bereits die halbe Verwandtschaft versammelt.
Großeltern, Cousinen, Cousins, Onkel, Tanten.
Und Oriana.
Fiannas Lieblingstante.
Oriana kam fast nie auf dem geraden Weg irgendwohin. Auch diesmal erschien sie von der falschen Seite der Wiese, mit einer Tasche voller sonderbarer Dinge und einem Schal, der im warmen Aufwind hinter ihr flatterte.
„Fianna!“
Fianna rannte los.
„Oriana!“
Die Puppe wurde zwischen ihnen eingeklemmt.
„Vorsicht“, sagte Fianna. „Sie ist krank.“
Oriana betrachtete die Puppe ernst.
„Schlimm?“
„Hals und Knie.“
„Oh.“
„Aber sie wird durchkommen.“
„Dann bin ich beruhigt.“
Genau deshalb liebte Fianna ihre Tante.
Oriana lachte nie über Dinge, die einem Kind wichtig waren.
Am Nachmittag saßen die Erwachsenen auf warmen Steinen, die Kinder rannten über die Wiese, und aus den Felsspalten stieg hier und da ein dünner Dampfstreifen auf.
Fianna saß etwas abseits und versorgte ihre Puppe.
Dabei hörte sie, wie hinter ihr zwei Erwachsene miteinander sprachen.
Sie erwähnten jemanden, der eine lange Ausbildung machte.
„Jahre dauert das“, sagte einer.
„Und man muss ungeheuer viel lernen.“
„Und Prüfungen!“
„Für so etwas muss man schon sehr gut sein.“
Fianna hielt inne.
Der kleine Verband rutschte ihr aus der Hand.
Sehr gut.
Ungeheuer viel lernen.
Prüfungen.
Jahre.
Sie sah ihre Puppe an.
Auf einmal kam ihr das Ganze albern vor.
Eine Sechsjährige mit einem Holzstab.
Eine Puppe mit einem Tuch um den Kopf.
Kinderärztin.
Fianna nahm der Puppe den Verband wieder ab.
„Du bist gesund“, murmelte sie.
Dann setzte sie sie ins Gras.
Oriana fand Fianna eine Weile später auf einem warmen Stein.
Das war ungewöhnlich.
Fianna saß selten einfach nur herum.
„Ist deine Patientin gesund geworden?“
Fianna zuckte mit den Schultern.
„Ich spiele das nicht mehr.“
Oriana setzte sich neben sie.
„Warum?“
„Weil ich sowieso keine Kinderärztin werden kann.“
„Aha.“
Fianna wartete.
Oriana sagte nichts weiter.
Das war ärgerlich.
„Du solltest fragen, warum.“
„Warum?“
„Weil man dafür ungeheuer viel lernen muss. Und Prüfungen machen. Und Jahre.“
„Das stimmt wahrscheinlich.“
Fianna sah sie empört an.
„Du sollst sagen, dass das nicht stimmt!“
„Warum sollte ich?“
Fianna starrte auf ihre Füße.
Ihre sonst so hellen kleinen Flammenzungen am Haaransatz wirkten plötzlich blasser.
Oriana sah es.
Sie sagte aber nichts davon.
Da hörte man einen Schrei.
Ein kleiner Cousin war beim Funkenhüpfen zu weit gesprungen und auf einem Stein gelandet.
Sofort liefen mehrere Flammis hin.
Fianna auch.
Der kleine Cousin saß im Gras und hielt sich das Knie.
Es blutete ein wenig.
„Nicht anschauen!“, rief er.
„Dann schau mich an“, sagte Fianna.
Er sah sie an.
Fianna kniete sich vor ihn.
„Tut es sehr weh?“
Er nickte.
„Gut. Also schlecht. Aber ich wollte wissen, wie sehr.“
Der kleine Cousin musste trotz seiner Tränen lachen.
Fiannas Mutter kam mit Wasser und einem Tuch.
Fianna blieb daneben.
„Atme einmal langsam“, sagte sie.
Der Kleine schniefte.
„Warum?“
„Weil ich das bei meiner Puppe auch sage.“
Jetzt lachte sogar Fiannas Mutter.
Gemeinsam reinigten sie die Wunde.
Fianna hielt die Hand ihres Cousins.
Nach wenigen Minuten stand er wieder.
„Kann ich weiterspielen?“
„Nein“, sagte Fianna sofort.
Ihre Mutter hob eine Augenbraue.
„Vielleicht in einer kleinen Weile.“
Fianna nickte streng.
„In einer kleinen Weile.“

Oriana hatte alles beobachtet.
Später gingen Tante und Nichte gemeinsam über die Wiese.
Die Sonne sank bereits hinter die Felsen.
Jetzt begann die Funkenwiese zu leuchten.
Hier ein winziger Funke.
Dort zwei.
Dann zehn.
Fianna blieb stehen.
„Schau!“
Überall stiegen kleine Lichtpunkte aus dem Boden und schwebten für einige Augenblicke durch die Abendluft.
„Oriana?“
„Hm?“
„Glaubst du wirklich, dass ich Kinderärztin werden kann?“
Oriana dachte nach.
„Ich weiß es nicht.“
Fianna sah sie verblüfft an.
„Das ist eine blöde Antwort.“
„Aber eine wahre.“
Sie gingen ein paar Schritte weiter.
„Du bist sechs“, sagte Oriana. „Du musst heute noch keine Ärztin sein.“
Fianna schwieg.
„Heute musst du nur herausfinden, was dich interessiert. Morgen vielleicht wieder. Und übermorgen vielleicht etwas anderes.“
„Und wenn ich es wirklich will?“
„Dann lernst du irgendwann den nächsten Schritt.“
„Und die Prüfungen?“
„Die kommen viel später.“
„Und ungeheuer viel lernen?“
Oriana grinste.
„Auch später.“
Fianna dachte nach.
„Dann brauche ich mich heute noch nicht davor zu fürchten.“
„Das wäre ausgesprochen unpraktisch.“
Fianna lachte.
In diesem Augenblick stieg direkt vor ihren Füßen ein kleiner Funke aus dem Gras.
Er schwebte hoch.
Noch einer folgte.
Fianna hob die Hand.
Einer der Lichtpunkte tanzte über ihre Finger.
Und plötzlich leuchteten auch die kleinen Flammen um ihr Gesicht wieder heller.
Oriana bemerkte es.
Diesmal sagte sie etwas.
„Da ist es ja wieder.“
„Was?“
„Dein Feuer.“
Fianna betrachtete ihre Hände.
„War es weg?“
„Nein.“
Oriana schüttelte den Kopf.
„Nur ein bisschen klein.“
Als die Familie später nach Hause glitt, saß Fianna wieder bei ihrer Schwester auf dem Glutgleiter.
Die Puppe hielt sie fest im Arm.
„Ist sie wieder krank?“, fragte ihre Schwester.
„Sehr.“
„Was hat sie?“
Fianna überlegte.
„Etwas Kompliziertes.“
„Oh.“
„Aber keine Sorge.“
Fianna zog die Puppe näher zu sich.
„Ich habe noch ziemlich viel Zeit zum Lernen.“
Über ihnen zog ihr Bruder auf dem Wärmesegler durch die violette Abendluft.
Unter ihnen glommen die warmen Felsen.
Und weit hinter ihnen stiegen die letzten Funken der Funkenwiese in den Himmel.
Fianna sah ihnen nach.
Manche verschwanden schnell.
Andere leuchteten erstaunlich lange.
Und manche brauchten offenbar nur ein wenig Schutz, damit sie nicht erloschen.
So war es auch mit Träumen.
——-
LICHTI fragt dich
Fianna weiß schon ziemlich genau, was sie einmal werden möchte. Aber dann hört sie, wie schwierig der Weg dorthin sein kann – und plötzlich wird ihr innerer Funke ganz klein.
Kennst du das auch?
- Gibt es etwas, das du unbedingt einmal lernen, können oder werden möchtest?
- Hast du schon einmal gedacht: „Das schaffe ich sowieso nicht“?
- Was hilft dir, wenn du den Mut verlierst?
- Gibt es jemanden, der an dich glaubt und dir Mut macht?
- Was kannst du heute schon ein kleines bisschen tun, um deinem Wunsch näherzukommen?
Du musst noch nicht wissen, wie der ganze Weg aussieht. Manchmal genügt der nächste Schritt.
LICHTIs Funkenidee
Male deinen eigenen Funken!
Denk an etwas, das dir besonders wichtig ist oder das du gerne einmal können möchtest.
Male dafür einen ganz eigenen Funken. Er muss überhaupt nicht wie eine richtige Flamme aussehen. Vielleicht ist dein Funke rund oder wild, hat Flügel, Punkte, Zacken oder viele Farben.
Schreibe oder zeichne hinein, wofür er steht.
Vielleicht für …
Musik · Tiere · Sport · Freundschaft · Forschen · Helfen · Reisen · Bauen · Tanzen · Erfinden · Natur · etwas ganz anderes
Gib deinem Funken einen Namen, wenn du möchtest.
Das Drei-Funken-Spiel
Nimm drei kleine Zettel und lege sie nebeneinander.
Auf den ersten schreibst oder zeichnest du:
Das möchte ich einmal können.
Auf den zweiten:
Das kann ich schon ein bisschen.
Und auf den dritten:
Das probiere ich als Nächstes.
Jetzt schau dir deine drei Funken an.
Der erste darf noch weit entfernt sein.
Der zweite zeigt dir, was schon da ist.
Und der dritte ist der wichtigste für heute.
LICHTI meint:
Ein großer Traum muss nicht heute fertig sein. Manchmal reicht es, den nächsten kleinen Schritt zu kennen.
Und vielleicht merkst du irgendwann genau wie Fianna:
Der Funke war gar nicht weg. Er war nur ein bisschen klein geworden.
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Das sind die Vorlagen für die Flammi-Geschichte – Fianna mit und ohne ihre Puppe.

