🌲💦 Vizzli und die zwei vom oberen Bach

Vizzli kannte fast jedes Geräusch an ihrem Waldbächlein.

Das Glucksen hinter dem großen Stein.
Das Kratzen eines Käfers unter trockener Rinde.
Den Ruf der Wasseramsel.
Und natürlich Maraa, wenn sie sich mit einem besonders zufriedenen „Hmmm“ ins feuchte Moos setzte.

An diesem Vormittag aber hörte Vizzli etwas, das hier nicht hingehörte.

Platsch.

Dann:

„Aua!“

Und gleich darauf:

„Ich hab dir doch gesagt, der Stein ist rutschig.“

Vizzli erstarrte.

Menschen?

Nein.

Menschen klangen anders.

Sie duckte sich hinter einen Farn und spähte zum Bach.

Dort saß ein Junge auf einem moosigen Stein. Sein Haar sah aus, als hätte er sich eine halbe Wiese und eine Feder hineingesteckt.

Neben ihm stand ein rundlicherer Wal-Da-Ho mit zwei langen Fühlern auf dem Kopf. An deren Spitzen schimmerten kleine Kugeln.

Der Fühlerjunge hatte einen Fuß im Wasser.

„Kalt“, stellte er fest.

„Das ist ein Bach“, sagte der andere.

„Ich weiß.“

„Bäche sind oft kalt.“

„Das weiß ich jetzt auch.“

Vizzli musste kichern.

Beide drehten sich um.

Vizzli verschwand sofort hinter dem Farn.

„Da war jemand“, sagte der Federjunge.

„Ein Vogel?“

„Vögel kichern nicht.“

„Manche vielleicht.“

Vizzli hielt sich die Hand vor den Mund.

Da hörte sie hinter sich ein tiefes:

„Hmmm.“

Maraa.

Die Erdkröte saß genau neben ihrem Fuß.

„Pssst!“, flüsterte Vizzli.

Maraa sah sie an.

„Warum?“

„Da sind zwei Fremde.“

Maraa schaute am Farn vorbei.

„Wal-Da-Hos.“

„Das sehe ich.“

„Dann sind es keine Fremden.“

„Natürlich können Wal-Da-Hos Fremde sein.“

Maraa dachte darüber nach.

„Stimmt.“

Vizzli wartete.

Die beiden Jungen warteten ebenfalls.

Schließlich rief der mit der Feder:

„Wir gehen nicht näher!“

Das gefiel Vizzli.

Der andere setzte sich hin.

„Und wir sind auch nicht laut.“

Vizzli hob eine Augenbraue.

Der Fühlerjunge überlegte.

„Also … nicht mehr.“

Das gefiel ihr noch besser.

Langsam kam sie hinter dem Farn hervor.

„Ich bin Vizzli.“

Der Federjunge lächelte.

„Ich heiße Quino.“

Der andere hob die Hand.

„Und ich bin Turwikan.“

Vizzli blickte kurz auf seine Fühler.

Turwikan bemerkte es.

„Die gehören zu mir.“

„Hab ich mir gedacht“, sagte Vizzli.

Dann deutete Turwikan auf Maraa.

„Und wer ist das?“

Maraa richtete sich ein kleines Stück höher auf.

„Maraa.“

Turwikan nickte sehr ernst.

„Guten Tag, Maraa.“

Maraa nickte zurück.

Damit war die wichtigste Frage offenbar geklärt.


Quino und Turwikan kamen vom oberen Bachlauf.

Dort war es steiniger und das Wasser rauschte stärker. Sie waren am Morgen losgezogen, weil sie wissen wollten, wohin das Wasser floss.

„Das weiß man doch“, sagte Vizzli.

„Wohin?“, fragte Turwikan.

Vizzli öffnete den Mund.

Dann schloss sie ihn wieder.

Eigentlich wusste sie nur, wohin der Bach hier floss.

Was hinter der großen Biegung kam, wusste sie nicht.

„Na gut“, sagte sie. „Ich komme mit.“

Maraa machte ein tiefes Geräusch.

„Du auch?“, fragte Vizzli.

Maraa bewegte sich keinen Millimeter.

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil ich eine Kröte bin und ihr offenbar vorhabt, unnötig weit zu laufen.“

Das war schwer zu widerlegen.


Also zogen die drei Wal-Da-Hos los.

Vizzli ging vorne.

Quino blieb immer wieder stehen, weil er Vogelstimmen hörte.

Turwikan blieb noch öfter stehen.

„Was machst du da?“, fragte Vizzli irgendwann.

Er kniete vor einem umgestürzten Baumstamm.

„Käfer.“

„Wo?“

Turwikan zeigte auf eine winzige Öffnung im Holz.

Vizzli sah nichts.

„Da drin.“

„Woher weißt du das?“

Seine Fühler bewegten sich leicht.

„Ich weiß es eben.“

Vizzli sah ihn überrascht an.

Vielleicht waren diese Fühler doch nicht bloß Schmuck.

Sie gingen weiter.

Nach einer Weile wurde der Bach breiter. An einer Stelle hatten Zweige und Blätter einen kleinen Damm gebildet.

Vizzli blieb sofort stehen.

„Da müssen wir helfen.“

Sie wollte schon ins Wasser steigen.

„Wem?“, fragte Quino.

Vizzli hielt inne.

„Dem Bach.“

„Braucht er Hilfe?“

Vizzli sah auf das Wasser.

Es floss an einer Seite ruhig um die Zweige herum. Hinter dem kleinen Damm hatte sich eine flache Wasserstelle gebildet.

Darin bewegte sich etwas.

Kaulquappen.

Viele.

Turwikan kniete sich hin.

„Wenn du den Damm wegräumst, ist ihr Tümpel weg.“

Vizzli setzte sich auf einen Stein.

Das war ihr unangenehm.

Sie hatte helfen wollen.

Und beinahe hätte sie dabei etwas zerstört.

Eine Weile sagte niemand etwas.

Dann meinte Quino:

„Vielleicht ist Behüten manchmal ziemlich kompliziert.“

Vizzli sah ihn scharf an.

„Woher weißt du, dass ich Behüterin werden will?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Du hast gerade versucht, einen ganzen Bach zu retten.“

Turwikan nickte.

„Das war auffällig.“

Vizzli musste lachen.


Sie blieben lange bei den Kaulquappen sitzen.

Quino entdeckte über ihnen einen Zaunkönig.

Turwikan fand unter einem Blatt einen Laufkäfer.

Vizzli beobachtete das Wasser.

Drei Wal-Da-Hos.

Drei Arten hinzusehen.

Als die Sonne tiefer stand, machten sie sich auf den Rückweg.

Bei Maraas Moosplatz blieben sie stehen.

„Na?“, fragte Maraa.

„Wir haben etwas entdeckt“, sagte Vizzli.

Maraa sah zum Bach.

„Was?“

Vizzli zeigte auf Quino und Turwikan.

„Dass man zusammen mehr sieht.“

Maraa dachte kurz nach.

„Das stimmt.“

Turwikan setzte sich neben sie.

„Und wir haben Kaulquappen gefunden.“

„Das ist auch gut.“

Quino fragte:

„Was war wichtiger?“

Maraa schloss langsam die Augen.

„Kommt darauf an, wen ihr fragt.“

Dann sagte sie nichts mehr.

Vizzli lächelte.

Quino und Turwikan blieben noch eine Weile am Bach.

Und als am Abend die Vögel leiser wurden, wusste Vizzli bereits, dass sie wiederkommen würden.

Das störte sie überhaupt nicht.

Im Gegenteil.

Denn manchmal begann eine Freundschaft nicht damit, dass jemand viel sagte.

Sondern damit, dass jemand wusste, wann er leise sein musste.