
Für Kinder ab 11. Nach den beiden Teilen gibt es eine Version für jüngere Kinder.
Als Lior zum ersten Mal den Fuß auf Narell setzte, glaubte er, auf einem Traum gelandet zu sein.
Der Boden war schwarz wie erkaltete Nacht und zugleich von feinen weißen und violetten Adern durchzogen, als wäre Licht in den Felsen eingeschlossen worden. Über den stillen Wassern ragten bizarre Steinformen auf, manche wie Türme, andere wie gebogene Flügel. Dazwischen glitten kleine fliegende Scheiben lautlos durch die Luft und zogen goldene Spuren hinter sich her.
Lior war nicht wegen eines Auftrags gekommen.
Nicht wegen Ruhm.
Und auch nicht, um eine neue Welt zu erobern.
Er war gekommen, weil man sich in den Sternenhäfen seit Jahrhunderten eine Geschichte über Narell erzählte:
dass seine Felsen lebten, aber nur mit jenen sprachen, die still genug waren, sie zu hören.
Die meisten hielten das für Unsinn.
Lior nicht.
Er nahm den Helm ab, setzte sich auf einen dunklen Stein am Ufer und wartete.
Zuerst geschah gar nichts.
Nur das leise Summen der kleinen Flugkörper war zu hören, die über das Wasser schwirrten wie aufmerksame Boten. Der Himmel war voller rosafarbener Wolkenbänder, und zwei matte Monde standen über den Zinnen aus schwarzem Gestein.
Lior wartete weiter.
Er dachte an die Unruhe, vor der er geflohen war.
An die lärmenden Städte seiner Heimatwelt.
An Menschen, die immerzu redeten und doch selten etwas sagten.
An die Müdigkeit, die man nicht im Körper spürt, sondern irgendwo hinter dem Herzen.
Da begann der Fels unter ihm ganz leicht zu vibrieren.
Lior erschrak, blieb aber sitzen.
Vor ihm im Wasser erschienen kleine Lichtkreise. Einer nach dem anderen. Dann sah er, dass die weißen und getönten Adern in den schwarzen Felsen aufzuleuchten begannen – erst schwach, dann klarer, wie Gedanken, die langsam Gestalt annehmen.
Eine der kleinen fliegenden Scheiben senkte sich herab. Sie war kaum größer als ein Tisch, silbern, zart und von einem warmen Schein umgeben. Sie schwebte vor Lior und drehte sich einmal langsam um die eigene Achse.
Dann hörte er eine Stimme.
Nicht mit den Ohren.
Mehr in sich selbst.
Warum bist du gekommen?
Lior sah sich um. Niemand war da.
„Ich wollte wissen, ob die Geschichten stimmen“, sagte er leise.
Die Antwort kam sofort.
Die falsche Frage.
Lior schwieg.
Er spürte, dass Narell keine Welt für kluge Ausreden war.
Nach einer Weile sagte er:
„Ich bin gekommen, weil ich nicht mehr wusste, wohin mit meiner Sehnsucht.“
Da wurde das Licht in den Felsen wärmer.
Die fliegende Scheibe stieg etwas höher. Weitere kamen dazu. Nun schwirrten fünf, sechs, sieben kleine Lichterboote über dem Wasser und zwischen den Felszinnen. Überall spiegelten sich goldene Bögen auf der stillen Oberfläche.
Dann bist du richtig, sagte die Stimme.
Aus dem großen gebogenen Felsen auf der anderen Seite des Sees löste sich ein Schimmer, als würde sich eine Tür aus Licht öffnen. Dahinter erschien kein Raum, sondern eine Erinnerung, die nicht seine war.
Lior sah die ersten Wesen von Narell.
Sie waren groß und schlank und trugen Gewänder, die aussahen, als seien sie aus Nebel und Metall zugleich gewoben. Sie hatten diese kleinen Flugschalen gebaut, um die Stimmen der Welt zu sammeln: den Klang des Wassers, das Summen der Lüfte, das Schweigen der Steine und die verborgenen Wünsche der Reisenden.
Doch eines Tages hatten die Wesen von Narell begriffen, dass nicht jede Sehnsucht erfüllt werden darf. Manche muss bewahrt werden, weil sie ein Wesen erst zu dem macht, was es ist.
Darum verließen sie ihre Städte und gingen in das Licht ihrer eigenen Schöpfungen ein.
Seitdem wachten die kleinen Schalen über Narell.
Sie suchten nicht nach Eroberern.
Nicht nach Helden.
Sondern nach jenen, die etwas in sich trugen, das beinahe verlorengegangen war.
Als die Vision endete, war Liors Gesicht nass.
Er wusste nicht einmal, dass er geweint hatte.
„Was soll ich tun?“, fragte er.
Diesmal antwortete nicht die Stimme.
Eine der kleinen Scheiben kam ganz nah an ihn heran und öffnete an ihrer Unterseite einen schmalen Lichtspalt. Darin lag ein winziger Kristall, schwarz wie der Fels und zugleich von milchigem Schimmer durchzogen.
Lior nahm ihn vorsichtig in die Hand.
Sofort wusste er: Dieser Stein würde ihm nie Reichtum bringen. Keine Macht. Keine Sensation für die Sternenpresse.
Aber er würde ihn immer daran erinnern, was er auf Narell verstanden hatte:
Dass Sehnsucht kein Mangel sein muss.
Dass Stille nicht leer ist.
Und dass selbst die dunkelsten Felsen Licht in sich tragen können.
Als Lior später zu seinem Schiff zurückging, schwirrten die kleinen Flugschalen noch einmal kreisend über ihm. Für einen Moment sah es aus, als würden sie ihm den Weg weisen.
Er drehte sich um.
Die schwarzen Felsen standen still am Wasser, ihre weißen und violetten Akzente leuchteten sanft in der Dämmerung, und hoch oben zog eine der kleinen Scheiben eine goldene Linie in den Himmel.
Lior lächelte.
Er würde Narell verlassen.
Aber nicht mehr als derselbe, der gekommen war.

Fortsetzung
Die Lichtschalen von Narell
Drei Jahre nach seiner ersten Reise kehrte Lior zurück.
Diesmal kam er nicht allein.
Neben ihm saß Seya.
Sie war jünger als er, ungeduldiger und überzeugt davon, dass sich jedes Problem zumindest teilweise lösen ließ, wenn man nur genügend gute Fragen stellte.
„Und dort hast du den Stein bekommen?“
Lior nickte.
„Von einer fliegenden Schale.“
„Und sie hat mit dir gesprochen.“
„Ja.“
„In deinem Kopf.“
„Ja.“
Seya sah ihn von der Seite an.
„Du weißt, wie das klingt.“
„Sehr vernünftig.“
„Eher nicht.“
Lior lächelte.
Genau deshalb hatte er sie mitgenommen.
Narell hatte sich nicht verändert.
Die dunklen Felsen.
Die hellen Adern.
Das stille Wasser.
Die kleinen Schalen.
Nur etwas war anders.
Sie kamen diesmal sofort.
Drei schwebten neben dem Schiff, noch bevor die Landeklappen geöffnet waren.
Seya trat hinaus.
„Also gut.“
Eine der Schalen senkte sich vor ihr.
„Hallo.“
Lior sagte nichts.
Seya wartete.
Die Schale ebenfalls.
„Muss ich etwas Besonderes tun?“
„Nein.“
„Das ist unpraktisch.“
Dann kam die Stimme.
Warum bist du gekommen?
Seya lächelte.
„Weil ich wissen will, ob Lior verrückt ist.“
Lior sah sie an.
Die Schale blieb vollkommen still.
Seya hob die Schultern.
„Und weil ich eine Entscheidung treffen muss.“
Da veränderte sich das Licht.
Lior erkannte es sofort.
„Jetzt beginnt es.“
„Was?“
„Narell.“
Die Felsen öffneten diesmal keine Erinnerungen.
Sie zeigten Möglichkeiten.
Seya sah sich selbst in drei verschiedenen Leben.
Im ersten blieb sie in ihrer Heimatstadt.
Sie hatte Sicherheit, Freunde, eine gute Arbeit.
Sie wurde älter.
Es war kein schlechtes Leben.
Im zweiten ging sie fort.
Sie bereiste fremde Welten, arbeitete an gefährlichen Projekten, liebte Menschen, verlor manche wieder und kam verändert zurück.
Auch kein schlechtes Leben.
Im dritten tat sie gar nichts.
Sie schob die Entscheidung immer weiter hinaus.
Das Leben wurde kleiner.
Nicht wegen eines Unglücks.
Nur wegen der Angst, sich falsch zu entscheiden.
Seya wurde blass.
„Das ist unfair.“
Lior sah sie an.
„Was?“
„Alle Wege kosten etwas.“
Die Stimme antwortete.
Natürlich.
Seya wurde wütend.
„Dann was soll ich wählen?“
Das können wir nicht wissen.
„Wozu zeigt ihr mir das dann?“
Keine Antwort.
Seya drehte sich zu Lior.
„Hast du das damals auch so gehasst?“
„Sehr.“
Sie musste lachen.
Nur kurz.
Dann setzte sie sich ans Ufer.
Später kam eine kleine Schale zu ihnen.
Sie trug keinen Kristall.
Keinen Stein.
Nichts.
„Das ist alles?“, fragte Seya.
Die Schale schwebte höher.
Du brauchst nichts von hier mitzunehmen.
Seya sah ihr nach.
„Frech.“
Lior grinste.
„Du magst sie.“
„Überhaupt nicht.“
„Natürlich.“
Auf dem Rückflug sagte Seya lange nichts.
Dann:
„Ich gehe.“
Lior sah nicht zu ihr.
„Wohin?“
„Auf die Forschungsmission.“
„Gut.“
„Das sagst du jetzt so.“
„Was soll ich sonst sagen?“
Seya dachte nach.
„Vielleicht, dass es gefährlich ist.“
„Ist es.“
„Dass ich vielleicht scheitere.“
„Wahrscheinlich an irgendetwas.“
Sie schnaubte.
„Du bist nicht besonders tröstlich.“
„Narell hat abgefärbt.“
Seya sah hinaus ins All.
„Ich habe trotzdem Angst.“
Lior nickte.
„Das sollst du vielleicht auch.“
Sie sah ihn an.
„Und das ist okay?“
„Nein.“
Er lächelte.
„Aber du kannst trotzdem gehen.“
Hinter ihnen wurde Narell kleiner.
Die letzten Lichtschalen zogen goldene Bögen über die dunkle Oberfläche.
Seya sah ihnen nach, bis sie verschwanden.
Dann stellte sie den Kurs neu ein.
Kürzere Kinderfassung
Die Lichtschalen von Narell
Lior war noch nie auf einer Welt wie Narell gewesen.
Die Felsen waren fast schwarz, aber darin schimmerten weiße, violette und goldene Linien. Über dem stillen Wasser flogen kleine runde Schalen durch die Luft. Sie summten leise und hinterließen helle Spuren.
„Sind das Fluggeräte?“, fragte Lior.
Niemand antwortete.
Er setzte sich auf einen Stein am Ufer.
Zuerst geschah nichts.
Dann begann der Fels unter ihm ganz leicht zu vibrieren.
Eine der kleinen Schalen kam näher.
Lior erschrak.
Plötzlich hörte er eine Stimme.
Nicht mit den Ohren.
Mehr in seinem Kopf.
Warum bist du hier?
Lior dachte nach.
„Weil ich neugierig bin.“
Die Schale blieb still.
Lior spürte, dass das nicht die ganze Wahrheit war.
„Und weil ich manchmal nicht weiß, wo ich hingehöre.“
Da leuchteten die Linien in den Felsen heller.
Eine zweite Schale kam dazu.
Dann eine dritte.
Sie kreisten um Lior, ohne ihn zu berühren.
Vor ihm öffnete sich im großen Felsen ein heller Spalt.
Darin sah Lior Bilder.
Menschen, die lachten.
Kinder, die etwas bauten.
Wesen, die Abschied nahmen.
Eine Frau, die jemandem die Hand reichte.
Ein alter Mann, der allein weiterging.
Lior verstand nicht alles.
Aber er spürte etwas.
Jeder hatte einmal Angst.
Jeder hatte einmal Zweifel.
Und trotzdem gingen viele weiter.
Die Stimme kam wieder.
Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben.
Lior sah auf.
„Sondern?“
Trotzdem weiterzugehen.
Eine der Schalen öffnete sich.
Darin lag ein kleiner dunkler Stein mit einem hellen Streifen.
Lior nahm ihn.
„Für mich?“
Damit du dich erinnerst.
Als Lior später zu seinem Schiff zurückging, fühlte er sich nicht plötzlich mutig.
Aber ein bisschen weniger allein.
Und manchmal war das schon genug.
Aufgabe / Impuls
Stell dir vor, eine der Lichtschalen auf Narell kommt ganz langsam zu dir und zeigt dir drei mögliche Wege in deine Zukunft.
Zeichne oder beschreibe diese drei Wege:
- einen Weg, auf den du dich freust,
- einen Weg, vor dem du ein bisschen Angst hast,
- einen Weg, den du dir heute noch gar nicht vorstellen kannst.
Dann entscheide: Welchen würdest du zuerst erkunden – und warum?
Wichtig: Es gibt keine richtige Lösung. Auf Narell geht es nicht darum, die Zukunft vorherzusagen, sondern darum, den eigenen Mut und die eigenen Wünsche besser kennenzulernen.
LICHTI-Impuls: Drei Wege
Die LICHTIs würden nicht fragen: „Welcher Weg ist der richtige?“
Sie würden eher sagen:
„Manchmal merkt man erst beim Losgehen, was zu einem passt.“
Darum:
Denk an eine Entscheidung, die vor dir liegt.
Zeichne drei kleine Wege:
- einen, der sich leicht und vertraut anfühlt,
- einen, der dir Mut abverlangt,
- einen, über den du noch fast nichts weißt.
Dann frag dich:
Welcher Weg macht mich neugierig?
Welcher macht mir Angst?
Welchen würde ich trotzdem gern ein Stück ausprobieren?
Und wenn du magst, schreib daneben einen LICHTI-Satz für dich selbst:
„Ich muss nicht alles wissen. Ich darf den nächsten Schritt herausfinden.“