🌟 Das Märchen vom Sonnenschein

Es gab einmal ein Mädchen, das Sonnenschein genannt wurde.

Nicht, weil es immer fröhlich war.

Das ist wichtig.

Man nannte es so, weil etwas an ihm die Welt heller machte.

Wenn Sonnenschein durch eine Wiese ging, ging sie langsam. Sie musste wissen, welche Blumen gerade blühten, wo die Ameisen ihre neuen Straßen gebaut hatten und ob der alte Apfelbaum hinter dem Haus noch immer denselben Ast zum Himmel streckte.

Manchmal legte sie beide Hände auf seine Rinde und stand einfach da.

„Was machst du?“, fragten die Erwachsenen.

„Ich höre.“

„Da gibt es nichts zu hören.“

Sonnenschein wunderte sich darüber.

Natürlich gab es etwas zu hören.

Es gab überhaupt überall etwas zu hören.

Das leise Knacken eines Baumes im Wind. Das ungeduldige Scharren eines Vogels im Laub. Das Summen einer Hummel in einer Blüte. Den Regen, lange bevor er fiel.

Und nachts gab es die Sterne.

In manchen Nächten träumte Sonnenschein, sie könne fliegen. Dann war die Erde weit unter ihr und über ihr lag ein Himmel, der keine Grenze hatte. Dort begegnete sie Wesen, deren Namen sie am Morgen nicht mehr wusste. Sie tanzten mit ihr, und manchmal sangen sie.

Die Melodien vergaß sie nie ganz.

Nur wurden sie mit den Jahren leiser.

Denn Sonnenschein wuchs unter Menschen auf, denen andere Dinge wichtig waren.

Man musste vernünftig sein.

Man musste sich benehmen.

Man durfte nicht zu laut lachen, nicht zu viel träumen, nicht so empfindlich sein, nicht ständig irgendetwas hinterfragen und schon gar nicht glauben, dass ein Baum etwas zu erzählen habe.

„Du bildest dir zu viel ein“, hörte sie oft.

Oder:

„Das Leben ist kein Spiel.“

Oder:

„Du wirst schon noch sehen.“

Was genau sie sehen sollte, wusste Sonnenschein nicht.

Aber allmählich begann sie zu glauben, dass die Erwachsenen vielleicht recht hatten.

Das war der Anfang.

Nicht eines großen Unglücks. Große Unglücke erkennt man wenigstens.

Es begann viel unscheinbarer.

Sonnenschein hörte auf, von ihren Träumen zu erzählen.

Dann hörte sie auf zu singen, wenn jemand in der Nähe war.

Dann tanzte sie nur noch, wenn sie allein war.

Und irgendwann tanzte sie auch allein nicht mehr.

Es gab einen Menschen in ihrer Umgebung, dessen Worte besonders schwer waren. Sie konnten einen Raum verändern. Eben noch war Luft darin gewesen, und plötzlich schien alles eng.

Als Kind hatte Sonnenschein geglaubt, Worte seien unsichtbar.

Nun wusste sie es besser.

Manche Worte waren rote Blitze.

Andere waren schwarzer Rauch.

Und manche legten sich wie kleine Steine ins Herz.

Ein einzelner Stein wog fast nichts.

Aber Sonnenschein sammelte viele.

Sie bemühte sich umso mehr, freundlich zu sein. Sie wollte keinen Streit. Sie wollte niemanden enttäuschen. Sie wollte beweisen, dass sie gut war.

Also wurde sie vernünftig.

Sie lernte, was von ihr erwartet wurde. Sie wählte Wege, die andere für richtig hielten. Sie sagte Ja, wenn sie Nein meinte, und manchmal Nein, wenn in ihr alles Ja rief.

Die Jahre vergingen.

Aus dem Mädchen wurde eine junge Frau.

Sie war freundlich, zuverlässig und angesehen.

Und sehr müde.

Nur manchmal, mitten in der Nacht, wenn alles still war, erinnerte sie sich an etwas.

An eine Wiese.

An einen alten Apfelbaum.

An Musik.

An das Gefühl zu fliegen.

Dann weinte sie.

Einmal ging sie hinaus in den Garten, weil sie ihre Tränen vor niemandem erklären wollte.

Sie setzte sich auf die Erde und weinte lange.

„Ich möchte wieder nach Hause“, flüsterte sie.

Aber sie wusste nicht, welchen Ort sie damit meinte.

Am nächsten Morgen entdeckte sie dort, wo sie gesessen hatte, eine kleine blaue Blume.

Sonnenschein kannte viele Pflanzen.

Diese kannte sie nicht.

Sie kniete sich hin.

„Wo kommst du denn her?“

Natürlich antwortete die Blume nicht.

Jedenfalls nicht so, wie Menschen antworten.

Aber für einen winzigen Augenblick war da dieses alte Gefühl.

Als hätte etwas sie gehört.

In der folgenden Nacht träumte Sonnenschein wieder.

Sie stand auf einer weiten Ebene unter einem Sternenhimmel. Vor ihr saß eine alte Frau auf einem Stein.

Sie hatte weder Flügel noch ein weißes Gewand. Eigentlich sah sie überhaupt nicht aus wie ein Engel.

„Bist du ein Engel?“, fragte Sonnenschein.

Die Alte zuckte mit den Schultern.

„Wenn du unbedingt einen brauchst.“

„Ich möchte wieder so werden wie früher.“

„Warum?“

Sonnenschein war verblüfft.

„Weil ich damals glücklich war.“

Die Alte schüttelte den Kopf.

„Du kannst nicht zurück.“

Sonnenschein begann zu weinen.

„Dann ist alles verloren.“

„Unsinn.“

Die Alte klopfte auf den Platz neben sich.

„Du sollst nicht wieder das Kind werden, das du warst. Du sollst die Frau werden, die dieses Kind nicht mehr verlassen muss.“

Dann wachte Sonnenschein auf.

Dieser Satz blieb.

Zunächst änderte sich fast nichts.

Am nächsten Tag waren dieselben Menschen da, dieselben Pflichten, dieselben Sorgen.

Aber als Sonnenschein etwas tun sollte, das sie nicht wollte, hörte sie sich plötzlich sagen:

„Nein.“

Nur dieses eine Wort.

Ihr Herz schlug wie wild.

Die Welt ging nicht unter.

Einige Menschen waren beleidigt.

Auch das überlebte sie.

Später sagte sie ein zweites Nein.

Und eines Tages sagte sie zu etwas anderem ein großes, beinahe vergessenes Ja.

Sie begann wieder Musik zu machen.

Sie ging hinaus.

Sie suchte Menschen, bei denen sie nicht kleiner werden musste, damit diese sich größer fühlen konnten.

Sie lernte Künstler kennen, Gärtnerinnen, Musiker, Heilerinnen, Zweifler, Suchende, stille Menschen und herrlich verrückte Menschen.

Nicht alle blieben.

Nicht alle waren gut für sie.

Auch das musste Sonnenschein lernen.

Denn wer lange nach Heimat hungert, hält manchmal schon eine offene Tür für ein Zuhause.

Mit der Zeit wurde sie vorsichtiger.

Aber nicht härter.

Das war ihr wichtig.

Sie wollte nicht werden wie jene, unter denen sie gelitten hatte.

Sie wollte weich bleiben, ohne wehrlos zu sein.

Sie wollte vergeben können, ohne zu vergessen, was sie gelernt hatte.

Und sie wollte lieben, ohne sich selbst dafür aufzugeben.

Das dauerte Jahre.

Jahrzehnte sogar.

Märchen verschweigen das gern.

Sie behaupten, ein Kuss, ein Zauberspruch oder ein glücklicher Zufall könne alles verwandeln.

Sonnenschein wusste es besser.

Manche Verzauberungen lösen sich langsam.

Ein Nein nach dem anderen.

Ein Ja nach dem anderen.

Eine Entscheidung nach der anderen.

Es gab Rückschläge. Menschen verletzten sie. Hoffnungen zerbrachen. Sie irrte sich. Sie vertraute den Falschen. Manchmal war sie erschöpft und manchmal wieder das kleine Mädchen, das glaubte, sich nur genug anstrengen zu müssen, damit alle anderen endlich freundlich würden.

Dann ging sie in den Garten.

Dort waren inzwischen viele jener seltsamen Blumen gewachsen.

Weiße.

Blaue.

Goldene.

Eine sogar dunkelrot.

Sie erschienen nie dort, wo Sonnenschein glücklich gewesen war.

Sie wuchsen immer an Stellen, an denen sie geweint hatte.

Eines Tages begriff sie.

Die Blumen waren nicht aus ihrem Leid entstanden.

Sie waren aus dem entstanden, was sie mit ihrem Leid gemacht hatte.

Aus Schmerz konnte Mitgefühl werden.

Aus Einsamkeit die Fähigkeit, einen einsamen Menschen zu erkennen.

Aus Unterdrückung ein feines Gespür für Freiheit.

Aus Angst Mut.

Und aus all den Jahren, in denen andere ihr erklärt hatten, wer sie sein sollte, war schließlich eine Frau geworden, die selbst wusste, wer sie war.

In einer Sommernacht saß Sonnenschein wieder unter dem alten Apfelbaum.

Er war inzwischen knorrig geworden.

Sie übrigens auch ein wenig.

Sie legte beide Hände auf seine Rinde.

Lange geschah nichts.

Dann raschelten seine Blätter.

Sonnenschein lächelte.

„Ja“, sagte sie. „Ich höre dich noch.“

Über ihr standen die Sterne.

Und irgendwo, sehr weit entfernt oder vielleicht ganz nah, begann jene Musik zu spielen, die sie als Kind gehört hatte.

Da verstand Sonnenschein endlich etwas, wonach sie ihr ganzes Leben gesucht hatte.

Sie war nie aus der Sternenwelt verbannt worden.

Sie hatte sie nur an einem Ort gesucht, zu dem sie zurückkehren müsste.

Dabei hatte sie sie die ganze Zeit mit sich getragen.

Und wenn Sonnenschein heute einem Menschen begegnet, der sein eigenes Leuchten beinahe vergessen hat, sagt sie nicht:

„Du musst positiv denken.“

Sie sagt auch nicht:

„Alles hat seinen Sinn.“

Sie setzt sich einfach dazu.

Sie hört zu.

Und manchmal erzählt sie von einem Garten, in dem an den Stellen, an denen ein Mensch geweint hat, Blumen wachsen können.

Nicht weil Leid schön wäre.

Sondern weil selbst dort, wo etwas verletzt wurde, wieder etwas Lebendiges beginnen kann.

Und dann wartet sie.

Denn Sonnenschein hat gelernt:

Man kann einem anderen Menschen nicht befehlen zu leuchten.

Aber manchmal kann man ihm helfen, sich daran zu erinnern, dass in ihm noch Licht ist.