
Das Treffen der vier Welten
Die Sternenkonferenz fand nur alle sieben Jahre statt.
Dann kamen Wesen aus den verschiedensten Winkeln des Himmels zusammen: Forscherinnen, Musiker, Gärtnerinnen, Geschichtenerzähler, Erfinder, Reisende und Leute, die eigentlich gar nicht recht wussten, weshalb sie eingeladen worden waren.
Faxi gehörte zur letzten Gruppe.
Er saß gerade vor einer Schale mit etwas, das aussah wie violetter Schnee und nach Pfefferminze schmeckte, als sich neben ihm ein ziemlich rundliches Wesen niederließ.
„Lor-Lo“, sagte es.
„Faxi.“
Lor-Lo sah auf Faxís Schale.
„Das isst du freiwillig?“
„Natürlich.“
„Bei uns würde man so etwas höchstens zum Kühlen von Getränken verwenden.“
Faxi wollte gerade antworten, als sich ihnen Grona näherte. Hinter ihr kam Zissa, die bei jedem Luftzug fröstelnd die Schultern hochzog.
„Ist es hier immer so kalt?“, fragte Zissa.
Faxi sah erstaunt zur großen gläsernen Decke der Konferenzhalle. Draußen funkelten drei Sonnen.
„Kalt?“
„Fürchterlich.“
Lor-Lo nickte verständnisvoll.
„Ein wenig zugig ist es schon.“
Grona lachte.
Damit begann ihre Freundschaft.
Am Nachmittag sollten die Teilnehmer der Sternenkonferenz von ihren Heimatwelten erzählen.
Zissa begann.
Ihr Planet Zalara war heiß. Sehr heiß.
Die Zissari liebten die Wärme. Ihre Häuser hatten offene Wände, breite Schattensegel und Dächer, auf denen nachts gegessen, erzählt und musiziert wurde. Zur Mittagszeit ruhten viele, dafür begann das eigentliche Leben erst, wenn die große Sonne tief stand.
„Bei uns sind zweiundvierzig Grad ein angenehmer Nachmittag“, erklärte Zissa.
Lor-Lo verschluckte sich beinahe.
„Zweiundvierzig?“
„Natürlich.“
„Bei zweiundvierzig Grad würde ich mich in einen Keller legen und bis zum Herbst nicht mehr herauskommen.“
Nun war Lor-Lo an der Reihe.
Seine Heimat Loroa hatte sanfte Jahreszeiten, breite Täler und ein Klima, das selten Überraschungen machte. Die Lorani liebten große Tische, gute Mahlzeiten, gemütliche Häuser und lange Gespräche.
„Wir haben sogar Bänke an den Wanderwegen“, erzählte Lor-Lo stolz.
„Zum Ausruhen?“, fragte Faxi.
„Natürlich.“
„Während des Wanderns?“
„Wann denn sonst?“
Faxi schüttelte verständnislos den Kopf.
Auf seinem Planeten Faron wehte fast ständig Wind. Die Faxiri waren daran gewöhnt, rasch zu reagieren. Ihre Häuser standen windgeschützt zwischen Felsen, Wege führten über schmale Höhenzüge, und viele Faxiri bewegten sich am liebsten schnell.
„Bei uns gibt es Rennen über die Wolkenhänge“, sagte Faxi.
Lor-Lo wurde blass.
„Warum?“
„Weil es Spaß macht.“
„Man könnte dort doch genauso gut langsam gehen.“
„Aber warum sollte man?“
Nun mischte sich Grona ein.
Ihre Welt Grunava war feucht, warm und so grün, dass Besucher anfangs glaubten, der Himmel selbst müsse irgendwo unter den Pflanzen versteckt sein. Die Groni lebten zwischen riesigen Farnen, Wasserläufen und Bäumen, deren Äste ganze Wohnplätze trugen.
„Bei uns regnet es fast jeden Tag“, sagte Grona.
Zissa starrte sie an.
„Jeden Tag?“
„Fast.“
„Und ihr lebt trotzdem dort?“
„Wir lieben es!“
Zissa sah aus, als hätte Grona behauptet, ihr Volk schlafe freiwillig in Suppentöpfen.
Am Abend saßen die vier zusammen.
Zuerst hatten sie alle geglaubt, ihre Heimat sei selbstverständlich die angenehmste.
Nun waren sie sich da nicht mehr ganz so sicher.
Oder vielmehr: Jeder war noch immer überzeugt, auf einem wunderbaren Planeten zu leben.
Aber keiner konnte mehr behaupten, dass die anderen deshalb falsch lagen.
„Vielleicht“, sagte Grona langsam, „ist das, was für uns gut ist, nicht automatisch für alle gut.“
Lor-Lo nickte.
„Ich jedenfalls möchte nicht auf Faron über Wolkenhänge rennen.“
„Und ich möchte nicht drei Stunden beim Mittagessen sitzen“, sagte Faxi.
„Zwei“, korrigierte Lor-Lo.
„Das macht es nicht besser.“
Zissa lachte.
Dann wurde sie plötzlich nachdenklich.
„Aber warum mögen wir unsere Welten eigentlich so sehr?“
Eine Weile sagte niemand etwas.
„Weil wir dort leben können, wie es zu uns passt“, meinte Grona schließlich.
Lor-Lo dachte noch länger nach.
„Und weil wir uns dort wohlfühlen.“
Faxi sah die anderen an.
„Also wollen wir eigentlich alle dasselbe.“
„Was?“, fragte Zissa.
„Glücklich sein.“
Diesmal widersprach niemand.
Noch in derselben Nacht fassten sie einen Plan.
Sie wollten sich wiedersehen.
Nicht irgendwann.
Jedes Jahr.
Und jedes Mal auf einem anderen ihrer vier Planeten.
Das erste Treffen sollte auf Zalara stattfinden.
Lor-Lo verlangte allerdings schriftlich die Zusicherung, dass es dort Schatten gebe.
Ein Jahr später stand er tatsächlich auf Zalara.
Er trug einen riesigen Sonnenhut, ein Kühlband um den Hals und hielt in jeder Hand eine Flasche Wasser.
„Ich bin vorbereitet“, sagte er.
Zissa betrachtete ihn.
„Du siehst aus wie ein wandernder Vorratsschrank.“
Faxi lachte so sehr, dass er beinahe über eine niedrige Mauer stolperte.
Doch schon nach einem Tag merkten die drei Gäste, dass Zalara viel mehr war als Hitze.
Sie lernten Zissas Familie kennen, probierten süße Früchte, spielten ein Ballspiel, bei dem der Ball niemals den Boden berühren durfte, und wanderten am Abend durch rote Felsen, als die Luft endlich kühler wurde.
In der Nacht saßen sie auf einem Dach.
Über ihnen spannte sich ein Himmel voller Sterne.
Zissas Großmutter brachte ein kleines Saiteninstrument.
Faxi holte seine Flöte hervor.
Grona klopfte mit den Fingern einen Rhythmus auf einen hohlen Fruchtkörper.
Lor-Lo behauptete zunächst, er könne überhaupt kein Instrument spielen.
Dann stellte sich heraus, dass er erstaunlich gut singen konnte.
Im nächsten Jahr trafen sie sich auf Loroa.
Dort lernte Faxi, dass langsames Wandern nicht dasselbe war wie langweiliges Wandern.
Er entdeckte Dinge, an denen er sonst vorbeigerannt wäre: kleine Käfer unter Steinen, den Duft warmer Kräuter und einen Vogel, dessen Ruf wie zwei aneinandergeschlagene Gläser klang.
Auf Grunava wiederum wurde Zissa bei jedem Regenschauer nass.
Am ersten Tag ärgerte sie sich.
Am zweiten Tag trug sie einen breiten Blätterhut.
Am dritten Tag sprang sie mit Grona durch eine Pfütze.
Und auf Faron stellte Lor-Lo fest, dass man tatsächlich über einen Wolkenhang laufen konnte.
Allerdings nur einmal.
Danach setzte er sich auf einen Stein und erklärte, nun sei genug Abenteuer für den restlichen Monat.
Mit jedem Jahr wurden die Treffen länger.
Sie lernten Familien kennen, Nachbarn, Tiere, Spiele und Lieder.
Manchmal fanden sie etwas wunderbar.
Manchmal merkwürdig.
Manchmal überhaupt nicht nach ihrem Geschmack.
Doch sie hatten aufgehört, aus einem Unterschied sofort ein Urteil zu machen.
Wenn etwas seltsam erschien, fragten sie nun:
„Warum macht ihr das so?“
Und erstaunlich oft gab es darauf eine gute Antwort.
Nicht immer.
Manchmal lautete die Antwort auch:
„Keine Ahnung. Das machen wir eben schon immer so.“
Dann mussten alle lachen.
Am letzten Abend jedes Treffens gehörte die Zeit nur ihnen vieren.
Sie spielten, wanderten, machten irgendeinen Wettkampf, bei dem Lor-Lo meistens versuchte, die Regeln gemütlicher zu gestalten, und musizierten anschließend gemeinsam.
Aus vier sehr verschiedenen Arten von Musik war inzwischen etwas Eigenes entstanden.
Kein Lied von Zalara.
Keines von Loroa.
Keines von Grunava oder Faron.
Es war ihres.
Am nächsten Morgen reisten sie wieder heim.
Und auf vier Planeten geschah etwas Ähnliches.
„Was habt ihr erlebt?“, wollten alle wissen.
Dann erzählten Faxi, Grona, Lor-Lo und Zissa.
Von Dingen, die anders waren.
Von Dingen, die sie überrascht hatten.
Von Dingen, die sie niemals selbst so machen würden.
Und von Dingen, die sie unbedingt ausprobieren wollten.
Vor allem aber erzählten sie voneinander.
Und irgendwann kannten auf vier Planeten viele Bewohner Wesen, die sie nie selbst getroffen hatten.
Nicht als Fremde.
Sondern als:
die Freunde unserer Freunde.
Und vielleicht war genau das das Wichtigste, was damals bei einer Sternenkonferenz begonnen hatte.

