Ein Jahr nach ihrem Treffen auf Zalara machten sich Faxi, Grona und Zissa auf den Weg nach Loroa.
Schon von oben sah Lor-Los Heimatplanet ganz anders aus als Zalaras heiße Felsenwelt. Unter ihnen lagen breite grüne Täler, sanfte Hügel, helle Wege, kleine Wälder und glitzernde Bäche. Nichts wirkte schroff oder wild. Alles sah freundlich, ruhig und einladend aus.
„Sieht gemütlich aus“, sagte Grona.
„Ist es auch“, antwortete Lor-Lo zufrieden.
„Vor allem sieht es nicht zu heiß aus“, meinte Zissa erleichtert.
Faxi beugte sich neugierig zum Fenster.
„Und wo sind die Wolkenhänge?“
Lor-Lo sah ihn ernst an.
„Es gibt auf Loroa keine Wolkenhänge.“
Faxi seufzte.
„Schade.“
„Dafür gibt es bei uns sehr gute Bänke“, sagte Lor-Lo.
„Bänke?“, fragte Zissa.
„Überall.“
Lor-Lo sagte das mit so viel Stolz, als hätte er gerade ein Weltwunder angekündigt.
Als sie gelandet waren, standen Lor-Los Eltern schon bereit, um die Gäste zu begrüßen.
Seine Mutter war rundlich, freundlich und trug ein weiches blaugrünes Tuch um die Schultern. Sein Vater hatte eine warme, ruhige Stimme und bewegte sich so gelassen, als hätte er für jede Handlung doppelt so viel Zeit wie andere Wesen.
„Willkommen auf Loroa“, sagte seine Mutter. „Ihr seid sicher hungrig.“
„Ein bisschen“, antwortete Grona höflich.
„Sehr“, sagte Zissa.
„Immer“, sagte Faxi.
Lor-Lo nickte.
„Das dachte ich mir.“
Sein Vater deutete auf einen Weg, der von blühenden Kräuterrändern gesäumt war.
„Kommt zuerst mit nach Hause. Reisen soll man nie mit leerem Magen ausklingen lassen.“
Faxi wollte eigentlich lieber sofort alles ansehen, aber schon nach wenigen Schritten stieg ihm ein so guter Duft in die Nase, dass er seine Meinung änderte.
Es roch nach warmem Brot, frischen Kräutern und etwas Süßem, das er nicht kannte.
„Also gut“, sagte er. „Vielleicht kann Besichtigen kurz warten.“
Lor-Lo grinste.
„Das ist ein sehr loranischer Gedanke.“
Lor-Los Zuhause lag am Rand eines Tals, in dem ein heller Bach zwischen runden Steinen dahinfloss. Das Haus hatte breite Fenster, ein schattiges Vordach und eine Terrasse mit einem langen Tisch.
Und tatsächlich stand dort schon ein Essen bereit.
Es gab knusprige Fladen, weiche kleine Teigkissen mit Kräuterfüllung, cremige Dips, goldene Knusperringe und eine große Schüssel mit warmen Beerenstücken.
„So“, sagte Lor-Los Mutter. „Jetzt könnt ihr erst einmal ankommen.“
Zissa setzte sich glücklich.
„Das gefällt mir.“
Faxi nahm einen Fladen und biss hinein.
„Oh!“
„Gut?“, fragte Grona.
Faxi nickte mit vollem Mund.
„Sehr gut.“
Lor-Lo lehnte sich zufrieden zurück.
„Ich habe euch doch gesagt, dass Loroa seine Vorteile hat.“
„Das mit den Bänken hätte mich allein noch nicht überzeugt“, sagte Zissa.
„Warte ab“, erwiderte Lor-Lo geheimnisvoll. „Die Bänke kommen noch.“
Nach dem Essen führte Lor-Lo seine Freunde durch das Tal.
Überall summte und zirpte es. Zwischen den Gräsern wuchsen kleine blaue und gelbe Blüten, und an manchen Stellen duftete die Luft nach Minze, Honig oder sonnig warmen Kräutern.
Faxi lief erst ein paar Schritte voraus, blieb dann plötzlich stehen und ging langsamer.
Zissa bemerkte es sofort.
„Was ist denn mit dir los?“
Faxi zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß nicht. Hier rennt man irgendwie nicht automatisch.“
„Siehst du!“, sagte Lor-Lo. „Loroa beruhigt.“
Grona blieb vor einem flachen Stein stehen, auf dem ein winziger Käfer mit schillerndem Panzer saß.
„Schaut mal, wie schön der ist!“
Faxi kniete sich hin.
„Den hätte ich auf Faron nie bemerkt.“
Lor-Lo nickte.
„Bei uns sieht man viel, wenn man nicht dauernd in Eile ist.“
Da ertönte aus einem Busch ein seltsamer Ruf:
Kling-klong. Kling-klong.
Zissa sah sich suchend um.
„Was war das?“
Ein kleiner graubrauner Vogel hüpfte auf einen Zweig und rief noch einmal:
Kling-klong!
Faxi musste lachen.
„Der klingt ja wie zwei Gläser!“
„Das ist ein Tontalvogel“, erklärte Lor-Lo. „Er ruft immer so.“
„Ich mag ihn“, sagte Grona.
„Ich auch“, sagte Zissa. „Er klingt, als hätte jemand Musik in einen Vogel gesteckt.“
Wenig später kamen sie an den ersten Bänken vorbei.
Dann an den zweiten.
Dann an den dritten.
Zissa blieb stehen und stemmte die Hände in die Seiten.
„Lor-Lo! Ihr habt ja wirklich überall Bänke!“
„Natürlich“, sagte Lor-Lo. „Zum Schauen, Ausruhen, Erzählen, Nachdenken, Jausnen und für besonders schöne Aussichten.“
Faxi setzte sich probehalber auf eine Bank am Wegesrand.
Vor ihm öffnete sich der Blick über das Tal. Der Bach glitzerte, auf den Hügeln bewegten sich sanfte Schatten, und weit hinten standen ein paar große Bäume wie Wächter am Horizont.
Er schwieg einen Moment.
Dann sagte er: „Also … das ist tatsächlich schön.“
Lor-Lo nickte würdevoll.
„Danke.“
„Und praktisch“, gab Faxi zu.
„Noch besser“, sagte Lor-Lo.
Am Nachmittag zeigte ihnen Lor-Lo ein beliebtes Spiel der Lorani.
Es hieß Talrollen.
„Wie bitte?“, fragte Zissa.
Lor-Lo hielt einen weichen, bunten Ball hoch.
„Man teilt sich in zwei Gruppen. Dann versucht man, den Ball über eine Wiese durch kleine Torbögen zu rollen. Aber man darf ihn nicht werfen, nicht schießen und nicht treten. Nur rollen.“
Faxi blinzelte.
„Nur rollen?“
„Ja.“
„Das klingt langsam.“
„Es ist auch langsam“, sagte Lor-Lo. „Aber sehr spannend.“
Zissa sah skeptisch aus.
Grona dagegen lächelte.
„Ich probiere es.“
Also stellten sie die kleinen Bögen auf, und das Spiel begann.
Faxi war anfangs zu hastig. Zweimal rollte er den Ball viel zu kräftig, sodass er am Ziel vorbeischoss.
„Zu schnell!“, rief Lor-Lo.
„Ich arbeite daran!“, gab Faxi zurück.
Zissa wiederum hatte Mühe, nicht aus Ungeduld mit dem Fuß nachzuhelfen.
„Nicht kicken!“, riefen die anderen gleichzeitig.
„Ich kicke ja gar nicht“, protestierte sie. „Ich denke nur sehr energisch.“
Grona erwies sich als erstaunlich geschickt. Sie schob den Ball mit so ruhiger Hand, dass er sanft durch zwei Tore nacheinander rollte.
„Punkt für Grona!“, rief Lor-Lo begeistert.
„Du bist gut darin“, sagte Faxi.
Grona lächelte.
„Vielleicht, weil ich nicht gegen die Langsamkeit kämpfe.“
Am Ende verloren Zissa und Faxi knapp gegen Lor-Lo und Grona.
„Unmöglich“, sagte Zissa.
„Völlig möglich“, sagte Lor-Lo zufrieden. „Man muss nur lernen, dass nicht alles besser wird, wenn man es schneller macht.“
Faxi grinste.
„Das sagst ausgerechnet du.“
„Ich weiß“, sagte Lor-Lo. „Aber manchmal habe ich recht.“
Später wanderten sie weiter zu einem kleinen Aussichtshügel, auf dem – natürlich – eine besonders schöne Bank stand.
Daneben wuchsen silbrige Kräuter, die im Abendlicht schimmerten.
Lor-Lo setzte sich und atmete tief durch.
„Hier komme ich gern her, wenn ich nachdenken will.“
„Worüber?“, fragte Zissa.
Lor-Lo sah in die Ferne.
„Über vieles. Über Freunde. Über Reisen. Über gute Lieder. Über Dinge, die man nicht eilig denken sollte.“
Faxi setzte sich neben ihn.
„Ich glaube, auf Faron denke ich meistens beim Gehen.“
„Und?“, fragte Lor-Lo.
„Da denke ich eher schnell.“
Zissa ließ sich ebenfalls nieder.
„Dann ist diese Bank vielleicht ein guter Ort für langsame Gedanken.“
„Ganz genau“, sagte Lor-Lo.
Grona strich mit den Fingern über ein Blatt des silbrigen Krauts.
„Es riecht wunderbar hier.“
„Das ist Abendmelisse“, erklärte Lor-Lo. „Wenn die Sonne tiefer sinkt, duftet sie am stärksten.“
Zissa sog die Luft ein.
„Mmmh. Warm und frisch zugleich.“
„Loroa in einem Duft“, sagte Lor-Lo.
Als die Sonne tiefer stand, kehrten sie zum Haus zurück.
Auf der Terrasse waren inzwischen kleine Lampen angezündet worden. Ihr Licht spiegelte sich in Gläsern und auf den Tellern. Vom Tal herauf wehte ein milder Abendwind.
Lor-Los Vater brachte ein langes Saiteninstrument, das auf den Knien gespielt wurde.
„Heute musizieren wir draußen“, sagte er.
„Ja!“, rief Zissa.
Faxi holte seine Flöte hervor, Grona einen kleinen Saatkapsel-Rassler, den sie unterwegs von Lor-Los kleiner Cousine geschenkt bekommen hatte.
„Und ich?“, fragte Lor-Lo.
Seine Mutter lächelte.
„Du singst wieder. Gestern hast du dich noch geziert. Heute nicht mehr.“
Lor-Lo tat erst so, als müsste er lange überlegen.
Dann sagte er: „Nun gut. Wenn es unbedingt sein muss.“
Faxi verdrehte die Augen.
„Er tut immer so, als wäre er zu bescheiden für seine Talente.“
„Vielleicht bin ich das auch“, entgegnete Lor-Lo.
„Nein“, sagte Zissa.
Alle lachten.
Dann begannen sie zu spielen.
Lor-Los Vater zupfte ruhige, volle Töne. Gronas Rassler klang weich und freundlich. Faxis Flöte tanzte darüber hinweg, einmal verspielt, einmal hell und weit. Zissa summte eine warme Melodie mit, die sich wie Abendlicht um alles legte.
Und Lor-Lo sang.
Seine Stimme machte die Musik rund. Nicht laut, nicht auffällig, aber tragend, als würde sie allem einen sicheren Platz geben.
Als das Lied endete, war es einen Moment still.
Man hörte nur den Bach unten im Tal.
Dann klatschte Lor-Los kleine Cousine begeistert in die Hände.
„Noch einmal!“
„Unbedingt!“, sagte Zissa.
Also spielten sie noch einmal. Und noch ein Lied. Und noch eines.
Später saßen die vier Freunde allein auf der Terrasse und knabberten süße Honigringe.
„Nun?“, fragte Lor-Lo. „Was sagt ihr zu Loroa?“
Zissa legte den Kopf schief.
„Ich finde es sehr angenehm hier.“
„Das ist fast ein Wunder“, sagte Faxi.
„Warum?“
„Weil du sonst alles magst, was heißer, schneller oder lauter ist.“
Zissa grinste.
„Stimmt. Aber Loroa ist anders angenehm.“
Grona nickte.
„Hier fühlt man sich weich im Inneren.“
Lor-Lo strahlte.
„Das ist eine wunderbare Beschreibung.“
Faxi sah hinaus ins dunkler werdende Tal.
„Ich hätte nie gedacht, dass langsames Wandern so interessant sein kann.“
„Und?“, fragte Lor-Lo.
„Und dass Bänke nützlich sein können“, gab Faxi zu.
Lor-Lo legte eine Hand aufs Herz.
„Das bedeutet mir viel.“
Zissa lachte.
„Du wirst noch einmal der große Bankbotschafter von Loroa.“
„Vielleicht bin ich das längst“, sagte Lor-Lo feierlich.
Grona sah in den Himmel, in dem die ersten Sterne auftauchten.
„Ich glaube, das Schönste an unseren Treffen ist, dass man bei jedem Planeten etwas entdeckt, das man vorher nicht verstanden hat.“
„Ja“, sagte Faxi leise. „Und dann merkt man, dass es gut ist, auch wenn es nicht das Eigene ist.“
Lor-Lo nickte.
„Genau darum geht es.“
Da hob Zissa einen Honigring hoch.
„Auf Loroa!“
„Auf Loroa!“, riefen die anderen.
„Und auf bequeme Bänke“, ergänzte Lor-Lo.
Diesmal widersprach niemand.
So endete ihr Besuch auf Loroa:
mit duftenden Kräutern, klingenden Vögeln, einem langsamen Spiel, Musik auf der Terrasse — und der Erkenntnis, dass Ruhe keineswegs langweilig sein muss.
Am nächsten Morgen würden sie weiterreisen.
Doch eines wussten sie jetzt schon:
Auch das nächste Treffen würden sie mit großer Vorfreude erwarten.