Zu Besuch auf Grunava (Episode 4)

Als im folgenden Jahr das Treffen auf Grunava bevorstand, hatte Zissa nur eine einzige Sorge.

„Wie oft regnet es dort wirklich?“

Grona überlegte.

„Heute?“

„Nein. Allgemein.“

„Ach so.“ Grona lächelte. „Fast jeden Tag.“

Zissa stöhnte.

Lor-Lo nickte verständnisvoll.

„Ich habe drei trockene Umhänge eingepackt.“

Faxi grinste.

„Drei?“

„Einen zum Tragen, einen zum Trocknen und einen für Notfälle.“

„Du bist auf alles vorbereitet.“

„Seit Zalara halte ich Vorbereitung für eine Tugend.“

Zissa hatte inzwischen einen großen, leichten Regenschutz besorgt, der sich wie ein durchsichtiger Mantel um sie legte.

„Ich werde nicht nass“, erklärte sie.

Grona sagte nichts.

Sie lächelte nur.


Schon beim Anflug verstanden die anderen, warum Grona von ihrer Heimat immer so begeistert gesprochen hatte.

Grunava war grün.

Nicht ein bisschen grün.

Nicht hauptsächlich grün.

Sondern so grün, dass Zissa irgendwann sagte:

„Gibt es hier überhaupt noch eine andere Farbe?“

Unter ihnen breiteten sich Wälder aus, die wie riesige Teppiche wirkten. Zwischen den Baumkronen glänzten breite Wasserläufe. Nebel hing über tiefen Tälern, und manche Pflanzen waren so groß, dass ihre Blätter aus der Luft wie Dächer aussahen.

Dann öffnete sich zwischen den Wolken ein heller Streifen.

Ein Regenbogen spannte sich über einen ganzen Wald.

„Oh“, sagte Lor-Lo.

Mehr fiel ihm zunächst nicht ein.

Faxi drückte die Nase fast an die Scheibe.

„Da unten bewegen sich die Bäume!“

„Natürlich“, sagte Grona.

„Bäume bewegen sich bei uns auch“, meinte Faxi.

„Nicht so.“

In diesem Moment bog sich unter ihnen ein gewaltiger Stamm langsam zur Seite, als würde er einem anderen Baum Platz machen.

Faxi starrte hinunter.

„Gut. Nicht so.“


Am Landeplatz warteten bereits einige Groni.

Sie wirkten ähnlich pflanzenhaft wie Grona, aber keiner sah genau aus wie der andere. Manche waren schmal und hoch, andere eher rundlich. Einige trugen leuchtende Blätter am Kopf, andere kleine Ranken, Blüten oder federartige Pflanzenteile.

Kaum hatten Faxi, Lor-Lo und Zissa das Fahrzeug verlassen, begann es zu nieseln.

Zissa blieb stehen.

„Jetzt schon?“

Grona blickte zum Himmel.

„Das ist kaum Regen.“

„Kaum?“

Die Tropfen wurden größer.

Lor-Lo zog wortlos seinen ersten Umhang hervor.

Faxi stellte sich unter ein riesiges Blatt.

Zissa kämpfte mit ihrem Regenschutz.

Dann kam ein Windstoß.

Der durchsichtige Mantel blähte sich auf.

Zissa drehte sich einmal im Kreis.

Dann noch einmal.

Und plötzlich saß sie in einem niedrigen Busch.

Grona eilte zu ihr.

„Alles gut?“

Zissa schaute aus den Blättern hervor.

„Ich überdenke gerade mein Verhältnis zu Wasser.“


Gronas Zuhause lag nicht auf dem Boden.

Es lag in einem Baum.

Und zwar nicht in irgendeinem Baum.

Der Stamm war so breit, dass selbst Lor-Lo nicht abschätzen konnte, wie viele seiner Häuser hineingepasst hätten. Zwischen den Ästen verliefen Wege, Brücken und kleine Plattformen. Manche Wohnplätze lagen in großen Astgabeln, andere in runden, leichten Häusern, die zwischen kräftigen Zweigen befestigt waren.

„Ihr wohnt da oben?“, fragte Lor-Lo.

„Natürlich.“

Er sah auf eine lange geschwungene Treppe.

„Gibt es einen Aufzug?“

Grona lachte.

„Für schwere Sachen schon.“

Lor-Lo sah hoffnungsvoll aus.

„Und für schwere Personen?“

„Lor-Lo!“, rief Zissa.

„Ich frage nur.“

Am Ende stiegen alle zu Fuß.

Lor-Lo machte nach der ersten Plattform eine Pause.

Dann nach der zweiten.

Und nach der dritten sagte er:

„Auf Loroa hätte hier längst jemand eine Bank hingestellt.“

„Wir haben Hängematten“, erklärte Grona.

Lor-Lo blieb abrupt stehen.

„Warum hast du das nicht gleich gesagt?“


Gronas Familie begrüßte die Gäste auf einer breiten Plattform mitten im Blätterdach.

Dort war es erstaunlich gemütlich.

Unter einem Dach aus überlappenden Blättern standen niedrige Tische und geflochtene Sitze. Kleine Rinnen leiteten Regenwasser in durchsichtige Behälter. Überall hingen Pflanzen, deren Blüten sich langsam öffneten und schlossen.

„Die reagieren auf Geräusche“, erklärte Grona.

Faxi pfiff einen kurzen Ton.

Eine violette Blüte öffnete sich.

Er pfiff höher.

Die Blüte schloss sich wieder.

„Das ist ja großartig!“

Bald standen alle drei Gäste vor den Pflanzen und probierten verschiedene Töne aus.

Lor-Lo sang eine tiefe Note.

Drei große Blüten öffneten sich gleichzeitig.

Zissa summte darüber eine helle Melodie.

Plötzlich leuchteten winzige Punkte auf den Blättern.

„Sie mögen euch“, sagte Gronas Mutter.

„Das ist gegenseitig“, sagte Lor-Lo.


Zum Essen gab es Früchte in allen möglichen Formen.

Runde, längliche, sternförmige und eine, die aussah wie ein zusammengefalteter Regenschirm.

Faxi deutete darauf.

„Wie isst man die?“

„Man öffnet sie.“

Grona drückte vorsichtig auf eine Stelle.

Die Frucht sprang auf.

Im Inneren lagen kleine gelbe Stückchen.

Zissa probierte eines.

Sie kaute.

Dann noch eines.

„Die schmeckt ja nach drei Dingen gleichzeitig.“

„Nach was?“, fragte Lor-Lo.

Zissa überlegte.

„Nach Honig. Nach etwas Frischem. Und ein bisschen wie … Sonne nach Regen.“

Lor-Lo sah sie an.

„Sonne nach Regen ist kein Geschmack.“

„Auf Grunava vielleicht schon.“


Am Nachmittag wollte Grona ihren Freunden einen ihrer Lieblingswege zeigen.

„Er führt zum Singenden Wasser.“

Lor-Lo hob sofort die Hand.

„Wie weit?“

„Nicht weit.“

„Das sagst du.“

„Wirklich nicht.“

„Wie viele Hängematten liegen unterwegs?“

„Keine.“

Lor-Lo seufzte.

Trotzdem gingen sie los.

Der Weg führte durch dichten Wald. Über ihnen lagen Blätter in mehreren Stockwerken übereinander. Manchmal fiel ein Sonnenstrahl hindurch und beleuchtete den Boden wie ein kleiner Scheinwerfer.

Überall gab es etwas zu entdecken.

Kleine Tiere mit durchsichtigen Flügeln saßen auf den Blättern.

Winzige Wesen sprangen von Ast zu Ast.

Eine Gruppe blauer Käfer bewegte sich in einer Reihe über einen Stamm und änderte gleichzeitig die Richtung, als Faxi näherkam.

„Warum machen sie das?“

„Sie reagieren auf Luftbewegungen“, erklärte Grona.

Faxi bewegte vorsichtig eine Hand.

Die Käfer drehten sich.

Er bewegte die andere.

Sie drehten sich wieder.

Faxi lachte.

„Die können Wind lesen!“

„Ein bisschen“, sagte Grona.


Dann begann es zu regnen.

Richtig zu regnen.

Nicht ein paar Tropfen.

Nicht Nieselregen.

Das Wasser fiel in dichten, warmen Strömen vom Himmel.

Zissa blieb stehen.

Ihr Regenschutz war innerhalb weniger Augenblicke vollkommen nutzlos.

„Grona!“

„Ja?“

„Das ist Regen!“

„Jetzt ja.“

Lor-Lo zog seinen zweiten Umhang hervor.

Faxi hob den Kopf und ließ das Wasser über Gesicht und Haare laufen.

„Eigentlich angenehm.“

Zissa sah ihn entsetzt an.

„Du hast leicht reden. Auf deinem Planeten ist Wasser kalt.“

Grona sprang plötzlich in eine Pfütze.

Das Wasser spritzte hoch.

Faxi machte es ihr nach.

Dann noch einmal.

Lor-Lo schüttelte den Kopf.

„Kindisch.“

Ein großer Tropfen fiel von einem Blatt direkt auf seinen Hut.

Plopp.

Zissa begann zu lachen.

Lor-Lo blickte nach oben.

Dann trat er absichtlich in die nächste Pfütze.

Das Wasser spritzte Zissa bis zu den Knien.

Sie starrte ihn an.

Lor-Lo hob beide Hände.

„Ein Unfall.“

„Lor-Lo!“

Zissa sprang ebenfalls in die Pfütze.

Kurz darauf waren alle vier vollkommen nass.

Und niemanden störte es mehr.


Das Singende Wasser lag in einer schmalen Schlucht.

Mehrere kleine Wasserfälle stürzten über unterschiedlich hohe Steinplatten. Jeder erzeugte einen anderen Ton.

Ein tiefer Wasserfall brummte.

Ein dünner klang fast wie eine Flöte.

Ein anderer plätscherte in kurzen Rhythmen.

„Deshalb heißt es so“, sagte Grona.

Faxi lauschte.

„Das ist ja fast ein Orchester.“

„Wartet.“

Grona nahm einen kleinen Stein und legte ihn vorsichtig in eine Rinne.

Der Wasserstrom veränderte sich.

Und mit ihm der Ton.

Zissa machte große Augen.

„Man kann das Wasser stimmen!“

„Ein wenig.“

Nun wollten natürlich alle ausprobieren.

Faxi veränderte einen hohen Ton.

Zissa fand zwei Wasserläufe, die zusammen besonders schön klangen.

Lor-Lo setzte sich auf einen trockenen Stein und begann leise dazu zu summen.

Grona fügte einen Rhythmus hinzu, indem sie mit zwei Holzstückchen gegeneinander klopfte.

Bald entstand eine Musik, die niemand geplant hatte.

Wasser, Stimme, Holz, Wind und das leise Rauschen des Waldes spielten gemeinsam.

Als sie aufhörten, sagte eine Weile niemand etwas.

„Das“, sagte Faxi schließlich, „kann man auf Faron nicht nachmachen.“

„Und auf Zalara auch nicht“, sagte Zissa.

Lor-Lo nickte.

„Und genau deshalb lohnt sich das Reisen.“


Am Abend fand auf einer großen Plattform zwischen mehreren Bäumen ein Fest statt.

Viele Groni kamen zusammen.

Es wurde gegessen, erzählt und gespielt.

Einige Kinder zeigten den Gästen ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem kleine Samen durch bewegliche Blattrinnen geschickt werden mussten.

Faxi war sofort begeistert.

Zissa wollte gewinnen.

Lor-Lo wollte erst zuschauen.

Grona kannte das Spiel natürlich schon.

Nach fünf Minuten war Lor-Lo der Ehrgeizigste von allen.

„Noch einmal!“

„Du wolltest doch nur zuschauen“, sagte Faxi.

„Ich habe meine Meinung geändert.“

„Sehr spontan für einen Lorani.“

„Wir sind lernfähig.“


Später musizierten alle zusammen.

Die Groni verwendeten viele Instrumente aus Holz, Samen, hohlen Pflanzenstängeln und gespannten Fasern.

Faxi spielte seine Flöte.

Lor-Lo sang.

Zissa hatte inzwischen gelernt, auf einem kleinen Grunava-Instrument einen einfachen Rhythmus zu spielen.

Und Grona stand mitten unter ihnen und strahlte.

Diesmal war die Musik ganz anders als auf Zalara oder Loroa.

Sie klang dichter.

Lebendiger.

Fast so, als würde der ganze Wald mitspielen.

Vielleicht tat er das sogar.


Als das Fest vorbei war, saßen die vier auf einer Plattform hoch über dem Boden.

Unter ihnen leuchteten kleine Nachtpflanzen zwischen den Bäumen.

Über ihnen waren nur wenige Sterne zu sehen, weil die Baumkronen so dicht waren.

Zissa wickelte sich in ein trockenes Tuch.

„Ich muss etwas zugeben.“

„Dass Regen wunderbar ist?“, fragte Grona.

„Nein.“

„Schade.“

Zissa grinste.

„Aber ich verstehe jetzt, warum ihr ihn mögt.“

Grona nickte.

„Er gehört zu unserer Welt.“

Lor-Lo lehnte sich zurück.

„Und eure Hängematten sind ausgezeichnet.“

„Das war deine wichtigste Erkenntnis?“, fragte Faxi.

„Eine von mehreren.“

Faxi sah hinunter in den Wald.

„Ich glaube, auf Grunava hängt alles miteinander zusammen. Wasser, Pflanzen, Tiere, Häuser … sogar eure Musik.“

„Das stimmt“, sagte Grona.

„Bei uns ist es schwierig, etwas allein zu betrachten. Fast alles braucht etwas anderes.“

Zissa dachte nach.

„Vielleicht ist das bei uns allen so. Nur sieht man es manchmal nicht sofort.“

Lor-Lo hob einen Finger.

„Das war klug.“

„Danke.“

„Ich wollte es nur festhalten.“


Am nächsten Morgen war der Regen vorbei.

Sonnenlicht fiel durch die Blätter, und überall glitzerten Tropfen.

Zissa trat auf die Plattform und betrachtete den Wald.

„Heute ist es wunderschön.“

Grona lächelte.

„Gestern auch.“

Zissa überlegte kurz.

„Gut. Gestern auf eine andere Art.“

Das ließ Grona gelten.

Beim Abschied bekam jeder ein kleines Geschenk.

Faxi erhielt eine leichte Pfeife aus einem Pflanzenstängel.

Lor-Lo ein geflochtenes Hängemodell, das er sofort als „Reisehängematte“ bezeichnete.

Zissa bekam ein Blatt, dessen Oberfläche Wasser fast vollständig abperlen ließ.

„Für deinen nächsten Besuch“, sagte Grona.

Zissa strich darüber.

„Das hätte ich gestern gebraucht.“

„Dann wäre es weniger lustig gewesen.“

Zissa musste lachen.


So endete ihr Treffen auf Grunava:

mit Regen und Pfützen, Baumhäusern und seltsamen Früchten, singendem Wasser, Musik zwischen Blättern — und einer neuen Erkenntnis:

Was zunächst unbequem oder fremd wirkt, kann zu etwas gehören, das für andere lebenswichtig und wunderschön ist.

Und wieder reisten drei Freunde nach Hause und hatten viel zu erzählen.

Denn nun kannten sie Grunava nicht mehr nur aus Gronas Geschichten.

Sie hatten es gerochen.

Gehört.

Geschmeckt.

Und ziemlich gründlich nass erlebt.