
Ein Jahr nach der Sternenkonferenz war es so weit.
Das erste Wiedersehen der vier Freunde sollte auf Zalara stattfinden, dem heißen Heimatplaneten von Zissa.
Schon bei der Anreise wurde klar, dass dies kein gewöhnlicher Ausflug werden würde.
„Ich habe alles gut vorbereitet“, verkündete Lor-Lo, als sein kleines Reisefahrzeug landete.
Faxi und Grona schauten ihn an.
Lor-Lo trug einen gewaltigen Sonnenhut, der so breit war, dass man darunter bequem zu dritt hätte sitzen können. Um den Hals hatte er ein Kühltuch gewickelt, auf dem Rücken hing ein großer Rucksack, und in jeder Hand hielt er eine Wasserflasche.
„Du siehst aus“, sagte Zissa, die ihn am Landeplatz erwartete, „als wolltest du ein ganzes Zeltlager versorgen.“
„Vorsicht ist besser als Sonnenstich“, murmelte Lor-Lo und wischte sich schon jetzt über die Stirn.
Faxi konnte sich kaum halten vor Lachen.
„Wir sind noch nicht einmal richtig angekommen!“
„Eben deshalb“, antwortete Lor-Lo würdevoll. „Man soll Herausforderungen nicht unterschätzen.“
Zissa grinste.
„Dann kommt. Ich zeige euch zuerst den Abendweg. Am Tag wäre es euch noch zu heiß.“
Das fanden alle vernünftig, sogar Faxi.
Zalara leuchtete in Rot-, Gold- und Orangetönen.
Überall ragten Felsen in den Himmel, manche schmal und hoch wie Türme, andere rund und sanft wie riesige Hügel. Zwischen ihnen wuchsen niedrige Pflanzen mit dicken Blättern, und dazwischen glitzerten kleine Kristalle, als hätte jemand rote Sterne in den Boden gestreut.
Am Himmel stand die große Sonne schon tiefer als bei ihrer Ankunft, und trotzdem war die Luft noch warm wie aus einem Ofen.
„Und das nennst du angenehm?“, fragte Lor-Lo.
„Sehr angenehm“, sagte Zissa zufrieden.
Sie breitete die Arme aus und drehte sich einmal im Kreis.
„Spürt ihr das? Jetzt ist es herrlich!“
Faxi hielt sein Gesicht in den Wind.
„Also ich finde es interessant.“
„Interessant?“, wiederholte Grona lachend.
„Das sagen Wesen immer dann, wenn sie nicht sicher sind, ob ihnen etwas gefällt.“
„Vielleicht“, gab Faxi zu.
Zissa lief ein paar Schritte voraus und winkte die anderen hinter sich her.
„Dort vorne beginnt der schönste Weg. Wenn die Sonne sinkt, leuchten die Felsen besonders stark.“
Und tatsächlich: Je weiter sie gingen, desto mehr schien die ganze Landschaft zu glühen. Die Felswände warfen ein warmes Licht zurück, als ob sie im Inneren kleine Feuer verborgen hätten.
Lor-Lo blieb stehen und schaute sich um.
„Also gut“, sagte er langsam. „Das ist wirklich schön.“
„Natürlich ist es das!“, rief Zissa.
Nach einer Weile führte sie ihre Freunde zu einer Felsterrasse. Von dort konnte man weit über Zalara blicken.
In der Ferne schlängelte sich ein heller Streifen durch das Land.
„Ist das ein Fluss?“, fragte Grona.
„Ja“, sagte Zissa. „Aber tagsüber sieht er ganz anders aus. Dann blendet er so sehr, dass man kaum hinsehen kann.“
Faxi entdeckte am Rand der Terrasse kleine runde Früchte an einem Busch.
„Was ist das?“
„Probiert nur“, sagte Zissa.
Grona pflückte vorsichtig eine Frucht und biss hinein.
Ihre Augen wurden groß.
„Oh! Die ist ja süß!“
Faxi kostete ebenfalls.
„Und ein bisschen kühl innen“, stellte er überrascht fest.
Lor-Lo nahm gleich zwei.
„Davon hätte ich gern einen ganzen Korb.“
„Typisch Lor-Lo“, sagte Zissa. „Kaum kommt er auf einen anderen Planeten, denkt er schon ans Essen.“
„Essen verbindet“, antwortete Lor-Lo feierlich und biss genüsslich in die zweite Frucht.
Später erreichten sie einen Platz zwischen hohen roten Steinen. Dort saßen bereits einige Zissari auf flachen Kissen. Über ihnen waren leichte Tücher gespannt, die Schatten spendeten und sich sanft im Abendwind bewegten.
„Das ist meine Familie“, erklärte Zissa.
Sofort wurden die Gäste freundlich begrüßt.
Eine ältere Zissari mit leuchtenden Augen und einem Tuch aus goldenen Fäden trat vor.
„Willkommen auf Zalara“, sagte sie. „Ich bin Zissas Großmutter. Habt ihr die Hitze überlebt?“
„Knapp“, sagte Lor-Lo.
Alle lachten.
Zissas Großmutter klopfte freundlich auf einen freien Platz.
„Dann setzt euch. Bei uns beginnt das eigentliche Leben am Abend.“
Das gefiel sogar Lor-Lo auf Anhieb.
Es gab kühle Getränke, süße Früchte, knusprige Fladen und kleine gebackene Kugeln, die außen würzig und innen weich waren.
„Das ist ausgezeichnet“, sagte Lor-Lo mit vollem Mund.
„Du sagst das bei fast allem“, meinte Faxi.
„Nein“, widersprach Lor-Lo. „Nur bei guten Dingen. Und dieses hier ist besonders gut.“
Nach dem Essen schlug Zissa ein Spiel vor.
„Auf Zalara spielen wir gern Sonnenball“, erklärte sie.
„Wie geht das?“, fragte Grona.
Zissa nahm einen leichten, orangefarbenen Ball in die Hände.
„Ganz einfach: Der Ball darf den Boden nicht berühren. Man darf ihn zuspielen, hochwerfen oder mit dem Kopf weiterleiten. Wer ihn fallen lässt, scheidet aber nicht aus – der muss nur eine lustige Aufgabe erfüllen.“
„Das klingt gefährlich“, murmelte Lor-Lo.
„Nur für deine Würde“, sagte Faxi.
Das Spiel begann.
Am Anfang lief alles ganz gut. Faxi war schnell und geschickt, Grona bewegte sich leichtfüßig, und Zissa sprang so elegant, als sei sie selbst aus der Wärme geformt.
Nur Lor-Lo hatte Schwierigkeiten.
Zweimal kam er zu spät.
Einmal landete der Ball auf seinem Sonnenhut.
Ein anderes Mal fiel er ihm direkt vor die Füße.
„Lustige Aufgabe!“, riefen die anderen.
Beim ersten Mal musste Lor-Lo im Kreis gehen und dabei rufen: „Ich bin der König der Wasserflaschen!“
Beim zweiten Mal sollte er so tun, als sei ihm furchtbar kalt.
Das brachte sogar die Zissari zum Lachen, denn Lor-Lo begann zu zittern, zog die Schultern hoch und jammerte: „Schnell, bringt mir drei Decken und eine heiße Suppe!“
Zissa lachte so sehr, dass sie sich am nächsten Felsen festhalten musste.
„Jetzt verstehe ich“, sagte sie kichernd, „warum auf Loroa vieles langsamer geht. Ihr seid zu beschäftigt mit gemütlichen Pausen!“
Lor-Lo stemmte die Hände in die Seiten.
„Gemütlichkeit ist eine hohe Kunst.“
„Und Schwitzen?“, fragte Faxi.
„Das ist auf Zalara offenbar Pflicht.“
Als das Spiel zu Ende war, wurde der Himmel dunkler.
Die Hitze ließ endlich nach, und über den Felsen erschienen die ersten Sterne.
„Jetzt kommt der schönste Teil“, sagte Zissa leise.
Alle setzten sich auf die Terrasse vor dem Haus ihrer Familie.
Von hier oben konnte man weit in die Nacht hinausblicken. Der Fluss in der Ferne schimmerte silbrig, und die roten Felsen wirkten nun weich und dunkel.
Zissas Großmutter brachte ein kleines Saiteninstrument.
„Wer beginnt?“, fragte sie.
Faxi zog seine Flöte hervor. Er spielte zuerst zögernd, dann immer freier. Die Töne klangen leicht und beweglich, fast so, als würde Wind zwischen hohen Steinen tanzen.
Dann klopfte Grona einen Rhythmus auf einen hohlen Fruchtkörper, den sie am Wegrand gefunden hatte. Es klang warm und rund, wie kleine Schritte auf weichem Boden.
Zissa summte dazu eine Melodie, die auf- und abstieg wie flimmernde Luft über heißem Stein.
Lor-Lo hielt sich zuerst zurück.
„Ich glaube, ich höre lieber zu“, sagte er.
„Feigling“, flüsterte Faxi grinsend.
„Ich bin nicht feige“, protestierte Lor-Lo. „Ich bin vorsichtig.“
Zissas Großmutter lächelte freundlich.
„Auf Zalara darf jeder erst zuhören. Aber irgendwann muss man auch mitmachen.“
Da räusperte sich Lor-Lo.
Und dann sang er.
Seine Stimme war tief, ruhig und erstaunlich warm. Sie passte wunderbar zu den anderen Klängen. Faxis Flöte flatterte darüber hinweg, Gronas Rhythmus hielt alles zusammen, Zissas Melodie schimmerte dazwischen – und Lor-Los Gesang gab dem Ganzen eine weiche, volle Mitte.
Als sie fertig waren, war es einen Moment ganz still.
Dann klatschte Zissa begeistert in die Hände.
„Lor-Lo! Du hast ja nie erzählt, dass du so schön singen kannst!“
Lor-Lo errötete ein wenig.
„Ich hatte keine Gelegenheit.“
„Oder keine Lust, anzugeben“, meinte Grona.
„Das wäre mal etwas Neues“, sagte Faxi.
Diesmal lachte sogar Lor-Lo.
Später, als die Sterne schon hoch standen, saßen die vier noch eine Weile allein zusammen.
„Na?“, fragte Zissa. „Ist Zalara immer noch nur heiß?“
Lor-Lo blickte über die dunklen Felsen, die im Sternenlicht schimmerten.
„Nein“, sagte er. „Zalara ist heiß, schön, fruchtig, musikalisch und ein bisschen anstrengend.“
„Ein bisschen?“, fragte Faxi.
„Gut“, gab Lor-Lo zu. „Sehr anstrengend. Aber auch wunderbar.“
Grona nickte.
„Ich finde es schön, dass jeder Planet etwas ganz Eigenes hat. Man muss nicht überall gleich leben, damit es gut ist.“
„Eben“, sagte Zissa zufrieden.
Faxi sah hinauf zum Sternenhimmel.
„Und das Beste ist: Wir können es jetzt selbst erleben. Nicht nur davon hören.“
Da hob Zissa ihre Frucht in die Höhe wie zu einem kleinen Festgruß.
„Auf unsere Treffen!“
„Auf unsere Treffen!“, wiederholten die anderen.
Lor-Lo hob beide Wasserflaschen.
„Und auf Schattenplätze.“
Alle lachten.
So endete ihr erster gemeinsamer Besuch auf Zalara:
mit roten Felsen, süßen Früchten, einem lustigen Spiel, Musik unter Sternen —
und dem Gefühl, dass ihre Freundschaft durch das Wiedersehen noch stärker geworden war.
Am nächsten Morgen würden sie weiterziehen.
Doch an diesem Abend wussten alle vier schon:
Das nächste Treffen würden sie ganz sicher ebenso gespannt erwarten.
