Episode 6: Das fünfte Treffen

Vier Jahre lang hatten Faxi, Grona, Lor-Lo und Zissa einander auf ihren Heimatplaneten besucht.

Sie hatten Zalara erlebt, Loroa, Grunava und Faron.

Sie hatten geschwitzt, gefroren, im Regen gestanden, sich vom Wind schieben lassen, neue Speisen gekostet, neue Spiele gelernt und auf vier sehr unterschiedliche Arten Musik gemacht.

Nun war wieder ein Jahr vergangen.

Und diesmal entstand ein Problem.

„Wohin fahren wir?“, fragte Zissa.

Die vier saßen in einer Sternenschaltung zusammen. Das war eine Art Ferngespräch, bei dem ihre Bilder als kleine leuchtende Figuren über einem Tisch erschienen.

„Eigentlich wären wir jetzt wieder bei dir“, sagte Grona zu Zissa.

„Das wäre zwar schön“, meinte Zissa, „aber dann beginnt alles einfach von vorn.“

Lor-Lo nickte.

„Ich hätte nichts gegen Loroa.“

„Das überrascht niemanden“, sagte Faxi.

Lor-Lo tat, als hätte er das überhört.

Faxi legte den Kopf schief.

„Vielleicht sollten wir diesmal gar nicht zu einem von uns.“

„Wie meinst du das?“, fragte Grona.

„Es gibt doch noch andere Planeten in unserer Gegend.“

Zissa wurde sofort neugierig.

„Einen, den keiner von uns kennt?“

„Genau.“

Eine Weile war es still.

Dann grinste Lor-Lo.

„Das könnte gefährlich werden.“

„Du meinst interessant“, sagte Faxi.

„Ich meinte gefährlich.“

„Also interessant.“

Grona lachte.

„Ich bin dafür.“

Zissa hob beide Hände.

„Ich auch.“

Lor-Lo seufzte.

„Dann bin ich wohl überstimmt.“

„Du könntest zu Hause bleiben“, schlug Faxi vor.

Lor-Lo sah empört aus.

„Das kommt überhaupt nicht infrage.“

Damit war es beschlossen.


Ein Planet ohne Gastgeber

Sie wählten einen kleinen Planeten namens Meruva.

Keiner von ihnen war je dort gewesen.

Meruva lag zwischen ihren vier Welten, etwas abseits der großen Reiserouten.

„Was wissen wir darüber?“, fragte Grona.

Faxi las aus einem Sternenverzeichnis vor.

„Gemäßigtes Klima. Viele Seen. Große Ebenen. Bevölkerung überwiegend in kleinen Siedlungen.“

„Das klingt angenehm“, sagte Lor-Lo.

Faxi las weiter.

„Ungewöhnlich starke jahreszeitliche Schwankungen.“

Lor-Lo verzog das Gesicht.

„Das klingt weniger angenehm.“

„Und die Bewohner gelten als zurückhaltend“, ergänzte Faxi.

Zissa grinste.

„Dann schicken wir Lor-Lo voraus.“

„Warum mich?“

„Weil du gut reden kannst.“

„Ich kann auch gut schweigen.“

„Das müssen wir erst überprüfen.“


Als sie auf Meruva landeten, war das Erste, was sie bemerkten, die Stille.

Kein Wind rauschte.

Kein Wasser plätscherte.

Keine Tiere riefen.

Vor ihnen lag eine weite Landschaft mit hellen Gräsern, niedrigen Bäumen und einem großen blauen See.

„Ist es hier immer so still?“, flüsterte Zissa.

„Warum flüsterst du?“, fragte Faxi.

„Weil es sich richtig anfühlt.“

Da kam ein Wesen auf sie zu.

Es war klein, grau-violett und trug einen langen Mantel.

Es blieb in einiger Entfernung stehen.

„Guten Tag“, sagte Grona freundlich.

Das Wesen nickte.

Dann sagte es nichts.

Lor-Lo wartete.

Das Wesen wartete ebenfalls.

Faxi räusperte sich.

„Wir sind Reisende.“

Das Wesen nickte wieder.

Zissa beugte sich zu Lor-Lo.

„Jetzt bist du dran.“

Lor-Lo trat einen Schritt vor.

„Wir würden Meruva gern kennenlernen.“

Das Wesen sah die vier nacheinander an.

Dann fragte es:

„Warum?“

Das war eine einfache Frage.

Trotzdem wusste zunächst niemand eine schnelle Antwort.

„Weil wir gern andere Welten kennenlernen“, sagte Grona schließlich.

Das Wesen dachte nach.

„Das ist ungewöhnlich.“

„Warum?“, fragte Zissa.

„Die meisten Reisenden wollen sehen, was sie schon erwartet haben.“

Das überraschte die vier.

„Und wenn sie etwas anderes finden?“, fragte Faxi.

„Dann sind sie oft enttäuscht.“

Lor-Lo nickte langsam.

„Das kommt mir bekannt vor.“

Das Wesen sah ihn an.

„Dir?“

„Uns allen.“

Jetzt lächelte der Meruvan zum ersten Mal.

Nur ein bisschen.

„Dann könnt ihr bleiben.“


Die falsche Wanderung

Am nächsten Morgen beschlossen die vier, zum großen See zu wandern.

„Das ist nicht weit“, sagte ein Meruvan.

Lor-Lo wurde misstrauisch.

„Wie weit ist bei euch ‚nicht weit‘?“

„Sieben Talbögen.“

„Was ist ein Talbogen?“

„Ein Talbogen.“

Damit war die Erklärung beendet.

Faxi fand das lustig.

Lor-Lo nicht.

Sie gingen los.

Der Weg war flach.

Sehr flach.

Nach einer Stunde sagte Faxi:

„Wann kommen die Berge?“

„Es gibt hier kaum Berge“, erklärte Grona.

„Das habe ich inzwischen bemerkt.“

Zissa lief ein Stück voraus.

Lor-Lo ging langsamer hinterher.

Nach einer Weile blieb Grona stehen.

„Hört ihr das?“

Alle blieben stehen.

Ganz leise war etwas zu hören.

Ein tiefes, regelmäßiges Summen.

„Kommt das vom See?“, fragte Zissa.

Sie gingen weiter.

Das Summen wurde stärker.

Als sie schließlich das Ufer erreichten, sahen sie den Grund.

Hunderte kleiner Wesen saßen am Wasser.

Sie hielten flache Instrumente auf den Knien.

Und alle spielten denselben tiefen Ton.

Nicht laut.

Nicht aufregend.

Aber gemeinsam.

Der Ton vibrierte über das Wasser.

„Was machen sie?“, fragte Faxi leise.

Ein Meruvan neben ihnen antwortete:

„Wir stimmen den Abend ein.“

„Den Abend?“, fragte Zissa.

„Ja.“

Lor-Lo setzte sich.

„Das gefällt mir.“

Faxi sah ihn an.

„Natürlich gefällt dir das.“

„Es ist ruhig und musikalisch.“

„Also perfekt für dich.“


Etwas Verbindendes

Später durften die vier mitmachen.

Faxi bekam ein kleines Blasinstrument.

Grona ein flaches Saitenbrett.

Zissa zwei helle Klangschalen.

Lor-Lo erhielt ein großes Resonanzinstrument.

„Warum bekomme ich immer die großen Sachen?“, fragte er.

„Vielleicht weil du dazu passt“, sagte Zissa.

Lor-Lo tat beleidigt.

Dann begann er zu spielen.

Zuerst klang alles fremd.

Die meruvanische Musik war viel langsamer als das, was sie kannten.

Kaum Melodie.

Viele lange Töne.

Pausen.

Sehr viele Pausen.

Faxi wurde unruhig.

„Wann passiert etwas?“, flüsterte er.

Grona antwortete ebenso leise:

„Vielleicht passiert gerade etwas.“

Faxi hörte genauer hin.

Der Wind strich über den See.

Das Wasser bewegte sich.

Die tiefen Töne kamen und gingen.

Ein Vogel rief weit entfernt.

Zissa schlug ihre Klangschale an.

Der Ton schwebte lange über das Wasser.

Faxi wartete.

Dann spielte er einen einzigen leichten Ton dazu.

Mehr nicht.

Und plötzlich passte es.

Er grinste.

„Ah.“

Lor-Lo sah ihn an.

„Was?“

„Ich glaube, ich hab’s verstanden.“

„Was denn?“

„Man muss hier nicht jede Lücke füllen.“

Lor-Lo nickte.

„Das ist allgemein eine gute Erkenntnis.“


Kein Vergleich

Am Abend saßen die vier am See.

Die Meruvaner hatten ihnen warme Getränke gebracht.

Zissa sah über das dunkle Wasser.

„Ich hätte nie gedacht, dass mir so wenig so gut gefallen kann.“

„So wenig?“, fragte Grona.

„Ich meine: so wenig Lärm, so wenig Bewegung.“

Faxi nickte.

„Ich dachte zuerst auch, es sei langweilig.“

Lor-Lo lächelte.

„Und?“

„War es nicht.“

Grona betrachtete die anderen.

„Meruva gehört keinem von uns. Vielleicht war genau das gut.“

„Warum?“, fragte Zissa.

„Weil diesmal keiner zeigen wollte, dass sein Planet besonders schön ist.“

Lor-Lo nickte.

„Wir waren alle Gäste.“

Faxi grinste.

„Und alle gleich ahnungslos.“

„Vor allem du“, sagte Zissa.

„Warum ich?“

„Weil du nach Bergen gesucht hast.“

„Das war eine berechtigte Hoffnung.“


Eine neue Idee

Am nächsten Morgen wollten sie abreisen.

Doch bevor sie gingen, trafen sie noch einmal das kleine grau-violette Wesen vom ersten Tag.

„Habt ihr gefunden, was ihr erwartet habt?“, fragte es.

Faxi schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Das Wesen sah ihn prüfend an.

Dann fragte es:

„War das schlimm?“

„Überhaupt nicht“, sagte Grona.

„Im Gegenteil“, ergänzte Zissa.

Lor-Lo nickte.

„Vielleicht war genau das der beste Teil.“

Das Wesen lächelte wieder.

„Dann habt ihr Meruva verstanden.“


Auf dem Rückflug saßen die vier zusammen.

„Nächstes Jahr wieder bei einem von uns?“, fragte Lor-Lo.

Faxi schüttelte den Kopf.

„Vielleicht nicht.“

„Schon wieder ein fremder Planet?“

„Warum nicht?“

Grona dachte nach.

„Vielleicht könnten wir jedes fünfte Jahr gemeinsam eine neue Welt besuchen.“

Zissa klatschte in die Hände.

„Ja!“

Lor-Lo seufzte.

Dann lächelte er.

„Gut. Aber ich suche den nächsten Planeten aus.“

„Warum du?“, fragte Faxi.

„Damit wenigstens jemand auf vernünftige Entfernungen achtet.“

Alle lachten.

Und so änderte sich ihre Tradition.

Sie wollten weiterhin einander besuchen.

Aber manchmal auch gemeinsam dorthin reisen, wo keiner von ihnen zu Hause war.

Denn inzwischen wussten sie:

Freundschaft bedeutet nicht nur, einander die eigene Welt zu zeigen.

Manchmal bedeutet sie auch,

gemeinsam eine neue zu entdecken