
Ein weiteres Jahr war vergangen.
Faxi, Grona, Lor-Lo und Zissa hatten inzwischen so viele Planeten besucht, so viele Menschen und Wesen kennengelernt und so viele Überraschungen erlebt, dass ihre jährlichen Treffen fast schon zu einer kleinen Tradition im ganzen Sternenviertel geworden waren.
Manche wussten sogar, wann die vier wieder unterwegs waren.
„Wo geht es diesmal hin?“, fragte man.
„Welchen Planeten besucht ihr?“
„Was wollt ihr lernen?“
„Was gibt es dort Besonderes?“
Und irgendwann stellte Zissa bei einem ihrer Ferngespräche eine ungewöhnliche Frage.
„Müssen wir eigentlich jedes Mal irgendwohin fahren, wo etwas Besonderes passiert?“
Faxi sah sie überrascht an.
„Wir fahren doch immer irgendwohin.“
„Ja. Aber ich meine: Müssen wir immer etwas entdecken?“
Lor-Lo nickte langsam.
„Das ist ein interessanter Gedanke.“
Grona lächelte.
„Vielleicht könnten wir uns einmal einfach treffen.“
„Einfach treffen?“, fragte Faxi.
„Ohne Gastgeber. Ohne Programm. Ohne Planetenführung.“
Lor-Lo wurde aufmerksam.
„Ohne Wanderstrecke?“
Zissa grinste.
„Du hoffst schon wieder.“
„Ich frage nur.“
Faxi dachte nach.
Dann sagte er:
„Ich kenne einen kleinen unbewohnten Mond zwischen unseren vier Welten.“
Grona legte den Kopf schief.
„Gibt es dort etwas zu sehen?“
„Nicht besonders viel.“
„Perfekt“, sagte Zissa.
So wurde es beschlossen.
Der kleine Mond
Der Mond hieß Lunava.
Er war klein, still und lag ungefähr zwischen den vier Heimatplaneten.
Es gab dort keine Städte.
Keine Straßen.
Keine Bewohner.
Nur sanfte Hügel, helles Gestein, niedrige Pflanzen und einen weiten Himmel.
Als Zissa landete, stand Faxi schon dort und winkte.
Kurz darauf kam Grona.
Lor-Lo erschien zuletzt.
„Verspätung?“, fragte Faxi.
Lor-Lo stieg aus seinem Reisefahrzeug.
„Nein.“
Er deutete auf einen großen Gepäckstapel.
„Vorbereitung.“
Zissa starrte auf die Taschen.
„Was hast du denn alles dabei?“
„Das Nötigste.“
„Das Nötigste für wie viele Monate?“
Lor-Lo ignorierte die Frage.
Er öffnete eine Tasche.
Darin lagen Decken.
In der nächsten befanden sich Kissen.
Dann kamen Lebensmittel.
Ein kleiner Kochtopf.
Tassen.
Ein faltbarer Sitz.
Und schließlich etwas, das eindeutig wie eine kleine Hängematte aussah.
Grona lachte.
„Die ist von Grunava!“
„Natürlich“, sagte Lor-Lo.
„Sie hat sich bewährt.“
Was jeder mitbrachte
Zissa hatte Dinge aus Zalara mitgebracht.
Würzige Fladen.
Süße Früchte.
Kleine Wärmesteine, die man in der Hand halten konnte.
Und ein winziges Saiteninstrument ihrer Großmutter.
Grona brachte Samen, getrocknete Blätter, duftende Kräuter und ein kleines Gefäß mit Wasser aus dem Singenden Wasser von Grunava.
Faxi hatte seine Flöte dabei.
Außerdem mehrere Windbänder und ein kleines Rad, das schon bei schwachem Luftzug leise Töne erzeugte.
Lor-Lo stellte seine Vorräte auf.
„Ich habe Brot, Käse, Kräuterpaste, Honigringe und etwas für später.“
Faxi sah auf die Menge.
„Was ist ‚etwas für später‘?“
„Mehr Brot.“
Zissa lachte.
„Ich glaube, Lor-Lo hat die wichtigste Regel unserer Reisen verstanden.“
„Welche?“
„Nie ohne Essen.“
Lor-Lo nickte zufrieden.
„Endlich Anerkennung.“
Kein Programm
Am ersten Vormittag geschah tatsächlich nichts Besonderes.
Sie gingen ein Stück über die Hügel.
Nicht weit.
Lor-Lo achtete darauf.
Sie fanden einen kleinen Aussichtspunkt.
Faxi setzte sich auf einen Stein.
Grona legte sich ins Gras.
Zissa wärmte ihre Hände an einem Wärmestein.
Lor-Lo breitete eine Decke aus.
Eine Weile sagte niemand etwas.
Dann fragte Zissa:
„Und jetzt?“
Faxi zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung.“
„Haben wir wirklich nichts geplant?“
„Nein.“
Grona lächelte.
„Merkwürdig, oder?“
Lor-Lo lehnte sich zurück.
„Ich finde es hervorragend.“
Faxi sah ihn an.
„Natürlich.“
Alte Geschichten
Nach einer Weile begann Faxi von Faron zu erzählen.
Nicht von Wolkenhängen.
Nicht vom Windlauf.
Sondern von einer kleinen Begebenheit zu Hause.
Sein jüngerer Cousin hatte versucht, ein Windrad selbst zu bauen.
Es war auseinandergefallen.
Dann hatte der Wind die Teile über drei Dächer verteilt.
„Und?“, fragte Zissa.
„Wir haben sie zwei Tage lang gesucht.“
Lor-Lo grinste.
„Sehr effizient.“
„Überhaupt nicht.“
Grona erzählte von einer Pflanze auf Grunava, die plötzlich dort gewachsen war, wo sie niemand gepflanzt hatte.
Zissa berichtete von einem Kind auf Zalara, das im heißesten Monat unbedingt wissen wollte, wie Schnee schmeckt.
Lor-Lo erzählte von seiner Nachbarin, die auf Loroa beschlossen hatte, eine Bank vor ihr Haus zu stellen.
Am ersten Tag hatte niemand darauf gesessen.
Am zweiten Tag zwei Nachbarn.
Eine Woche später musste sie eine zweite Bank dazustellen.
„Warum?“, fragte Faxi.
Lor-Lo lächelte.
„Weil eine Bank manchmal nur eine Bank ist. Und manchmal ein Anfang.“
Was sie mitgebracht hatten
Am Nachmittag packte Grona ihre Samen aus.
„Wollen wir etwas pflanzen?“
„Hier?“, fragte Zissa.
„Warum nicht?“
Sie fanden eine kleine Stelle mit weichem Boden.
Grona setzte einige Samen hinein.
Faxi baute aus drei dünnen Stäben einen kleinen Windschutz.
Zissa legte einen Wärmestein daneben.
Lor-Lo brachte Wasser.
„Das ist jetzt eigentlich von allen vier Planeten etwas“, sagte Faxi.
Grona nickte.
„Ein bisschen.“
„Wird es wachsen?“, fragte Zissa.
Grona sah auf die Erde.
„Vielleicht.“
Lor-Lo hob eine Augenbraue.
„Das klingt wenig wissenschaftlich.“
„Es ist ehrlich.“
„Das reicht.“
Das Spiel ohne Regeln
Später wollte Faxi unbedingt etwas spielen.
„Aber nichts mit komplizierten Regeln.“
„Warum?“, fragte Zissa.
„Weil wir heute nichts planen.“
„Dann erfinden wir etwas.“
Sie nahmen einen kleinen Ball.
Zuerst warfen sie ihn einander zu.
Dann durfte er den Boden nicht berühren.
Dann doch.
Dann musste man beim Fangen einen Ton machen.
Dann durfte Lor-Lo nur mit einer Hand spielen.
„Warum nur ich?“
„Weil du zwei Portionen Honigringe gegessen hast.“
„Das ist kein sportliches Kriterium.“
„Jetzt schon.“
Nach zehn Minuten wusste niemand mehr, welche Regeln eigentlich galten.
Und genau deshalb hatten alle Spaß.
Musik ohne Herkunft
Am Abend wurde es still auf Lunava.
Der Himmel war klar.
Von hier aus konnte man in der Ferne vier helle Punkte sehen.
Ihre Heimatwelten.
Zalara.
Loroa.
Grunava.
Faron.
Faxi spielte auf seiner Flöte.
Nicht wie auf Faron.
Einfach irgendeine Melodie.
Zissa antwortete auf ihrem kleinen Saiteninstrument.
Grona ließ das Wasser aus Grunava in eine flache Schale tropfen und erzeugte damit einen leisen Rhythmus.
Lor-Lo sang.
Nach einer Weile merkten sie etwas.
Die Musik klang nach keinem ihrer Planeten.
Nicht nach Zalara.
Nicht nach Loroa.
Nicht nach Grunava.
Nicht nach Faron.
Und trotzdem war von jedem etwas darin.
Faxi hörte auf zu spielen.
„Das ist wieder unseres.“
Zissa nickte.
„Wie damals.“
„Nur anders“, sagte Grona.
Lor-Lo lächelte.
„Weil wir auch anders geworden sind.“
Was geblieben ist
Später saßen die vier nebeneinander.
Keiner hatte es eilig.
Zissa blickte zu den vier hellen Punkten am Himmel.
„Wisst ihr noch, wie wir uns bei der Sternenkonferenz kennengelernt haben?“
Faxi grinste.
„Lor-Lo fand mein Essen ungenießbar.“
„Es sah aus wie gefrorener Staub.“
„Violetter Schnee.“
„Genau.“
Grona lachte.
„Und Zissa hat gefroren.“
„Es war kalt.“
„Drei Sonnen waren am Himmel!“, sagte Faxi.
„Trotzdem kalt.“
Lor-Lo hob einen Finger.
„Ich fand es ebenfalls zugig.“
„Danke“, sagte Zissa.
Dann wurden sie still.
Nach einer Weile sagte Grona:
„Damals wollten wir einander erklären, warum unsere Welt die beste ist.“
Lor-Lo nickte.
„Das war ziemlich lustig.“
„Heute würde ich das nicht mehr sagen“, meinte Zissa.
Faxi sah sie an.
„Ist Zalara nicht mehr die beste Welt?“
Zissa lächelte.
„Für mich schon.“
„Faron auch“, sagte Faxi.
„Grunava ebenfalls“, sagte Grona.
Lor-Lo verschränkte zufrieden die Hände.
„Und über Loroa müssen wir gar nicht diskutieren.“
Alle lachten.
Dann sagte Grona:
„Vielleicht ist genau das der Unterschied.“
„Welcher?“
„Wir müssen nicht mehr beweisen, dass unsere Welt gut ist.“
Zissa nickte langsam.
„Weil wir wissen, dass auch die anderen gut sein können.“
Nicht gleich
Faxi nahm einen kleinen Stein und ließ ihn durch die Finger rollen.
„Wir sind trotzdem nicht gleicher geworden.“
„Zum Glück“, sagte Lor-Lo.
„Du bist noch immer langsam.“
„Gemessen an dir.“
„Zissa liebt noch immer Hitze.“
„Natürlich.“
„Grona liebt Regen.“
„Sehr.“
Lor-Lo deutete auf Faxi.
„Und du glaubst noch immer, dass fast jedes Problem durch Bewegung interessanter wird.“
Faxi grinste.
„Stimmt.“
Zissa sah die anderen an.
„Und trotzdem funktioniert es.“
Grona nickte.
„Vielleicht gerade deshalb.“
Lor-Lo dachte nach.
„Freundschaft bedeutet also nicht, dass man immer dasselbe will.“
„Nein“, sagte Grona.
„Oder dass man immer derselben Meinung ist“, ergänzte Faxi.
Zissa lächelte.
„Sondern dass man einander wichtig bleibt.“
Diesmal sagte niemand etwas dazu.
Es musste nichts ergänzt werden.
Vier Richtungen
Am nächsten Morgen packten sie zusammen.
Lor-Lo brauchte am längsten.
„Wie kann man für zwei Tage so viel auspacken?“, fragte Faxi.
„Indem man gut vorbereitet reist.“
Grona ging noch einmal zu der kleinen Stelle, an der sie die Samen gepflanzt hatten.
Ein winziger grüner Punkt war durch die Erde gebrochen.
„Schaut!“
Alle vier kamen näher.
„Das ging schnell“, sagte Zissa.
Grona lächelte.
„Manchmal beginnt etwas, bevor man damit rechnet.“
Faxi stellte einen kleinen Windanzeiger daneben.
Zissa legte noch einen Wärmestein in die Nähe.
Lor-Lo füllte die Wasserschale.
Dann standen sie da.
Vier Freunde.
Vier Reisefahrzeuge.
Vier Heimwege.
„Nächstes Jahr?“, fragte Zissa.
„Natürlich“, sagte Faxi.
„Wo?“, fragte Lor-Lo.
Grona zuckte mit den Schultern.
„Das müssen wir noch nicht wissen.“
Lor-Lo nickte.
„Das ist erstaunlicherweise in Ordnung.“
Sie verabschiedeten sich.
Dann startete zuerst Zissa.
Ihr kleines Schiff flog in Richtung Zalara.
Grona folgte nach Grunava.
Lor-Lo nahm Kurs auf Loroa.
Faxi blieb noch einen Augenblick.
Er sah auf die kleine Pflanze.
Dann auf die drei Lichtpunkte, die sich voneinander entfernten.
Schließlich stieg auch er ein.
Von Lunava aus führten nun vier Wege durch den Himmel.
Jeder in eine andere Richtung.
Und trotzdem gehörten sie zusammen.
Denn auf vier verschiedenen Planeten lebten vier sehr verschiedene Wesen, die längst etwas verstanden hatten:
Man muss nicht gleich leben.
Nicht dasselbe mögen.
Nicht dasselbe brauchen.
Nicht einmal immer derselben Meinung sein.
Aber man kann neugierig bleiben.
Zuhören.
Fragen.
Gemeinsam lachen.
Und einander wichtig sein.
Vielleicht wollten tatsächlich alle Wesen auf ihre eigene Weise glücklich sein.
Faxi, Grona, Lor-Lo und Zissa wussten inzwischen noch etwas dazu:
Glück wird nicht kleiner, wenn andere es anders finden.
Und irgendwo zwischen ihren vier Welten wuchs auf einem kleinen Mond eine Pflanze heran, die ein wenig Wärme, ein wenig Wasser, ein wenig Schutz und die Fürsorge von vier Freunden bekommen hatte.
Wie ihre Freundschaft.
Nicht aus einer einzigen Welt.
Sondern aus vieren.