
Nach Taviri hatten Faxi, Grona, Lor-Lo und Zissa beschlossen, bei ihren gemeinsamen Reisen vorsichtiger mit schnellen Urteilen zu sein.
Das war ein guter Vorsatz.
Wie alle guten Vorsätze hielt er ungefähr bis zur nächsten Reise.
Diesmal schlug Grona einen kleinen Planeten namens Pelari vor.
„Warum gerade Pelari?“, fragte Zissa.
„Dort soll alles besonders gerecht organisiert sein.“
Lor-Lo hob interessiert den Kopf.
„Gerecht klingt vernünftig.“
Faxi grinste.
„Das sagen immer jene, die glauben, dass sie dabei gut wegkommen.“
„Unsinn.“
„Außerdem“, sagte Grona, „gibt es dort berühmte Gärten.“
Damit war sie selbst natürlich sofort dafür.
Zissa entdeckte in der Beschreibung warme Quellen.
Faxi las von langen Radwegen.
Und Lor-Lo fand einen Satz über ausgezeichnete Backwaren.
Damit war die Abstimmung beendet.
Alles gleich
Pelari sah freundlich aus.
Die Städte waren hell, die Straßen breit, die Gärten gepflegt. Zwischen den Häusern standen Trinkbrunnen, Spielplätze, Bäume und kleine Pavillons.
„Sehr angenehm“, stellte Lor-Lo fest.
„Noch keine Bank gesehen“, sagte Faxi.
Lor-Lo zeigte nach rechts.
Dort standen fünf.
„Ich nehme alles zurück.“
Am Eingang des Hauptplatzes hing ein großes Schild:
AUF PELARI BEKOMMT JEDER DAS GLEICHE. DENN DAS IST GERECHT.
Zissa las es zweimal.
„Klingt logisch.“
„Zunächst schon“, sagte Grona.
Sie gingen weiter.
Auf dem Platz wurde gerade Essen ausgegeben.
Jeder bekam eine Schale Suppe, zwei Fladen und einen kleinen Obstbecher.
Ganz gleich, ob groß oder klein.
Faxi beobachtete einen winzigen Pelari, der kaum die Hälfte seiner Portion schaffte.
Daneben saß ein riesiges Wesen, das seine Schale in wenigen Löffeln geleert hatte und hungrig auf den leeren Teller blickte.
„Interessant“, sagte Faxi.
Lor-Lo folgte seinem Blick.
„Sehr interessant.“
Zissa grinste.
„Vor allem für dich.“
Die Schuhe
Am nächsten Morgen wollten sie gemeinsam wandern.
Vor dem Start bekam jeder Besucher ein Paar Wanderstiefel.
„Einheitsgröße“, erklärte die Mitarbeiterin stolz.
Faxi zog sie an.
Sie waren ihm zu groß.
Grona rutschte darin.
Zissa bekam den Fuß kaum hinein.
Lor-Lo hingegen sah glücklich aus.
„Meine passen.“
Faxi starrte ihn an.
„Natürlich.“
„Was heißt hier natürlich?“
„Gar nichts.“
Die Mitarbeiterin strahlte.
„Alle bekommen dieselben Schuhe. Niemand wird bevorzugt.“
Zissa hob einen Fuß.
„Aber ich kann darin kaum gehen.“
„Das tut mir leid.“
„Kann ich kleinere bekommen?“
Die Pelari wirkte erschrocken.
„Dann würdest du mehr passende Schuhe bekommen als jemand anderes.“
„Aber ich brauche doch nur passende Schuhe.“
„Das wäre eine Ausnahme.“
Lor-Lo beugte sich zu Grona.
„Ich glaube, wir haben ein Thema gefunden.“
Gleich lang für alle
Der Wanderweg führte durch eine sanfte Hügellandschaft.
Nach genau einer Stunde wurde Pause gemacht.
Nicht früher.
Nicht später.
Für alle.
Ein älteres Pelari-Wesen blieb schon nach vierzig Minuten erschöpft stehen.
„Kommen Sie“, sagte Faxi. „Wir warten kurz.“
Der Wanderführer schüttelte den Kopf.
„Pause ist in zwanzig Minuten.“
„Aber es braucht jetzt eine.“
„Dann hätten die anderen früher Pause.“
„Ja.“
Der Führer sah ihn verständnislos an.
„Das wäre doch ungerecht.“
Faxi sah zu Grona.
Grona sah zu Zissa.
Zissa sah zu Lor-Lo.
Lor-Lo sagte:
„Ich glaube, diesmal sollten wir wirklich erst nachdenken.“
„Sehr gut“, sagte Grona.
„Du lernst.“
Der Garten
Am Nachmittag besuchten sie die berühmten Gärten von Pelari.
Sie waren wunderschön.
Reihen aus violetten Blüten wechselten mit niedrigen Bäumen, Teichen und Kräuterbeeten. Alles war sorgfältig angelegt.
Doch Grona blieb schon nach wenigen Minuten stehen.
„Warum sehen die Pflanzen dort so schlecht aus?“
Ein Gärtner kam hinzu.
„Welche?“
Grona zeigte auf eine Reihe großer Blätter, die schlaff herunterhingen.
„Die bekommen zu wenig Wasser.“
Der Gärtner schüttelte den Kopf.
„Jede Pflanze bekommt täglich genau einen Liter.“
„Aber diese hier brauchen mehr.“
„Alle bekommen gleich viel.“
Grona ging ein Stück weiter.
Dort stand eine kleine Pflanze in völlig nasser Erde.
„Und die hier braucht viel weniger.“
„Auch ein Liter.“
Grona kniete sich hin.
„Aber dann ist sie ständig zu nass.“
Der Gärtner nickte traurig.
„Ja. Sie wächst nicht besonders gut.“
„Warum ändert ihr es nicht?“
„Weil alle Pflanzen gleich behandelt werden.“
Grona sah ihn lange an.
Dann sagte sie:
„Aber gleich behandeln heißt doch nicht automatisch gut behandeln.“
Der Gärtner schwieg.
Das große Spiel
Am Abend fand auf dem Hauptplatz ein gemeinsames Spiel statt.
Alle Kinder bekamen dieselbe Aufgabe:
Sie mussten einen großen Ring auf eine hohe Stange werfen.
Der Abstand war für alle gleich.
Die Stange war für alle gleich hoch.
Die Ringe waren für alle gleich schwer.
Ein kleines Kind warf dreimal.
Der Ring fiel jedes Mal weit vorher zu Boden.
Ein größeres Kind traf sofort.
„Gewonnen!“, rief der Spielleiter.
Das kleine Kind sah auf seine Füße.
Zissa ging zu ihm.
„Willst du es noch einmal versuchen?“
„Ich kann das nicht.“
„Vielleicht ist die Entfernung einfach zu groß.“
Der Spielleiter hörte es.
„Die Entfernung ist für alle gleich.“
Zissa nickte.
„Genau.“
Der Mann lächelte zufrieden.
„Also ist es gerecht.“
„Nein“, sagte Zissa.
Diesmal sagte sie es sehr bestimmt.
Vier Freunde diskutieren
Am Abend saßen die vier am Rand des Platzes.
„Also“, begann Faxi, „ich glaube, ich weiß jetzt, was hier schiefläuft.“
„Sag es nicht zu schnell“, warnte Grona.
Faxi hob die Hände.
„Ich frage nur.“
Lor-Lo nickte anerkennend.
„Fortschritt.“
Zissa sah über den Platz.
„Die Pelari wollen niemanden bevorzugen.“
„Das ist eigentlich etwas Gutes“, sagte Grona.
„Ja“, meinte Lor-Lo. „Aber sie glauben, dass Gerechtigkeit bedeutet, dass jeder exakt dasselbe bekommt.“
Faxi deutete auf seine viel zu großen Wanderschuhe.
„Und das funktioniert nicht.“
Grona dachte nach.
„Vielleicht gibt es einen Unterschied zwischen gleich und gerecht.“
Zissa sah sie an.
„Wie meinst du das?“
Grona zeigte auf vier Trinkbecher vor ihnen.
„Wenn wir alle denselben Becher Wasser bekommen, ist das gleich.“
„Ja.“
„Aber wenn du gerade von Zalara kommst und durstig bist, Lor-Lo kaum etwas braucht und Faxi schon drei Becher getrunken hat …“
„… dann wäre es vielleicht gerechter, wenn nicht alle exakt gleich viel bekommen“, sagte Zissa.
Lor-Lo nickte.
„Sondern so viel, wie sie brauchen.“
Faxi grinste.
„Das gefällt mir.“
„Natürlich“, sagte Lor-Lo. „Du hast schon drei Becher getrunken.“
Ein Versuch
Am nächsten Tag suchten sie den Rat von Sarela, einer älteren Pelari, die für den Hauptplatz verantwortlich war.
Sie hörte aufmerksam zu.
„Ihr meint also, unser Grundsatz ist falsch?“
„Nein“, sagte Grona.
„Das wäre wieder zu schnell.“
Sarela hob überrascht die Augenbrauen.
Grona fuhr fort:
„Euer Wunsch ist gut. Ihr wollt niemanden benachteiligen.“
„Genau.“
„Aber vielleicht braucht nicht jeder dasselbe, um dieselbe Chance zu haben.“
Faxi erzählte von den Wanderschuhen.
Zissa vom Ringwurf.
Grona von den Pflanzen.
Lor-Lo vom hungrigen großen Wesen und dem kleinen, das sein Essen nicht schaffte.
Sarela wurde still.
„Wir wollten verhindern, dass manche mehr bekommen als andere.“
„Vielleicht“, sagte Lor-Lo, „muss man manchmal mehr bekommen, weil man mehr braucht.“
Sarela dachte lange nach.
Dann lächelte sie.
„Wir probieren etwas.“
Der neue Spieltag
Am Nachmittag wurde das Ringwurfspiel noch einmal aufgebaut.
Diesmal gab es drei Entfernungen.
Die Kinder durften dort stehen, wo sie eine echte Chance hatten.
Einige bekamen leichtere Ringe.
Andere schwerere.
Ein Kind durfte näher zur Stange.
Ein anderes warf von weiter hinten.
„Aber sie stehen nicht alle gleich!“, protestierte ein Zuschauer.
Sarela nickte.
„Nein.“
„Das ist doch ungerecht!“
„Schauen wir.“
Das kleine Kind vom Vortag trat an.
Es nahm einen leichten Ring.
Ging zwei Schritte näher.
Warf.
Der Ring landete auf der Stange.
Das Kind strahlte.
„Noch einmal!“
Beim zweiten Versuch traf es wieder.
Der große Junge, der gestern sofort gewonnen hatte, trat ein Stück weiter zurück.
„Das ist schwieriger!“, sagte er.
„Genau“, meinte Zissa.
Er warf.
Daneben.
Er lachte.
„Noch einmal!“
Plötzlich hatten beide Spaß.
Auch Pflanzen sind verschieden
Im Garten änderte man ebenfalls etwas.
Die durstigen Pflanzen bekamen mehr Wasser.
Die empfindlichen weniger.
Sonnenliebende wurden an hellere Stellen gesetzt.
Schattenpflanzen unter Bäume.
Schon nach wenigen Tagen wirkten manche sichtbar kräftiger.
Der Gärtner sah Grona an.
„Es fühlt sich immer noch seltsam an.“
„Warum?“
„Weil sie nicht mehr alle dasselbe bekommen.“
Grona strich über ein kräftiges Blatt.
„Aber sie bekommen jetzt das, was ihnen guttut.“
Der Gärtner nickte langsam.
„Vielleicht ist das die bessere Regel.“
Die neue Tafel
Am letzten Tag standen die vier wieder am Eingang des Hauptplatzes.
Das alte Schild war verschwunden.
Stattdessen hing dort eine neue Tafel.
Darauf stand:
AUF PELARI SOLL JEDER EINE GUTE CHANCE HABEN. DAFÜR BRAUCHEN NICHT ALLE DASSELBE.
Faxi las den Satz.
„Gefällt mir.“
Zissa nickte.
„Mir auch.“
Lor-Lo deutete auf die letzte Zeile.
Dort war noch etwas ergänzt worden:
UND WENN WIR NICHT WISSEN, WAS JEMAND BRAUCHT, FRAGEN WIR.
Grona lächelte.
„Das gefällt mir am besten.“
Auf dem Heimweg
Im Raumschiff lehnten sich alle vier zurück.
Zissa sah zu Lor-Lo.
„Weißt du, was ich auf Pelari gelernt habe?“
„Dass meine Wanderschuhgröße ausgezeichnet ist?“
„Nein.“
Faxi lachte.
Zissa sagte:
„Dass Gleichheit manchmal gerecht ist. Aber nicht immer.“
Grona nickte.
„Und dass Unterschiede nicht automatisch Bevorzugung bedeuten.“
Lor-Lo faltete zufrieden die Hände über seinem Bauch.
„Ich habe gelernt, dass größere Wesen manchmal tatsächlich eine größere Portion benötigen.“
Faxi verdrehte die Augen.
„Das war natürlich deine wichtigste Erkenntnis.“
„Sie war wissenschaftlich überzeugend.“
Dann wurde er ernst.
„Aber ich glaube, ich habe noch etwas verstanden.“
Die anderen sahen ihn an.
„Wenn man gerecht sein will, muss man zuerst hinschauen.“
Grona ergänzte:
„Und zuhören.“
Zissa:
„Und manchmal fragen.“
Faxi nickte.
„Stimmt.“
Draußen zog Pelari langsam hinter ihnen davon.
Und wieder hatten vier Freunde einen Planeten verlassen, der ihnen etwas beigebracht hatte.
Nicht, weil dort alles falsch gewesen war.
Sondern weil eine gute Idee zu einfach geworden war.
Und vielleicht, dachten sie,
war das eine der schwierigsten Arten von Fehlern überhaupt:
wenn etwas gut gemeint ist —
aber trotzdem nicht für alle gut funktioniert.