Episode 5: Zu Besuch auf Faron

Nach ihren Besuchen auf Zalara, Loroa und Grunava warteten alle gespannt auf das nächste Treffen.

Diesmal sollte es auf Faron stattfinden, dem Heimatplaneten von Faxi.

Schon Wochen vorher erzählte Faxi mit leuchtenden Augen von schmalen Höhenwegen, rauschenden Windfeldern und den berühmten Wolkenhängen.

„Man muss dort sehr aufmerksam sein“, erklärte er.

„Wie aufmerksam?“, fragte Lor-Lo vorsichtig.

„Sehr aufmerksam.“

„So aufmerksam, dass man dabei noch gemütlich atmen kann?“

„Natürlich“, sagte Faxi.

Dann dachte er kurz nach.

„Meistens.“

Lor-Lo seufzte.

„Das beruhigt mich überhaupt nicht.“

Zissa dagegen war begeistert.

„Ich freue mich! Nach so viel Hitze, Gemütlichkeit und Regen will ich jetzt Abenteuer.“

Grona lächelte.

„Ich bin vor allem neugierig auf den Wind.“

„Den wirst du sicher kennenlernen“, versprach Faxi.

„Auf Faron kennt früher oder später jeder den Wind.“


Schon beim Anflug wirkte Faron ganz anders als die anderen Planeten.

Unter ihnen lagen helle Gebirge, lange Rücken aus Fels, silbrige Hänge und weite Hochflächen. Dazwischen glänzten schmale Seen, und über manchen Schluchten zogen Wolken so tief dahin, als würden sie knapp über dem Boden schweben.

„Oh!“, rief Zissa.

„Da sind sie!“, sagte Faxi stolz. „Die Wolkenhänge!“

Lor-Lo presste sich tiefer in seinen Sitz.

„Warum nennt man sie Hänge?“

„Weil sie wie Hänge aussehen.“

„Und warum sind sie aus Wolken?“

„Weil dort der Wind so stark und gleichmäßig strömt, dass sich Nebel und Wolken sammeln.“

Lor-Lo sah aus dem Fenster.

„Das ist sehr schön“, sagte er tapfer. „Und ein wenig besorgniserregend.“

Grona beobachtete, wie sich ein ganzer Nebelstreifen wie ein langes, weißes Tuch durch ein Tal legte.

„Es sieht fast aus, als hätte jemand den Himmel heruntergezogen.“

Faxi nickte.

„Ja. Genau deshalb liebe ich Faron.“


Am Landeplatz wurde es sofort windig.

Nicht nur ein bisschen windig.

Nicht so, dass einem die Haare verrutschten.

Sondern so, dass Zissa sich gleich mit beiden Händen an ihrem Reisebeutel festhalten musste.

„Das ist ja unglaublich!“

„Das ist heute eher mild“, sagte Faxi.

„Mild?“, rief Lor-Lo.

In diesem Moment fuhr eine Böe über den Platz.

Sein Halstuch flog ihm fast ins Gesicht.

Grona stemmte sich lachend gegen den Wind.

„Er schiebt einen richtig vorwärts!“

„Ja!“, rief Faxi glücklich. „Ist das nicht großartig?“

Zissa machte ein paar Schritte gegen die Böe und begann plötzlich zu lachen.

„Es ist, als würde man mit der Luft ringen!“

Lor-Lo hingegen versuchte nur, standfest zu bleiben.

„Ich möchte gleich zu Beginn festhalten, dass ich auf Faron weder weggeblasen noch von einer Wolke verschluckt werden will.“

„Wir passen auf dich auf“, versprach Grona.

„Und auf meinen Hut?“

„Auch auf deinen Hut“, sagte Zissa.


Faxis Familie wohnte in einer Siedlung, die sich an einen geschützten Felsrücken schmiegte.

Die Häuser sahen ganz anders aus als anderswo. Sie waren niedrig gebaut, rund oder halbrund, mit kräftigen Wänden und windfesten Dächern. Manche hatten bewegliche Schutzklappen vor den Fenstern, andere waren mit Seilen und Halterungen gesichert, damit nichts locker werden konnte.

„Bei euch muss alles gut festgemacht sein“, stellte Lor-Lo fest.

„Natürlich“, sagte Faxi. „Wenn der Wind stärker wird, nimmt er sich sonst, was er kriegen kann.“

Faxis Mutter begrüßte die Gäste herzlich. Sie hatte dieselben strahlenartigen Haare wie Faxi, nur etwas länger und weicher.

„Willkommen auf Faron!“, rief sie. „Seid ihr gut gelandet?“

„Ja“, sagte Grona.

„Mit Mühe“, sagte Lor-Lo.

„Mit Freude!“, sagte Zissa.

Faxis Vater, der gerade eine Windfahne am Haus überprüfte, winkte ihnen zu.

„Dann kommt erst einmal herein. Wer von draußen kommt, braucht etwas Warmes.“

„Warmes?“, fragte Zissa überrascht.

„Auf Faron ist Wärme ein Geschenk“, sagte Faxis Mutter.

Das konnte Zissa zwar nicht ganz verstehen, aber sie nickte höflich.


Im Haus war es gemütlich.

An den Wänden hingen bunte Windbänder, kleine Flöten aus Holz und seltsame drehbare Räder, die bei Luftzug summende Töne erzeugten. Ein Ofen spendete angenehme Wärme, und auf dem Tisch standen dampfende Schalen.

„Das riecht gut“, sagte Grona.

„Was ist das?“, fragte Zissa.

„Windwurzeleintopf“, erklärte Faxi.

„Heißt der so, weil er mit Wind gekocht wird?“, fragte Lor-Lo.

Faxi grinste.

„Nein. Aber die Pflanzen wachsen besonders gut in den windigen Böden.“

Lor-Lo kostete vorsichtig.

Dann noch einmal.

„Sehr gut.“

„Du sagst fast alles“, sagte Zissa.

„Das stimmt nicht“, entgegnete Lor-Lo. „Nur das meiste.“

Dazu gab es knusprige Fladen, würzige Samenpaste und kleine helle Kugeln, die außen fest und innen luftig waren.

„Die sind ja ganz leicht!“, sagte Grona.

Faxis Mutter lächelte.

„Auf Faron lieben wir Speisen, die nicht schwer im Magen liegen. Wenn man draußen unterwegs ist, braucht man Beweglichkeit.“

Lor-Lo legte gerade eine zweite Portion Eintopf nach.

„Ich bin sehr beweglich“, sagte er.

Zissa hob eine Augenbraue.

„Natürlich.“


Nach dem Essen führte Faxi seine Freunde zu einem Aussichtspfad.

Der Weg verlief über einen breiten Felsrücken. Links und rechts ging es hinunter in Täler, in denen sich helle Nebelbänder sammelten. Immer wieder standen dort niedrige Pfosten mit Windzeichen, die anzeigten, aus welcher Richtung die stärksten Strömungen kamen.

„Was bedeuten die Farben?“, fragte Grona.

„Blau heißt ruhig“, erklärte Faxi, „silber heißt lebhaft, rot heißt: gut festhalten.“

Lor-Lo blieb sofort bei einem silbernen Zeichen stehen.

„Und das hier?“

„Lebhaft.“

„Ich finde, das klingt verharmlosend.“

Zissa lachte.

„Auf Zalara hätten wir für so etwas vermutlich drei Warnstufen mehr.“

„Und auf Loroa eine Bank davor“, ergänzte Grona.

„Mit einem Schild: Erst überlegen, dann weitergehen“, sagte Zissa.

Selbst Faxi musste lachen.


Bald erreichten sie eine Stelle, an der sich der Blick weit öffnete.

Vor ihnen lag ein schräger, heller Hang aus Nebel und Wolken, der sich an einen Bergrücken schmiegte. Darüber strich der Wind in langen, sichtbaren Bahnen dahin. Dünne Gräser zitterten am Rand, und kleine flatternde Markierungen zeigten sichere Wege an.

„Das ist ein Wolkenhang“, sagte Faxi leise.

Einen Moment lang sagte niemand etwas.

Dann flüsterte Grona: „Er ist wunderschön.“

Zissa nickte langsam.

„Ja. Wirklich wunderschön.“

Lor-Lo schluckte.

„Und wie … genau benutzt man so etwas?“

Faxi sah ihn strahlend an.

„Ich zeige es euch!“

„Ich habe genau diese Antwort befürchtet“, murmelte Lor-Lo.


Natürlich mussten sie nicht gleich über den Wolkenhang rennen.

Zuerst zeigte Faxi ihnen ein einfacheres Spiel der Faxiri.

Es hieß Windlauf.

„Man läuft nicht gegeneinander“, erklärte Faxi, „sondern mit dem Wind. Wer am besten spürt, wann man nachgeben und wann man gegenhalten muss, kommt am geschicktesten ans Ziel.“

„Das gefällt mir“, sagte Grona.

„Mir vielleicht auch“, sagte Zissa.

Lor-Lo hob langsam die Hand.

„Gibt es eine sitzende Variante?“

„Nein.“

„Schade.“

Das Ziel bestand aus bunten Windbändern, die an mehreren Stangen befestigt waren. Man musste einen markierten Weg entlanglaufen, dabei Böen ausgleichen, an drei flatternden Toren vorbei und am Ende ein Band berühren.

Faxi war natürlich hervorragend.

Er schien genau zu wissen, wann der Wind ihn schob und wann er kurz abbremsen musste.

Zissa war zunächst zu ungestüm und wäre beinahe aus dem markierten Pfad getragen worden.

„Nicht gegen jede Böe kämpfen!“, rief Faxi. „Manchmal muss man ein Stück mitgehen!“

Beim zweiten Versuch gelang es ihr viel besser.

„Aha!“, rief sie. „Man darf nicht immer nur stark sein. Man muss auch geschickt sein!“

„Genau!“

Grona bewegte sich aufmerksam und ruhig. Sie beobachtete lange und lief dann fast wie tanzend durch die Luftströmungen.

„Du bist gut!“, rief Faxi beeindruckt.

„Ich höre auf den Wind“, sagte Grona.

Lor-Lo hingegen machte schon beim ersten Tor eine höchst eigenartige Bewegung, wurde von einer Böe überrascht und drehte sich einmal halb um die eigene Achse.

Zissa bog sich vor Lachen.

„Lor-Lo!“

„Ich lebe noch!“, rief er.

„Das war auch nicht zu übersehen!“, sagte Faxi.

Doch beim dritten Versuch wurde selbst Lor-Lo besser. Er lief vorsichtiger, wartete einen passenden Moment ab und erreichte schließlich tatsächlich das Zielband.

Er hielt es triumphierend hoch.

„Ich bin angekommen!“

„Ja!“, jubelte Grona.

Lor-Lo strahlte.

„Dann bin ich nun offiziell ein Windläufer.“

„Ein sehr vorsichtiger Windläufer“, sagte Zissa.

„Die leben länger“, gab Lor-Lo zurück.


Später führte Faxi sie zu einem geschützten Platz oberhalb des Wolkenhangs.

Dort standen mehrere Gestelle mit bunten Windsegeln, kleinen Flatterrädern und seltsamen Musikinstrumenten.

„Was ist das alles?“, fragte Grona.

„Unsere Windspiele“, sagte Faxi. „Auf Faron macht nicht nur der Wind Geräusche. Man kann mit ihm auch Musik machen.“

Das gefiel natürlich allen sofort.

Einige Instrumente bestanden aus gespannten Saiten, die durch Luftzug zum Klingen gebracht wurden. Andere hatten kleine Röhrchen, in denen der Wind pfiff oder summte. Wieder andere drehten sich und erzeugten rhythmische Klacker- oder Flatterlaute.

Faxi stellte ein größeres Windrad leicht schräg.

Sofort entstand ein tiefer, singender Ton.

„Oh!“, sagte Zissa begeistert.

Grona ließ eine Reihe kleiner Röhrchen im Wind tanzen. Sie antworteten mit hellen, klaren Klängen.

Lor-Lo entdeckte ein Instrument, das fast wie eine Flöte aussah, aber seitlich im Wind gehalten wurde.

„Das probiere ich.“

Er setzte an, traf erst gar keinen Ton, dann einen schiefen und schließlich einen erstaunlich schönen.

„Lor-Lo!“, rief Zissa. „Du kannst sogar mit dem Wind musizieren!“

„Natürlich“, sagte Lor-Lo würdevoll. „Ich bin vielseitig.“

Faxi zog seine eigene Flöte hervor und spielte dazu. Sein Ton klang hell und lebhaft. Zissa summte darüber eine warme, geschwungene Melodie, und Grona gab mit kleinen Klapperhölzern einen sanften Rhythmus vor.

So entstand eine Musik, die ganz anders klang als auf Zalara, Loroa oder Grunava.

Leichter.

Wilder.

Freier.

Fast so, als würde sie jederzeit davonfliegen wollen.

Vielleicht tat sie das auch ein wenig.


Als der Abend kam, färbte sich der Himmel über Faron silbrig-gold.

Die Wolkenhänge leuchteten weich, und in der Ferne sah es aus, als würden ganze Nebelwege durch die Berge schweben.

Die vier Freunde saßen auf einer windgeschützten Mauer und blickten hinaus.

„Nun?“, fragte Faxi. „Was sagt ihr zu Faron?“

Zissa lächelte.

„Es ist anstrengend. Aber herrlich.“

„Das ist eine sehr gute Beschreibung“, sagte Faxi.

Grona nickte.

„Ich finde, auf Faron lernt man besonders gut, dass man nicht immer gegen alles ankämpfen sollte.“

Lor-Lo zog sein Halstuch etwas enger.

„Ja“, sagte er. „Wenn man sich klug bewegt, hilft einem der Wind manchmal sogar.“

„Genau das!“, rief Faxi.

Zissa sah zum Wolkenhang hinüber.

„Und ich dachte immer, stark sein heißt, sich gegen alles durchzusetzen. Aber heute habe ich gemerkt, dass es oft besser ist, etwas mitzunehmen, statt stur dagegenzuhalten.“

„Das war sehr klug“, sagte Grona.

Lor-Lo nickte feierlich.

„Das sollte man auf einen Stein schreiben.“

„Oder auf eine Bank“, meinte Zissa.

Alle lachten.

Nach einer Weile sagte Faxi leiser:

„Ich mag an unseren Treffen, dass wir überall etwas Neues lernen. Nicht nur über die Planeten. Auch über uns selbst.“

Die anderen nickten.

Denn das stimmte.

Auf Zalara hatten sie gelernt, dass Wärme und Lebensfreude für manche einfach zusammengehörten.

Auf Loroa hatten sie entdeckt, wie viel Schönes man im Langsamen finden konnte.

Auf Grunava hatten sie gespürt, wie eng alles miteinander verbunden sein kann.

Und auf Faron hatten sie erfahren, dass man nicht jede Kraft besiegen muss — manchmal reicht es, sie zu verstehen.

Da hob Lor-Lo ein kleines Becherchen mit warmem Kräutertrunk.

„Auf Faron!“

„Auf Faron!“, riefen die anderen.

„Und auf alle Winde, die heute gnädig waren“, fügte er hinzu.

„Nicht alle waren gnädig“, sagte Zissa kichernd.

„Aber ich bin trotzdem nicht davongeflogen“, entgegnete Lor-Lo stolz.

„Das stimmt“, sagte Faxi. „Und morgen zeige ich dir vielleicht doch noch einen echten Wolkenlauf.“

Lor-Lo erstarrte.

„Vielleicht?“

Faxi grinste.

„Vielleicht.“

Lor-Lo seufzte tief.

„Dann brauche ich jetzt noch dringend eine zweite Portion Windwurzeleintopf.“


So endete ihr Besuch auf Faron:

mit Wind und Weite, Wolkenhängen und mutigen Schritten, fliegender Musik und einer neuen Erkenntnis:

Nicht jede Kraft muss bekämpft werden. Manche kann man verstehen, nutzen und sogar lieben lernen.

Und als die vier Freunde am nächsten Morgen zusammenstanden, wussten sie längst:

Auch das nächste Wiedersehen würde wieder voller Überraschungen sein.


Wenn du magst, schreibe ich dir als Nächstes noch eine kleine Abschluss-Episode oder eine schöne Schlussseite zur ganzen Reihe der vier Treffen.