
Nach Meruva waren sich Faxi, Grona, Lor-Lo und Zissa in einem Punkt einig:
Beim nächsten gemeinsamen Ausflug wollten sie wieder einen Planeten besuchen, den keiner von ihnen kannte.
Diesmal durfte Lor-Lo auswählen.
„Damit wir nicht wieder sieben Talbögen weit wandern müssen, ohne zu wissen, was ein Talbogen ist“, erklärte er.
Er studierte Sternenkarten, Reiseberichte und Klimatabellen. Schließlich zeigte er den anderen einen kleinen blaugrünen Planeten.
„Taviri.“
Zissa betrachtete das Bild.
„Sieht hübsch aus.“
„Gemäßigtes Klima“, sagte Lor-Lo zufrieden.
Faxi grinste.
„Natürlich.“
„Seen, Wälder, offene Landschaften, keine gefährlichen Stürme, keine extreme Hitze, keine täglichen Regengüsse.“
Grona legte den Kopf schief.
„Also im Grunde Loroa.“
„Überhaupt nicht! Taviri hat zwei Monde.“
„Das ändert alles“, sagte Faxi feierlich.
Lor-Lo ignorierte ihn.
„Außerdem findet dort gerade das Fest der Tausend Lichter statt.“
Damit war die Sache entschieden.
Eine seltsame Begrüßung
Als sie auf Taviri ankamen, war es früher Nachmittag.
Das Land wirkte freundlich. Sanfte Hügel zogen sich bis zum Horizont. Zwischen hohen silbergrünen Bäumen lagen Häuser mit bunten Dächern. Überall hingen kleine Lampen und transparente Kugeln an Schnüren.
„Schön!“, sagte Zissa.
„Sehr schön“, bestätigte Lor-Lo.
Faxi deutete auf einen großen Platz.
„Aber warum stehen dort alle herum?“
Tatsächlich befanden sich viele Taviri auf dem Festplatz.
Nur: Niemand feierte.
Einige standen mit verschränkten Armen zusammen.
Andere redeten aufgeregt durcheinander.
Manche sahen ärgerlich zum Himmel.
Und mitten auf dem Platz saß eine ältere Taviri auf einer Kiste und hielt sich beide Hände an den Kopf.
„Das sieht nicht nach Fest aus“, sagte Grona.
„Vielleicht beginnt es erst später“, meinte Lor-Lo.
Da kam ein junges Taviri-Wesen auf sie zugelaufen.
„Seid ihr die Reisenden?“
„Ja“, sagte Faxi.
„Dann seid ihr genau zur falschen Zeit gekommen.“
Zissa blinzelte.
„Das ist eine ungewöhnliche Begrüßung.“
„Unser Fest ist ruiniert.“
„Was ist passiert?“, fragte Grona.
Das Taviri-Wesen zeigte nach oben.
Zuerst sahen die vier nur den blauen Himmel.
Dann bemerkten sie etwas.
Ganz hoch über dem Tal schwebte eine riesige dunkle Wolke.
Aber sie bewegte sich merkwürdig.
Sie teilte sich.
Formte Kreise.
Wurde wieder dichter.
Und plötzlich leuchteten darin Hunderte winziger Punkte auf.
„Das ist keine Wolke“, sagte Faxi.
„Nein“, antwortete der Taviri.
„Das sind Lumaras.“
Die unerwünschten Gäste
Lumaras waren kleine Flugwesen, ungefähr so groß wie Faxís Hand.
Sie hatten durchsichtige Flügel und einen runden Körper, der in der Dunkelheit leuchtete.
„Sie sehen wunderschön aus“, sagte Zissa.
Der Taviri verdrehte die Augen.
„Schön? Seit drei Tagen sind sie überall!“
Nun kamen weitere Bewohner hinzu.
„Sie fressen unsere Nachtblüten!“
„Sie sitzen auf den Lampen!“
„Sie bringen die ganze Lichtordnung durcheinander!“
„Und heute Abend ist unser Fest!“
Ein älterer Taviri zeigte auf die aufgehängten Leuchtkugeln.
„Jede Straße hat ihre Farbe. Jede Familie schmückt einen bestimmten Bereich. Seit Generationen ist das so.“
„Und die Lumaras leuchten einfach, wo sie wollen“, ergänzte jemand empört.
Faxi sah noch einmal zum Himmel.
„Vielleicht sollte man sie vertreiben.“
„Genau!“, sagte ein Taviri sofort.
„Mit großen Windsegeln könnte man sie hinaus aus dem Tal treiben.“
Faxi nickte.
„Das könnte funktionieren.“
Grona schüttelte den Kopf.
„Aber wir wissen doch überhaupt nicht, warum sie hier sind.“
„Sie stören das Fest“, sagte Faxi.
„Das wissen wir. Aber nicht, warum.“
Zissa trat näher.
„Vielleicht mögen sie die Wärme der Lampen.“
„Dann machen wir die Lampen heißer als die Umgebung“, sagte sie. „Dann sammeln sie sich an einer Stelle.“
Lor-Lo hob eine Hand.
„Oder wir warten erst einmal ab.“
Alle drei sahen ihn an.
„Warten?“, fragte Zissa.
„Ja.“
Faxi stöhnte.
„Natürlich schlägt Lor-Lo Warten vor.“
„Warten ist manchmal eine Methode.“
Die Taviri waren inzwischen noch unruhiger geworden.
„Wir können nicht warten! In wenigen Stunden beginnt das Fest!“
Nun redeten plötzlich alle durcheinander.
Faxi erklärte seine Windsegel-Idee.
Zissa schlug Wärmefelder vor.
Ein Taviri wollte Netze spannen.
Ein anderer meinte, man solle alle Nachtblüten abdecken.
Grona sagte immer wieder:
„Wir wissen noch gar nicht genug!“
Niemand hörte ihr zu.
Vier gute Ideen
Schließlich beschlossen die Taviri, Faxís Vorschlag auszuprobieren.
Große Tücher wurden zwischen Stangen gespannt. Gemeinsam erzeugten sie damit kräftige Luftbewegungen.
Faxi stellte sich vorne hin.
„Jetzt!“
Die Tücher schlugen.
Ein Windstoß fuhr über den Platz.
Die Lumaras stiegen tatsächlich auf.
„Es funktioniert!“, rief Faxi.
Doch dann geschah etwas Unerwartetes.
Die Lumaras flogen nicht aus dem Tal.
Sie flogen direkt zu den nächsten Straßen.
Und dort setzten sie sich auf alle Lampen.
„Oh“, sagte Faxi.
Zissa grinste.
„Ausgezeichnet.“
„Es war zumindest einen Versuch wert.“
Nun probierten sie Zissas Wärme-Idee.
Eine große leuchtende Platte wurde vorsichtig erwärmt und abseits des Platzes aufgestellt.
Schon bald kamen viele Lumaras.
„Ha!“, sagte Zissa.
Immer mehr Wesen versammelten sich dort.
Dann wurde die Platte offenbar zu warm.
Alle Lumaras flogen gleichzeitig wieder auf.
Diesmal direkt in einen Garten voller Nachtblüten.
„Oh nein!“, riefen die Taviri.
„Das war nicht geplant“, sagte Zissa kleinlaut.
Nun wollte Lor-Lo seine Methode testen.
„Wir setzen uns hin und beobachten.“
Faxi sah ihn an.
„Das ist deine ganze Idee?“
„Ja.“
„Sehr aktiv.“
„Danke.“
Also saßen sie.
Zehn Minuten.
Zwanzig Minuten.
Nach einer halben Stunde begann Zissa unruhig mit den Füßen zu wippen.
Faxi zählte vorbeifliegende Lumaras.
Lor-Lo sah zufrieden aus.
Dann sagte er:
„Ich habe nichts herausgefunden.“
Faxi prustete los.
Sogar Grona musste lachen.
„Immerhin ehrlich.“
Nun waren alle drei gescheitert.
Grona stand auf.
„Dann möchte ich etwas versuchen.“
„Was?“, fragte Zissa.
„Nicht die Lumaras beobachten.“
Sie deutete auf die Wiese außerhalb des Dorfes.
„Sondern ihre Umgebung.“
Was fehlt?
Grona ging langsam durch die Landschaft.
Die anderen folgten.
Zunächst entdeckten sie nichts Besonderes.
Dann blieb sie an einem trockenen Bachbett stehen.
„Hier müsste Wasser sein.“
Ein Taviri nickte.
„Normalerweise schon.“
„Seit wann ist es trocken?“
„Seit einigen Wochen.“
Sie gingen weiter.
Unter mehreren Bäumen lagen welke Blätter.
Ein Stück weiter fanden sie vertrocknete Blütenstände.
„Sind das Nachtblüten?“, fragte Grona.
„Wilde Nachtblüten“, erklärte ein Taviri. „Früher wuchsen sie überall am unteren See.“
„Früher?“
„Der See ist dieses Jahr sehr niedrig.“
Faxi verstand plötzlich.
„Vielleicht sind die Lumaras gar nicht wegen eures Festes hier.“
Grona nickte.
„Vielleicht sind sie hier, weil ihre Nahrung anderswo verschwunden ist.“
Zissa sah zu den leuchtenden Wesen hinüber.
„Dann sind sie nicht Störenfriede.“
Lor-Lo ergänzte:
„Sondern ebenfalls Gäste.“
Ein Taviri verschränkte die Arme.
„Aber sie zerstören trotzdem unsere Nachtblüten.“
„Vielleicht“, sagte Grona, „weil sie nichts anderes finden.“
Ein Gespräch ohne Worte
Nun wollten die vier herausfinden, was die Lumaras tatsächlich brauchten.
Das war allerdings schwierig.
Die kleinen Wesen sprachen keine Sprache, die einer von ihnen verstand.
Faxi pfiff.
Keine Reaktion.
Lor-Lo sang einen tiefen Ton.
Ein paar Lumaras drehten sich zu ihm.
Zissa hielt ihnen eine Nachtblüte hin.
Sofort kamen drei angeflogen.
Grona beobachtete genau.
„Noch einmal.“
Zissa hielt die Blüte etwas höher.
Die Lumaras folgten.
Dann brachte Grona eine Schale Wasser.
Die Wesen flogen sofort hin.
Mehrere setzten sich an den Rand und tranken.
„Aha“, sagte Lor-Lo.
Faxi holte eine zweite Schale.
Noch mehr kamen.
Bald wussten sie genug.
Die Lumaras brauchten vor allem:
Wasser, Nachtblüten und einen sicheren Platz für die Nacht.
Und davon gab es außerhalb der Siedlung kaum noch etwas.
Das Fest verändert sich
Nun entstand eine ganz andere Idee.
„Was wäre“, sagte Zissa, „wenn wir sie gar nicht vertreiben?“
Ein Raunen ging durch die Taviri.
„Aber unser Fest!“
„Genau“, sagte Faxi. „Vielleicht können sie ein Teil davon sein.“
Grona erklärte ihren Plan.
Am Rand des großen Festplatzes gab es eine breite freie Wiese.
Dort stellten die Taviri flache Wasserbecken auf.
Sie brachten einige ihrer gezüchteten Nachtblüten dorthin.
Aus Zweigen bauten sie leichte Ruhegestelle.
Lor-Lo organisierte Sitzplätze.
Natürlich.
„Wenn wir schon etwas Neues machen“, sagte er, „dann wenigstens bequem.“
Faxi half beim Transport.
Zissa verteilte kleine warme Leuchtsteine zwischen den Wasserbecken.
Grona kümmerte sich um die Pflanzen.
Als die Sonne unterging, warteten alle.
Zunächst geschah nichts.
Dann kam die erste Lumara.
Sie kreiste über der Wiese.
Eine zweite folgte.
Dann zehn.
Hundert.
Schließlich senkte sich die ganze leuchtende Wolke herab.
Die Lumaras setzten sich zwischen die Blüten, tranken aus den Becken und schwebten durch die Abendluft.
Und plötzlich leuchtete der ganze Rand des Festplatzes.
Nicht ordentlich.
Nicht in den Farben, die vorgesehen gewesen waren.
Nicht nach dem alten Plan.
Aber wunderschön.
Die Taviri wurden still.
„Das hatten wir noch nie“, sagte die ältere Frau von der Kiste.
„Nein“, sagte Lor-Lo.
„Ist das schlimm?“
Sie sah lange hin.
Dann lächelte sie.
„Nein.“
Tausend Lichter — und ein paar mehr
Das Fest begann.
Die traditionellen Lampen leuchteten weiterhin in ihren Farben.
Die Familien gingen mit ihren Laternen durch die Straßen.
Musik erklang.
Es wurde getanzt und gegessen.
Aber diesmal gab es etwas Neues:
Die Lumaras.
Sie flogen zwischen den Lampen hindurch.
Manche begleiteten die Musik in kleinen Schwärmen.
Andere setzten sich auf Dächer oder schwebten über dem Wasser.
Kinder liefen ihnen lachend hinterher.
„Sie machen unser Fest schöner“, sagte ein Taviri erstaunt.
Faxi grinste.
„Und dabei wollten wir sie zuerst wegblasen.“
„Du wolltest sie wegblasen“, erinnerte Grona ihn.
„Gut. Ich.“
Zissa zeigte auf sich.
„Ich wollte sie grillen.“
„Erwärmen“, korrigierte Lor-Lo.
„Ja. Das klingt besser.“
Lor-Lo hob sein Getränk.
„Und ich wollte warten.“
Faxi sah ihn an.
„Das hat überhaupt nichts gebracht.“
„Es hat mir eine halbe Stunde Ruhe gebracht.“
Alle lachten.
Dann sah Grona die drei an.
„Eigentlich hatten wir alle ein Stück recht.“
Faxi runzelte die Stirn.
„Wie meinst du das?“
„Der Wind hat gezeigt, dass sie sich lenken lassen.“
„Die Wärme hat gezeigt, dass sie auf bestimmte Plätze reagieren“, sagte Zissa.
„Das Warten hat gezeigt …“, begann Lor-Lo.
Die anderen drei sahen ihn erwartungsvoll an.
Lor-Lo dachte angestrengt nach.
„… dass Warten allein nicht immer reicht.“
Sie lachten wieder.
„Und du“, sagte Faxi zu Grona, „hast gefragt, was ihnen fehlt.“
Grona nickte.
„Das war der entscheidende Unterschied.“
Wer hatte recht?
Später saßen die vier etwas abseits und betrachteten das Fest.
Über ihnen schwebten die Lumaras wie kleine Sterne.
„Heute war komisch“, sagte Zissa.
„Warum?“, fragte Lor-Lo.
„Weil ich die ganze Zeit dachte, irgendjemand müsse recht haben.“
Faxi nickte.
„Ich auch.“
„Aber keiner hatte recht.“
Grona überlegte.
„Vielleicht stimmt das nicht ganz.“
„Was meinst du?“
„Jeder von uns hat etwas gesehen. Nur keiner hat genug gesehen.“
Lor-Lo lächelte.
„Das gefällt mir.“
Faxi sah zu den Taviri, die inzwischen gemeinsam mit den Lumaras feierten.
„Dann war das Problem nicht, dass wir unterschiedliche Ideen hatten.“
„Nein“, sagte Grona.
„Das Problem war, dass wir unsere Idee zuerst für die ganze Wahrheit hielten.“
Zissa legte den Kopf schief.
„Das ist ein ziemlich großer Gedanke.“
„Für einen ziemlich kleinen Planeten“, sagte Lor-Lo.
Am nächsten Morgen erfuhren sie, dass die Taviri beschlossen hatten, mehrere wilde Nachtblütenfelder neu anzulegen und kleine Wasserstellen für die Lumaras zu schaffen.
„Vielleicht kommen sie nächstes Jahr wieder“, sagte die ältere Taviri.
„Und wenn nicht?“, fragte Zissa.
Die Frau lächelte.
„Dann haben wir trotzdem etwas gelernt.“
Faxi betrachtete noch einmal den Platz.
„Wie heißt euer Fest jetzt eigentlich? Immer noch Fest der Tausend Lichter?“
„Natürlich.“
Sie zeigte nach oben, wo noch einige Lumaras in der Morgensonne schwebten.
„Wir zählen nur nicht mehr so genau.“
Auf dem Rückflug war es ungewöhnlich still.
Nicht meruvanisch still.
Eher nachdenklich still.
Dann sagte Lor-Lo:
„Ich glaube, das war unser bisher bestes Treffen.“
„Obwohl du nicht recht hattest?“, fragte Faxi.
„Gerade deshalb.“
Zissa grinste.
„Das möchte ich schriftlich.“
Grona sah hinaus zu den Sternen.
„Vielleicht sollten wir uns für unsere Reisen etwas merken.“
„Was?“
Grona dachte einen Moment nach.
Dann sagte sie:
„Bevor wir entscheiden, was wegmuss, sollten wir herausfinden, warum es da ist.“
Diesmal lachte niemand.
Denn alle vier wussten:
Das würden sie noch oft brauchen.