Die Adornilis – kleine Wesen mit großen Bewegungen
Die Adornilis sind die Kinder der Adornis. Sie wachsen in einer Welt auf, in der Anmut, Freundlichkeit und ein aufmerksames Miteinander besonders geschätzt werden.
Doch auch kleine Adornilis müssen erst herausfinden, wie das alles funktioniert. Manchmal geraten ihre Füße durcheinander, manchmal vergessen sie vor lauter Begeisterung die anderen. Und manchmal entdecken sie gerade durch ein Missgeschick etwas Wunderbares.
Denn Anmut kann man üben. Aber man darf dabei das Lachen nicht vergessen.

Die Adornilis und der Tanz der schiefen Schritte
Eine Geschichte aus der LiHoFaBo-Welt
Im Land der Adornis gab es einen kleinen Platz, auf dem die Sonnenstrahlen besonders gern verweilten.
Er lag zwischen einem Bach und einer Wiese, und wenn der Wind durch die hohen Gräser strich, sah es aus, als würde die ganze Landschaft leise tanzen.
Dort übten die Adornilis ihre ersten Schritte.
Die Adornilis waren die Kinder der Adornis. Sie hatten große, neugierige Augen, zierliche Körper mit goldenen und türkisfarbenen Verzierungen und lange, geschwungene Kopfspitzen, die bei jeder Bewegung ein wenig nachfederten.
Wenn sie sich freuten, glitzerten ihre Muster. Wenn sie verlegen waren, schimmerten sie nur ganz schwach.
Und wenn sie sich besonders wichtig vorkamen, richteten sich ihre Kopfspitzen so steil auf, dass man beinahe fürchten musste, sie würden damit die Wolken kitzeln.
Einer von ihnen hieß Mirilo.
Mirilo wollte unbedingt der beste Tänzer aller Adornilis werden.
Nicht der zweitbeste. Nicht einer von vielen guten Tänzern.
Der allerbeste.
Jeden Morgen stellte er sich vor den großen Spiegelstein am Bach und übte seine Bewegungen.
Er hob den linken Fuß, streckte den rechten Arm und neigte den Kopf genau so, wie er es bei den erwachsenen Adornis gesehen hatte.
„Eins – zwei – drehen. Eins – zwei – neigen.“
Er übte Verbeugungen, Drehungen und sogar das besonders schwierige rückwärtige Gleiten mit anschließendem freundlichem Gruß.
Das sah bei den Erwachsenen ganz selbstverständlich aus.
Bei Mirilo sah es aus, als würde jemand versuchen, eine sehr lange Nudel auf einem einzigen Bein aufzustellen.
Aber Mirilo gab nicht auf.
Bald sollte nämlich das große Frühlingsfest stattfinden. Und dort durften die jungen Adornilis zum ersten Mal ihren eigenen Tanz vorführen.
„Ich werde so elegant sein“, erklärte Mirilo, „dass alle staunen!“
Seine Freundin Lirili saß währenddessen auf einem Stein und ließ die Füße baumeln.
„Warum sollen sie staunen?“, fragte sie.
„Weil ich keinen einzigen Fehler machen werde!“
Lirili dachte nach.
„Das klingt anstrengend.“
„Eleganz ist eben anstrengend“, sagte Mirilo würdevoll.
Er hob das Kinn, setzte zu einer Drehung an, verhakte seine Füße ineinander und landete mit einem überraschend lauten Plumps im weichen Moos.
Lirili sprang auf.
„Hast du dir wehgetan?“
„Nein“, murmelte Mirilo.
Dann fügte er hinzu:
„Das war eine besonders schwierige Übung.“
Lirili nickte ernst.
„Ach so. Dann kannst du sie schon sehr gut.“
Und beide mussten lachen.
Am nächsten Tag kam die alte Adornis-Dame Seralina auf den Tanzplatz.
Sie galt als die anmutigste Tänzerin weit und breit.
Wenn Seralina sich bewegte, schien sogar der Wind einen Augenblick langsamer zu werden, um ihr zuzusehen.
Sie betrachtete Mirilos Übungen eine Weile.
„Du bist sehr fleißig“, sagte sie schließlich.
Mirilo richtete sich stolz auf.
„Ich übe jeden Tag!“
„Das sehe ich.“
„Und? Bin ich schon elegant?“
Seralina lächelte.
„Du bist sehr beschäftigt damit, elegant auszusehen.“
Mirilo blinzelte.
War das nun ein Lob?
„Aber ist das nicht dasselbe?“
„Nicht ganz.“
Seralina trat an den Bach.
„Komm einmal her.“
Sie zeigte auf das Wasser.
„Siehst du, wie es um die Steine fließt?“
Mirilo nickte.
„Es stößt nirgends an. Es weiß immer, wohin es muss.“
„Das Wasser weiß überhaupt nicht, wohin es muss“, erwiderte Seralina. „Es spürt nur, wo Platz ist.“
Mirilo betrachtete den Bach misstrauisch.
„Soll ich jetzt wie Wasser tanzen?“
„Versuch es.“
Er stellte sich kerzengerade hin, streckte beide Arme waagrecht aus und begann, sich mit äußerster Vorsicht zu bewegen.
Seine Schritte waren so klein, dass er kaum vom Fleck kam.
Seralina sah ihm eine Weile zu.
„Mirilo, warum hältst du den Atem an?“
„Damit ich nicht wackle!“
„Aber wer tanzt, darf doch atmen.“
Mirilo atmete aus.
Seine Kopfspitze sank ein wenig nach vorn.
Seine Schultern wurden weich.
Und plötzlich gelang ihm eine kleine, ganz natürliche Drehung.
„Oh!“, sagte er überrascht.
„Siehst du?“, lächelte Seralina.
Doch kaum hatte Mirilo bemerkt, dass seine Drehung gelungen war, wollte er sie noch schöner machen.
Er hob den Fuß höher, reckte die Kopfspitze und streckte die Arme weiter aus.
Dabei verlor er das Gleichgewicht.
Diesmal fiel er nicht hin.
Er landete rückwärts in Seralinas Armen.
„Entschuldigung!“, rief er erschrocken.
„Sehr freundlich“, sagte Seralina. „Und nun versuch, dabei nicht auch noch meine Füße zu verknoten.“
Am Tag des Frühlingsfestes war der Tanzplatz voller Adornis.
Überall glitzerten goldene Verzierungen. Kleine Lichtkugeln schwebten zwischen den Blumen, und aus den Blütenkelchen erklang Musik.
Mirilo war schrecklich aufgeregt.
Lirili dagegen hüpfte zwischen den anderen Kindern herum.
„Du musst dir deine Schritte merken!“, flüsterte Mirilo.
„Welche Schritte?“
„Die wir geübt haben!“
„Ach, die!“
Lirili drehte sich einmal um sich selbst.
„Ich glaube, meine Füße haben sich etwas anderes ausgedacht.“
„Füße dürfen sich nichts ausdenken!“
„Meine schon.“
Dann begann die Musik.
Die jungen Adornilis stellten sich auf.
Mirilo stand ganz vorn.
Er hatte jeden Schritt hundertmal geübt.
Eins – zwei – neigen.
Eins – zwei – drehen.
Die ersten Bewegungen gelangen wunderbar.
Doch plötzlich geschah etwas Unerwartetes.
Ein kleines Adornili namens Tivilo kam bei einer Drehung aus dem Gleichgewicht und stolperte mitten in Mirilos Tanzweg.
Mirilo erschrak.
Er hätte seinen nächsten Schritt genau dort setzen müssen, wo Tivilo gerade saß.
Für einen winzigen Augenblick wusste Mirilo nicht, was er tun sollte.
Wenn er seinen Schritt veränderte, wäre sein ganzer sorgfältig geübter Tanz verdorben.
Wenn er ihn nicht veränderte, würde er auf Tivilo treten.
Also tat Mirilo etwas, das er noch nie geübt hatte.
Er machte einen großen, schiefen Schritt zur Seite, drehte sich um Tivilo herum und streckte ihm dabei die Hand entgegen.
Tivilo ergriff sie.
Mirilo zog ihn hoch.
Doch weil er selbst noch mitten in der Drehung war, wirbelten beide einmal umeinander.
Das sah so komisch aus, dass Lirili laut auflachte.
Und dann machte sie denselben schiefen Schritt.
Ein anderes Adornili folgte ihr.
Und noch eines.
Plötzlich tanzten alle Kinder den seltsamsten Tanz, den der Platz je gesehen hatte.
Sie hüpften, drehten sich, wichen einander aus, reichten sich die Hände und erfanden immer neue Bewegungen.
Wenn einer stolperte, half ihm ein anderer.
Wenn zwei beinahe zusammenstießen, drehten sie sich lachend aneinander vorbei.
Und wenn jemand nicht wusste, wohin mit seinen Füßen, fand sich bestimmt ein anderer, dessen Füße gerade dieselbe Frage hatten.
Die Musikanten bemerkten, was geschah.
Sie spielten schneller.
Dann wieder langsamer.
Dann einen besonders lustigen Rhythmus, bei dem selbst einige der erwachsenen Adornis nicht mehr stillstehen konnten.
Seralina erhob sich von ihrem Platz.
Ganz langsam begann sie mitzutanzen.
Zuerst einen wunderschönen, eleganten Schritt.
Dann einen zweiten.
Und dann machte sie, zur grenzenlosen Überraschung aller, einen großen, vollkommen schiefen Hüpfer.
Ihr goldener Kopfschwung wippte dabei so lustig, dass die kleinen Adornilis vor Begeisterung quietschten.
Mirilo blieb stehen.
„Aber Seralina!“, rief er. „Du hast einen Fehler gemacht!“
Seralina lachte.
„Wirklich?“
„Dein Schritt war ganz schief!“
„Hat er dir gefallen?“
Mirilo überlegte.
„Ja.“
„Hat er jemandem geschadet?“
„Nein.“
„Dann war es vielleicht gar kein Fehler.“
Als der Tanz zu Ende war, saßen die Adornilis erschöpft im Gras.
Tivilo lehnte sich an Mirilo.
„Danke, dass du mir aufgeholfen hast.“
„Gern.“
„Du hast dafür deinen schönsten Schritt ausgelassen.“
Mirilo blickte zu seinen Füßen.
Dann sah er zu den anderen, die noch immer lachten und durcheinanderpurzelten.
„Vielleicht“, sagte er langsam, „war das mein schönster Schritt.“
Seralina, die hinter ihnen stand, hatte es gehört.
Sie beugte sich zu ihm hinunter.
„Weißt du, Mirilo, was ich heute an deinem Tanz besonders schön fand?“
Mirilo schüttelte den Kopf.
„Dass du gemerkt hast, wo jemand anderes Platz braucht.“
„Aber das hatte ich doch gar nicht geübt!“
„Manches lernt man nicht, indem man es hundertmal wiederholt“, sagte Seralina. „Sondern indem man im richtigen Augenblick auf etwas anderes achtet als auf sich selbst.“
Mirilo dachte lange darüber nach.
Dann stand er auf und machte eine Verbeugung.
Sie war nicht ganz gerade.
Seine Kopfspitze wackelte.
Und sein rechter Fuß stand ein kleines bisschen schief.
Aber Seralina erwiderte die Verbeugung mit einer so feinen Bewegung, dass Mirilo sich plötzlich sehr groß fühlte.
Lirili kam herbeigehüpft.
„Morgen üben wir wieder?“
„Ja“, sagte Mirilo.
„Den perfekten Tanz?“
Mirilo grinste.
„Nein. Den mit den schiefen Schritten.“
„Und wenn wir wieder stolpern?“
„Dann erfinden wir eben einen neuen Schritt.“
Und so entstand im Land der Adornis ein Tanz, den bald alle kannten.
Niemand musste ihn ganz genau beherrschen.
Niemand musste besonders schön aussehen.
Aber wer ihn tanzte, musste auf die anderen achten.
Und das war, wie Seralina fand, eine der schönsten Formen von Anmut.
Denn manchmal ist der eleganteste Schritt derjenige, mit dem man einem anderen Platz macht.
Ende
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Zum Nachdenken und Ausprobieren
Kann man schön tanzen, ohne einen einzigen Tanzschritt zu kennen?
Vielleicht beginnt ein schöner Tanz gar nicht mit den Füßen, sondern damit, dass man die Musik hört, sich selbst spürt und darauf achtet, wie sich die anderen bewegen.
Und wenn jemand stolpert?
Dann kann ein freundliches Lächeln manchmal eleganter sein als die schönste Verbeugung.
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So tanzen die Adornilis
Du brauchst nur ein wenig Platz, Musik und Lust auf Bewegung. Du kannst allein, zu zweit oder mit vielen anderen tanzen.
1. Eins, zwei, drei – und hopp daneben!
Mach drei kleine Walzerschritte. Beim vierten hüpfst du überraschend zur Seite.
2. Dreh dich links und dreh dich rechts!
Dreh dich einmal langsam nach links, dann nach rechts. Die Arme dürfen dabei wie weiche Zweige schwingen.
3. Mal ganz gerade, mal ganz schief!
Streck dich hoch wie ein stolzer Adorni. Dann neige dich vorsichtig zur Seite – so weit, wie es angenehm ist.
4. Hand in Hand und Schritt für Schritt!
Wenn du mit anderen tanzt, reicht euch die Hände. Macht gemeinsam ein paar Schritte im Kreis. Wer allein tanzt, kann einem unsichtbaren Tanzpartner freundlich zuwinken.
5. Wenn einer stolpert, hilf ihm auf!
Mach einen kleinen Schritt zur Seite und strecke jemandem die Hand entgegen. Denn beim Adornilis-Tanz zählt nicht nur, wie du dich bewegst, sondern auch, wie du auf andere achtest.
6. Das große Finale
Jetzt darfst du drei eigene Bewegungen erfinden. Vielleicht einen Hüpfer, eine Drehung und eine besonders lustige Verbeugung?
Und wenn ein Schritt anders wird als geplant, ist das vielleicht gerade der schönste!
Die wichtigste Adornilis-Regel:
Jeder darf anders tanzen. Schön wird der Tanz, wenn alle Platz darin finden.