11 Die Milwabingas und die seltsamen Erdlinge

Kapitel 11 – Eine Familie zwischen den Sternen

Am letzten Morgen ihres Aufenthalts auf der Erde saßen Wirnu, Koraly und Tifannu beim Frühstück.

Diesmal schmeckten ihnen sogar die Lichtbonbons ein wenig anders.

„Ich möchte noch nicht heim“, sagte Tifannu.

„Ich eigentlich auch nicht“, gab Koraly zu.

Wirnu betrachtete die Berge vor dem Fenster.

„Dabei haben wir uns so auf unsere Forschungsreise gefreut. Und jetzt freuen wir uns gar nicht auf die Rückreise.“

„Ich schon“, sagte Tifannu. „Ein bisschen. Aber nicht auf den Abschied.“

Da kam ihr älterer Verwandter herein.

„Na, was sind denn das für lange Gesichter?“

„Wir müssen fort“, antwortete Koraly.

„Das weiß ich.“

„Und wir wissen noch immer so wenig über euch“, sagte Wirnu.

Der Alte setzte sich.

„Dann wird es höchste Zeit, dass wir euch ein paar Familiengeschichten erzählen.“


Ein Onkel, eine Tante und eine ziemlich lange Reise

„Vor vielen Jahren“, begann er, „machten meine Gefährtin und ich eine ausgedehnte Forschungsreise.“

„Von Milwabinga zur Erde?“, fragte Tifannu.

„Nicht direkt. Wir besuchten zuerst mehrere andere Planeten. Wir wollten Landschaften untersuchen, neue Lebensformen kennenlernen und herausfinden, wie andere Wesen miteinander leben.“

„So wie wir!“, rief Koraly.

„Ganz genau. Nur hatten wir wesentlich mehr Zeit eingeplant.“

„Wie viel?“, fragte Wirnu.

Der Alte lächelte.

„Einige Jahre.“

„Und dann?“

„Dann kamen wir zur Erde.“

Sie hatten die Meere bewundert, die Wälder erkundet und schließlich die hohen Gebirge entdeckt.

Dort gefiel es ihnen besonders gut.

Die klare Luft.

Das frische Wasser.

Die Ruhe.

Und die vielen Lebewesen, die selbst unter schwierigen Bedingungen ein Zuhause fanden.

„Wir wollten zunächst nur eine Weile bleiben“, erzählte der Alte.

„Aber aus einer Weile wurde eine längere Weile“, ergänzte eine freundliche Stimme.

Die Tante war hereingekommen.

„Und aus der längeren Weile wurde unser Zuhause.“

„Dann seid ihr gar nicht versehentlich hiergeblieben?“, fragte Tifannu.

„Nein“, antwortete sie lachend. „Wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden.“


Kinder, die zwischen den Sternen aufwuchsen

„Und dann bekamen wir Kinder“, erzählte die Tante.

„Hier auf der Erde?“, fragte Koraly.

„Ja. Töchter und Söhne.“

„Aber wo sind sie denn alle?“, wollte Tifannu wissen.

„Unterwegs“, antwortete der Onkel. „Fast alle.“

„Schon wieder Forschungsreisen?“

„Natürlich! Sie haben unsere Neugier geerbt.“

Eine Tochter untersuchte die Pflanzen eines fernen Planeten.

Ein Sohn beschäftigte sich mit den Sprachen verschiedener Lichti-Familien.

Ein anderer erforschte die Entstehung neuer Sterne.

Und einer hatte inzwischen selbst eine Familie gegründet.

„Wo lebt er?“, fragte Wirnu.

„In einer Nachbargalaxie“, antwortete die Tante.

Tifannu riss die Augen auf.

„So weit weg?“

„Ach, das ist doch keine Entfernung“, sagte der Onkel. „Mit einer guten Verbindung ist man in ungefähr zwei Stunden dort.“

„Dann kann er euch ja jederzeit besuchen!“

„Das tut er auch. Besonders gern, wenn es etwas Gutes zu essen gibt.“

„Lichtbonbons?“, fragte Koraly.

„Unter anderem.“

Alle lachten.

„Aber ein Sohn ist doch gerade hier“, erinnerte sich Wirnu.

„Richtig“, sagte die Tante. „Er hat euch beim Lagerfeuer schon kennengelernt. Er ist erst vor wenigen Tagen von einer Forschungsreise zurückgekehrt.“

„Und wir haben gar nicht gewusst, dass er euer Sohn ist!“, rief Tifannu.

„Ihr habt ja auch nicht gefragt“, bemerkte der Onkel.

Das stimmte.


Wer saß eigentlich am Lagerfeuer?

„Und die anderen, die damals bei unserem Lagerfeuer waren?“, fragte Koraly.

„Das waren nicht alles Verwandte“, erklärte die Tante.

„Nicht?“

„Einige gehören zu anderen Lichti-Familien. Wir treffen uns regelmäßig, erzählen von unseren Reisen und tauschen unsere Erfahrungen aus.“

„Dann war das ein richtiges Forschertreffen!“, sagte Wirnu.

„Auch. Aber vor allem war es ein gemütlicher Abend unter Freunden.“

„Und warum lebt ihr so verborgen?“, fragte Koraly.

Der Onkel wurde nachdenklich.

„Weil wir hier Gäste sind. Wir möchten die Lebewesen der Erde beobachten und kennenlernen, ohne ihr Leben unnötig durcheinanderzubringen.“

„Aber wir haben doch Mia, Ben und Leni kennengelernt“, sagte Tifannu.

„Ja. Und ihr habt erfahren, dass man mit manchen Menschen sehr gut Freundschaft schließen kann.“

„Dann könnten wir ihnen doch auch von euch erzählen!“

„Vielleicht eines Tages“, antwortete die Tante. „Aber zuerst sollten wir miteinander besprechen, was wir ihnen anvertrauen möchten.“

Wirnu nickte.

„Auch das gehört zur Rücksichtnahme.“

„Ganz genau.“


Der letzte Besuch

Am Nachmittag trafen die drei Milwabingas ihre Menschenfreunde ein letztes Mal.

Mia, Ben und Leni warteten auf ihrer Almwiese.

Als sie hörten, dass Wirnu, Koraly und Tifannu abreisen mussten, wurden sie sehr still.

„Schon morgen?“, fragte Leni.

„Ja“, sagte Koraly.

„Aber wir wollten doch noch so viel machen!“, rief Ben.

„Das wollten wir auch“, antwortete Wirnu.

Mia überlegte.

„Könnt ihr uns besuchen kommen?“

„Bestimmt“, sagte Tifannu.

„Und können wir euch besuchen?“, fragte Leni.

Darauf wusste Tifannu nicht gleich eine Antwort.

„Das müssten wir erst herausfinden“, sagte Wirnu. „Unsere Raumfahrzeuge sind nicht für Menschen gebaut.“

„Schade“, murmelte Ben.

Koraly nahm Lenis Hand.

„Aber wir können einander Geschichten erzählen. Und vielleicht auch Nachrichten schicken.“

„Und Musik!“, rief Tifannu.

„Musik!“, wiederholte Leni.

Ben hatte eine Idee.

„Dann nehmen wir unseren Tanz auf!“

Er stellte sein Handy auf einen flachen Stein.

Die sechs Freunde stellten sich im Kreis auf.

Wirnu spielte ihre Melodie.

Drei Schritte.

Eine Drehung.

Ein Platzwechsel.

Ein freundliches Zuwinken.

Und zum Schluss eine gemeinsame Verbeugung.

Diesmal klappte alles.

Sogar Tifannu blieb mit beiden Füßen auf dem Boden.

„Sechs im Glück!“, rief Leni.

Sie spielten den Tanz noch einmal.

Und noch einmal.

Bis schließlich alle lachen mussten und außer Atem waren.


Ein Geschenk für die Reise

Dann holte Mia ein kleines Päckchen hervor.

„Das ist für euch.“

Darin lag ein flacher Stein, auf den die Kinder sechs kleine Figuren gemalt hatten.

Drei Menschenkinder.

Drei Milwabingas.

Darunter standen die Worte:

Sechs im Glück

Koraly betrachtete den Stein lange.

„Den nehmen wir mit nach Hause.“

„Und wir haben auch etwas für euch“, sagte Wirnu.

Er holte drei kleine, schimmernde Plättchen hervor.

„Darin ist unsere Melodie gespeichert.“

„Wie spielt man sie ab?“, fragte Ben.

„Legt das Plättchen auf eine feste Unterlage und berührt die Mitte.“

Ben probierte es vorsichtig.

Eine leise Melodie erklang.

Leni strahlte.

„Dann können wir immer zusammen tanzen!“

„Auch wenn wir weit voneinander entfernt sind“, sagte Koraly.

Die Kinder umarmten ihre neuen Freunde.

Das war für die Milwabingas zunächst etwas ungewohnt.

Aber sie lernten schnell.


Abschied von der großen Familie

Am Abend versammelten sich alle Bewohner des verborgenen Quartiers.

Der Onkel und die Tante waren da.

Ihr Sohn war gekommen.

Und auch einige Vertreter der anderen Lichti-Familien hatten sich eingefunden.

Wie am ersten Abend brannte ein kleines Lagerfeuer.

Diesmal aber war die Stimmung anders.

„Ihr habt viel erlebt“, sagte der Onkel.

„Und viel gelernt“, ergänzte die Tante.

Wirnu nickte.

„Vor allem, dass gute Absichten allein nicht genügen.“

„Dass man zuerst verstehen muss, was jemand braucht“, sagte Koraly.

„Und dass man manchmal am besten hilft, wenn man nicht gleich alles selbst macht“, ergänzte Tifannu.

Der Sohn des Hauses lachte.

„Das klingt nach einer erfolgreichen Forschungsreise.“

„Das war sie“, sagte Wirnu.

Die Tante trat näher.

„Und vergesst nicht: Ihr habt hier eine Familie.“

„Eine ziemlich große sogar“, ergänzte der Onkel.

„Und eine, die offenbar dauernd unterwegs ist“, sagte Tifannu.

„Das liegt bei uns in der Familie.“

Dann sangen alle gemeinsam ein altes Lied aus Milwabinga.

Wirnu, Koraly und Tifannu kannten es seit ihrer Kindheit.

Doch hier, hoch oben in den Bergen der Erde, klang es anders.

Vielleicht lag es an den Stimmen ihrer Verwandten.

Vielleicht am Rauschen der Bäume.

Vielleicht daran, dass sie inzwischen so viele neue Melodien kennengelernt hatten.

Als das Lied verklungen war, verbeugten sich die drei jungen Reisenden artig vor allen Anwesenden.

Sie bedankten sich bei Onkel und Tante für die Gastfreundschaft, beim Sohn für seine Reisegeschichten und bei den anderen Lichtis für die gemeinsamen Abende.

Dann verabschiedeten sie sich von jedem Einzelnen.


Ein Empfang auf Milwabinga

Währenddessen herrschte auf Milwabinga bereits große Aufregung.

Die Nachricht von der bevorstehenden Heimkehr hatte sich rasch verbreitet.

Freunde und Familienmitglieder bereiteten einen Empfang vor.

Ein Platz wurde mit schimmernden Lichtbändern geschmückt.

Die Musiker probten.

Die Tänzer überlegten sich eine Begrüßung.

Und in den Lichtküchen entstanden die herrlichsten Bonbons in allen Farben.

„Hoffentlich bringen sie etwas Neues mit!“, sagte jemand.

„Bestimmt!“, antwortete ein anderer. „Sie waren schließlich auf der Erde.“

„Vielleicht haben sie ein unbekanntes Tier entdeckt.“

„Oder eine neue Pflanze!“

„Oder eine neue Art zu musizieren!“

Niemand ahnte, dass die drei Reisenden vor allem etwas mitbringen würden, das man weder einpacken noch in einem Forschungsgerät aufbewahren konnte.

Eine neue Vorstellung davon, was es bedeutet, jemandem wirklich zu helfen.


Der letzte Blick

Am nächsten Morgen stand das Raumfahrzeug bereit.

Die Berge leuchteten im ersten Sonnenlicht.

Wirnu, Koraly und Tifannu blickten noch einmal über die Landschaft.

Dort unten lag der Weg, auf dem sie den Rucksack gefunden hatten.

Weiter oben befand sich der Hang mit der Steinbockmutter.

Und irgendwo hinter den Bäumen lag die Almwiese, auf der sie mit Mia, Ben und Leni getanzt hatten.

„Ich werde die Erde vermissen“, sagte Koraly.

„Ich auch“, antwortete Wirnu.

Tifannu schwieg.

Dann hob er die Hand.

„Auf Wiedersehen, Erde!“

Die anderen winkten ebenfalls.

Sie stiegen in ihr Raumfahrzeug.

Die Tür schloss sich.

Ein sanftes Summen erklang.

Langsam hob sich das Schiff über die Bergwiese.

Es stieg höher und höher.

Die Gipfel wurden kleiner.

Die Seen verwandelten sich in silberne Flecken.

Und bald lag die ganze Erde wie eine wunderschöne blaue Kugel unter ihnen.

Koraly betrachtete sie lange.

„Was für ein erstaunlicher Planet.“

Wirnu nickte.

„Und was für erstaunliche Bewohner.“

Tifannu setzte sich ans Fenster.

„Glaubt ihr, dass Mia, Ben und Leni gerade an uns denken?“

„Vielleicht“, sagte Koraly.

„Bestimmt“, antwortete Wirnu.

Tifannu lächelte.

Dann begann er leise ihre Melodie zu summen.

Und irgendwo weit unten, auf einer Almwiese der Erde, hörten drei Menschenkinder ein kleines Klangplättchen spielen.

Sechs im Glück.


Gut zu wissen: Was ist eine Galaxie?

Eine Galaxie ist eine riesige Ansammlung von Sternen, Gas, Staub und anderen Himmelskörpern.

Unsere Sonne gehört zur Milchstraße. Sie enthält viele Milliarden Sterne.

Die nächste große Nachbargalaxie der Milchstraße heißt Andromedagalaxie. Ihr Licht braucht ungefähr 2,5 Millionen Jahre bis zu uns.

Mit der Technik, die wir Menschen heute besitzen, können wir nicht einfach zu anderen Galaxien reisen.

Die Lichtis unserer Geschichte verfügen über eine fantastische Reisetechnik. Deshalb kann ein Familienbesuch in einer Nachbargalaxie für sie nur zwei Stunden dauern.

Zum Nachdenken: Wo ist man zu Hause?

Der Onkel und die Tante stammen von Milwabinga, leben aber schon lange auf der Erde.

Ihre Kinder sind hier aufgewachsen und reisen inzwischen durch das Weltall.

Kann man an mehreren Orten zu Hause sein?

Und was macht einen Ort eigentlich zu einem Zuhause?

Vielleicht sind es nicht nur Berge, Wälder oder Häuser.

Vielleicht sind es vor allem die Wesen, mit denen man sein Leben teilt.

Am letzten Morgen ihres Aufenthalts auf der Erde saßen Wirnu, Koraly und Tifannu beim Frühstück.

Diesmal schmeckten ihnen sogar die Lichtbonbons ein wenig anders.

„Ich möchte noch nicht heim“, sagte Tifannu.

„Ich eigentlich auch nicht“, gab Koraly zu.

Wirnu betrachtete die Berge vor dem Fenster.

„Dabei haben wir uns so auf unsere Forschungsreise gefreut. Und jetzt freuen wir uns gar nicht auf die Rückreise.“

„Ich schon“, sagte Tifannu. „Ein bisschen. Aber nicht auf den Abschied.“

Da kam ihr älterer Verwandter herein.

„Na, was sind denn das für lange Gesichter?“

„Wir müssen fort“, antwortete Koraly.

„Das weiß ich.“

„Und wir wissen noch immer so wenig über euch“, sagte Wirnu.

Der Alte setzte sich.

„Dann wird es höchste Zeit, dass wir euch ein paar Familiengeschichten erzählen.“


Ein Onkel, eine Tante und eine ziemlich lange Reise

„Vor vielen Jahren“, begann er, „machten meine Gefährtin und ich eine ausgedehnte Forschungsreise.“

„Von Milwabinga zur Erde?“, fragte Tifannu.

„Nicht direkt. Wir besuchten zuerst mehrere andere Planeten. Wir wollten Landschaften untersuchen, neue Lebensformen kennenlernen und herausfinden, wie andere Wesen miteinander leben.“

„So wie wir!“, rief Koraly.

„Ganz genau. Nur hatten wir wesentlich mehr Zeit eingeplant.“

„Wie viel?“, fragte Wirnu.

Der Alte lächelte.

„Einige Jahre.“

„Und dann?“

„Dann kamen wir zur Erde.“

Sie hatten die Meere bewundert, die Wälder erkundet und schließlich die hohen Gebirge entdeckt.

Dort gefiel es ihnen besonders gut.

Die klare Luft.

Das frische Wasser.

Die Ruhe.

Und die vielen Lebewesen, die selbst unter schwierigen Bedingungen ein Zuhause fanden.

„Wir wollten zunächst nur eine Weile bleiben“, erzählte der Alte.

„Aber aus einer Weile wurde eine längere Weile“, ergänzte eine freundliche Stimme.

Die Tante war hereingekommen.

„Und aus der längeren Weile wurde unser Zuhause.“

„Dann seid ihr gar nicht versehentlich hiergeblieben?“, fragte Tifannu.

„Nein“, antwortete sie lachend. „Wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden.“


Kinder, die zwischen den Sternen aufwuchsen

„Und dann bekamen wir Kinder“, erzählte die Tante.

„Hier auf der Erde?“, fragte Koraly.

„Ja. Töchter und Söhne.“

„Aber wo sind sie denn alle?“, wollte Tifannu wissen.

„Unterwegs“, antwortete der Onkel. „Fast alle.“

„Schon wieder Forschungsreisen?“

„Natürlich! Sie haben unsere Neugier geerbt.“

Eine Tochter untersuchte die Pflanzen eines fernen Planeten.

Ein Sohn beschäftigte sich mit den Sprachen verschiedener Lichti-Familien.

Ein anderer erforschte die Entstehung neuer Sterne.

Und einer hatte inzwischen selbst eine Familie gegründet.

„Wo lebt er?“, fragte Wirnu.

„In einer Nachbargalaxie“, antwortete die Tante.

Tifannu riss die Augen auf.

„So weit weg?“

„Ach, das ist doch keine Entfernung“, sagte der Onkel. „Mit einer guten Verbindung ist man in ungefähr zwei Stunden dort.“

„Dann kann er euch ja jederzeit besuchen!“

„Das tut er auch. Besonders gern, wenn es etwas Gutes zu essen gibt.“

„Lichtbonbons?“, fragte Koraly.

„Unter anderem.“

Alle lachten.

„Aber ein Sohn ist doch gerade hier“, erinnerte sich Wirnu.

„Richtig“, sagte die Tante. „Er hat euch beim Lagerfeuer schon kennengelernt. Er ist erst vor wenigen Tagen von einer Forschungsreise zurückgekehrt.“

„Und wir haben gar nicht gewusst, dass er euer Sohn ist!“, rief Tifannu.

„Ihr habt ja auch nicht gefragt“, bemerkte der Onkel.

Das stimmte.


Wer saß eigentlich am Lagerfeuer?

„Und die anderen, die damals bei unserem Lagerfeuer waren?“, fragte Koraly.

„Das waren nicht alles Verwandte“, erklärte die Tante.

„Nicht?“

„Einige gehören zu anderen Lichti-Familien. Wir treffen uns regelmäßig, erzählen von unseren Reisen und tauschen unsere Erfahrungen aus.“

„Dann war das ein richtiges Forschertreffen!“, sagte Wirnu.

„Auch. Aber vor allem war es ein gemütlicher Abend unter Freunden.“

„Und warum lebt ihr so verborgen?“, fragte Koraly.

Der Onkel wurde nachdenklich.

„Weil wir hier Gäste sind. Wir möchten die Lebewesen der Erde beobachten und kennenlernen, ohne ihr Leben unnötig durcheinanderzubringen.“

„Aber wir haben doch Mia, Ben und Leni kennengelernt“, sagte Tifannu.

„Ja. Und ihr habt erfahren, dass man mit manchen Menschen sehr gut Freundschaft schließen kann.“

„Dann könnten wir ihnen doch auch von euch erzählen!“

„Vielleicht eines Tages“, antwortete die Tante. „Aber zuerst sollten wir miteinander besprechen, was wir ihnen anvertrauen möchten.“

Wirnu nickte.

„Auch das gehört zur Rücksichtnahme.“

„Ganz genau.“


Der letzte Besuch

Am Nachmittag trafen die drei Milwabingas ihre Menschenfreunde ein letztes Mal.

Mia, Ben und Leni warteten auf ihrer Almwiese.

Als sie hörten, dass Wirnu, Koraly und Tifannu abreisen mussten, wurden sie sehr still.

„Schon morgen?“, fragte Leni.

„Ja“, sagte Koraly.

„Aber wir wollten doch noch so viel machen!“, rief Ben.

„Das wollten wir auch“, antwortete Wirnu.

Mia überlegte.

„Könnt ihr uns besuchen kommen?“

„Bestimmt“, sagte Tifannu.

„Und können wir euch besuchen?“, fragte Leni.

Darauf wusste Tifannu nicht gleich eine Antwort.

„Das müssten wir erst herausfinden“, sagte Wirnu. „Unsere Raumfahrzeuge sind nicht für Menschen gebaut.“

„Schade“, murmelte Ben.

Koraly nahm Lenis Hand.

„Aber wir können einander Geschichten erzählen. Und vielleicht auch Nachrichten schicken.“

„Und Musik!“, rief Tifannu.

„Musik!“, wiederholte Leni.

Ben hatte eine Idee.

„Dann nehmen wir unseren Tanz auf!“

Er stellte sein Handy auf einen flachen Stein.

Die sechs Freunde stellten sich im Kreis auf.

Wirnu spielte ihre Melodie.

Drei Schritte.

Eine Drehung.

Ein Platzwechsel.

Ein freundliches Zuwinken.

Und zum Schluss eine gemeinsame Verbeugung.

Diesmal klappte alles.

Sogar Tifannu blieb mit beiden Füßen auf dem Boden.

„Sechs im Glück!“, rief Leni.

Sie spielten den Tanz noch einmal.

Und noch einmal.

Bis schließlich alle lachen mussten und außer Atem waren.


Ein Geschenk für die Reise

Dann holte Mia ein kleines Päckchen hervor.

„Das ist für euch.“

Darin lag ein flacher Stein, auf den die Kinder sechs kleine Figuren gemalt hatten.

Drei Menschenkinder.

Drei Milwabingas.

Darunter standen die Worte:

Sechs im Glück

Koraly betrachtete den Stein lange.

„Den nehmen wir mit nach Hause.“

„Und wir haben auch etwas für euch“, sagte Wirnu.

Er holte drei kleine, schimmernde Plättchen hervor.

„Darin ist unsere Melodie gespeichert.“

„Wie spielt man sie ab?“, fragte Ben.

„Legt das Plättchen auf eine feste Unterlage und berührt die Mitte.“

Ben probierte es vorsichtig.

Eine leise Melodie erklang.

Leni strahlte.

„Dann können wir immer zusammen tanzen!“

„Auch wenn wir weit voneinander entfernt sind“, sagte Koraly.

Die Kinder umarmten ihre neuen Freunde.

Das war für die Milwabingas zunächst etwas ungewohnt.

Aber sie lernten schnell.


Abschied von der großen Familie

Am Abend versammelten sich alle Bewohner des verborgenen Quartiers.

Der Onkel und die Tante waren da.

Ihr Sohn war gekommen.

Und auch einige Vertreter der anderen Lichti-Familien hatten sich eingefunden.

Wie am ersten Abend brannte ein kleines Lagerfeuer.

Diesmal aber war die Stimmung anders.

„Ihr habt viel erlebt“, sagte der Onkel.

„Und viel gelernt“, ergänzte die Tante.

Wirnu nickte.

„Vor allem, dass gute Absichten allein nicht genügen.“

„Dass man zuerst verstehen muss, was jemand braucht“, sagte Koraly.

„Und dass man manchmal am besten hilft, wenn man nicht gleich alles selbst macht“, ergänzte Tifannu.

Der Sohn des Hauses lachte.

„Das klingt nach einer erfolgreichen Forschungsreise.“

„Das war sie“, sagte Wirnu.

Die Tante trat näher.

„Und vergesst nicht: Ihr habt hier eine Familie.“

„Eine ziemlich große sogar“, ergänzte der Onkel.

„Und eine, die offenbar dauernd unterwegs ist“, sagte Tifannu.

„Das liegt bei uns in der Familie.“

Dann sangen alle gemeinsam ein altes Lied aus Milwabinga.

Wirnu, Koraly und Tifannu kannten es seit ihrer Kindheit.

Doch hier, hoch oben in den Bergen der Erde, klang es anders.

Vielleicht lag es an den Stimmen ihrer Verwandten.

Vielleicht am Rauschen der Bäume.

Vielleicht daran, dass sie inzwischen so viele neue Melodien kennengelernt hatten.

Als das Lied verklungen war, verbeugten sich die drei jungen Reisenden artig vor allen Anwesenden.

Sie bedankten sich bei Onkel und Tante für die Gastfreundschaft, beim Sohn für seine Reisegeschichten und bei den anderen Lichtis für die gemeinsamen Abende.

Dann verabschiedeten sie sich von jedem Einzelnen.


Ein Empfang auf Milwabinga

Währenddessen herrschte auf Milwabinga bereits große Aufregung.

Die Nachricht von der bevorstehenden Heimkehr hatte sich rasch verbreitet.

Freunde und Familienmitglieder bereiteten einen Empfang vor.

Ein Platz wurde mit schimmernden Lichtbändern geschmückt.

Die Musiker probten.

Die Tänzer überlegten sich eine Begrüßung.

Und in den Lichtküchen entstanden die herrlichsten Bonbons in allen Farben.

„Hoffentlich bringen sie etwas Neues mit!“, sagte jemand.

„Bestimmt!“, antwortete ein anderer. „Sie waren schließlich auf der Erde.“

„Vielleicht haben sie ein unbekanntes Tier entdeckt.“

„Oder eine neue Pflanze!“

„Oder eine neue Art zu musizieren!“

Niemand ahnte, dass die drei Reisenden vor allem etwas mitbringen würden, das man weder einpacken noch in einem Forschungsgerät aufbewahren konnte.

Eine neue Vorstellung davon, was es bedeutet, jemandem wirklich zu helfen.


Der letzte Blick

Am nächsten Morgen stand das Raumfahrzeug bereit.

Die Berge leuchteten im ersten Sonnenlicht.

Wirnu, Koraly und Tifannu blickten noch einmal über die Landschaft.

Dort unten lag der Weg, auf dem sie den Rucksack gefunden hatten.

Weiter oben befand sich der Hang mit der Steinbockmutter.

Und irgendwo hinter den Bäumen lag die Almwiese, auf der sie mit Mia, Ben und Leni getanzt hatten.

„Ich werde die Erde vermissen“, sagte Koraly.

„Ich auch“, antwortete Wirnu.

Tifannu schwieg.

Dann hob er die Hand.

„Auf Wiedersehen, Erde!“

Die anderen winkten ebenfalls.

Sie stiegen in ihr Raumfahrzeug.

Die Tür schloss sich.

Ein sanftes Summen erklang.

Langsam hob sich das Schiff über die Bergwiese.

Es stieg höher und höher.

Die Gipfel wurden kleiner.

Die Seen verwandelten sich in silberne Flecken.

Und bald lag die ganze Erde wie eine wunderschöne blaue Kugel unter ihnen.

Koraly betrachtete sie lange.

„Was für ein erstaunlicher Planet.“

Wirnu nickte.

„Und was für erstaunliche Bewohner.“

Tifannu setzte sich ans Fenster.

„Glaubt ihr, dass Mia, Ben und Leni gerade an uns denken?“

„Vielleicht“, sagte Koraly.

„Bestimmt“, antwortete Wirnu.

Tifannu lächelte.

Dann begann er leise ihre Melodie zu summen.

Und irgendwo weit unten, auf einer Almwiese der Erde, hörten drei Menschenkinder ein kleines Klangplättchen spielen.

Sechs im Glück.


Gut zu wissen: Was ist eine Galaxie?

Eine Galaxie ist eine riesige Ansammlung von Sternen, Gas, Staub und anderen Himmelskörpern.

Unsere Sonne gehört zur Milchstraße. Sie enthält viele Milliarden Sterne.

Die nächste große Nachbargalaxie der Milchstraße heißt Andromedagalaxie. Ihr Licht braucht ungefähr 2,5 Millionen Jahre bis zu uns.

Mit der Technik, die wir Menschen heute besitzen, können wir nicht einfach zu anderen Galaxien reisen.

Die Lichtis unserer Geschichte verfügen über eine fantastische Reisetechnik. Deshalb kann ein Familienbesuch in einer Nachbargalaxie für sie nur zwei Stunden dauern.

Zum Nachdenken: Wo ist man zu Hause?

Der Onkel und die Tante stammen von Milwabinga, leben aber schon lange auf der Erde.

Ihre Kinder sind hier aufgewachsen und reisen inzwischen durch das Weltall.

Kann man an mehreren Orten zu Hause sein?

Und was macht einen Ort eigentlich zu einem Zuhause?

Vielleicht sind es nicht nur Berge, Wälder oder Häuser.

Vielleicht sind es vor allem die Wesen, mit denen man sein Leben teilt.