
Kapitel 12 – Willkommen daheim!
„Wirnu!“
„Ja, Tifannu?“
„Wir haben etwas vergessen!“
Wirnu blickte von seinem Steuerpult auf.
„Was denn?“
„Die Geschenke!“
Koraly drehte sich um.
„Welche Geschenke?“
„Na, die Mitbringsel! Wir können doch nicht von der Erde zurückkommen und nichts mitbringen!“
„Aber wir haben doch etwas mit“, sagte Wirnu. „Den bemalten Stein von Mia, Ben und Leni. Und unsere Aufzeichnungen.“
„Aufzeichnungen kann man nicht essen“, erwiderte Tifannu.
„Nicht alles muss essbar sein“, sagte Koraly.
„Das ist mir schon klar. Aber ein bisschen schade ist es trotzdem.“
Wirnu lächelte.
„Dann schau doch einmal in das hintere Gepäckfach.“
Tifannu öffnete es.
Und staunte.
Das geheimnisvolle Reisegepäck
Dort standen drei kleine Behälter, mehrere sorgfältig verpackte Gegenstände und eine längliche Schachtel.
„Was ist denn das alles?“
„Unsere Mitbringsel“, antwortete Koraly.
„Und warum weiß ich nichts davon?“
„Weil du beim Einpacken unbedingt noch einmal mit den Verwandten tanzen wolltest.“
Tifannu erinnerte sich.
„Ach ja. Das war ein ausgezeichneter Tanz.“
Er öffnete vorsichtig den ersten Behälter.
Darin lag ein Tannenzapfen.
„Ein Stück Baum?“
„Ein Tannenzapfen“, erklärte Wirnu. „Von einem Baum, den wir auf unserer Wanderung gesehen haben.“
„Und was soll man damit anfangen?“
„Ihn untersuchen. Und vielleicht staunen, wie viele Samen in einem solchen Zapfen geschützt werden.“
Im zweiten Behälter befand sich ein kleiner Stein mit einer auffälligen Zeichnung.
„Den hat uns Ben geschenkt“, sagte Koraly. „Er hat ihn auf dem Weg gefunden und fand, dass die Linien wie eine Sternenkarte aussehen.“
Tifannu betrachtete den Stein.
„Tatsächlich!“
Im dritten Behälter lagen einige getrocknete Blätter und Blüten, die sie mit Erlaubnis ihrer Verwandten gesammelt hatten.
„Damit können unsere Pflanzenforscher die Formen vergleichen“, erklärte Wirnu.
Tifannu öffnete die längliche Schachtel.
Darin lag eine kleine hölzerne Flöte.
„Oh!“
„Die haben wir von unserem Onkel bekommen“, sagte Koraly. „Er hat sie vor vielen Jahren von einem Instrumentenbauer erworben.“
Tifannu nahm sie vorsichtig heraus.
„Darf ich?“
„Später“, sagte Wirnu. „Nicht während des Landeanflugs.“
„Wir sind doch noch gar nicht beim Landeanflug!“
„Aber ich möchte vorher noch etwas Ruhe.“
Tifannu legte die Flöte zurück.
Dann entdeckte er ein kleines Päckchen.
Darin befanden sich drei handgeschnitzte Murmeltiere.
„Die sind ja entzückend!“
„Von unserer Tante“, sagte Koraly. „Für unsere Familien.“
Tifannu stellte die drei Murmeltiere nebeneinander.
„Das ist ja beinahe eine ganze Murmeltierfamilie!“
„Und was hast du selbst eingepackt?“, fragte Wirnu.
Tifannu wurde still.
Dann zog er aus seinem Rucksack einen kleinen Gegenstand.
Es war ein Stück buntes Band, das Leni ihm zum Abschied geschenkt hatte.
„Das hier.“
Er strich vorsichtig darüber.
„Das behalte ich.“
Ein Planet voller Vorfreude
Auf Milwabinga hatte sich inzwischen eine große Menschenmenge versammelt.
Natürlich waren es keine Menschen.
Es waren Milwabingas und Angehörige vieler anderer Lichti-Familien.
Einige hatten lange, schmale Körper.
Andere waren klein und rund.
Manche leuchteten in sanften Farben, andere schimmerten wie Edelsteine.
Und wieder andere sahen aus, als wären sie aus Licht und Musik zugleich entstanden.
Über dem Empfangsplatz schwebten bunte Lichtbänder.
Aus den Gärten erklangen Melodien.
Und in den Lichtküchen entstanden Bonbons in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen.
„Hoffentlich haben sie etwas Interessantes mitgebracht!“, sagte ein junger Milwabinga.
„Bestimmt“, antwortete seine Schwester.
„Vielleicht ein Stück vom Mond!“
„Oder einen echten Erdenstein!“
„Oder eine neue Süßigkeit!“
„Oder ein Tier!“
„Ein Tier?“, fragte die Schwester entsetzt. „Das wäre doch schrecklich! Ein Erdentier gehört auf die Erde!“
„Stimmt“, sagte der Junge. „Dann lieber ein Bild davon.“
Die Heimkehr
Endlich erschien am Himmel ein kleiner Lichtpunkt.
Er wurde größer.
Und größer.
Dann glitt das Raumfahrzeug über die Berge und landete sanft auf dem Empfangsplatz.
Die Menge jubelte.
Die Tür öffnete sich.
Wirnu trat heraus.
Dann Koraly.
Und schließlich Tifannu, der vor Aufregung beinahe über seine eigenen Füße stolperte.
„Wir sind wieder da!“
Sofort wurden sie von ihren Familien und Freunden umringt.
Alle wollten wissen, wie es ihnen ergangen war.
„Habt ihr gefährliche Tiere gesehen?“
„Habt ihr mit Menschen gesprochen?“
„Wie schmeckt das Wasser auf der Erde?“
„Können die Menschen wirklich nicht schweben?“
„Und warum haben sie so viele verschiedene Schuhe?“
Tifannu versuchte, alles gleichzeitig zu beantworten.
„Ja! Ja! Ausgezeichnet! Nein! Und das mit den Schuhen haben wir noch nicht ganz verstanden!“
Koraly musste lachen.
„Eines nach dem anderen!“
Wirnu hob die Hand.
„Wir haben einen Bericht vorbereitet.“
„Einen Bericht!“, rief jemand.
„Und Geschenke!“, ergänzte Tifannu.
Da wurde es plötzlich besonders lebhaft.
Die große Ausstellung der Erdenschätze
Auf einem langen Tisch breiteten die drei ihre Mitbringsel aus.
Die getrockneten Blätter wurden aufmerksam betrachtet.
Der Tannenzapfen wanderte von Hand zu Hand.
Die kleinen geschnitzten Murmeltiere erregten großes Entzücken.
Und Bens Stein mit den sternförmigen Linien wurde sofort von mehreren Forschern untersucht.
„Das ist ein sehr bemerkenswertes Muster“, sagte einer.
„Es ist ein Stein“, erwiderte Tifannu.
„Ein bemerkenswerter Stein!“
„Dann sind wir uns ja einig.“
Koraly zeigte Bilder von Gämsen, Steinböcken und Murmeltieren.
Ein kleiner Milwabinga betrachtete das Murmeltier.
„Warum steht es auf zwei Beinen?“
„Weil es gerade Ausschau hält“, erklärte Koraly.
„Wonach?“
„Vielleicht nach einem Adler.“
„Was ist ein Adler?“
„Ein großer Vogel.“
„Was ist ein Vogel?“
Koraly setzte sich.
„Das wird eine längere Geschichte.“
Wirnu zeigte unterdessen Aufnahmen von Flüssen, Seen, Wäldern und schneebedeckten Gipfeln.
Die Gäste staunten.
„Diese Berge sehen unseren Bergen ähnlich!“
„Ja“, sagte Wirnu. „Aber dort leben ganz andere Tiere und Pflanzen.“
„Und Menschen“, ergänzte Tifannu.
„Von denen müssen wir euch unbedingt erzählen!“
Die süßeste Überraschung
Schließlich stellte Koraly ein kleines Gefäß auf den Tisch.
„Und das hier ist etwas Besonderes.“
Tifannu wurde sofort aufmerksam.
„Ist es essbar?“
„Ja.“
„Endlich!“
Im Gefäß befanden sich einige Stückchen getrocknetes Obst.
„Apfelstücke von der Erde“, erklärte Koraly.
Die Anwesenden betrachteten sie neugierig.
„Sind sie aus Licht gemacht?“
„Nein“, antwortete Wirnu. „Sie sind auf Bäumen gewachsen.“
„Und dann?“
„Dann wurden sie getrocknet.“
„Und jetzt kann man sie essen?“
„Ja.“
Einige der älteren Milwabingas kannten solche Nahrungsmittel von früheren Reisen. Für die Jüngeren waren sie neu.
Tifannu kostete ein winziges Stück.
„Mmmh!“
Dann hielt er inne.
„Moment. Das schmeckt ja fast wie unsere gelben Lichtbonbons!“
„Aber nicht ganz“, sagte Koraly.
„Nein. Irgendwie … erdiger.“
„Das könnte daran liegen, dass es von der Erde kommt“, bemerkte Wirnu.
Alle lachten.
Die Lichtküchenmeister waren begeistert.
„Wir könnten versuchen, einen neuen Lichtgeschmack daraus zu entwickeln!“
„Aber bitte nicht den ganzen Apfel nachmachen“, sagte Tifannu.
„Warum nicht?“
„Weil es schön ist, wenn die Erde etwas hat, das es nur dort gibt.“
Drei Forschungsreisende berichten
Später versammelten sich alle auf dem großen Platz.
Wirnu, Koraly und Tifannu standen auf einer kleinen Bühne.
Hinter ihnen erschienen Bilder ihrer Reise.
Das Raumfahrzeug zwischen den Bergen.
Die neugierigen Tiere.
Die Verwandten am Lagerfeuer.
Die Menschenkinder.
Die Hängebrücke.
Der verletzte Wanderer.
Und schließlich sechs Freunde, die miteinander tanzten.
Wirnu begann.
„Wir sind zur Erde gereist, um zu lernen, wie ihre Bewohner miteinander umgehen.“
Koraly fuhr fort.
„Wir haben entdeckt, dass Menschen sehr freundlich und hilfsbereit sein können.“
„Aber nicht immer“, ergänzte Tifannu.
Einige Zuhörer sahen überrascht auf.
„Manchmal verstehen sie einander falsch“, erklärte Wirnu.
„Manchmal erwarten sie Dinge voneinander, die nicht gut oder nicht sicher sind“, sagte Koraly.
„Und manchmal“, ergänzte Tifannu, „muss man sehr mutig sein, um Nein zu sagen.“
Ein älterer Zuhörer hob die Hand.
„Aber ihr wolltet doch lernen, wie man hilft. Warum soll man dann Nein sagen?“
Tifannu lächelte.
„Weil ein Ja nicht immer hilft.“
Nun wurde es still.
Wirnu erzählte von der gesperrten Hängebrücke.
Koraly berichtete von der Steinbockmutter und ihrem Jungen.
Und Tifannu schilderte, wie sie dem verletzten Martin geholfen hatten, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.
„Wir haben gelernt“, sagte Wirnu schließlich, „dass man zuerst genau hinschauen muss.“
„Dass man die Wünsche und Entscheidungen anderer respektieren soll“, ergänzte Koraly.
„Und dass man nicht alles allein können muss“, sagte Tifannu.
„Manchmal ist die beste Hilfe, jemanden zu finden, der es besser kann.“
Ein zustimmendes Murmeln ging durch die Menge.
Das größte Mitbringsel
„Aber“, sagte Koraly, „wir haben noch etwas mitgebracht.“
Sie holte den bemalten Stein hervor.
Darauf waren sechs kleine Figuren zu sehen.
Drei Menschenkinder.
Drei Milwabingas.
Darunter standen die Worte:
Sechs im Glück.
„Das haben uns unsere Freunde auf der Erde geschenkt.“
Tifannu trat vor.
„Und jetzt zeigen wir euch, was wir gemeinsam erfunden haben!“
Wirnu nahm sein Klangspiel.
Die ersten Töne erklangen.
Koraly begann mit drei kleinen Schritten.
Tifannu folgte.
Dann drehten sie sich.
Wechselten die Plätze.
Winkten einander freundlich zu.
Und verbeugten sich.
Die Menge klatschte begeistert.
„Noch einmal!“
„Wir möchten mittanzen!“
„Zeigt uns die Schritte!“
Bald standen nicht mehr drei, sondern dreißig Milwabingas auf dem Platz.
Dann hundert.
Und schließlich tanzten Angehörige der unterschiedlichsten Lichti-Familien miteinander.
Manche konnten die Drehungen nicht besonders gut.
Andere verwechselten die Schritte.
Einige schwebten versehentlich ein Stück in die Höhe.
Und Tifannu …
Tifannu blieb diesmal ganz bewusst auf dem Boden.

Ein unerwarteter Besuch
Als die Feier langsam zu Ende ging, erschien auf Wirnus Kommunikationsgerät eine Nachricht.
Er betrachtete sie erstaunt.
„Was ist?“, fragte Koraly.
„Eine Nachricht von unserem Onkel.“
„Von der Erde?“
„Ja.“
Wirnu öffnete sie.
Auf dem kleinen Bildschirm erschienen Mia, Ben und Leni.
Die drei winkten fröhlich.
„Hallo, Wirnu! Hallo, Koraly! Hallo, Tifannu!“
Tifannu sprang auf.
„Sie sind es!“
„Wir wollten nur wissen, ob ihr gut angekommen seid“, sagte Mia.
„Und wir haben euren Tanz geübt!“, ergänzte Ben.
„Schaut!“, rief Leni.
Die Kinder stellten sich auf ihrer Almwiese auf.
Aus einem kleinen Klangplättchen erklang die vertraute Melodie.
Drei Schritte.
Eine Drehung.
Ein Platzwechsel.
Ein freundliches Zuwinken.
Und zum Schluss eine Verbeugung.
Die Milwabingas jubelten.
„Sechs im Glück!“
Tifannu winkte so heftig, dass beinahe sein Kommunikationsgerät herunterfiel.
„Wir haben euren Tanz schon allen beigebracht!“
„Wirklich?“, fragte Leni.
„Ja!“
„Dann tanzen jetzt auf zwei Planeten dieselben Schritte!“, sagte Ben.
Koraly lächelte.
„Und vielleicht bald auf noch viel mehr.“
Eine Idee für die Zukunft
Später saßen Wirnu, Koraly und Tifannu auf einem Hügel über der Stadt.
Unter ihnen leuchteten die Gärten.
Von fern klang noch immer ihre neue Melodie.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Tifannu.
„Zuerst schlafen wir“, antwortete Wirnu.
„Und danach?“
„Danach schreiben wir unseren Bericht fertig“, sagte Koraly.
„Und danach?“
Wirnu seufzte.
„Was möchtest du denn machen?“
Tifannu blickte zum Himmel.
„Wieder reisen.“
„Wohin?“, fragte Koraly.
„Das weiß ich noch nicht.“
Er betrachtete die Sterne.
„Vielleicht zu unseren Verwandten in der Nachbargalaxie.“
„Oder wieder zur Erde“, sagte Koraly.
„Oder zu einem ganz neuen Planeten“, ergänzte Wirnu.
Eine Weile schwiegen sie.
Dann fragte Tifannu:
„Glaubt ihr, dass es irgendwo Wesen gibt, die noch gar nicht wissen, was Hilfsbereitschaft ist?“
Wirnu dachte nach.
„Vielleicht.“
„Dann könnten wir es ihnen erklären!“
Koraly lächelte.
„Oder wir könnten zuerst herausfinden, wie sie einander helfen.“
Tifannu überlegte.
Dann nickte er.
„Ja. Das wäre wohl klüger.“
Die drei blickten hinaus in den Sternenhimmel.
Es gab noch so viele Welten.
So viele Lebewesen.
So viele Melodien, die niemand von ihnen kannte.
Und so viele Dinge, die sie noch lernen konnten.
Tifannu begann leise zu summen.
Koraly stimmte ein.
Wirnu fügte eine dritte Stimme hinzu.
Und über den leuchtenden Bergen Milwabingas erklang ein Lied, das ein wenig nach Mozart klang.
Ein wenig nach Hawaii.
Und ganz besonders nach Freundschaft.
Ende
Gut zu wissen: Warum bringen Menschen Reiseandenken mit?
Seit langer Zeit bringen Menschen von ihren Reisen kleine Gegenstände mit nach Hause.
Das können Steine, Muscheln, Kunsthandwerk, Bilder oder besondere Lebensmittel sein.
Solche Mitbringsel erinnern an Orte, Begegnungen und Erlebnisse.
Wichtig ist, dabei die Natur und die Regeln des besuchten Landes zu respektieren. Nicht überall darf man Pflanzen, Steine oder andere Naturgegenstände einfach mitnehmen.
Zum Nachdenken: Was ist das wertvollste Geschenk?
Unsere drei Milwabingas haben viele Dinge von der Erde mitgebracht.
Aber was davon ist besonders wertvoll?
Der Tannenzapfen?
Die geschnitzten Murmeltiere?
Der bemalte Stein?
Die Melodie?
Oder die Erfahrungen, die sie gemacht haben?
Vielleicht gibt es Geschenke, die man gar nicht einpacken kann.
Und vielleicht werden manche sogar größer, wenn man sie mit anderen teilt.