
Kapitel 6 – Das klingt ja wie Mozart!
Am nächsten Morgen waren die drei Milwabingas ungewöhnlich beschäftigt.
Wirnu suchte in seinem Reisegepäck.
Koraly probierte vor dem Spiegel einige Tanzschritte.
Und Tifannu sang.
Nicht besonders laut, aber mit großer Begeisterung.
„La-liri-lu, la-liri-la, lumm-ba-lumm-ba-li!“
„Tifannu!“, rief Wirnu. „Kannst du vielleicht einen Augenblick aufhören?“
„Warum?“
„Weil ich mein Instrument suche.“
„Das hat doch mit meinem Singen nichts zu tun!“
„Nein. Aber ich kann mich nicht konzentrieren.“
Tifannu überlegte kurz.
Dann sang er etwas leiser weiter.
Koraly musste lachen.
„Was ist denn heute mit euch los?“
„Heute zeigen wir unseren Menschenfreunden, wie man auf Milwabinga musiziert!“, verkündete Tifannu.
„Und tanzt!“, ergänzte Koraly.
„Und vielleicht“, sagte Wirnu, „zeigen sie uns auch etwas.“
Ein Fest ohne besonderen Anlass
Die Kinder warteten bereits auf der Almwiese.
Mia hatte eine Decke mitgebracht, Ben einen kleinen Lautsprecher und Leni eine Tasche voller Überraschungen.
„Was habt ihr denn heute vor?“, fragte Koraly.
„Wir wollten mit euch spielen“, antwortete Leni.
„Und Musik hören“, ergänzte Ben.
„Ausgezeichnet!“, rief Tifannu. „Dann feiern wir ein Fest!“
„Was feiern wir denn?“, fragte Mia.
„Dass wir uns wiedersehen!“
Ben grinste.
„Das ist eigentlich ein guter Grund.“
Die Milwabingas fanden, dass man für ein Fest keinen besonderen Anlass brauchte. Auf ihrer Heimat wurde oft einfach deshalb gefeiert, weil jemand eine neue Melodie erfunden hatte oder weil sich Freunde nach längerer Zeit wiedersahen.
„Und wie feiert ihr?“, fragte Leni.
„Mit Singen und Tanzen!“, antwortete Koraly.
„Das machen wir auch“, sagte Mia.
„Dann haben wir ja schon etwas gemeinsam!“
Ein Lied mit vielen Stimmen
Die drei Milwabingas stellten sich nebeneinander.
Wirnu begann mit einer ruhigen, tiefen Melodie.
Koraly setzte eine zweite Stimme darüber.
Tifannu wartete einen Augenblick und sang dann etwas völlig anderes.
Jedenfalls klang es für die Menschenkinder zunächst so.
„Der singt ja ein anderes Lied!“, flüsterte Ben.
„Nein“, sagte Mia. „Hör einmal genauer hin.“
Die drei Melodien bewegten sich umeinander. Manchmal trafen sie sich auf demselben Ton, manchmal entfernten sie sich weit voneinander.
Dann geschah etwas Erstaunliches.
Aus den drei unterschiedlichen Stimmen entstand plötzlich eine gemeinsame Melodie.
Leni öffnete staunend den Mund.
„Wie habt ihr das gemacht?“
„Was denn?“, fragte Tifannu.
„Dass es zuerst durcheinander klingt und dann zusammenpasst!“
Wirnu lächelte.
„Wir hören aufeinander.“
„Und jeder singt seinen eigenen Teil“, ergänzte Koraly.
„Aber wir wissen, wohin die Musik möchte“, sagte Tifannu.
Ben dachte darüber nach.
„Das ist ein bisschen wie bei einem Kanon.“
„Was ist ein Kanon?“, fragte Koraly.
„Wenn mehrere Leute dieselbe Melodie nacheinander anfangen.“
„Das klingt interessant!“, sagte Wirnu.
Mia zeigte ihnen einen einfachen Kanon.
Zuerst sangen die Kinder.
Dann stimmten die Milwabingas ein.
Beim ersten Versuch begann Tifannu zu früh.
Beim zweiten zu spät.
Beim dritten sang er begeistert die falsche Melodie.
Schließlich brachen alle sechs in Gelächter aus.
„Ich glaube“, sagte Tifannu, „ich habe gerade einen neuen Kanon erfunden!“
Der Tanz mit den sieben Drehungen
„Jetzt wird getanzt!“, rief Koraly.
Sie stellte sich auf einen flachen Stein.
„Auf Milwabinga gibt es viele Tänze. Manche erzählen Geschichten, andere zeigen, wie sich die Sterne bewegen.“
„Und manche“, ergänzte Wirnu, „sind einfach lustig.“
„Den lustigen!“, rief Leni sofort.
Koraly begann mit drei kleinen Schritten.
Dann drehte sie sich.
Wirnu bewegte die Arme in weiten Bögen.
Tifannu hüpfte zweimal, machte eine halbe Drehung und landete mit einem fröhlichen Plopp! wieder auf seinen Füßen.
„Jetzt ihr!“, rief Koraly.
Mia versuchte die drei Schritte.
Ben schaffte die Drehung.
Leni hüpfte so begeistert, dass sie beinahe das Gleichgewicht verlor.
Tifannu fing sie gerade noch auf.
„Das war aber ein besonders schöner Sprung!“, sagte er.
„Der war gar nicht geplant“, gab Leni zu.
„Die besten Tänze entstehen manchmal zufällig.“
Bald tanzten alle sechs miteinander.
Die Kinder brachten den Milwabingas einen einfachen Kreistanz bei.
Die Milwabingas zeigten ihnen, wie man Bewegungen miteinander verbinden konnte, sodass jeder eine andere Aufgabe übernahm.
Als sie schließlich erschöpft ins Gras sanken, sagte Ben:
„So etwas habe ich noch nie getanzt.“
„Wir auch nicht“, antwortete Wirnu.
„Aber es hat funktioniert!“, freute sich Koraly.
Ein merkwürdiges Instrument
Nach einer kleinen Pause öffnete Wirnu seinen Rucksack.
Er holte einen flachen, schimmernden Gegenstand hervor.
Er war ungefähr so groß wie ein Buch, hatte mehrere unterschiedlich lange Klangzungen und eine Reihe kleiner, beweglicher Plättchen.
„Was ist das?“, fragte Mia.
„Mein Lieblingsinstrument.“
„Wie heißt es?“
Wirnu nannte einen Namen, der so ungewöhnlich klang, dass Ben ihn gleich dreimal nachzusprechen versuchte.
„Wir sagen einfach Klangspiel dazu“, schlug Leni vor.
„Einverstanden“, sagte Wirnu.
Er setzte sich auf einen Stein und legte das Instrument auf seine Knie.
Dann berührte er vorsichtig die erste Klangzunge.
Ein heller Ton erklang.
Ein zweiter folgte.
Dann ein dritter.
Die Melodie war leicht und verspielt.
Sie hüpfte von einem Ton zum nächsten, machte eine kleine Pause und begann wieder von vorn.
Koraly summte leise mit.
Tifannu bewegte den Kopf im Takt.
Die Kinder lauschten.
Plötzlich hob Mia die Hand.
„Wartet einmal!“
Wirnu hörte auf zu spielen.
„Was ist?“
„Das klingt irgendwie bekannt.“
„Mir auch!“, sagte Ben.
„Wie Mozart!“
„Wie wer?“, fragte Tifannu.
„Wolfgang Amadeus Mozart“, erklärte Mia. „Ein berühmter Komponist.“
„Ein Komponist?“, fragte Koraly.
„Jemand, der Musik erfindet und aufschreibt.“
„Dann sind wir auch Komponisten!“, rief Tifannu.
„Ja“, sagte Ben. „Aber Mozart hat vor sehr langer Zeit gelebt.“
Wirnu schaute interessiert auf.
„Wie lange?“
„Mehr als zweihundert Jahre.“
Koraly wurde nachdenklich.
„Das ist interessant.“
Wirnu spielte die Melodie noch einmal.
Diesmal etwas langsamer.
Mia nickte.
„Hört ihr diese kleinen Verzierungen? Und wie die Melodie immer wieder eine andere Wendung nimmt?“
Ben begann, mit den Fingern auf seinem Knie mitzuspielen.
„Ja! Aber irgendwie klingt es auch ganz anders.“
„Wie denn?“, fragte Wirnu.
Leni legte den Kopf schief.
„Ein bisschen wie Musik aus einem Urlaub am Meer.“
„Was für Musik?“, fragte Tifannu.
„So eine … schwebende, sonnige Musik“, sagte Leni.
Ben suchte auf seinem Handy.
„Moment! Ich weiß, was du meinst.“
Er spielte ein kurzes Stück hawaiianischer Musik ab.
Die Milwabingas wurden plötzlich ganz still.
Wirnu hielt sein Instrument fest.
Koraly hörte aufmerksam zu.
Und Tifannu begann langsam zu lächeln.
„Das kenne ich!“
Eine Melodie mit einer langen Reise
„Woher?“, fragte Mia.
„Von Milwabinga!“, antwortete Tifannu.
„Aber das ist doch Musik von Hawaii“, sagte Ben.
„Was ist Hawaii?“, fragte Koraly.
„Eine Inselgruppe mitten im Pazifischen Ozean“, erklärte Mia.
Wirnu sah nachdenklich auf sein Klangspiel.
„Unsere Musik enthält tatsächlich solche Klänge.“
„Aber warum?“, fragte Leni.
„Das weiß ich nicht“, gab Wirnu zu.
„Vielleicht haben wir sie irgendwo gehört“, meinte Koraly.
„Auf Milwabinga?“, fragte Ben.
„Ja. Viele unserer Melodien sind sehr alt. Manche werden seit Generationen weitergegeben.“
Mia überlegte.
„Und Mozart?“
„Was ist mit ihm?“, fragte Tifannu.
„Warum klingt eure Musik manchmal wie seine?“
Darauf wusste keiner der drei eine Antwort.
Wirnu spielte noch einmal.
Diesmal versuchte Ben, die Melodie nachzusingen.
Mia klatschte einen ruhigen Rhythmus dazu.
Und Leni begann, sich langsam im Takt zu bewegen.
Es war eine merkwürdige Mischung.
Ein bisschen Mozart.
Ein bisschen Hawaii.
Und ganz eindeutig Milwabinga.
„Vielleicht“, sagte Wirnu schließlich, „müssen wir unsere Verwandten fragen.“
„Warum gerade die?“, wollte Ben wissen.
„Weil sie schon sehr lange auf der Erde leben. Und weil sie viel über unsere Geschichte wissen.“
„Dann fragen wir sie!“, rief Leni.
Koraly nickte.
„Das werden wir.“
Eine Nachricht nach Hause
Am Abend saßen die drei Milwabingas wieder mit ihren Verwandten zusammen.
Wirnu hatte sein Instrument mitgebracht.
„Wir haben heute etwas Merkwürdiges entdeckt“, begann er.
„Etwas sehr Merkwürdiges!“, ergänzte Tifannu.
„Unsere Musik klingt manchmal wie die Musik der Menschen“, erklärte Koraly.
Der ältere Verwandte lächelte.
„Ach wirklich?“
„Ja! Wie Mozart!“
Der Alte hob überrascht den Kopf.
„Mozart, sagt ihr?“
„Kennst du ihn?“, fragte Wirnu.
„Natürlich kenne ich Mozart.“
„Und Hawaii?“, fragte Tifannu.
Jetzt begann der Alte zu lachen.
„Hawaii auch!“
Die drei starrten ihn an.
„Dann weißt du vielleicht, warum unsere Musik so klingt!“, rief Koraly.
Der Verwandte lehnte sich zurück.
Eine Weile betrachtete er das kleine Instrument.
Dann sagte er:
„Ja. Ich glaube, das kann ich euch erklären.“
„Wirklich?“
„Es ist eine sehr alte Geschichte. Und sie beginnt vor ungefähr zweihundertsechzig Jahren in Europa.“
Wirnu rückte näher.
Koraly setzte sich aufrecht hin.
Tifannu hielt vor Aufregung sogar mit dem Summen auf.
Der Alte lächelte.
„Damals reiste eine Gruppe unserer Vorfahren als Komödianten durch die Länder der Menschen …“
Und damit begann eine Geschichte, die keiner der drei je gehört hatte.
Gut zu wissen: Was ist ein Kanon?
Ein Kanon ist ein Musikstück, bei dem mehrere Stimmen dieselbe Melodie zeitlich versetzt singen oder spielen.
Eine Stimme beginnt, die nächste setzt etwas später ein. So entstehen mehrere Melodielinien, die gleichzeitig erklingen und zusammenpassen.
Ein bekanntes Beispiel ist „Bruder Jakob“.
Und wer war Mozart?
Wolfgang Amadeus Mozart wurde 1756 in Salzburg geboren. Schon als Kind spielte er hervorragend Klavier und Violine und komponierte eigene Musik. Gemeinsam mit seiner Familie unternahm er Konzertreisen durch Europa.
Unsere Geschichte von den Milwabingas, die seine Musik beeinflusst haben könnten, ist natürlich erfunden – aber sie führt uns mitten hinein in eine spannende Zeit der Musikgeschichte.