8 Die Milwabingas und die seltsamen Erdlinge

Kapitel 8 – Der Vulkan, der plötzlich schwieg

„Also gut“, sagte der ältere Verwandte. „Wenn ihr unbedingt noch eine Geschichte hören wollt …“

„Jaaaa!“, riefen Wirnu, Koraly und Tifannu gleichzeitig.

Eigentlich sollten sie längst schlafen.

Aber nach der Geschichte vom kleinen Mozart war an Schlaf nicht mehr zu denken.

„Wie war das nun mit Hawaii?“, fragte Koraly.

„Und dem Vulkan?“, ergänzte Wirnu.

„Und dem Fest!“, rief Tifannu. „Vergiss bloß das Fest nicht!“

Der Alte lachte.

„Nein, das vergesse ich bestimmt nicht. Denn dieses Fest hat unsere Musik für immer verändert.“


Eine Forschungsreise über den Ozean

Vor langer Zeit war eine Gruppe von Milwabinga-Forschern zur Erde gereist.

Damals wussten die Menschen noch wenig über das Innere der Vulkane. Und auch auf Milwabinga wollte man mehr über die gewaltigen Kräfte erfahren, die tief unter der Oberfläche eines Planeten wirken.

Die Forscher hatten schon viele Vulkane untersucht.

Manche spuckten glühende Gesteinsbrocken aus.

Andere ließen zähflüssige Lava über ihre Hänge fließen.

Und wieder andere schliefen jahrhundertelang, bevor sie plötzlich erwachten.

„Wie Tifannu am Morgen!“, bemerkte Koraly.

„Ich spucke aber keine Lava!“, protestierte Tifannu.

„Zum Glück“, sagte Wirnu.

Der Alte fuhr fort.

„Eines Tages empfingen unsere Forscher eine Nachricht. Auf einer Inselgruppe mitten im großen Pazifischen Ozean war ein Vulkan besonders unruhig geworden.“

„Hawaii!“, rief Tifannu.

„Genau.“

Die Forscher machten sich auf den Weg.

Als sie ankamen, sahen sie eine Landschaft, wie sie ihnen auf der Erde noch nie begegnet war.

Hohe grüne Berge ragten aus dem Meer.

An den Küsten schlugen gewaltige Wellen gegen dunkle Felsen.

Zwischen den Bäumen wuchsen Pflanzen mit riesigen Blättern und prächtigen Blüten.

Und über allem lag der warme Duft des Ozeans.

„Wie schön!“, flüsterte Koraly.

„Wartet nur“, sagte der Alte. „Das Schönste kommt noch.“


Ein Berg voller Feuer

Der Vulkan war tatsächlich sehr unruhig.

Aus seinem Inneren drang ein tiefes Grollen.

An einigen Stellen stieg Dampf auf.

Und hoch oben leuchtete in der Dunkelheit ein rötlicher Schein.

Die Milwabinga-Forscher beobachteten alles aus sicherer Entfernung.

Sie hatten ihre Messgeräte aufgestellt und zeichneten jede Veränderung auf.

„Die Temperatur steigt“, sagte einer.

„Die Erschütterungen nehmen zu“, stellte ein anderer fest.

„Vielleicht beginnt bald ein neuer Ausbruch.“

Doch plötzlich geschah etwas Unerwartetes.

Das Grollen wurde schwächer.

Der rötliche Schein verblasste.

Die Erde hörte auf zu beben.

Und schließlich war es still.

Vollkommen still.

Die Forscher betrachteten ihre Geräte.

„Das ist merkwürdig“, sagte einer.

„Sehr merkwürdig“, meinte der zweite.

„Vielleicht ist der Vulkan eingeschlafen“, vermutete der dritte.

„Aber warum gerade jetzt?“

Darauf wusste niemand eine Antwort.


Haben wir das gemacht?

„Vielleicht“, sagte Tifannu aufgeregt, „haben unsere Vorfahren den Vulkan beruhigt!“

Der Alte schüttelte den Kopf.

„Das haben sie zunächst auch überlegt.“

„Na also!“

„Aber nur weil zwei Dinge gleichzeitig geschehen, bedeutet das nicht, dass das eine die Ursache des anderen ist.“

Wirnu nickte.

„Der Vulkan könnte auch von selbst ruhiger geworden sein.“

„Genau.“

„Und was sagten die Menschen?“, fragte Koraly.

„Die waren vor allem erleichtert.“

In der Nähe lebten Menschen, die den Vulkan seit Langem kannten und seine Veränderungen aufmerksam beobachteten.

Sie wussten, dass vulkanisches Feuer gefährlich sein konnte.

Und sie wussten auch, dass ein Vulkan zur Landschaft und Geschichte ihrer Heimat gehörte.

Als die Unruhe nachließ, freuten sich viele Menschen.

Die Forscher aber hatten ein neues Problem.

Sie wollten ihre Geräte einsammeln, ohne aufzufallen.

Denn eigentlich sollten die Menschen nichts von ihren außerirdischen Besuchern bemerken.

„Und wie haben sie das geschafft?“, fragte Tifannu.

„Nicht besonders gut“, antwortete der Alte.


Drei äußerst auffällige Fremde

Einer der Forscher hatte nämlich vergessen, sein Tarnfeld einzuschalten.

Er stand mitten auf einem Felsen und betrachtete ein Messgerät.

Sein Kopf leuchtete gelb.

Seine Arme waren bunt.

Und seine Antennen bewegten sich im Wind.

Ein Kind entdeckte ihn zuerst.

„Schaut!“, rief es.

Bald kamen weitere Menschen dazu.

Der Forscher bemerkte die neugierigen Blicke.

Er winkte freundlich.

Das war vielleicht nicht die klügste Entscheidung.

Denn nun waren alle sicher, dass dort oben tatsächlich ein höchst ungewöhnliches Wesen stand.

Die beiden anderen Forscher eilten herbei.

Sie wollten ihren Freund möglichst unauffällig fortbringen.

Aber dabei vergaßen sie ebenfalls ihre Tarnfelder.

Plötzlich standen drei bunte Milwabingas auf dem Felsen.

„Oh!“, sagte Koraly.

„Das kenne ich“, murmelte Wirnu.

„Wie bei uns und dem Wanderer!“, rief Tifannu.

„Ganz ähnlich“, bestätigte der Alte.

Die Menschen waren überrascht.

Einige erschraken.

Andere lachten.

Und ein paar Kinder waren so neugierig, dass sie näherkommen wollten.

Doch eine ältere Frau bat sie, zunächst Abstand zu halten.

Sie betrachtete die drei Fremden aufmerksam.

Dann sprach sie ruhig zu ihnen.

Natürlich verstanden die Milwabingas ihre Worte nicht.

Aber sie verstanden ihre freundliche Stimme.

Einer der Forscher legte die Hand auf seine Brust und verbeugte sich.

Die Frau erwiderte die Geste.

Damit begann eine außergewöhnliche Begegnung.


Eine Sprache ohne Wörter

„Wie konnten sie miteinander reden?“, fragte Wirnu.

„Zunächst fast gar nicht“, antwortete der Alte.

„Das muss schwierig gewesen sein.“

„Ja. Aber dann kam jemand auf eine Idee.“

Ein junger Mann brachte ein kleines Schlaginstrument.

Er spielte einen ruhigen Rhythmus.

Die Milwabingas lauschten.

Dann klopfte einer von ihnen denselben Rhythmus auf sein Messgerät.

Der junge Mann lachte.

Er spielte etwas Neues.

Der Milwabinga antwortete.

Bald klopften beide abwechselnd.

Dann gemeinsam.

Andere Menschen kamen dazu.

Einige begannen zu singen.

Die Milwabingas stimmten ein.

Zuerst klang alles ein wenig durcheinander.

Doch nach und nach fanden sie einen gemeinsamen Rhythmus.

„Wie wir mit Mia, Ben und Leni!“, rief Koraly.

„Genau“, sagte der Alte. „Musik kann Menschen und andere Wesen miteinander verbinden, auch wenn sie nicht dieselbe Sprache sprechen.“


Der Tanz, den niemand vergaß

Als die Gefahr vorüber schien, kamen die Menschen zusammen.

Sie sangen Lieder und erzählten Geschichten.

Einige führten Tänze auf, bei denen die Bewegungen der Hände und Arme eine besondere Bedeutung hatten.

Die Milwabingas waren fasziniert.

„Was machen sie da?“, fragte einer der Forscher.

Ein anderer betrachtete die Bewegungen.

„Ich glaube, sie erzählen etwas.“

Eine Tänzerin bewegte die Arme sanft wie Wellen.

Dann ließ sie die Hände aufsteigen wie den Wind.

Mit einer weiteren Bewegung deutete sie auf die Berge.

Die Milwabingas sahen gebannt zu.

„Das ist wunderschön“, flüsterte einer.

Die Tänzerin lächelte und lud sie ein, es ebenfalls zu versuchen.

Nun waren die Milwabingas hervorragende Tänzer.

Jedenfalls auf ihrem eigenen Planeten.

Aber diese Bewegungen waren neu für sie.

Der erste versuchte, die Wellen nachzuahmen.

Dabei bewegte er die Arme so heftig, dass es eher nach einem Sturm aussah.

Der zweite wollte den Wind darstellen.

Er drehte sich dabei dreimal um sich selbst und verlor beinahe das Gleichgewicht.

Und der dritte …

„Was machte der dritte?“, fragte Tifannu.

„Der erfand einen ganz neuen Schritt.“

„War er schön?“

„Das kommt darauf an, wen man fragt.“

Der Alte schmunzelte.

„Die Menschen mussten jedenfalls herzlich lachen.“

Aber sie lachten nicht über die Fremden, sondern freuten sich mit ihnen.

Die Tänzerin zeigte die Bewegungen noch einmal.

Langsam.

Geduldig.

Und diesmal sahen die Milwabingas genau hin.

Sie übten, bis sie die ersten Bewegungen verstanden.

Dann zeigten sie ihrerseits einen Tanz aus ihrer Heimat.

Er bestand aus kleinen Schritten, Drehungen und einem gemeinsamen Sprung.

Die Menschen versuchten mitzumachen.

Auch das gelang nicht sofort.

Aber bald bewegten sich alle miteinander.

Und aus zwei verschiedenen Tanztraditionen entstand für diesen Abend etwas völlig Neues.


Ein Geschenk, das blieb

„Und das war Hula?“, fragte Koraly.

„Ja“, antwortete der Alte. „Die Menschen Hawaiis haben eine reiche Tanz- und Musiktradition. Hula erzählt mit Bewegungen, Gesang und Rhythmus Geschichten.“

„Dann haben unsere Vorfahren Hula gelernt!“, rief Tifannu.

„Ein wenig. Aber längst nicht alles.“

„Warum nicht?“

„Weil man eine solche Kunst nicht an einem einzigen Abend erlernen kann.“

Wirnu nickte.

„So wie Ben sein Fluggerät nicht an einem einzigen Tag fertig bauen konnte.“

„Ganz richtig.“

Als die Milwabingas später zu ihrem Heimatplaneten zurückkehrten, nahmen sie viele Erinnerungen mit.

Sie hatten neue Rhythmen gehört.

Neue Arten des Singens kennengelernt.

Und Bewegungen gesehen, die Geschichten erzählten.

Auf Milwabinga versuchten sie, diese Eindrücke mit ihrer eigenen Musik zu verbinden.

Sie erfanden neue Melodien.

Manche waren ruhig und schwebend.

Andere hatten einen sanft wiegenden Rhythmus.

Wieder andere klangen fröhlich und verspielt.

So entstand nach und nach ein besonderer musikalischer Stil.

„Und den spielen wir heute noch!“, rief Wirnu.

„Genau“, sagte der Alte.

„Aber den Tanz haben sie vergessen?“, fragte Koraly.

„Nicht ganz. Sie erinnerten sich an einige Bewegungen. Doch vieles ging verloren oder veränderte sich.“

Tifannu sprang auf.

Er hob die Arme und ließ sie wie Wellen hin und her schwingen.

„So vielleicht?“

Der Alte betrachtete ihn.

„Ungefähr.“

Dann machte Tifannu eine Drehung.

„Und so?“

„Das ist vermutlich eher ein Milwabinga-Schritt.“

Koraly begann zu lachen.

„Dann müssen wir eben nach Hawaii reisen und den richtigen Tanz lernen!“

„Das wäre eine Möglichkeit“, meinte der Alte.

Wirnu dachte nach.

„Vielleicht können uns auch Mia, Ben und Leni etwas darüber zeigen.“

„Oder wir lernen gemeinsam“, sagte Koraly.

„Und bringen ihnen dafür unseren Tanz bei!“, rief Tifannu.

Der Alte nickte.

„Das wäre ein schöner Austausch.“


Eine letzte Frage

Das Feuer war inzwischen fast erloschen.

Die Sterne funkelten über den Bergen.

Wirnu betrachtete den älteren Verwandten.

„Eines verstehe ich noch nicht.“

„Was denn?“

„Unsere Vorfahren haben in Europa Musik gemacht und in Hawaii neue Rhythmen kennengelernt. Aber warum klingt unsere Musik heute manchmal nach beidem zugleich?“

Der Alte lächelte.

„Weil Musik reist.“

„Musik kann doch nicht fliegen“, sagte Tifannu.

„Nicht allein. Aber sie reist mit denen, die sie hören, singen und spielen.“

Koraly dachte darüber nach.

„Dann nehmen wir von der Erde auch etwas mit nach Milwabinga.“

„Bestimmt.“

„Und wir bringen etwas von Milwabinga auf die Erde“, ergänzte Wirnu.

„Das tut ihr bereits.“

Tifannu betrachtete seine Freunde.

Dann sagte er:

„Vielleicht sollten wir unsere Melodien besonders gut aufheben.“

„Warum?“, fragte Koraly.

„Damit in zweihundertsechzig Jahren niemand behauptet, sie wären von einem anderen Planeten!“

Einen Augenblick war es still.

Dann lachten alle so herzlich, dass sogar der ältere Verwandte Tränen in den Augen hatte.

Und diesmal gingen die drei tatsächlich schlafen.


Gut zu wissen: Vulkane auf Hawaii

Die hawaiianischen Inseln sind durch vulkanische Vorgänge entstanden. Einige Vulkane sind noch aktiv, andere seit sehr langer Zeit nicht mehr ausgebrochen.

Vulkane können Lava, Gase und Gestein freisetzen. Ihre Aktivität wird von Fachleuten mit Messgeräten beobachtet.

Dass ein Vulkan plötzlich ruhiger wird, bedeutet nicht unbedingt, dass keine Gefahr mehr besteht.

In unserer Fantasiegeschichte fällt das Nachlassen der Vulkanaktivität zufällig mit der Ankunft der Milwabingas zusammen. Die Forscher haben den Vulkan nicht nachweislich zum Schweigen gebracht.

Gut zu wissen: Was ist Hula?

Hula ist eine traditionelle hawaiianische Tanzkunst, die eng mit Gesang, Dichtung, Musik und der Geschichte Hawaiis verbunden ist.

Mit Bewegungen der Hände, Arme und des Körpers können Geschichten über Natur, Menschen und Ereignisse erzählt werden.

Hula ist weit mehr als ein fröhlicher Urlaubstanz. Es ist ein wichtiger Bestandteil der hawaiianischen Kultur, der über Generationen weitergegeben wird.

Wer Hula lernen möchte, kann dies am besten bei Menschen tun, die mit dieser Tradition vertraut sind.