
Karo-La blieb so plötzlich stehen, dass Lari-No noch ein paar Schritte weiterging, bevor er bemerkte, dass sie nicht mehr neben ihm war.
„Lari-No!“
Er drehte sich um.
Karo-La stand vor einer niedrigen Gartenmauer. Dahinter wuchs ein großer Oleander. Seine dunkelgrünen Blätter glänzten in der Sonne, und zwischen ihnen leuchteten viele rosa Blüten.
„Was ist?“, fragte Lari-No.
Karo-La deutete auf den Strauch.
„Er ruft uns.“
Lari-No kam zurück.
„Bist du sicher?“
Da bewegten sich die Zweige des Oleanders, obwohl gerade überhaupt kein Wind ging.
Karo-La lächelte.
„Ganz sicher.“
Bewegliche Verwandte
Karo-La und Lari-No waren Karolari. Karolari gehören zu den LiHoFaBos und sehen ein bisschen aus wie Pflanzen und ein bisschen wie Tiere – und eigentlich wie keines von beiden.
Karo-La war blau und ungefähr so groß wie ein siebenjähriges Menschenkind. Lari-No war orange und etwas größer.
Wenn Menschen in der Nähe waren, konnten sie wie Menschen aussehen. Das konnten viele LiHoFaBos.
Karolari besaßen aber noch eine andere erstaunliche Fähigkeit: Sie konnten Teile ihres Körpers so formen, dass sie wie Kleidung aussahen. Karo-La musste also niemals überlegen, wo sie ihr Kleid hingelegt hatte.
Es war immer dabei.
Karolari liebten warme Gegenden. Frost mochten sie überhaupt nicht. Deshalb hatten Karo-La und Lari-No für ihre Mission auf der Erde eine Gegend ausgesucht, in der es viel Sonne gab und nur selten richtig kalt wurde.
Am liebsten hielten sie sich zwischen Pflanzen auf.
Und Pflanzen mochten Karolari.
Vielleicht spürten sie, dass diese merkwürdigen Wesen ihnen ein wenig ähnlich waren.
Manche Pflanzen betrachteten Karolari sogar als eine Art bewegliche Verwandte.
Und beweglichen Verwandten konnte man Dinge erzählen.
Der empörte Oleander
Karo-La schlüpfte durch eine Lücke in der Gartenmauer. Lari-No folgte ihr.
Sie gingen zum Oleander.
Karo-La legte vorsichtig eine Hand an einen Zweig.
Sie sagte nichts.
Auch der Oleander sagte zunächst nichts, was ein Mensch hätte hören können.
Doch Karo-La hörte zu.
Nach einer Weile zog sie die Augenbrauen hoch.
„Oje.“
„Was ist passiert?“, fragte Lari-No.
„Er ist empört.“
Lari-No betrachtete den Strauch. Einige Zweige waren frisch abgeschnitten worden.
„Wegen des Schnitts?“
Der Oleander rauschte heftig mit seinen Blättern.
„Nein“, sagte Karo-La. „Der Schnitt war völlig in Ordnung.“
Sie lauschte weiter.
Dann musste sie lachen.
„Was ist so lustig?“
„Der Mann, der ihn geschnitten hat, hat die ganze Zeit telefoniert.“
Lari-No sah sie verständnislos an.
„Das ist doch dem Oleander egal.“
Wieder rauschten die Blätter.
Diesmal sehr deutlich.
„Offenbar nicht“, sagte Karo-La.
Der Mann hatte die abgeschnittenen Zweige auf den Boden geworfen. Auf einige war er getreten. Dann hatte er alles achtlos zusammengeräumt und in einen Sack gestopft.
Lari-No nickte langsam.
Jetzt verstand er.
„Es geht gar nicht darum, dass er geschnitten wurde.“
„Nein.“
„Es geht darum, wie man mit ihm umgegangen ist.“
Der Oleander raschelte zustimmend.
Das verstanden die Karolari sehr gut.
Sie liebten Höflichkeit und respektvolle Zuneigung. Für sie bedeutete Höflichkeit nicht nur, „Bitte“ und „Danke“ zu sagen.
Höflichkeit bedeutete:
Ich habe bemerkt, dass du da bist.
Karo-La strich sanft über eines der langen Blätter.
„Wir sollten den Menschen davon erzählen.“
Lari-No sah sie an.
„Und wie?“
Karo-La dachte nach.
Einfach zu einem Menschen zu gehen und zu sagen:
Entschuldigung, Ihr Oleander möchte sich über Ihre Umgangsformen beschweren,
war vermutlich keine besonders gute Idee.

„Benny! Jetzt sei endlich brav!“
Da hörten sie aus dem Nachbargarten ein leises Jaulen.
Kurz darauf rief ein Mann:
„Benny! Lass das!“
Karo-La und Lari-No gingen zum Zaun.
Dahinter stand ein kleiner Hund.
Vor ihm befand sich ein Futternapf.
Benny ging hin, schnupperte daran und wich wieder zurück.
„Du hast doch Hunger!“, rief der Mann. „Also friss!“
Benny sah zum Haus.
Dann zum Napf.
Dann setzte er sich hin.
„Benny! Jetzt sei endlich brav!“
Der kleine Hund duckte sich.
Lari-No wurde sehr still.
„Warte“, sagte er.
Er setzte sich auf die andere Seite des Zaunes ins Gras.
Benny bemerkte ihn.
Der Hund kam vorsichtig näher.
Lari-No streckte die Hand aus, ohne ihn zu berühren.
Eine Weile geschah gar nichts.
Dann empfing Lari-No etwas.
Keine Wörter.
Tiere erzählten anders.
Da war Hunger.
Der Geruch des Futters.
Fressen.
Dann ein unangenehmes Gefühl im Bauch.
Druck.
Unwohlsein.
Später wieder Hunger.
Wieder der Napf.
Wieder dasselbe Gefühl.
Und dazu die Stimme des Menschen:
Benny!
Was ist denn schon wieder?
Sei brav!
Lari-No öffnete die Augen.
„Er ist nicht unartig.“
Karo-La setzte sich neben ihn.
„Was ist dann?“
„Ich weiß es nicht. Aber nach diesem Futter geht es ihm nicht gut.“
Benny sah Lari-No an und wedelte einmal vorsichtig mit dem Schwanz.
Karolari konnten manches von Tieren verstehen. Aber sie waren keine Tierärzte.
Lari-No wusste nicht, warum Benny sein Futter nicht vertrug.
Er wusste nur, was der Hund ihm gezeigt hatte.
„Sein Mensch müsste das wissen“, sagte Karo-La.
„Ja.“
„Wir könnten es ihm sagen.“
Lari-No schüttelte den Kopf.
So einfach war das nicht.
LiHoFaBos durften den Menschen nicht alles verraten, was sie aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten wussten. Die Menschen sollten selbst beobachten, überlegen und entscheiden können.
Karo-La sah zu Benny.
Dann zum Oleander.
Jetzt hatten sie schon zwei Wesen getroffen, die den Menschen etwas mitteilen wollten.
Und sie waren erst seit wenigen Tagen auf der Erde.
Eine Idee in der Nacht
Am Abend wurde es still.
Der Oleander stand dunkel hinter der Gartenmauer. Benny lag in seinem Körbchen.
Auch sein Besitzer schlief.
Karo-La und Lari-No saßen unter einem alten Feigenbaum.
„Wir können nicht zu jedem Menschen gehen und sagen, was Pflanzen und Tiere uns erzählen“, sagte Lari-No.
„Nein.“
„Und wir dürfen nicht für sie entscheiden.“
„Auch nicht.“
Lange sagte keiner etwas.
Über ihnen bewegten sich die Blätter des Feigenbaums.
Plötzlich richtete sich Karo-La auf.
„Vielleicht müssen wir ihnen gar nichts sagen.“
Lari-No kannte diesen Blick.
Karo-La hatte eine Idee.
„Was wäre“, fragte sie, „wenn ein Mensch selbst erleben könnte, was ein anderes Wesen erlebt? Nur für einen kleinen Augenblick?“
Lari-No überlegte.
Dann begann er zu lächeln.
„Im Traum.“
Bennys Traum
In dieser Nacht träumte Bennys Besitzer.
Er saß vor einem riesigen Futternapf.
Er hatte Hunger.
Sehr großen Hunger.
Das Futter roch verlockend.
Also aß er.
Wenig später wurde ihm unwohl.
Am nächsten Morgen stand der Napf wieder vor ihm.
Er hatte Hunger.
Aber er erinnerte sich an das unangenehme Gefühl.
Er wich zurück.
Da hörte er eine Stimme:
„Nun iss schon!“
Er versuchte zu erklären, dass etwas nicht stimmte.
Aber aus seinem Mund kam nur:
„Wuff!“
„Sei nicht so unartig!“
Er wachte auf.
Eine Weile blieb er im Bett liegen.
Dann hörte er Benny.
Der kleine Hund stand vor seinem Napf.
Er schnupperte daran und ging weg.
Diesmal schimpfte der Mann nicht.
Er kniete sich zu Benny.
„Du“, sagte er langsam. „Vielleicht willst du mir ja tatsächlich etwas sagen.“
Später rief er beim Tierarzt an.
Karo-La und Lari-No beobachteten alles aus sicherer Entfernung.
„Das war gut“, sagte Karo-La.
Lari-No nickte.
„Wir haben ihm nicht gesagt, was er tun soll.“
„Nein.“
„Er hat selbst hingesehen.“
Hinter ihnen raschelte der Oleander.
Karo-La drehte sich um.
„Ja, ja. Dich haben wir nicht vergessen.“
Und der Oleander?
In der folgenden Nacht träumte der Besitzer des Gartens von einem riesigen grünen Haus.
Er wohnte darin.
Das Haus hatte Äste statt Wänden und Blätter statt Fenstern.
Eines Tages kam jemand mit einer Schere.
Einige Äste wurden sorgfältig entfernt.
Das fühlte sich überraschend gut an. Es gab wieder Licht und Luft.
Doch dann warf der Mann die abgeschnittenen Zweige achtlos auf den Boden.
Er trat darauf.
Er telefonierte dabei und bemerkte überhaupt nicht, worauf er stand.
Da hörte der Träumende eine sanfte Stimme.
Sie sagte nur:
„Der Schnitt war gut. Die Achtlosigkeit nicht.“
Am nächsten Morgen ging der Mann in seinen Garten.
Er blieb vor dem Oleander stehen.
Warum er das tat, wusste er selbst nicht genau.
Er betrachtete die frischen Schnittstellen.
Dann hob er einen kleinen Zweig auf, der am Vortag liegen geblieben war.
„Na“, murmelte er, ein bisschen verlegen. „So schlimm war das hoffentlich nicht.“
Der Oleander bewegte seine Blätter.
Vielleicht war es der Wind.
Vielleicht auch nicht.
Hinter der Mauer saßen Karo-La und Lari-No zwischen den Blumen.
Rings um sie raschelte, wisperte und duftete es.
Eine Rose wollte dringend etwas erzählen.
Der Feigenbaum ebenfalls.
Drei Geranien redeten gleichzeitig.
Und irgendwo weiter hinten begann eine Bougainvillea bereits ziemlich energisch nach ihnen zu rufen.
Lari-No sah Karo-La an.
„Ich glaube, es hat sich herumgesprochen.“
Karo-La seufzte.
Dann lächelte sie.
„Mission Erde.“
Und gemeinsam verschwanden die beiden zwischen den bunten Pflanzen.

🌿 Schon gewusst?
Pflanzen zu schneiden ist nicht automatisch schlecht.
Viele Pflanzen brauchen sogar manchmal einen fachgerechten Schnitt. Obstbäume werden beispielsweise geschnitten, damit Licht und Luft in ihre Kronen gelangen. Auch Weinreben, Rosen und viele Sträucher werden regelmäßig zurückgeschnitten.
Oleander kann ebenfalls geschnitten werden. Ein starker Rückschnitt kann allerdings dazu führen, dass er eine Zeit lang weniger blüht.
Auch Mähen, Ernten und die Nutzung von Holz gehören seit sehr langer Zeit zum Zusammenleben von Menschen und Pflanzen.
Den Karolari ist deshalb etwas anderes wichtig: Nimm nur, was du brauchst. Zerstöre nicht unnötig. Nutze achtsam, was die Natur dir gibt – und behandle Lebendiges mit Respekt.
Achtung: Oleander ist giftig. Kinder sollten ihn nicht selbst schneiden oder Pflanzenteile in den Mund nehmen.
🐶 Und Benny?
Wenn ein Hund plötzlich nicht mehr fressen möchte, ungewöhnlich unruhig ist oder sich anders verhält als sonst, ist er nicht automatisch „unartig“. Manchmal steckt Unwohlsein oder eine Erkrankung dahinter. Dann sollten Erwachsene aufmerksam werden und bei anhaltenden oder deutlichen Beschwerden tierärztlichen Rat einholen.
Für die Buchgestaltung würde ich die Oleander-Abbildung unmittelbar nach „Der empörte Oleander“ setzen und das Bild von Benny beim Napf nach seiner ersten Begegnung mit Lari-No. Den Pflanzen-Infoblock würde ich als eigene Schlussseite gestalten; Bennys Hinweis klein darunter.