Kapitel 4 – Gut gemeint ist nicht immer gut

Am nächsten Morgen war Tifannu als Erster wach.
„Heute treffen wir unsere neuen Freunde wieder!“
Koraly öffnete ein Auge.
„Ist es schon so weit?“
„Fast.“
„Dann weck mich, wenn es ganz so weit ist.“
Wirnu war bereits aufgestanden und betrachtete eine kleine Karte der Umgebung.
„Mia hat gesagt, wir sollen uns bei der Weggabelung treffen. Dort, wo der große Baum steht.“
„Welcher große Baum?“, fragte Tifannu.
„Der mit den vielen Ästen.“
Koraly setzte sich auf.
„Das ist eine ausgezeichnete Beschreibung. Damit finden wir ihn bestimmt!“
Zum Glück hatten die Verwandten ihnen den Weg genau erklärt.
Nach einem Frühstück mit Lichtbonbons und frischem Quellwasser machten sich die drei auf den Weg.
„Und denkt daran“, rief ihnen der ältere Verwandte nach, „nicht alles, was wie ein Problem aussieht, ist auch eines!“
„Wir wissen schon!“, antwortete Tifannu.
„Zuerst beobachten!“, rief Koraly.
„Dann nachdenken!“, ergänzte Wirnu.
„Und dann helfen!“
„Vielleicht“, murmelte der Alte.
Aber da waren die drei schon verschwunden.
Ein Hund ohne Menschen
Bei der Weggabelung warteten Mia, Ben und Leni.
„Da seid ihr ja!“, rief Leni.
Sie hatte ein kleines Fernglas um den Hals hängen und wollte den Besuchern unbedingt die Vögel zeigen.
Doch kaum hatten sich alle begrüßt, hörten sie ein aufgeregtes Bellen.
Ein kleiner braunweißer Hund kam den Weg entlanggelaufen.
Er blieb stehen, schnupperte, drehte sich um und bellte noch einmal.
„Wie hübsch!“, rief Koraly.
„Er hat vier Beine und einen Schwanz, der sich von selbst bewegt!“, stellte Tifannu begeistert fest.
„Das ist ein Hund“, erklärte Ben.
„Das weiß ich“, sagte Wirnu. „Aber warum läuft er allein herum?“
Mia betrachtete das Tier.
„Vielleicht hat er sich verlaufen.“
Der Hund lief ein Stück weiter, blieb stehen und blickte zurück.
„Er möchte uns etwas zeigen!“, rief Tifannu.
Schon wollte er hinterherlaufen.
„Warte!“, sagte Mia.
„Warum?“
„Wir wissen doch gar nicht, ob er uns kennt. Vielleicht erschrickt er.“
„Aber wir sind freundlich!“
„Das weiß der Hund nicht.“
Tifannu blieb stehen.
Das kam ihm irgendwie bekannt vor.
„Wie bei der Steinbockmutter“, murmelte er.
Der Hund schnupperte inzwischen an einem Grasbüschel.
Koraly ging vorsichtig in die Hocke.
„Hallo, kleiner Hund!“
Der Hund sah sie an.
Dann machte er einen Satz rückwärts.
„Oh!“
Tifannu wollte ihn beruhigen und ließ ein besonders schönes Lichtbonbon vor seiner Nase erscheinen.
Es schimmerte in sieben Farben.
„Schau! Ein Geschenk!“
Der Hund schnupperte kurz daran.
„Nein!“, rief Leni.
Tifannu zog das Bonbon erschrocken zurück.
„Was ist denn?“
„Du weißt doch gar nicht, ob Hunde das essen dürfen!“
Tifannu betrachtete das Bonbon.
„Aber es ist sehr gesund.“
„Für euch vielleicht“, sagte Mia. „Nicht unbedingt für Hunde.“
Wirnu nickte nachdenklich.
„Das ist ein guter Einwand.“
„Außerdem“, sagte Ben, „braucht der Hund wahrscheinlich gar kein Futter.“
„Was braucht er dann?“, fragte Koraly.
„Vielleicht seinen Menschen.“
Die Sache mit dem Halsband
Mia entdeckte ein Halsband.
„Da ist eine Marke dran!“
Sie warteten, bis der Hund von selbst näherkam. Dann konnte Mia die Marke ansehen.
„Da steht eine Telefonnummer.“
„Was ist eine Telefonnummer?“, fragte Tifannu.
Ben zog sein Handy aus der Tasche.
„Damit können wir jemanden anrufen.“
„Auch wenn er ganz weit weg ist?“
„Ja.“
„Wie weit?“
„Ziemlich weit.“
„Bis Milwabinga?“
Ben überlegte.
„Wahrscheinlich nicht.“
„Schade.“
Mia wählte die Nummer.
Eine Frau meldete sich.
„Hallo?“
„Guten Tag! Wir haben einen kleinen braunweißen Hund gefunden. Gehört der vielleicht Ihnen?“
Am anderen Ende wurde es plötzlich sehr lebhaft.
„Bobby! Ach, Gott sei Dank! Wo seid ihr denn?“
Mia erklärte den Weg.
Die Frau versprach, gleich zu kommen.
„Sie hat ihn schon gesucht“, erzählte Mia.
Koraly strahlte.
„Dann haben wir geholfen!“
„Und diesmal haben wir nichts weggetragen“, ergänzte Wirnu.
„Und niemanden erschreckt!“, sagte Tifannu.
In diesem Augenblick bellte Bobby so laut, dass Tifannu einen kleinen Satz machte.
„Na ja“, meinte Ben, „fast niemanden.“
Ein besonders dankbarer Mensch
Wenig später kam eine Frau den Weg heraufgeeilt.
„Bobby!“
Der Hund raste auf sie zu.
Er sprang um sie herum, wedelte mit dem Schwanz und versuchte gleichzeitig, ihr Gesicht abzulecken.
Die Frau lachte und schimpfte liebevoll.
„Du kleiner Ausreißer!“
Dann wandte sie sich an die Kinder.
„Vielen, vielen Dank! Ich habe ihn schon überall gesucht!“
„Wir haben nur angerufen“, sagte Mia.
„Das war genau richtig!“
Die Milwabingas sahen einander an.
Genau richtig!
Das klang wunderbar.
„Und wer sind eure lustigen Freunde?“, fragte die Frau.
„Das sind Wirnu, Koraly und Tifannu“, erklärte Leni.
„Sie kommen von sehr weit her.“
Die Frau betrachtete die drei bunten Gestalten.
„Was für außergewöhnliche Kostüme! Habt ihr heute ein Fest?“
Wirnu wollte gerade erklären, dass es überhaupt keine Kostüme waren.
Aber Mia warf ihm einen kurzen Blick zu.
Er hielt inne.
„So ähnlich“, sagte Koraly schließlich.
Die Frau bedankte sich noch einmal und ging mit Bobby davon.
Tifannu winkte begeistert.
„Auf Wiedersehen, Bobby! Und lauf nicht wieder weg!“
Bobby bellte.
„Ich glaube, er hat mich verstanden“, sagte Tifannu.
„Vielleicht“, meinte Ben.
Das Fluggerät
Sie wanderten weiter zu einer kleinen Wiese.
Dort zog Ben etwas aus seinem Rucksack.
Es bestand aus dünnen Holzleisten, Papier und zwei kleinen Flügeln.
„Was ist das?“, fragte Koraly.
„Mein selbst gebautes Fluggerät.“
„Ein Raumfahrzeug?“, fragte Tifannu.
„Nein, ein Segelflieger. Er soll ohne Motor durch die Luft gleiten.“
Ben hielt ihn hoch und ließ ihn vorsichtig los.
Das Fluggerät flog ein kleines Stück.
Dann kippte es zur Seite und landete im Gras.
„Schon wieder!“, seufzte Ben.
Er hob es auf und betrachtete die Flügel.
„Irgendetwas stimmt noch nicht.“
Wirnu war sofort interessiert.
„Vielleicht kann ich dir helfen.“
„Echt?“
„Natürlich.“
Wirnu nahm das kleine Fluggerät vorsichtig in die Hände.
Er betrachtete es von allen Seiten.
„Aha! Ich sehe schon.“
Dann holte er aus seiner Tasche ein winziges Werkzeug.
Ein paar Handgriffe.
Ein leises Summen.
Und plötzlich schwebte das Fluggerät vollkommen ruhig über seiner Hand.
„Schaut!“, rief Koraly.
Wirnu ließ es los.
Es stieg in die Höhe, drehte eine elegante Runde über der Wiese und kehrte genau zu ihm zurück.
„Großartig!“, jubelte Tifannu.
Leni klatschte.
Aber Ben sagte nichts.
Er sah seinem Fluggerät nach.
Dann fragte er leise:
„Was hast du damit gemacht?“
„Ich habe es verbessert“, erklärte Wirnu stolz.
„Wie?“
„Mit einem kleinen Schwebefeld. Jetzt kann es sogar gegen den Wind fliegen.“
Ben nahm sein Fluggerät zurück.
„Aber das wollte ich doch gar nicht.“
Wirnu war verblüfft.
„Du wolltest nicht, dass es fliegt?“
„Doch! Aber mit meinen eigenen Flügeln. Also … mit denen, die ich gebaut habe.“
„Es hat doch Flügel.“
„Ja, aber jetzt braucht es sie gar nicht mehr.“
Wirnu betrachtete das kleine Fluggerät.
Zum ersten Mal sah er etwas, das er vorher nicht bemerkt hatte.
Ben hatte sich viel Mühe gegeben.
Er hatte die Flügel ausgeschnitten, die Holzleisten verbunden und alles sorgfältig zusammengebaut.
Und Wirnu hatte mit einem einzigen Handgriff aus Bens Fluggerät etwas ganz anderes gemacht.
„Ich wollte doch selbst herausfinden, warum es nicht richtig fliegt“, sagte Ben.
Koraly schaute Wirnu an.
Tifannu schaute Ben an.
Leni schaute das Fluggerät an.
Dann sagte sie:
„Vielleicht kannst du es wieder so machen wie vorher.“
Wirnu nickte.
„Natürlich.“
Er entfernte das Schwebefeld.
Das Fluggerät war wieder ein gewöhnlicher kleiner Segelflieger.
Ben atmete auf.
„Danke.“
Wirnu überlegte.
„Darf ich dir wenigstens etwas zeigen?“
„Was denn?“
„Ich glaube, ein Flügel ist ein wenig schief. Vielleicht liegt es daran.“
Ben betrachtete den Flügel.
„Stimmt! Das könnte sein.“
Er bog ihn vorsichtig zurecht.
Dann ließ er das Fluggerät erneut los.
Diesmal glitt es in einem schönen, weiten Bogen über die Wiese.
Es landete erst viele Schritte entfernt.
„Jaaaa!“, rief Ben und rannte hinterher.
Die anderen jubelten.
Wirnu lächelte.
Er hatte diesmal fast nichts getan.
Und trotzdem freute er sich mindestens genauso sehr wie Ben.
Ein merkwürdiger Unterschied
Später saßen die sechs Freunde auf einer sonnigen Wiese.
„Bei uns auf Milwabinga“, erzählte Wirnu, „freuen sich alle, wenn jemand eine gute Lösung kennt.“
„Bei uns auch“, sagte Mia.
„Aber Ben hat sich nicht gefreut.“
Ben überlegte.
„Doch, schon. Es war beeindruckend. Aber ich wollte es selbst schaffen.“
„Warum?“, fragte Koraly.
„Weil ich dann weiß, wie es funktioniert. Und weil ich stolz darauf sein kann.“
Tifannu betrachtete ihn neugierig.
„Dann ist das Selbermachen manchmal wichtiger als das Ergebnis?“
„Ja!“, sagte Ben.
„Das ist interessant“, meinte Wirnu.
Mia pflückte einen Grashalm und drehte ihn zwischen den Fingern.
„Wenn jemand etwas nicht kann, muss man nicht immer alles für ihn erledigen. Manchmal reicht es, ihm einen Tipp zu geben.“
„Oder etwas vorzumachen“, ergänzte Leni.
„Oder einfach dabei zu bleiben, bis es klappt“, sagte Ben.
Koraly nickte langsam.
„Dann kann Hilfe ganz verschieden aussehen.“
„Genau“, sagte Mia.
Tifannu lehnte sich zurück.
„Das wird ja immer komplizierter.“
„Findest du?“, fragte Leni.
„Ja. Auf Milwabinga ist Helfen viel einfacher.“
„Vielleicht“, sagte Mia. „Aber dafür lernt ihr hier etwas Neues.“
Tifannu dachte einen Augenblick nach.
Dann begann er zu lächeln.
„Das stimmt! Und Neues lernen wir besonders gerne.“
Eine Frage zum Schluss
Als die Kinder sich verabschiedeten, fragte Leni:
„Können wir morgen wieder etwas zusammen machen?“
„Unbedingt!“, rief Koraly.
„Wir könnten euch noch mehr von unserer Welt erzählen“, schlug Wirnu vor.
„Und ihr zeigt uns noch mehr von eurer!“, ergänzte Tifannu.
„Abgemacht!“, sagte Mia.
Auf dem Heimweg waren die drei ungewöhnlich still.
Schließlich sagte Wirnu:
„Heute haben wir einem Hund geholfen, indem wir ihn nicht eingefangen haben.“
„Und Ben geholfen, indem wir sein Fluggerät nicht für ihn repariert haben“, ergänzte Koraly.
„Das ist wirklich seltsam“, sagte Tifannu.
Er dachte eine Weile nach.
Dann fügte er hinzu:
„Vielleicht besteht die Kunst des Helfens manchmal darin, weniger zu tun.“
Wirnu nickte.
„Oder zuerst herauszufinden, was der andere eigentlich möchte.“
Koraly lächelte.
„Dann haben wir heute eine Menge gelernt.“
In der Ferne pfiff ein Murmeltier.
„Und das“, sagte Tifannu, „hat bestimmt auch etwas dazu zu sagen!“
Gut zu wissen: Wie hilft man einem fremden Hund?
Ein fremder Hund kann ängstlich sein, auch wenn er freundlich aussieht.
- Nicht hinterherlaufen oder ihn bedrängen.
- Ihm kein unbekanntes Futter geben.
- Einen Erwachsenen verständigen.
- Wenn möglich, aus sicherer Entfernung beobachten, wo der Hund bleibt.
Ein Halsband kann Hinweise auf den Besitzer geben. Kinder sollten aber nicht versuchen, einen unbekannten Hund selbst festzuhalten.
Und noch etwas: Wenn du jemandem helfen möchtest, frage zuerst, welche Hilfe er braucht. Manchmal ist ein kleiner Hinweis viel wertvoller als eine fertige Lösung.