
Kapitel 9 – Der beinahe vergessene Tanz
„Hula!“, rief Tifannu.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“, fragte Koraly verschlafen.
„Hula! Wir müssen Hula lernen!“
„Jetzt?“
„Natürlich nicht jetzt. Aber gleich nach dem Frühstück!“
Wirnu öffnete die Augen.
„Von wem denn?“
Darüber hatte Tifannu noch gar nicht nachgedacht.
„Von den Menschenkindern!“
Koraly setzte sich auf.
„Aber können Mia, Ben und Leni überhaupt Hula tanzen?“
Tifannu schwieg.
Dann sagte er:
„Das werden wir herausfinden.“
Drei sehr erstaunte Kinder
Als die sechs Freunde einander auf ihrer Almwiese trafen, begann Tifannu sofort mit einer Vorführung.
Er hob beide Arme.
Er schwenkte sie nach links.
Dann nach rechts.
Anschließend drehte er sich einmal um sich selbst und machte einen kleinen Sprung.
„Tadaaa!“
Leni klatschte begeistert.
Ben betrachtete ihn nachdenklich.
„Was sollte das sein?“
„Hula!“, verkündete Tifannu.
Mia musste lachen.
„Bist du sicher?“
„Nicht ganz.“
„Wo hast du das gelernt?“
„Von unseren Vorfahren.“
„Deinen Vorfahren?“, fragte Ben.
„Na ja, eigentlich von einem Verwandten, der es von seinen Vorfahren weiß.“
„Und die haben es wo gelernt?“
„Auf Hawaii!“
Jetzt waren die Kinder neugierig.
Die Milwabingas erzählten von den Forschern, die vor langer Zeit einen Vulkan beobachtet hatten, von der überraschenden Ruhe des Berges und von der Begegnung mit den Menschen auf Hawaii.
„Und dort haben alle miteinander getanzt“, berichtete Koraly.
„Aber unsere Vorfahren haben sich die Bewegungen nicht besonders gut gemerkt“, ergänzte Wirnu.
„Das sieht man“, sagte Ben.
Tifannu stemmte die Hände in die Hüften.
„Dann zeig du es besser!“
Ben hob beide Arme, schwenkte sie hin und her und machte einen noch größeren Sprung.
„Tadaaa!“
Nun lachten alle sechs.
„Das war auch kein Hula“, sagte Mia.
„Aber lustig!“, rief Leni.
Was die Hände erzählen
Mia hatte eine Idee.
„Wir könnten uns doch einmal ansehen, wie Hula wirklich getanzt wird.“
Sie holte ihr Handy hervor.
Zum Glück gab es an dieser Stelle Empfang.
Nach kurzem Suchen fand sie eine Aufnahme, in der eine hawaiianische Tanzgruppe auftrat.
Die sechs setzten sich ins Gras.
Auf dem Bildschirm bewegten sich die Tänzerinnen und Tänzer mit großer Ruhe und Genauigkeit.
Ihre Hände zeichneten weiche Bewegungen in die Luft.
Die Körper folgten einem gleichmäßigen Rhythmus.
Manchmal schienen die Arme Wellen darzustellen.
Dann wieder Wind, Regen oder die Bewegung von Pflanzen.
Koraly schaute gebannt zu.
„Das ist ja wie eine Geschichte!“
„Genau“, sagte Mia. „Die Bewegungen haben eine Bedeutung.“
„Dann darf man nicht einfach irgendetwas machen“, stellte Wirnu fest.
„Man kann natürlich eigene Tänze erfinden“, antwortete Mia. „Aber wenn man Hula lernen möchte, sollte man sich zeigen lassen, was die Bewegungen bedeuten.“
Tifannu betrachtete seine Hände.
„Meine Wellen waren wahrscheinlich ein Sturm.“
„Ein ziemlich heftiger“, bestätigte Ben.
„Dann habe ich wenigstens etwas dargestellt!“
Eine sehr alte Melodie
Wirnu holte sein Klangspiel hervor.
„Ich möchte euch etwas vorspielen.“
Er begann mit einer ruhigen Melodie.
Sie hatte einen sanft wiegenden Rhythmus.
Koraly summte mit.
Tifannu schloss die Augen und bewegte sich langsam im Takt.
Mia horchte auf.
„Das klingt wieder so … hawaiianisch.“
„Ja“, sagte Wirnu. „Unsere Vorfahren haben damals musikalische Eindrücke mit nach Milwabinga genommen.“
„Und ihr habt sie weiterentwickelt“, ergänzte Ben.
„Über viele Generationen“, sagte Koraly.
Wirnu spielte weiter.
Plötzlich wechselte die Melodie.
Sie wurde leichter und verspielter.
Ein paar schnelle Töne hüpften auf und ab.
Ben lachte.
„Jetzt klingt es wieder wie Mozart!“
„Das ist das Seltsame“, sagte Wirnu. „Für uns gehört das alles zusammen.“
„Vielleicht“, überlegte Mia, „weil eure Musik eine sehr lange Reise hinter sich hat.“
„Und unterwegs Freunde gefunden hat“, ergänzte Leni.
Koraly lächelte.
„Das gefällt mir.“
Ein Tanz für sechs Freunde
„Ich habe eine Idee!“, rief Tifannu.
„Das überrascht mich jetzt aber“, sagte Ben.
„Wir erfinden einen eigenen Tanz!“
„Einen Hula?“, fragte Leni.
„Nein“, antwortete Tifannu nach kurzem Überlegen. „Einen Milwabinga-Erde-Tanz!“
„Dann können wir alles verwenden, was wir selbst erfinden“, sagte Mia.
„Und niemand muss so tun, als könnte er etwas, das er noch gar nicht gelernt hat“, ergänzte Wirnu.
Sie stellten sich im Kreis auf.
Koraly begann mit drei kleinen Schritten.
Mia fügte eine Drehung hinzu.
Ben schlug einen Rhythmus mit den Händen auf seine Oberschenkel.
Leni erfand eine Bewegung, bei der alle einander freundlich zuwinkten.
Wirnu spielte dazu.
Und Tifannu …
Tifannu hatte natürlich noch eine besondere Idee.
„Jetzt machen wir alle einen kleinen Sprung!“
Die Kinder sprangen.
Koraly sprang.
Wirnu sprang.
Tifannu aber schwebte ein Stück in die Höhe.
„He!“, rief Ben. „Das ist geschummelt!“
„Warum?“
„Weil wir nicht schweben können!“
Tifannu landete wieder.
„Dann machen wir etwas, das alle können.“
Er überlegte.
Dann hob er langsam einen Fuß.
Die anderen machten es nach.
Er setzte ihn wieder ab.
Alle folgten.
„Das ist ja einfach!“, sagte Leni.
„Eben“, antwortete Tifannu. „Ein guter gemeinsamer Tanz sollte niemanden ausschließen.“
Mia nickte.
„Und jeder darf auch etwas Eigenes beitragen.“
So entstand Schritt für Schritt ein neuer Tanz.
Manchmal standen alle im Kreis.
Manchmal bildeten sie zwei Reihen.
Dann wechselten sie die Plätze.
Zum Schluss kamen sie wieder zusammen und verbeugten sich voreinander.
„Fertig!“, rief Tifannu.
„Noch lange nicht“, sagte Ben. „Wir müssen ihn erst üben.“
Beim zweiten Versuch verwechselte Wirnu die Richtung.
Beim dritten stieß Ben beinahe mit Koraly zusammen.
Beim vierten vergaß Leni die Drehung.
Und beim fünften …
Beim fünften klappte alles!
Fast.
Denn Tifannu machte am Ende doch wieder einen kleinen Schwebesprung.
„Tifannuuu!“, riefen alle.
„Entschuldigung! Gewohnheit!“
Besuch aus dem Gebirge
Während die sechs noch lachten, näherte sich jemand über den Wanderweg.
Es war der ältere Verwandte der Milwabingas.
Er hatte die Musik gehört und wollte sehen, was hier vor sich ging.
„Was für ein fröhliches Treiben!“
„Wir haben einen Tanz erfunden!“, rief Koraly.
„Einen gemeinsamen Tanz“, ergänzte Mia.
„Mit Schritten von der Erde und von Milwabinga“, erklärte Wirnu.
„Und ein bisschen Hawaii!“, sagte Tifannu.
Mia schüttelte freundlich den Kopf.
„Nicht ganz. Wir haben uns zwar von der Geschichte inspirieren lassen, aber den richtigen Hula müssen wir erst lernen.“
Der Alte nickte anerkennend.
„Das ist ein wichtiger Unterschied.“
„Kannst du uns nicht zeigen, was unsere Vorfahren damals gelernt haben?“, fragte Koraly.
„Ein wenig.“
Er stellte sich auf die Wiese.
Dann hob er langsam die Arme.
Er bewegte die Hände in weichen Bögen.
Seine Füße machten kleine, ruhige Schritte.
Die drei Milwabingas schauten gebannt zu.
„Das ist ja ganz anders als Tifannus Sturm!“, flüsterte Ben.
„Ich habe es gehört!“, rief Tifannu.
Der Alte lächelte.
„Ich erinnere mich an einige Bewegungen, die in unserer Familie weitergegeben wurden. Aber ich weiß nicht mehr sicher, was sie ursprünglich bedeuteten.“
„Dann sollten wir nicht behaupten, dass es richtiger Hula ist“, sagte Mia.
„Ganz genau.“
Leni hatte eine Idee.
„Vielleicht könnten wir einmal jemanden aus Hawaii kennenlernen, der uns Hula wirklich beibringt.“
„Das wäre wunderbar“, sagte Koraly.
„Und wir könnten dafür unseren Milwabinga-Tanz zeigen!“, ergänzte Tifannu.
Der Alte nickte.
„So beginnt ein guter Austausch: mit Neugier, Respekt und der Bereitschaft, voneinander zu lernen.“
Ein ungewöhnlicher Name
„Jetzt braucht unser Tanz noch einen Namen“, stellte Ben fest.
„Der Sechs-Freunde-Tanz!“, schlug Leni vor.
„Der Große Milwabinga-Erde-Freundschaftstanz!“, rief Tifannu.
„Das ist aber lang“, sagte Mia.
„Der Kleine Milwabinga-Erde-Freundschaftstanz?“
„Auch lang.“
Koraly dachte nach.
„Wie wäre es mit Sechs im Glück?“
Wirnu lächelte.
„Das klingt schön.“
„Aber wir sind nicht immer glücklich“, wandte Ben ein.
„Nein“, antwortete Koraly. „Aber wenn wir zusammen tanzen, meistens schon.“
Darüber mussten alle nachdenken.
Dann sagte Leni:
„Ich bin dafür!“
„Ich auch!“, rief Tifannu.
Und damit hatte ihr Tanz einen Namen.
Sechs im Glück.
Wirnu spielte die Melodie noch einmal.
Die anderen stellten sich auf.
Drei Schritte.
Eine Drehung.
Ein Platzwechsel.
Ein freundliches Zuwinken.
Und zum Schluss eine gemeinsame Verbeugung.
Diesmal sprang niemand aus der Reihe.
Nicht einmal Tifannu.
Eine wichtige Entdeckung
Am Abend erzählten die drei ihren Verwandten von dem neuen Tanz.
„Wir haben etwas Eigenes geschaffen“, sagte Wirnu.
„Weil jeder etwas beigetragen hat“, ergänzte Koraly.
„Und weil wir einander zugehört haben“, sagte Tifannu.
Der ältere Verwandte lächelte.
„Dann habt ihr heute etwas sehr Wertvolles gelernt.“
„Was denn?“, fragte Koraly.
„Dass man fremde Ideen bewundern kann, ohne sie einfach für sich zu beanspruchen. Und dass aus Begegnungen etwas Neues entstehen darf.“
Wirnu betrachtete sein Klangspiel.
„Wie bei Mozart.“
„Und wie damals auf Hawaii“, ergänzte Koraly.
Tifannu nickte.
„Und wie bei uns sechs Freunden.“
Eine Weile war es still.
Dann begann Koraly leise die neue Melodie zu summen.
Wirnu stimmte ein.
Tifannu setzte eine dritte Stimme dazu.
Und diesmal klang nichts durcheinander.
Alles passte zusammen.
Gut zu wissen: Tänze erzählen Geschichten
In vielen Kulturen der Welt werden Geschichten nicht nur mit Worten erzählt, sondern auch mit Musik, Tanz und Bewegungen.
Beim hawaiianischen Hula können Gesten und Körperbewegungen die Worte eines Gesangs begleiten und verdeutlichen.
Hula wird in unterschiedlichen Formen gepflegt. Die Tänze, Lieder und ihre Bedeutungen werden von kundigen Lehrenden weitergegeben.
Unser „Sechs im Glück“ ist kein Hula, sondern ein frei erfundener Freundschaftstanz.
Probier es aus: Erfinde einen gemeinsamen Tanz!
Überlegt euch zu zweit oder in einer Gruppe eine kleine Folge von Bewegungen.
Jeder darf eine Bewegung vorschlagen. Ihr könnt Schritte, Drehungen, Klatschen oder Gesten miteinander verbinden.
Probiert aus, wie sich alles zu einer gemeinsamen Folge zusammensetzen lässt.
Wichtig ist nicht, dass alle besonders gut tanzen können. Wichtig ist, dass alle mitmachen können und Freude daran haben.