
Kapitel 7 – Ein kleiner Mozart und drei seltsame Komödianten
„Damals“, begann der ältere Verwandte, „war auf der Erde vieles anders als heute.“
Wirnu, Koraly und Tifannu rückten näher ans Lagerfeuer.
„Gab es noch keine Menschen?“, fragte Tifannu.
„Doch, natürlich!“
„Aber keine Rucksäcke?“
„Doch, Taschen gab es auch.“
„Und keine Hunde?“
„Tifannu!“, rief Koraly. „Lass ihn doch erzählen!“
Der Alte lachte.
„Vor ungefähr zweihundertsechzig Jahren gab es weder Flugzeuge noch Handys. Die Menschen reisten zu Fuß, auf Pferden oder in Kutschen. Und wer Musik hören wollte, musste meistens selbst musizieren oder jemandem zuhören, der ein Instrument spielte.“
„Das gefällt mir!“, sagte Wirnu.
„Mir auch“, meinte Koraly. „Aber die langen Reisen wären mir zu anstrengend gewesen.“
„Nicht für unsere Vorfahren“, antwortete der Alte. „Die hatten nämlich einen besonderen Plan.“
Die wunderliche Wandertruppe
Um das Jahr 1760 war eine kleine Gruppe von Milwabingas durch Europa gereist.
Sie wollten die Menschen kennenlernen, ihre Sprachen hören und ihre Musik erforschen.
Natürlich konnten sie nicht einfach in ihrer wirklichen Gestalt auf einem Marktplatz erscheinen.
„Warum nicht?“, fragte Tifannu.
„Weil die Menschen damals noch weniger über andere Planeten wussten als heute.“
„Dann haben sie sich versteckt?“
„Nicht ganz. Sie haben sich verkleidet.“
Die Milwabingas besaßen kleine Geräte, mit denen sie ihr Aussehen verändern konnten.
So erschienen sie den Menschen als eine ungewöhnliche Truppe von Komödianten.
Sie trugen bunte Mäntel, große Hüte und prächtige Schuhe. Einer spielte Geige, ein anderer ein kleines Tasteninstrument, und ein dritter konnte auf erstaunlich vielen Instrumenten musizieren.
Dazu sangen sie, tanzten und erzählten lustige Geschichten.
Ihre Auftritte waren überall beliebt.
Besonders die Kinder wollten immer wieder wissen, wie die wunderlichen Künstler ihre Kunststücke zustande brachten.
„Und haben sie es verraten?“, fragte Koraly.
„Natürlich nicht alles“, antwortete der Alte. „Aber sie brachten den Menschen gerne kleine Melodien und Tänze bei.“
Ein Bub mit besonders guten Ohren
Eines Tages kam die Wandertruppe nach Salzburg.
Dort lebte ein kleiner Bub, der Musik über alles liebte.
Er hieß Wolfgang.
Sein Vater Leopold war Musiker und unterrichtete seine Kinder.
Wolfgang konnte bereits als kleiner Bub erstaunlich gut musizieren. Besonders gern erfand er eigene Melodien.
Als er von den fremden Komödianten hörte, wollte er sie unbedingt erleben.
An einem sonnigen Nachmittag spielte die Truppe auf einem Platz.
Die Menschen blieben stehen, lachten und klatschten.
Einer der Komödianten spielte eine fröhliche Melodie.
Sie begann mit drei leichten Tönen.
Dann folgte eine überraschende Wendung.
Und schließlich hüpfte sie wieder zum Anfang zurück.
Wolfgang lauschte aufmerksam.
„Das ist ja merkwürdig!“, sagte er.
„Was denn?“, fragte seine Schwester Nannerl, die neben ihm stand.
„Die Melodie klingt, als würde sie eine Frage stellen.“
„Und bekommt sie eine Antwort?“
„Ja! Aber eine ganz andere, als man erwartet!“
Nannerl lachte.
Der kleine Wolfgang versuchte, die Melodie nachzusingen.
Er schaffte es fast auf Anhieb.
Die Komödianten bemerkten ihn.
Einer winkte ihm zu.
„Na, junger Mann? Möchtest du mitspielen?“
Wolfgang nickte begeistert.
Er durfte an das kleine Tasteninstrument treten.
Zuerst spielte er die Melodie nach.
Dann veränderte er einige Töne.
Er fügte eine kleine Verzierung hinzu.
Und plötzlich entstand etwas Neues.
Die Komödianten sahen einander erstaunt an.
Dieser Menschenbub hatte nicht nur ausgezeichnete Ohren.
Er hatte auch wunderbare Ideen!
Ein musikalisches Gespräch
„Was geschah dann?“, fragte Wirnu gespannt.
„Sie begannen miteinander zu musizieren“, antwortete der Alte.
Einer der Komödianten spielte eine kurze Melodie.
Wolfgang antwortete mit einer eigenen.
Der Komödiant wiederholte sie, veränderte den Rhythmus und fügte eine lustige Pause ein.
Wolfgang musste lachen.
Dann spielte er eine besonders schnelle Tonfolge.
Der Komödiant tat so, als hätte er sich dabei die Finger verknotet.
Das Publikum lachte ebenfalls.
Aber Wolfgang hatte schon die nächste Idee.
So entstand ein musikalisches Gespräch.
Niemand wusste vorher, wie es weitergehen würde.
Und gerade das machte allen solchen Spaß.
Schließlich spielte Wolfgang eine kleine Melodie, die so schön war, dass die Komödianten für einen Augenblick ganz still wurden.
„Die hast du dir eben ausgedacht?“, fragte einer.
Wolfgang nickte.
„Ja.“
„Dann musst du unbedingt weitermachen!“
„Das werde ich!“, versprach der Bub.
Wer hat hier wen inspiriert?
„Und dann wurde Wolfgang Mozart berühmt!“, rief Tifannu.
„Später, ja“, antwortete der Alte.
„Dann haben unsere Vorfahren ihm also seine Musik beigebracht!“
„Nein“, sagte der Alte bestimmt.
Tifannu war überrascht.
„Aber du hast doch erzählt …“
„Ich habe erzählt, dass sie gemeinsam musiziert haben. Mozart hatte seine eigenen wunderbaren Fähigkeiten. Er lernte von vielen Menschen, hörte unterschiedliche Musik und entwickelte daraus seinen ganz persönlichen Stil.“
Wirnu nickte.
„Dann haben unsere Vorfahren vielleicht eine kleine neue Idee beigesteuert.“
„Genau.“
„Und sie haben selbst etwas gelernt“, ergänzte Koraly.
„Sehr viel sogar“, sagte der Alte. „Vor allem, dass Menschen erstaunlich schöpferisch sein können.“
Tifannu dachte nach.
„Das ist wie bei Ben und seinem Fluggerät.“
„Wie meinst du das?“
„Wirnu konnte es zum Schweben bringen. Aber Ben wollte selbst herausfinden, wie seine Flügel funktionieren.“
Der Alte lächelte.
„Ein schöner Vergleich.“
„Und Wolfgang“, sagte Koraly, „hat aus einer fremden Melodie etwas Eigenes gemacht.“
„Ja. So entstehen viele neue Ideen: Jemand hört etwas, denkt darüber nach und macht etwas Neues daraus.“
Ein kleines Geheimnis
„Aber warum klingt unsere Musik heute noch ein bisschen wie Mozart?“, fragte Wirnu.
Der Alte legte den Kopf schief.
„Vielleicht, weil unsere Vorfahren damals selbst so begeistert von den Melodien der Menschen waren, dass sie einiges mit nach Milwabinga brachten.“
„Dann ist die Musik hin- und hergereist!“, rief Koraly.
„Ganz genau.“
„Von Milwabinga zur Erde und wieder zurück!“, ergänzte Tifannu.
„Und dann noch einmal hin und her“, sagte der Alte.
Wirnu betrachtete sein kleines Klangspiel.
„Dann weiß vielleicht niemand mehr genau, welche Melodie ursprünglich von wem stammt.“
„Bei manchen alten Melodien ist das tatsächlich so.“
Koraly begann leise eine Melodie zu summen.
Wirnu erkannte sie sofort.
Es war jene, die er am Vortag den Menschenkindern vorgespielt hatte.
„Und jetzt“, sagte Tifannu, „müssen wir nur noch herausfinden, warum sie auch nach Hawaii klingt!“
Der Alte lachte.
„Ach ja, Hawaii!“
Er rückte ein wenig näher zum Feuer.
„Dort waren unsere Vorfahren ebenfalls. Aber aus einem ganz anderen Grund.“
„Wegen der Musik?“, fragte Koraly.
„Nein. Wegen eines Vulkans.“
„Eines Vulkans?“, rief Tifannu.
„Ja. Sie wollten einen Ausbruch beobachten.“
„Und?“
„Der Vulkan hörte plötzlich auf.“
Wirnu blinzelte.
„Einfach so?“
„So schien es jedenfalls.“
„Und was haben die Menschen gemacht?“, fragte Koraly.
Der Alte lächelte geheimnisvoll.
„Sie haben gefeiert.“
„Mit Musik?“, fragte Wirnu.
„Mit Musik und Tanz.“
Tifannu sprang auf.
„Das muss eine großartige Geschichte sein!“
„Das ist sie“, antwortete der Alte.
„Erzählst du sie uns?“
„Morgen. Es ist schon spät.“
„Aber …“
„Morgen“, wiederholte der Alte.
Die drei Milwabingas seufzten.
Dann machten sie sich auf den Weg zu ihren Schlafplätzen.
Tifannu summte noch immer.
Koraly versuchte, sich vorzustellen, wie ein Vulkan aussah.
Und Wirnu betrachtete sein kleines Instrument.
Vielleicht, dachte er, steckten darin viel mehr Geschichten, als er bisher geahnt hatte.
Gut zu wissen: Mozart als Wunderkind
Wolfgang Amadeus Mozart wurde am 27. Jänner 1756 in Salzburg geboren.
Schon als Kind zeigte er ein außergewöhnliches musikalisches Talent. Sein Vater Leopold Mozart unterrichtete ihn und seine Schwester Maria Anna, genannt Nannerl.
Ab 1762 unternahm die Familie Konzertreisen, bei denen die Kinder vor Fürsten, Königen und anderem Publikum musizierten.
Mozart lernte auf seinen Reisen viele unterschiedliche Musikstile kennen.
Wichtig: Die Begegnung mit den Milwabinga-Komödianten ist eine Erfindung unserer Geschichte. Dass Mozart schon als Kind komponierte, musizierte und auf Reisen viele musikalische Eindrücke sammelte, ist hingegen historisch belegt.
Gut zu wissen: Was sind Komödianten?
Früher zogen Künstlergruppen von Ort zu Ort und unterhielten die Menschen mit Theater, Musik, Tanz, Akrobatik und lustigen Geschichten.
Solche Wandertruppen traten auf Marktplätzen, bei Festen oder in Gasthäusern auf.
Sie brachten nicht nur Unterhaltung, sondern oft auch neue Ideen, Melodien und Geschichten in andere Regionen.