
Kapitel 2 – Eine stürmische Begrüßung
Am nächsten Morgen wurde Wirnu von einem seltsamen Pfeifen geweckt.
Er öffnete die Augen.
Pfiiiiiu!
„Koraly!“, flüsterte er. „Hörst du das?“
„Natürlich“, murmelte Koraly verschlafen. „Aber ich schlafe noch.“
Pfiiiiiu!
Jetzt richtete sich auch Tifannu auf.
„Vielleicht ruft jemand nach uns!“
Die drei liefen zum Ausgang ihres Quartiers.
Draußen lag die Bergwelt im hellen Morgenlicht. Auf den Gipfeln glitzerte Schnee, und zwischen den Felsen bewegten sich lange Schatten.
Auf einem großen Stein saß ein Murmeltier.
Es pfiff noch einmal, betrachtete die drei Besucher und verschwand in seinem Bau.
„Aha!“, rief Tifannu. „Jetzt hat es doch etwas gesagt!“
„Aber was?“, fragte Koraly.
„Das müssen wir noch herausfinden.“
Einer ihrer Verwandten kam dazu.
„Guten Morgen! Habt ihr gut geschlafen?“
„Ausgezeichnet!“, antwortete Wirnu. „Nur das Murmeltier hat uns geweckt.“
„Das ist sein Warnruf“, erklärte der Verwandte. „Murmeltiere passen gut aufeinander auf. Wenn eines eine Gefahr bemerkt, warnt es die anderen.“
„Wie aufmerksam!“, sagte Koraly.
„Ja. Auch Tiere helfen einander. Aber nicht immer auf dieselbe Weise wie wir.“
Das fanden die drei interessant.
Nach dem Frühstück wollten sie unbedingt die Umgebung erkunden.
„Bleibt zunächst in der Nähe“, riet ihnen der Verwandte. „Und wenn ihr einem Wildtier begegnet, beobachtet es aus sicherer Entfernung.“
„Natürlich!“, versicherte Wirnu.
„Selbstverständlich!“, sagte Koraly.
„Wir werden sehr vorsichtig sein!“, versprach Tifannu.
Und schon waren sie unterwegs.
Ein kleines Problem auf vier Beinen
Sie kamen an einem steilen Hang vorbei, auf dem zwischen großen Felsblöcken einige zähe Gräser wuchsen.
Plötzlich blieb Koraly stehen.
„Schaut dort hinauf!“
Auf einem schmalen Felsvorsprung stand ein mächtiger Steinbock mit gewaltigen, nach hinten gebogenen Hörnern.
„Was für ein prächtiges Tier!“, staunte Wirnu.
„Und dort ist noch eines!“, rief Tifannu.
Etwas weiter unten bewegte sich ein Jungtier vorsichtig zwischen den Steinen.
Es setzte einen Vorderlauf auf, zog ihn aber gleich wieder zurück.
Dann versuchte es einen kleinen Sprung.
Es stolperte.
„Oh!“, rief Koraly. „Es hat sich wehgetan!“
Die drei beobachteten das Junge eine Weile.
Es konnte stehen und gehen, aber offenbar bereitete ihm ein Bein Schwierigkeiten.
„Wir müssen ihm helfen!“, sagte Tifannu sofort.
„Vielleicht hat es sich nur vertreten“, meinte Wirnu.
„Dann können wir es doch heilen!“
Auf Milwabinga gab es wunderbare Geräte, mit denen man Verletzungen untersuchen und manche Beschwerden lindern konnte.
Tifannu hatte sogar ein kleines tragbares Untersuchungsgerät mitgenommen.
„Ich hole es!“
„Warte!“, sagte Koraly. „Wir sollten zuerst schauen, wo seine Mutter ist.“
Doch Tifannu hatte bereits einen Plan.
„Wir brauchen nur ganz vorsichtig zu sein.“
Er schwebte ein kleines Stück den Hang hinauf.
Das Jungtier hob den Kopf.
Tifannu lächelte freundlich.
„Keine Angst! Wir wollen dir helfen!“
Das Tier verstand kein Wort.
Es wich zurück.
„Vielleicht ist es schüchtern“, flüsterte Koraly.
Wirnu hob beschwichtigend die Hände.
„Ganz ruhig, kleines Tierchen.“
In diesem Augenblick krachte es hinter ihnen.
Steine kullerten den Hang hinunter.
Und plötzlich stand ein großes Tier vor ihnen.
Es war die Mutter des Jungen.
Sie hatte die drei fremden Wesen entdeckt, die sich ihrem Nachwuchs näherten.
Und sie war überhaupt nicht erfreut.
Hilfe! Wir wollen doch nur helfen!
Die Steinbockmutter senkte den Kopf.
„Was macht sie denn?“, fragte Koraly.
„Vielleicht begrüßt sie uns“, vermutete Tifannu.
„Das glaube ich nicht!“, rief Wirnu.
Die Mutter sprang mit einem gewaltigen Satz auf einen Felsen unmittelbar vor ihnen.
Ihre Hörner sahen aus dieser Nähe noch viel größer aus.
„Wir wollen deinem Jungen doch nur helfen!“, erklärte Tifannu.
Die Steinbockmutter schnaubte.
„Sie versteht uns nicht!“, rief Koraly.
„Dann zeigen wir es ihr!“
Tifannu holte sein kleines Untersuchungsgerät hervor.
Es begann sanft zu leuchten.
Das war nun allerdings das Letzte, was die Steinbockmutter gebrauchen konnte.
Ein fremdes Wesen näherte sich ihrem Jungen und hielt dabei einen leuchtenden Gegenstand in die Luft!
Sie machte einen drohenden Satz nach vorne.
„Zurück!“, rief Wirnu.
Die drei wichen aus.
Tifannu stolperte über einen Stein.
Koraly versuchte, ihn festzuhalten.
Wirnu wollte beide auffangen.
Und für einen kurzen Augenblick sah es aus, als würden drei bunte Milwabingas gemeinsam den Berghang hinunterkugeln.
Zum Glück konnten sie schweben.
Mit einem kleinen Wupp! hoben sie sich über den Boden und landeten einige Schritte weiter auf einer sicheren Felsplatte.
Die Steinbockmutter blieb bei ihrem Jungen.
Sie beobachtete die Fremdlinge aufmerksam.
„Das war aber unfreundlich!“, sagte Tifannu und betrachtete sein Untersuchungsgerät.
„Vielleicht hatte sie Angst“, meinte Koraly.
„Vor uns?“
„Warum nicht? Sie kennt uns doch gar nicht.“
Wirnu schaute nachdenklich zu den beiden Tieren hinüber.
„Wir wollten helfen. Aber für die Mutter sah es vielleicht so aus, als wollten wir ihrem Jungen etwas antun.“
„Dabei wollten wir es gesund machen!“
„Das konnte sie nicht wissen.“
Die drei schwiegen.
Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft auf der Erde hatten sie das Gefühl, dass etwas nicht ganz so einfach war wie zu Hause.
Der Rat der Verwandten
Als sie zurückkehrten, bemerkte ihr älterer Verwandter sofort, dass etwas geschehen war.
„Ihr schaut ja aus, als hättet ihr einen ganzen Berg versetzen müssen!“
„Nur einen kleinen Teil davon“, sagte Tifannu.
Dann erzählten sie alles.
Der Verwandte hörte aufmerksam zu.
„Und warum habt ihr nicht zuerst mich gefragt?“
„Wir wollten doch gleich helfen!“, erklärte Koraly.
„Das glaube ich euch. Aber habt ihr gewusst, ob das Junge tatsächlich eure Hilfe braucht?“
„Es hat gehumpelt“, sagte Wirnu.
„Das kann verschiedene Ursachen haben. Vielleicht ist es verletzt. Vielleicht hat es sich nur vertreten. Vielleicht braucht es Ruhe.“
„Aber wenn es wirklich verletzt ist?“, fragte Tifannu.
„Dann sollten wir die Tiere weiter beobachten und gegebenenfalls Menschen verständigen, die sich mit Wildtieren auskennen.“
„Menschen?“, fragte Koraly erstaunt.
„Natürlich. Auf der Erde gibt es Menschen, die Tiere untersuchen, pflegen und schützen. Sie kennen ihre Bedürfnisse oft sehr genau.“
Tifannu dachte nach.
„Dann könnten wir ihnen doch unser Untersuchungsgerät geben!“
Der Verwandte lachte.
„Und wie wollt ihr ihnen erklären, wie es funktioniert?“
„Das wäre allerdings schwierig.“
„Vor allem“, fuhr der Alte fort, „müsst ihr verstehen, dass eure Fähigkeiten nicht automatisch bedeuten, dass ihr jede Situation besser beurteilen könnt.“
Wirnu nickte langsam.
„Wir hätten zuerst beobachten sollen.“
„Und fragen“, ergänzte Koraly.
„Und nicht gleich mit einem leuchtenden Gerät auf ein fremdes Tier zugehen“, sagte Tifannu.
„Das wäre schon ein guter Anfang“, meinte der Verwandte.
Eine unerwartete Entdeckung
Am Nachmittag kehrten sie gemeinsam zu dem Hang zurück.
Diesmal blieben sie in sicherer Entfernung.
Die Steinbockmutter stand auf einem Felsen und hielt Ausschau.
Das Junge bewegte sich langsam hinter ihr.
„Es geht schon ein wenig besser!“, flüsterte Koraly.
Tatsächlich setzte es seinen Vorderlauf vorsichtiger auf als die anderen, konnte aber seiner Mutter folgen.
Sie beobachteten die beiden noch eine Weile.
Dann verschwanden die Tiere hinter einem Felsvorsprung.
Tifannu seufzte erleichtert.
„Vielleicht braucht es uns gar nicht.“
„Vielleicht nicht“, antwortete der Verwandte.
„Dann haben wir heute niemandem geholfen“, sagte Koraly ein wenig enttäuscht.
Der Alte schüttelte den Kopf.
„Ihr habt die Tiere in Ruhe gelassen. Manchmal ist genau das die beste Hilfe.“
Wirnu dachte darüber nach.
„Auf Milwabinga hätte das Junge uns vermutlich gesagt, was es braucht.“
„Möglicherweise“, antwortete der Verwandte. „Aber hier müsst ihr erst lernen, die Zeichen der anderen Lebewesen zu verstehen.“
Tifannu schaute zum Felsvorsprung hinauf.
„Und was machen wir morgen?“
„Morgen“, sagte der Alte, „könnt ihr vielleicht einen Menschen kennenlernen.“
Die drei sahen einander begeistert an.
„Einen richtigen Menschen?“
„Ja.“
„Ob der wohl freundlicher ist als die Steinbockmutter?“, fragte Tifannu.
Der Alte lächelte.
„Das werden wir sehen.“
Und damit begann die Vorfreude auf das nächste Abenteuer.
Gut zu wissen: Steinböcke im Hochgebirge
Steinböcke sind hervorragend an das Leben in steilen Gebirgslandschaften angepasst. Ihre besonderen Hufe geben ihnen auch auf felsigem Untergrund guten Halt.
Die Männchen tragen meist besonders große, nach hinten gebogene Hörner. Weibchen haben kleinere Hörner und leben mit ihren Jungen häufig in Gruppen.
Steinbockmütter achten auf ihren Nachwuchs. Wenn Menschen ein scheinbar verletztes Wildtier entdecken, sollten sie Abstand halten, es nicht anfassen und bei Bedarf zuständige Wildtierfachleute verständigen.
Manchmal beginnt gute Hilfe damit, dass man zuerst genau hinschaut.