3 Die Milwabingas und die seltsamen Erdlinge

Kapitel 3 – Der Rucksack gehört mir!

Am nächsten Morgen waren Wirnu, Koraly und Tifannu schon früh auf den Beinen.

„Heute sehen wir vielleicht einen Menschen!“, verkündete Tifannu.

„Einen richtigen!“, ergänzte Koraly.

„Und diesmal“, sagte Wirnu, „werden wir zuerst beobachten.“

„Und dann fragen“, fügte Koraly hinzu.

„Und erst danach helfen!“, rief Tifannu.

Die drei waren mit sich sehr zufrieden.

Ihr älterer Verwandter hatte ihnen am Vorabend erklärt, dass auf der Erde viele Menschen gerne in den Bergen wanderten.

„Manche gehen stundenlang bergauf, nur um anschließend wieder bergab zu gehen“, hatte er erzählt.

Das fanden die drei ziemlich merkwürdig.

„Warum schweben sie nicht einfach hinauf?“, hatte Tifannu gefragt.

„Weil sie das nicht können.“

„Dann sollten wir ihnen vielleicht …“

„Nein!“, hatten Wirnu und Koraly gleichzeitig gerufen.

Und alle mussten lachen.


Ein rätselhaftes Fundstück

Die drei wanderten über eine Almwiese, auf der unzählige Blumen blühten.

Ein kleiner Bach plätscherte zwischen den Steinen. Darüber flatterten Schmetterlinge, und irgendwo pfiff wieder ein Murmeltier.

Plötzlich blieb Koraly stehen.

„Schaut einmal! Was ist denn das?“

Neben einem großen Felsblock lag ein seltsamer Gegenstand.

Er war rot, hatte schwarze Bänder, mehrere Taschen und eine Art Griff.

Wirnu betrachtete ihn aufmerksam.

„Das ist ein Rucksack.“

„Ein Rück-was?“, fragte Tifannu.

„Ein Behälter, den Menschen auf dem Rücken tragen.“

„Warum?“

„Damit sie ihre Sachen mitnehmen können.“

Tifannu umrundete den Rucksack.

„Aber warum lassen sie ihn dann hier liegen?“

„Vielleicht hat ihn jemand verloren“, meinte Koraly.

„Oder vergessen!“, sagte Wirnu.

„Dann müssen wir ihn zurückbringen!“

Tifannu wollte schon danach greifen, hielt aber inne.

„Moment! Wir sollen doch zuerst beobachten.“

Also stellten sich die drei nebeneinander und beobachteten den Rucksack.

Eine Weile geschah nichts.

Ein Schmetterling landete darauf.

Dann flog er wieder weg.

„Er bewegt sich nicht“, stellte Tifannu fest.

„Rucksäcke bewegen sich gewöhnlich nicht von selbst“, erklärte Wirnu.

„Dann beobachten wir vielleicht das Falsche.“

Koraly blickte sich um.

Weit und breit war kein Mensch zu sehen.

„Vielleicht sucht ihn jemand.“

„Dann sollten wir ihn an einen Ort bringen, wo man ihn leichter findet“, schlug Tifannu vor.

Das klang vernünftig.

Jedenfalls für drei Milwabingas.


Eine besonders gute Idee

Ein Stück weiter unten hatten sie eine kleine Schutzhütte entdeckt.

„Dort kommen bestimmt viele Menschen vorbei“, meinte Wirnu.

„Dann findet der Besitzer seinen Rucksack sicher wieder!“, freute sich Koraly.

Tifannu hob den Rucksack an.

„Ui! Der ist aber schwer!“

„Vielleicht sind Steine drin“, vermutete Koraly.

„Warum sollte jemand Steine auf einen Berg tragen?“, fragte Wirnu.

„Die Menschen gehen ja auch freiwillig hinauf und wieder hinunter.“

Dagegen ließ sich wenig einwenden.

Gemeinsam trugen sie den Rucksack zur Schutzhütte und stellten ihn gut sichtbar neben eine Bank.

„So!“, sagte Tifannu stolz.

„Jetzt haben wir geholfen!“

„Und niemand hat sich aufgeregt“, ergänzte Koraly.

„Noch nicht“, murmelte Wirnu.

Er wusste selbst nicht, weshalb er das sagte.


Ein Mensch!

Kaum hatten sie sich hinter einem Busch niedergelassen, hörten sie Schritte.

Ein Mann kam den Weg herauf.

Er trug feste Schuhe, eine Jacke und einen Hut. In der Hand hielt er zwei Wanderstöcke.

„Ein Mensch!“, flüsterte Tifannu aufgeregt.

„Pssst!“, machte Wirnu.

Der Mann blieb stehen.

Er schaute nach links.

Dann nach rechts.

Schließlich drehte er sich um und blickte den Weg zurück.

„Wo ist denn mein Rucksack?“, murmelte er.

Die drei sahen einander an.

„Seht ihr!“, flüsterte Koraly. „Er sucht ihn!“

„Wie praktisch, dass wir ihn schon zur Hütte gebracht haben!“, freute sich Tifannu.

Der Mann ging ein paar Schritte weiter.

Dann blieb er wieder stehen.

„Den hab ich doch genau hier abgelegt!“

Seine Stimme wurde lauter.

„Das gibt’s doch nicht!“

Er schaute hinter einen Felsen.

Dann unter einen Busch.

Dann wieder hinter den Felsen.

Tifannu konnte nicht länger zusehen.

„Wir haben ihn gefunden!“, rief er fröhlich.

Der Mann fuhr herum.

„Wer hat da gesprochen?“

Die drei traten vorsichtig aus ihrem Versteck.

Der Wanderer starrte sie an.

Er blinzelte.

Dann nahm er seinen Hut ab, betrachtete ihn und setzte ihn wieder auf.

„Was … seid denn ihr?“

„Wir sind Milwabingas!“, erklärte Koraly freundlich.

„Wir kommen von einem anderen Planeten“, ergänzte Wirnu.

„Und wir haben dir geholfen!“, verkündete Tifannu.

Der Mann öffnete den Mund.

Dann schloss er ihn wieder.

Schließlich fragte er:

„Ihr habt WAS?“

„Deinen Rucksack gefunden!“

„Meinen Rucksack? Wo ist er?“

„Bei der Schutzhütte“, sagte Koraly. „Dort findet man ihn viel leichter.“

Der Mann wurde rot im Gesicht.

„Bei der Schutzhütte? Die ist ja ein ganzes Stück weiter unten!“

„Ja“, sagte Tifannu. „Wir haben ihn extra hingetragen.“

„Aber ich hab ihn doch absichtlich hier abgelegt!“

Die drei erstarrten.

„Absichtlich?“, fragte Wirnu.

„Ja! Ich wollte nur ein paar Fotos machen!“

„Oh“, sagte Koraly.

„Und jetzt muss ich den ganzen Weg zurück!“

Tifannu hob vorsichtig eine Hand.

„Wir könnten ihn dir holen.“

„Nein!“, rief der Mann.

So laut, dass sogar ein Vogel erschrocken davonflog.

„Ihr lasst meine Sachen gefälligst in Ruhe!“

Dann stapfte er davon.

Seine Wanderstöcke klapperten auf den Steinen.

Die drei blickten ihm nach.

„Aber …“, begann Tifannu.

„Wir wollten doch nur …“, sagte Koraly.

„Helfen“, vollendete Wirnu.

Eine ganze Weile sagte niemand etwas.


Drei sehr verwunderte Milwabingas

„Das verstehe ich nicht“, sagte Tifannu schließlich.

„Ich auch nicht“, gab Koraly zu.

„Wir haben den Rucksack an einen sicheren Ort gebracht.“

„Und jetzt ist der Mensch böse.“

Wirnu setzte sich auf einen Stein.

„Vielleicht haben wir etwas übersehen.“

„Was denn?“

„Wir wussten nicht, ob der Rucksack überhaupt verloren war.“

Koraly dachte nach.

„Wir haben nur den Rucksack beobachtet.“

„Aber nicht seinen Besitzer“, ergänzte Wirnu.

Tifannu seufzte.

„Es wäre einfacher gewesen, wenn der Rucksack hätte sprechen können.“

„Vielleicht“, sagte Koraly, „hätten wir einfach warten sollen.“

„Oder fragen“, meinte Wirnu.

„Aber es war doch niemand da!“

„Eben.“

Darauf wussten die drei keine Antwort.


Noch mehr Menschen!

Plötzlich hörten sie Stimmen.

„Da drüben! Ich hab etwas gesehen!“

„Was denn?“

„Drei bunte … irgendwas!“

Die Milwabingas blickten auf.

Auf dem Wanderweg standen drei Menschenkinder.

Ein Mädchen, ein Bub und noch ein Mädchen.

Sie waren ungefähr so groß, wie Menschenkinder in ihrem Alter eben sind, trugen kleine Rucksäcke und schauten neugierig zu den drei Fremdlingen herüber.

„Vielleicht sind das Figuren aus einem Film“, sagte der Bub.

„Aber hier wird doch gar kein Film gedreht“, erwiderte das größere Mädchen.

Das jüngere Mädchen ging vorsichtig ein paar Schritte näher.

„Hallo!“, sagte es.

Die Milwabingas sahen einander an.

„Hallo!“, antwortete Koraly.

Der Bub riss die Augen auf.

„Die können ja sprechen!“

„Natürlich können wir sprechen“, sagte Tifannu. „Ihr doch auch!“

Das jüngere Mädchen begann zu lachen.

„Stimmt eigentlich.“

Das größere Mädchen betrachtete die drei aufmerksam.

„Seid ihr verkleidet?“

„Nein“, antwortete Wirnu.

„Woher kommt ihr dann?“

„Von Milwabinga.“

„Wo liegt denn das?“

Tifannu deutete zum Himmel.

„Ziemlich weit oben. Und ein bisschen seitlich.“

Jetzt mussten alle drei Kinder lachen.

„Ich heiße Mia“, sagte das größere Mädchen.

„Ich bin Ben“, erklärte der Bub.

„Und ich bin Leni!“, rief die Jüngste.

„Wirnu“, sagte Wirnu und verbeugte sich.

„Koraly!“

„Tifannu!“

Dann standen sie einander gegenüber und betrachteten sich neugierig.

Sechs junge Wesen von zwei verschiedenen Planeten.

Und keiner wusste so recht, was er als Nächstes sagen sollte.

Schließlich fragte Leni:

„Warum schaut ihr denn so traurig?“

„Wir haben jemandem geholfen“, erklärte Tifannu.

„Und er hat sich darüber geärgert.“

„Was habt ihr denn gemacht?“, fragte Mia.

Die drei erzählten die Geschichte vom Rucksack.

Ben begann zu grinsen.

Dann lachte er laut los.

„Ihr habt den Rucksack weggetragen?“

„Ja“, sagte Tifannu. „Damit er nicht verloren geht.“

„Aber dann war er doch erst recht weg!“, rief Ben.

Die Milwabingas schauten einander an.

Koraly legte den Kopf schief.

„So haben wir das noch gar nicht betrachtet.“

Mia nickte.

„Manchmal ist etwas gar kein Problem, obwohl es so aussieht.“

„Und wenn man nicht weiß, was los ist“, ergänzte Leni, „sollte man vielleicht zuerst fragen.“

„Das haben wir auch schon überlegt“, sagte Wirnu.

„Aber der Rucksack konnte uns nichts sagen.“

Wieder lachten die Kinder.

Diesmal lachten die Milwabingas mit.


Eine Einladung

„Wisst ihr was?“, sagte Mia. „Wir könnten euch ein bisschen zeigen, wie es bei uns zugeht.“

„Das wäre wunderbar!“, rief Koraly.

„Wir kennen uns nämlich mit Menschen noch nicht besonders gut aus“, erklärte Wirnu.

„Das haben wir bemerkt“, sagte Ben.

Leni betrachtete Tifannu.

„Könnt ihr eigentlich auch spielen?“

„Spielen? Natürlich!“, rief Tifannu.

„Und singen?“

„Selbstverständlich!“

„Und tanzen?“

Da begannen alle drei Milwabingas gleichzeitig, eine kleine Drehung zu machen.

Ben sprang erschrocken zur Seite.

„He! Was war denn das?“

„Ein Begrüßungstanz“, erklärte Koraly.

„Den müsst ihr uns zeigen!“, rief Leni begeistert.

„Sehr gerne!“, sagte Tifannu.

„Aber zuerst“, meinte Wirnu, „müssen wir unseren Verwandten erzählen, dass wir euch kennengelernt haben.“

„Ihr habt Verwandte hier?“, fragte Mia erstaunt.

„Schon seit sehr langer Zeit.“

Die drei Kinder sahen einander an.

Das wurde ja immer interessanter!

Und so verabredeten sie sich für den nächsten Tag.

Als die Menschenkinder weitergingen, winkten alle sechs einander zu.

„Bis morgen!“, rief Leni.

„Bis morgen!“, antworteten die Milwabingas.

Tifannu hüpfte vor Freude.

„Wir haben Freunde gefunden!“

„Vielleicht“, sagte Wirnu.

„Bestimmt!“, meinte Koraly.

Und diesmal waren sich alle drei einig.


Gut zu wissen: Was bedeutet eigentlich „gefunden“?

Wenn du unterwegs einen Gegenstand entdeckst, bedeutet das nicht unbedingt, dass ihn jemand verloren hat.

Vielleicht hat ihn der Besitzer nur kurz abgelegt.

Deshalb solltest du fremde Sachen nicht einfach mitnehmen oder an einen anderen Ort bringen.

Wenn du glaubst, dass jemand etwas verloren hat, frage einen Erwachsenen, was zu tun ist.

Eine gute Frage kann manchmal hilfreicher sein als eine schnelle Tat.