5 Die Milwabingas und die seltsamen Erdlinge

Kapitel 5 – Die gefährliche Abkürzung

Diesmal geraten unsere sechs Freunde in eine Situation, in der Hilfsbereitschaft allein nicht genügt. Und ausgerechnet Tifannu, der am liebsten sofort zur Tat schreitet, muss eine besonders schwierige Entscheidung treffen.

Am nächsten Morgen brachte Koraly eine aufregende Neuigkeit mit.

„Unsere Verwandten haben gesagt, dass wir heute einen besonders schönen Bergweg kennenlernen können!“

„Mit Wasserfall!“, ergänzte Tifannu.

„Und einer Hängebrücke“, sagte Wirnu.

Ben war sofort begeistert.

„Eine Hängebrücke? Die müssen wir sehen!“

„Aber nur, wenn der Weg sicher ist“, sagte Mia.

Leni betrachtete ihre Wanderschuhe.

„Meine sind jedenfalls bereit.“

Tifannu schaute auf seine roten Füße.

„Meine auch!“

„Du hast ja gar keine Wanderschuhe“, bemerkte Ben.

„Eben. Ich muss auch keine anziehen.“

Das fand Tifannu ausgesprochen praktisch.


Der Weg zum Wasserfall

Die sechs Freunde wanderten durch einen lichten Bergwald.

Zwischen den Bäumen glitzerte ein Bach. Immer wieder blieb Koraly stehen, um eine Pflanze zu betrachten oder einem Vogel nachzuschauen.

„Ihr habt wirklich viele verschiedene Lebewesen auf der Erde“, staunte Koraly.

„Auf Milwabinga doch auch“, sagte Leni.

„Ja, aber andere! Manche unserer Pflanzen wechseln die Farbe, wenn man mit ihnen singt.“

„Wirklich?“, fragte Ben.

„Natürlich. Allerdings mögen nicht alle dieselben Lieder.“

„Und was passiert, wenn ihnen eines nicht gefällt?“

„Dann werden sie braun.“

Ben lachte.

„Das machen manche Menschen auch, wenn ihnen Musik nicht gefällt.“

„Wirklich?“, fragte Tifannu erstaunt.

„Na ja, nicht ganz.“

Bald wurde das Rauschen des Baches lauter.

Zwischen zwei Felswänden stürzte ein Wasserfall in die Tiefe. Darüber spannte sich eine schmale Hängebrücke.

Sie schwankte leicht im Wind.

„Oh!“, sagte Leni.

„Wunderschön!“, rief Koraly.

„Und ein bisschen aufregend“, meinte Ben.

Am Brückenanfang stand ein Schild.

Mia las es laut vor:

„Wegen Beschädigung gesperrt. Betreten verboten.“

„Wie schade!“, sagte Leni.

Wirnu betrachtete die Brücke.

„Sie sieht doch noch ganz ordentlich aus.“

„Das heißt nicht, dass sie sicher ist“, erwiderte Mia.

Tifannu legte den Kopf schief.

„Aber wenn sie nicht sicher ist, warum hängt sie dann noch dort?“

„Weil man sie erst reparieren muss“, erklärte Ben.

„Aha.“

Die sechs beschlossen, auf dem markierten Weg zu bleiben, der in einem weiten Bogen um die Schlucht führte.


Zwei Wanderer mit einem Problem

Ein Stück weiter trafen sie auf zwei Erwachsene.

Ein Mann und eine Frau standen vor einer Wanderkarte und diskutierten.

„Wenn wir hier abkürzen, sind wir in zwanzig Minuten drüben“, sagte der Mann.

„Aber die Brücke ist gesperrt“, erwiderte die Frau.

„Vielleicht gibt es weiter oben eine Stelle, wo man hinüberkann.“

„Das schaut mir zu steil aus.“

Tifannu blieb stehen.

„Braucht ihr Hilfe?“, fragte er freundlich.

Die beiden blickten auf.

Der Mann betrachtete die drei bunten Gestalten.

„Was seid denn ihr für lustige Figuren?“

„Milwabingas“, erklärte Koraly.

„Aha“, sagte der Mann. „Und was macht ihr hier?“

„Wir lernen, wie man hilft“, antwortete Wirnu.

„Na, dann könnt ihr gleich bei uns anfangen!“

Er zeigte auf die andere Seite der Schlucht.

„Wir müssen dort hinüber. Könnt ihr uns sagen, wie?“

Wirnu betrachtete die Karte.

„Der sichere Weg führt außen herum.“

„Das weiß ich selbst“, sagte der Mann. „Aber der dauert viel zu lange.“

Da machte Tifannu einen kleinen Freudensprung.

„Wir könnten euch hinüberbringen!“

Mia drehte sich zu ihm um.

„Tifannu!“

„Was denn? Wir können doch schweben!“

Die Frau starrte ihn an.

„Schweben?“

Tifannu hob sich ein kleines Stück über den Boden.

Der Mann ließ beinahe seine Wanderkarte fallen.

„Das gibt’s doch nicht!“

„Doch“, sagte Tifannu stolz. „Und wir könnten euch einfach über die Schlucht tragen.“

Der Mann war begeistert.

„Das wäre ja großartig!“

Die Frau sah weniger glücklich aus.

„Ich weiß nicht …“

„Ach komm!“, sagte der Mann. „Wenn sie das können, warum nicht?“

Tifannu streckte bereits die Arme aus.

„Wer möchte zuerst?“


Ein Nein, das schwerfällt

„Warte!“, rief Mia.

Tifannu sank wieder zu Boden.

„Warum denn?“

Mia deutete auf die Schlucht.

„Wir wissen doch gar nicht, ob das mit Menschen genauso funktioniert wie mit euch.“

„Natürlich funktioniert es“, sagte Tifannu.

„Hast du schon einmal einen Menschen getragen?“

„Nein.“

„Und weißt du, wie schwer er mit seinem Rucksack ist?“

Tifannu betrachtete den Mann.

„Ungefähr … ziemlich schwer.“

Ben grinste.

„Das ist aber keine besonders genaue Berechnung.“

„Ich könnte es ausrechnen“, sagte Wirnu.

„Und was ist mit dem Wind?“, fragte Mia.

In diesem Augenblick fuhr eine kräftige Bö durch die Schlucht.

Die Bäume rauschten.

Tifannu schwankte ein wenig.

„Den müssten wir berücksichtigen“, gab er zu.

Die Frau verschränkte die Arme.

„Ich möchte jedenfalls nicht über diese Schlucht getragen werden.“

„Aber ich schon!“, sagte der Mann.

Leni blickte zu ihm auf.

„Und was machen Sie, wenn die drei morgen nicht mehr hier sind?“

„Wie meinst du das?“

„Vielleicht erzählen Sie anderen, dass man hier ganz leicht hinüberkommt. Und dann versucht es jemand ohne Hilfe.“

Der Mann überlegte.

„Na ja …“

Wirnu schaute auf die gesperrte Brücke.

„Außerdem“, sagte er langsam, „würden wir euch helfen, eine Sicherheitsregel zu umgehen.“

„Aber ihr könnt doch fliegen!“, protestierte der Mann.

„Schweben“, verbesserte Koraly.

„Das ist doch egal!“

„Nicht ganz“, meinte Wirnu.

Tifannu sah zwischen dem Mann und seinen Freunden hin und her.

Er wollte so gerne helfen.

Er konnte sich bereits vorstellen, wie dankbar die beiden wären, wenn sie auf der anderen Seite stünden.

Aber Mia hatte recht.

Sie hatten noch nie Menschen über eine Schlucht getragen.

Und die Frau wollte es überhaupt nicht.

Schließlich ließ Tifannu die Arme sinken.

„Es tut mir leid“, sagte er. „Wir bringen euch nicht hinüber.“

Der Mann runzelte die Stirn.

„Na, vielen Dank auch!“

Tifannu wurde ganz still.

Dann sagte er:

„Wir können euch aber helfen, den sicheren Weg zu finden.“


Die bessere Lösung

Wirnu breitete die Karte auf einem flachen Stein aus.

Ben zeigte auf den markierten Wanderweg.

„Hier geht es zuerst bergab und dann über eine feste Brücke.“

„Und dort gibt es eine Abzweigung zur Hütte“, ergänzte Mia.

Die Frau beugte sich über die Karte.

„Das ist ja gar nicht so kompliziert.“

„Aber länger“, brummte der Mann.

„Ja“, sagte Mia. „Dafür ist es ein freigegebener Weg.“

Koraly hatte inzwischen ein kleines Gerät hervorgeholt.

„Wir können euch auch zeigen, wo ihr euch gerade befindet.“

Auf dem Gerät erschien eine winzige dreidimensionale Landschaft.

Die beiden Wanderer staunten.

„Das ist ja besser als jede Karte!“, rief die Frau.

„Darf ich das behalten?“, fragte der Mann sofort.

Koraly schüttelte den Kopf.

„Nein. Aber wir zeigen euch gerne den Weg.“

„Warum nicht?“

„Weil ihr dann vielleicht nicht wisst, wie ihr ohne das Gerät zurechtkommt.“

Ben musste lachen.

„Das habt ihr aber schnell gelernt!“

Gemeinsam besprachen sie den Weg. Die Frau machte ein Foto von der Wanderkarte, und der Mann steckte seine Stöcke wieder zurecht.

„Na gut“, sagte er schließlich. „Dann gehen wir eben außen herum.“

„Das ist mir auch lieber“, antwortete die Frau.

Bevor sie weitergingen, drehte sie sich noch einmal um.

„Danke für die Hilfe.“

Tifannu strahlte.

Der Mann hob ebenfalls die Hand.

„Und schade, dass das mit dem Fliegen nichts geworden ist!“

„Schweben!“, riefen alle sechs gleichzeitig.

Diesmal mussten sogar die beiden Wanderer lachen.


Eine Pause am Bach

Später saßen die Freunde an einer sicheren Stelle am Bach und ließen ihre Füße über einen flachen Felsen baumeln.

Tifannu war ungewöhnlich nachdenklich.

„Ich hätte die beiden wirklich hinüberbringen können“, sagte er.

„Vielleicht“, antwortete Wirnu.

„Ganz bestimmt!“

„Aber du hast nicht gewusst, ob es sicher gewesen wäre“, sagte Mia.

„Und die Frau wollte es nicht“, ergänzte Leni.

Tifannu nickte.

„Das stimmt.“

Ben warf einen kleinen Stein ins Wasser.

„Manchmal ist es ziemlich schwer, Nein zu sagen.“

„Besonders, wenn man etwas gut kann“, meinte Koraly.

„Oder wenn jemand unbedingt möchte, dass man es tut“, ergänzte Wirnu.

Mia schaute zu Tifannu.

„Du hast ihnen trotzdem geholfen.“

„Aber nicht so, wie sie es wollten.“

„Nein. Sondern so, dass sie sicher weiterkommen konnten.“

Tifannu betrachtete das Wasser.

Dann sagte er:

„Auf Milwabinga würde niemand verlangen, dass wir etwas Gefährliches tun.“

„Vielleicht nicht“, antwortete Mia. „Aber hier muss man manchmal selbst entscheiden, wo die Grenze ist.“

Wirnu nickte.

„Dann bedeutet Helfen also nicht, jeden Wunsch zu erfüllen.“

„Genau“, sagte Ben.

Leni hob den Finger.

„Und wenn jemand wirklich in Gefahr ist, müssen wir Erwachsene oder die Rettung verständigen. Nicht einfach selber etwas Riskantes ausprobieren.“

Tifannu lächelte.

„Ihr Menschenkinder seid ziemlich klug.“

„Nicht immer“, gab Ben zu.

„Aber manchmal“, ergänzte Mia.


Eine kleine Überraschung

Auf dem Rückweg kamen sie an einer Almwiese vorbei.

Dort stand ein kleines Holzschild:

Bitte auf dem Weg bleiben. Junge Pflanzen!

Koraly blieb stehen.

„Warum dürfen wir nicht über die Wiese gehen?“

„Weil dort Pflanzen wachsen, die leicht zertreten werden“, erklärte Leni.

Tifannu betrachtete seine Füße.

„Aber ich könnte darüber schweben!“

„Dann würdest du nichts zertreten“, sagte Ben.

„Seht ihr! Endlich etwas, das ich darf!“

Er schwebte ein Stück über die Wiese.

Dann hielt er inne.

„Moment mal.“

Die anderen schauten ihn an.

„Was ist?“, fragte Wirnu.

„Wenn mich jemand sieht, glaubt er vielleicht, dass man dort gehen darf.“

Mia lächelte.

„Und?“

Tifannu kehrte zum Weg zurück.

„Dann bleibe ich lieber bei euch.“

Koraly klatschte begeistert.

„Das war eine ausgezeichnete Entscheidung!“

„Und ganz ohne Hilfe“, sagte Ben.

„Doch!“, widersprach Tifannu. „Ich habe den Pflanzen geholfen.“

Alle lachten.


Am Abend erzählten die drei ihren Verwandten von der gefährlichen Abkürzung.

Der ältere Verwandte hörte aufmerksam zu.

„Und was habt ihr daraus gelernt?“

Wirnu antwortete zuerst.

„Dass wir nicht jede Bitte erfüllen müssen.“

Koraly ergänzte:

„Dass man die Wünsche anderer ernst nehmen muss, auch wenn man selbst etwas anderes für besser hält.“

Und Tifannu sagte:

„Dass man manchmal besonders hilfreich ist, wenn man etwas nicht tut.“

Der Alte nickte zufrieden.

„Das ist eine wichtige Entdeckung.“

Dann stand er auf.

„Aber jetzt genug von gefährlichen Schluchten und schwierigen Entscheidungen. Morgen ist ein schöner Tag für Musik.“

„Musik!“, rief Koraly.

„Singen!“, jubelte Tifannu.

„Und vielleicht ein bisschen Tanzen“, meinte Wirnu.

Die drei begannen sofort, eine kleine Melodie anzustimmen.

Aus dem Nachbarraum kamen ihre Verwandten dazu.

Bald klang das ganze Quartier von fröhlichen Stimmen.

Und irgendwo zwischen den Gepäckstücken wartete Wirnus kleines Instrument darauf, endlich ausgepackt zu werden.


Gut zu wissen: Helfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen

Wenn jemand Hilfe braucht, ist es wichtig, zuerst die Situation einzuschätzen.

Bei einem Unfall oder einer gefährlichen Stelle gilt:

  • Bringe dich nicht selbst in Gefahr.
  • Beachte Warnschilder und Absperrungen.
  • Hole Erwachsene oder verständige im Notfall die Rettung.
  • Hilf nur so, wie es für dich und andere sicher ist.

In Österreich erreichst du die Bergrettung unter 140 und den europäischen Notruf unter 112.

Auch ein freundliches, begründetes Nein kann eine verantwortungsvolle Entscheidung sein.