
Kapitel 10 – Sechs Freunde und ein schwieriger Fall
Am nächsten Morgen lag Nebel über den Bergen.
Nur die höchsten Gipfel ragten aus dem weißen Meer heraus. Die Wiesen waren feucht vom Tau, und irgendwo zwischen den Felsen pfiff ein Murmeltier.
„Heute machen wir wieder Musik!“, verkündete Tifannu beim Frühstück.
„Du möchtest jeden Tag Musik machen“, bemerkte Koraly.
„Natürlich. Aber heute besonders!“
Wirnu packte sein Klangspiel ein.
„Vielleicht können wir unseren neuen Tanz noch ein bisschen verbessern.“
„Was gibt es denn da noch zu verbessern?“, fragte Tifannu.
„Zum Beispiel deinen Schwebesprung.“
„Der ist ausgezeichnet!“
„Aber Ben kann ihn nicht nachmachen.“
Tifannu überlegte.
„Dann muss Ben eben noch üben.“
Koraly lachte.
„Ich glaube, du hast etwas Wichtiges vergessen.“
„Was denn?“
„Dass nicht jeder alles können muss.“
„Ach ja.“
Tifannu nahm sich vor, heute besonders aufmerksam zu sein.
Dass er dazu schon bald Gelegenheit bekommen würde, ahnte er nicht.
Ein Ruf aus dem Nebel
Mia, Ben und Leni warteten an der vereinbarten Weggabelung.
„Schaut euch das an!“, rief Ben und zeigte auf den Nebel.
„Man sieht ja kaum bis zum nächsten Baum.“
„Dann bleiben wir heute besser auf dem unteren Weg“, sagte Mia.
„Einverstanden“, antwortete Wirnu.
Sie wollten zu einer kleinen Lichtung wandern, wo sie ungestört musizieren konnten.
Doch nach wenigen Minuten hörten sie etwas.
„Hilfe!“
Alle blieben stehen.
„Habt ihr das gehört?“, fragte Koraly.
„Hilfe! Ist da jemand?“
Die Stimme kam von weiter oben.
Ben wollte sofort loslaufen.
„Da braucht jemand Hilfe!“
Aber Mia hielt ihn zurück.
„Warte. Wir wissen noch gar nicht, was passiert ist.“
Tifannu hob bereits die Arme.
„Ich könnte hinaufschweben!“
Wirnu blickte in den Nebel.
„Du siehst doch kaum, wohin.“
„Dann schwebe ich eben langsam.“
„Und wenn du gegen einen Felsen stößt?“, fragte Leni.
Tifannu ließ die Arme sinken.
„Das wäre unangenehm.“
„Wir rufen zuerst zurück“, schlug Mia vor.
Sie legte die Hände an den Mund.
„Hallo! Wir hören Sie! Wo sind Sie?“
„Hier oben! Neben dem großen Felsen! Ich bin gestürzt!“
Die sechs sahen einander an.
Das klang ernst.
Ein Wanderer in Schwierigkeiten
Mia rief erneut.
„Sind Sie verletzt?“
„Mein Fuß! Ich kann nicht mehr auftreten!“
„Sind Sie allein?“
„Ja!“
Wirnu betrachtete die Umgebung.
Der Weg führte weiter oben über einen steilen, steinigen Hang. Bei diesem Nebel war kaum zu erkennen, wo der sichere Pfad verlief.
„Wir dürfen nicht einfach hinaufklettern“, sagte Mia.
Ben nickte.
„Wir könnten selbst abstürzen.“
„Aber wir können den Mann doch nicht dort lassen!“, rief Tifannu.
„Das tun wir auch nicht“, antwortete Mia.
Sie holte ihr Handy hervor.
„Wir rufen die Bergrettung.“
„Die Bergrettung?“, fragte Koraly.
„Menschen, die dafür ausgebildet sind, anderen in den Bergen zu helfen.“
Mia wählte die Nummer 140.
Sie erklärte ruhig, was geschehen war, wo sie sich ungefähr befanden und was der Wanderer ihnen zugerufen hatte.
Dann hörte sie aufmerksam zu.
„Ja. Wir bleiben auf dem sicheren Weg.“
Sie beendete das Gespräch.
„Die Bergrettung kommt. Wir sollen nicht versuchen, den Mann selbst zu bergen.“
Tifannu seufzte.
„Aber wir könnten doch wenigstens etwas tun!“
„Das können wir“, sagte Wirnu.
Ein Licht, das niemanden erschreckt
Wirnu holte ein kleines Gerät aus seiner Tasche.
Es war rund und flach und schimmerte silbern.
„Was ist das?“, fragte Ben.
„Ein Orientierungsmesser. Damit kann ich die Umgebung untersuchen.“
„Auch im Nebel?“
„Ja. Aber ich muss wissen, wonach ich suche.“
Er hielt das Gerät ruhig in der Hand.
Auf seiner Oberfläche erschienen Linien und kleine Lichtpunkte.
„Da ist der Weg“, erklärte Wirnu. „Und dort oben liegt eine größere Felsplatte.“
„Kannst du den Mann sehen?“, fragte Leni.
„Nein. Nur die Formen der Landschaft.“
Mia betrachtete das Gerät.
„Dann können wir der Bergrettung vielleicht genauer sagen, wo er sein könnte.“
Sie rief noch einmal an und gab die zusätzlichen Hinweise weiter.
„Das war hilfreich“, sagte sie anschließend.
Tifannu strahlte.
„Endlich dürfen wir etwas machen!“
„Wir dürfen sogar noch etwas“, sagte Koraly.
Sie rief zum Hang hinauf:
„Hallo! Die Bergrettung ist unterwegs! Können Sie uns noch hören?“
„Ja!“
„Wir bleiben hier und sprechen mit Ihnen!“
„Danke!“
Die sechs setzten sich an eine sichere Stelle neben dem Weg.
Immer wieder riefen sie dem Wanderer zu, damit er wusste, dass er nicht allein war.
Tifannus schwierigste Aufgabe
Nach einer Weile wurde der Mann unruhig.
„Wie lange dauert das denn noch?“
„Die Helfer sind unterwegs!“, rief Mia.
„Mir ist kalt!“
Tifannu sprang auf.
„Jetzt muss ich aber wirklich hinauf! Ich könnte ihm eine Wärmedecke bringen.“
„Hast du eine?“, fragte Ben.
„Nein. Aber ich könnte eine herstellen.“
„Und wie kommst du hin?“, fragte Mia.
„Ich schwebe!“
Wirnu zeigte auf sein Gerät.
„Der Hang ist voller loser Steine. Außerdem wissen wir nicht, wo genau der Mann liegt.“
„Aber ich könnte es versuchen!“
Koraly legte ihm vorsichtig eine Hand auf den Arm.
„Tifannu, erinnerst du dich an die Hängebrücke?“
„Ja.“
„Und an die Steinbockmutter?“
„Ja.“
„Und an Bens Fluggerät?“
Tifannu blickte zu Boden.
„Ja, ja, ja!“
Er schwieg.
Dann setzte er sich wieder.
„Ich möchte nur nicht untätig sein.“
Leni rückte näher.
„Du bist doch gar nicht untätig.“
„Nicht?“
„Du hilfst uns, mit dem Mann zu sprechen.“
Tifannu überlegte.
Dann rief er hinauf:
„Hallo! Ich bin Tifannu! Wie heißen Sie eigentlich?“
Eine kurze Pause.
„Martin!“
„Hallo, Martin! Wir sind sechs Freunde und bleiben hier!“
„Sechs?“
„Ja! Drei Menschenkinder und drei Milwabingas!“
„Drei was?“
Ben musste lachen.
„Das erklären wir Ihnen später!“, rief er.
Eine ungewöhnliche Idee
Die Zeit verging langsam.
Der Nebel bewegte sich zwischen den Bäumen.
Immer wieder meldete sich Martin.
Schließlich fragte er:
„Könnt ihr irgendetwas erzählen? Damit ich nicht dauernd an meinen Fuß denken muss?“
„Natürlich!“, rief Tifannu.
Er dachte nach.
Dann begann er von Milwabinga zu erzählen.
Von den Bergen, die in unterschiedlichen Farben schimmerten.
Von den Lichtbonbons.
Von den Pflanzen, die beim Singen ihre Farbe wechselten.
Und von den großen Festen, bei denen alle miteinander tanzten.
„Das klingt ja wie ein Märchen!“, rief Martin.
„Ist es aber nicht!“, antwortete Tifannu.
„Dann müsst ihr mir das später zeigen!“
„Sehr gerne!“
Koraly begann leise zu summen.
Wirnu holte sein Klangspiel hervor.
„Vielleicht können wir etwas Ruhiges spielen“, schlug er vor.
Mia nickte.
„Aber nicht zu laut. Wir müssen den Mann noch hören können.“
Wirnu spielte eine sanfte Melodie.
Koraly sang dazu.
Tifannu stimmte ein.
Die Musik schwebte durch den Nebel.
Von oben kam Martins Stimme.
„Das ist schön!“
Eine Weile lauschte er.
Dann rief er:
„Jetzt geht es mir schon ein bisschen besser.“
Tifannu lächelte.
„Seht ihr! Musik kann auch helfen!“
„Manchmal“, sagte Mia.
„Und heute offenbar schon“, ergänzte Wirnu.
Die Bergrettung kommt
Nach einiger Zeit hörten sie Stimmen auf dem Weg.
Mehrere Bergretter näherten sich mit Rucksäcken und Ausrüstung.
Eine Frau blieb bei den Kindern stehen.
„Ihr habt den Notruf abgesetzt?“
Mia nickte.
Sie erklärte noch einmal, was sie wussten.
Wirnu zeigte vorsichtig sein Orientierungsmessgerät.
Die Bergretterin betrachtete es erstaunt.
„Das ist ja ein interessantes Gerät.“
„Es zeigt die Geländeformen“, erklärte Wirnu.
„Könnt ihr mir damit sagen, wo der Wanderer ungefähr liegt?“
Wirnu zeigte ihr die Felsplatte.
Die Frau verglich die Angaben mit ihrer Karte.
„Das könnte uns helfen. Danke.“
Dann wandte sie sich an die Kinder.
„Ihr habt richtig gehandelt. Jetzt übernehmen wir.“
Tifannu hob die Hand.
„Dürfen wir mitkommen?“
„Nein. Der Hang ist zu gefährlich.“
Tifannu wollte schon protestieren.
Aber dann sagte er:
„Verstanden.“
Die Bergretterin lächelte.
„Sehr gut.“
Die Helfer stiegen mit ihrer Ausrüstung vorsichtig den Hang hinauf.
Die sechs Freunde blieben auf dem Weg.
Diesmal ohne zu diskutieren.
Eine Begegnung mit Martin
Später lichtete sich der Nebel.
Die Bergretter hatten Martin erreicht, versorgt und für den Abtransport vorbereitet.
Als sie ihn auf einer Trage an den Kindern vorbeibrachten, hob er die Hand.
„Hallo, ihr sechs!“
„Hallo, Martin!“, rief Tifannu.
„Danke, dass ihr bei mir geblieben seid.“
„Wir haben doch fast nichts gemacht“, sagte Koraly.
Martin schüttelte den Kopf.
„Doch. Ihr habt Hilfe geholt. Ihr habt mir gesagt, dass jemand kommt. Und ihr habt mich nicht allein gelassen.“
Er lächelte.
„Und eure Musik werde ich bestimmt nicht vergessen.“
Tifannu strahlte.
„Dann war das also richtige Hilfe?“
„Aber sicher!“
Die Bergretterin nickte.
„Ihr habt nicht versucht, etwas Gefährliches zu tun. Das war besonders wichtig.“
Ben schaute zu Wirnu.
„Und dein Gerät hat geholfen, den Ort genauer zu beschreiben.“
„Ein bisschen“, antwortete Wirnu.
„Und Mia hat den Notruf gemacht“, ergänzte Leni.
„Und wir haben alle mit Martin gesprochen“, sagte Koraly.
Tifannu dachte nach.
„Dann haben wir gemeinsam geholfen, obwohl keiner von uns alles allein gemacht hat.“
„Genau“, sagte Mia.
Die wichtigste Erkenntnis
Auf dem Rückweg waren die sechs ungewöhnlich still.
Schließlich blieb Wirnu stehen.
„Ich glaube, jetzt verstehe ich etwas.“
„Was denn?“, fragte Koraly.
„Auf Milwabinga haben wir oft sofort eine Lösung.“
„Ja“, sagte Tifannu. „Das ist doch wunderbar.“
„Schon. Aber hier haben wir gelernt, dass eine Lösung nicht immer die richtige ist.“
Mia nickte.
„Man muss zuerst verstehen, was wirklich gebraucht wird.“
„Und was man selbst sicher tun kann“, ergänzte Ben.
„Und was man lieber anderen überlässt“, sagte Leni.
Koraly blickte in die Runde.
„Dann ist gute Hilfe nicht unbedingt die größte oder schnellste.“
„Sondern die passende“, sagte Wirnu.
Tifannu lächelte.
„Und manchmal ist die passende Hilfe einfach ein Lied.“
„Oder ein Anruf“, sagte Mia.
„Oder ein guter Tipp“, ergänzte Ben.
„Oder ein freundliches Nein“, meinte Leni.
Sie sahen einander an.
Dann begann Koraly leise die Melodie ihres Freundschaftstanzes zu summen.
Tifannu stimmte ein.
Wirnu klopfte den Rhythmus dazu.
Und bald sangen auch die Kinder mit.
Eine Nachricht aus Milwabinga
Als die drei Milwabingas am Abend zu ihren Verwandten zurückkehrten, wartete eine Überraschung auf sie.
Auf dem Tisch lag eine Nachricht vom Heimatplaneten.
Wirnu öffnete sie.
Die Schriftzeichen leuchteten in bunten Farben auf.
Koraly las laut:
„Liebe Wirnu, Koraly und Tifannu! Wir freuen uns über eure Berichte von der Erde. Eure Forschungsreise nähert sich ihrem Ende. Bitte bereitet euch auf die Heimreise vor.“
Tifannu wurde ganz still.
„Heimreise?“
„Schon?“, fragte Koraly.
Wirnu las weiter.
„Wir erwarten euren Abschlussbericht. Besonders interessieren uns eure Beobachtungen über die Hilfsbereitschaft der Menschen.“
Die drei sahen einander an.
Dann sagte Tifannu:
„Aber wir haben doch gerade erst angefangen, die Menschen zu verstehen!“
Koraly nickte.
„Und Mia, Ben und Leni …“
Wirnu faltete die Nachricht zusammen.
„Wir müssen es ihnen morgen sagen.“
Eine Weile sprach niemand.
Dann fragte Tifannu leise:
„Glaubt ihr, dass man Freunde behalten kann, wenn sie auf einem anderen Planeten wohnen?“
Wirnu betrachtete sein Klangspiel.
„Unsere Musik ist über Jahrhunderte zwischen den Welten gereist.“
„Und?“, fragte Koraly.
Wirnu lächelte.
„Vielleicht können Freundschaften das auch.“
Gut zu wissen: Richtig helfen bei einem Bergunfall
Wenn jemand in den Bergen verunglückt, ist es wichtig, ruhig zu bleiben und keine zusätzlichen Gefahren zu verursachen.
Das kannst du tun:
- Halte Abstand zu gefährlichen Stellen wie Abgründen oder steilen Hängen.
- Hole einen Erwachsenen und verständige die Rettung.
- Beschreibe möglichst genau, wo sich die verletzte Person befindet.
- Befolge die Anweisungen der Rettungsleitstelle.
- Bleibe, wenn es sicher möglich ist, in Rufkontakt mit der verletzten Person.
In Österreich: Bergrettung 140, Euronotruf 112.
Versuche niemals, eine verletzte Person aus schwierigem Gelände selbst zu bergen, wenn du dafür nicht ausgebildet bist.
Zum Nachdenken: Wer hat Martin geholfen?
War es Mia, die den Notruf abgesetzt hat?
Wirnu mit seinem Orientierungsmessgerät?
Tifannu, der mit Martin gesprochen hat?
Die Freunde, die gemeinsam musiziert haben?
Oder die Bergretter, die ihn sicher geborgen haben?
Die Antwort: Alle haben auf ihre Weise geholfen.
Denn gute Hilfe ist oft Teamarbeit.